25. April 2026
Matthias Lindner

Symbolbild
(Bild: Andrei Armiagov / Shutterstock.com)
Moskau hat wohl Nivelir-Satelliten vom Test- in den Regelbetrieb überführt. Die Flugkörper verfolgen US-Aufklärungssatelliten in unmittelbarer Nähe.
Der Kommandeur des US Space Command, General Stephen Whiting, hat bei einem Auftritt vor dem Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington eine ungewöhnlich deutliche Warnung ausgesprochen: Russland betreibe mittlerweile einsatzbereite Waffensysteme im Erdorbit, die gezielt amerikanische Aufklärungssatelliten bedrohen.
Weiterlesen nach der Anzeige
Wie Golem berichtet, hat Moskau die sogenannten Nivelir-Satelliten vom Testbetrieb in den aktiven Einsatz überführt.
Im Mittelpunkt steht das russische Programm Nivelir (interne Bezeichnung 14F150/14K167). Die Flugkörper werden in Umlaufbahnen gebracht, die jenen US-amerikanischer Spionagesatelliten des National Reconnaissance Office (NRO) eng folgen.
Nach Erreichen ihrer Position setzen sie kleinere Subsatelliten frei – Whiting verglich das Prinzip in seiner Rede mit russischen Matrjoschka-Puppen.
Diese Subsatelliten manövrieren eigenständig und können sich Zielen auf unter 100 Kilometer nähern. Die Nivelir-Hauptsatelliten werden von chemischen Triebwerken (OKB Fakel K50-10.5) mit einem Schub zwischen 0,113 und 0,548 Newton angetrieben.
Projektilwaffe bereits 2020 demonstriert
Dass die Nivelir-Satelliten mehr als bloße Inspektionsgeräte sind, zeigte ein Test im Jahr 2020: Einer der Subsatelliten feuerte ein Projektil mit hoher Geschwindigkeit ab, als er sich dem russischen Satelliten Kosmos 2535 genähert hatte.
Weiterlesen nach der Anzeige
US-Analysten werteten den Vorgang als Demonstration einer kinetischen Anti-Satelliten-Waffe (ASAT), die andere Raumflugkörper durch direkten Beschuss zerstören kann.
Bislang startete Russland vier Nivelir-Satelliten. Der jüngste hob am 23. Mai 2025 mit einer Sojus-2.1b-Trägerrakete vom Kosmodrom Plessezk ab, wie RussianSpaceWeb dokumentiert.
Das Timing war offenkundig kein Zufall: Bereits am 30. Mai näherte sich der Satellit dem NRO-Aufklärungssatelliten USA 338 – einem optischen Spionagesatelliten der Keyhole-Klasse – bis auf 93,9 Kilometer.
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte den Start und gab als Fracht „militärische Nutzlast“ an, gab aber keine Details zum Zweck bekannt.
Asymmetrische Strategie im Weltraum
Whiting ordnete die Aktivitäten in eine breitere militärische Strategie ein. Russische Planer verfolgten demnach asymmetrische Ansätze in den Bereichen Nuklear, Cyber und Weltraum, um ein wahrgenommenes konventionelles Rüstungsdefizit gegenüber der NATO auszugleichen.
Den Einsatz der Nivelir-Satelliten verglich der General damit, einen neuen Kampfjet nicht auf dem eigenen Testgelände zu erproben, sondern direkt neben feindlichen Flugzeugen im aktiven Dienst.
Besonders beunruhigend stuft das US Space Command Berichte ein, wonach Russland an einer nuklearen Anti-Satelliten-Waffe arbeitet – was den Weltraumvertrag von 1967 verletzen würde, dem Russland als Unterzeichnerstaat beigetreten ist. Whiting bezeichnete dieses Szenario als „unglaublich besorgniserregend“, wie Broadband Breakfast und Fox News berichteten.
Eine nukleare Detonation im niedrigen Erdorbit (LEO) würde elektromagnetische Strahlung und eine massive Trümmerwolke erzeugen. Betroffen wären sämtliche Satellitenbetreiber – auch zivile Systeme für Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung.
Russland selbst unterhält vergleichsweise wenige Satelliten in diesem Bereich und hätte entsprechend wenig zu verlieren.
Konsequenzen für GPS und Kommunikation
Die möglichen Auswirkungen reichen bis in den Alltag: Bereits heute verzeichnet die Deutsche Flugsicherung (DFS) verstärkt GPS-Störungen – allein von Januar bis August 2025 waren es 447 Meldungen, etwa zwanzigmal mehr als zuvor.
Ein großflächiger Satellitenverlust im LEO würde Navigation, Logistik, Finanzdienstleistungen und Mobilfunk empfindlich treffen. Das europäische Galileo-System bietet zwar eine Alternative, doch eine Trümmerwolke im niedrigen Orbit gefährdet alle Systeme gleichermaßen.
Das US Space Command überwacht die Nivelir-Satelliten nach eigenen Angaben kontinuierlich mit boden- und weltraumgestützten Sensoren. Ziel sei es, Manöver frühzeitig zu erkennen und Betreiber betroffener Satelliten zu warnen. Wie viel Reaktionszeit im Ernstfall tatsächlich bliebe, ließ Whiting offen.