Ein letzter Blick über den Augustusplatz, dann wird es still. Die Gruppe rückt enger zusammen, als die Nacht sich über die Leipziger Innenstadt legt. Clarissa tritt nach vorne. Schwarzes Kleid, ernster Blick und eine Warnung, die halb Spiel, halb Ernst ist: Nicht alle würden diese Tour unbeschadet überstehen. „Ich bin Clarissa, die Hüterin aller schrecklicher Geheimnisse“. Was folgt, ist keine gewöhnliche Stadtführung.
Eine Stadt voller dunkler Geschichten
2013 habe ich meine erste Tour gestartet, weil ich Gruselgeschichten und dunkle, wahre Begebenheiten einfach liebe.
Clarissa Herzog
Stadtführerin
Und diese müssen ihrer Ansicht nach erzählt werden. Was als persönliche Leidenschaft begann, ist heute ein eigenständiges Unternehmen, das mittlerweile auch in Görlitz und Berlin aktiv ist.
Zwischen Fakten und Furcht
Die Geschichten, die Clarissa Herzog erzählt, sind mehr als bloße Schauermärchen. Ihr Anspruch: möglichst nah an der Realität bleiben. Sie habe bewusst darauf geachtet, „dass es wirklich wahre, schaurige Begebenheiten sind, die wir den Gästen beibringen und auch mitgeben, damit die wissen, was hier wirklich alles passiert ist“. So zum Geschichten rund um die älteste Apotheke Leipzigs.
Die Recherche dafür begann, als sie 2012 für ein Studium nach Leipzig zog. „Wenn man Interesse daran hat, dann wühlt man sich einfach durch die dunkle Vergangenheit und findet immer mehr“, sagt sie. Und so ist ein Stopp auf der Tour die Nikolaikirche. Denn dort wurden 2024 Gräber mit mehreren hunderten Skeletten gefunden, die nach Schätzungen mindestens 500 Jahre alt sein sollen.
Die Tour dauert in etwa 90 Minuten, doch Clarissa Herzog erzählt, dass sie auch fünf Stunden über Leipzigs dunkle Vergangenheit referieren könnte.
Eine Rolle zwischen Licht und Schatten
Clarissa Herzog will nicht einfach nur Stadtführerin sein. Sie bringt sich als Figur ins Spiel mit eigener Geschichte. „Ich bin tatsächlich schon 668 Jahre alt. Ich lebe in den Katakomben von Leipzig auf der dunklen Seite und muss dem Teufel dienen, die dunklen Geheimnisse zu hüten“. Doch ihre Figur wolle raus aus dieser Welt: „Ich will endlich von der schwarzen Seite auf die weiße Seite“. Sobald es dunkel wird, verschwimmen Realität und Rolle.
Sobald es Nacht ist, ändert sich meine Stimmung.
Clarissa Herzog
Grusel aus Sicht der Gäste
Mit dabei an diesem Abend: Therese und Marie aus Leipzig. Für sie ist es nicht nur ein Ausflug, sondern auch ein Geschenk. Denn beide, so erzählen sie von sich, mögen es gerne gruselig. Ihr Wunsch: ein besonderer Abend mit neuen Einblicken in die eigene Stadt. „Ich hatte die Erwartung, einen schönen Abend zu haben und neue Sachen zu erfahren“, erzählt Marie. Und die sei erfüllt worden.
Da war ab und zu etwas erschreckend, teilweise auch etwas witzig, aber wirklich viele interessante Sachen.
Marie
Leipzigerin
Besonders eindrücklich war ihrer Meinung nach die Erkenntnis, wie viel Geschichte direkt unter den eigenen Füßen liegt. „Ein paar Massengräber mehr, die ich jetzt kenne, hier, auf denen wir rumlaufen jeden Tag“, sagt Therese. Auch bekannte Orte erscheinen ihnen plötzlich in neuem Licht. Zwar sei etwa die Hinrichtung von Woyzeck auf dem Marktplatz bekannt gewesen, „aber die anderen Sachen alle nicht“, so die Beiden.
Gerade das hat für die beiden an diesem Abend den Reiz ausgemacht: Geschichte, die im Alltag unsichtbar bleiben, zu erleben.
Zwischen Schauer und Humor
Trotz aller düsteren Themen bleibt die Tour unterhaltsam. Auch Clarissa selbst lockert die Stimmung immer wieder auf. „Ich habe fast nur gute Gäste und bisher ist auch fast niemand gestorben“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Am Ende des Abends überwiegt bei den Gästen die Begeisterung und vielleicht ein leicht mulmiges Gefühl. „Ich weiß auch nicht, ob ich die Nacht gut schlafen kann“, berichtet Therese.
Für Clarissa, das merkt man, ist die Gruseltour mehr als nur ein Job. „Das ist mein Traumberuf. Ich will einfach die nächsten 600 Jahre weiter so machen“. Bis dahin führt sie weiter durch Leipzigs Nächte, auf der Suche nach neugierigen Gästen. Und verabschiedet sich, wie sie es immer tut: „Vielen Dank, dass heute alle überlebt haben“.