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Russland ist seit 2022 auf Kriegswirtschaft umgestellt. Zunächst sorgte das für Wachstum, nun stößt das Modell an seine Grenzen.

Moskau – Die russische Wirtschaft ist schon lange angeschlagen. Russlands Zentralbank senkte am Freitag (24. April) zum dritten Mal in diesem Jahr den Leitzins, der nun bei 14,5 Prozent liegt. Russlands Wirtschaft sei stabil, so die Botschaft. Doch die weiterhin hohen Zinsen bremsen die Investitionstätigkeit im Land aus. Die Inflation ist hoch – auch wegen der steigenden Löhne. „Russlands Inflationsrate ist wahrscheinlich auch deutlich höher, als die Zentralbank behauptet“, heißt es in der aktuellen Analyse der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW).

Der russische Präsident Wladimir Putin am 22. April 2026 im Kreml in Moskau. Der russische Präsident Wladimir Putin am 22. April 2026 im Kreml in Moskau. © MAXIM SHIPENKOV / POOL / AFP

Hinzukommt, dass Moskau den Krieg gegen die Ukraine über Schulden finanziert. Um die hohen Verteidigungsausgaben zu stemmen, entschied sich der russische Präsident Wladimir Putin zuletzt etwa, auf Goldreserven zurückzugreifen und die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Dadurch werde die Last von Russlands Krieg in der Ukraine direkt auf die Bevölkerung abgewälzt, so der ISW-Bericht weiter. Der Boom durch die Waffenindustrie kann die strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft nicht länger ausgleichen.

Wie die Ukraine Russlands zusätzliche Öleinnahmen zerstört

Als die USA und Israel den Iran angriffen, galt Putin als der große Profiteur: Die Ölpreise stiegen und damit auch die Einnahmen des Kreml. Allein im April konnte die russische Staatskasse ihre Einnahmen verdoppeln, wie Reuters vorrechnet. Hinzukommt, dass die USA zeitweise Sanktionen lockerten, um den gestiegenen Ölpreis niedriger zu halten. Allerdings: Der Ukraine gelang es Berichten zufolge, diese Mehreinnahmen zunichte zu machen. So erhöhten Kiews Truppen den Druck auf Russlands Energieinfrastruktur, die den Krieg finanziert.

Berichten zufolge griffen ukrainische Kräfte in den vergangenen Tagen mehrfach Ölterminals und Raffinerien an, teils mehr als tausend Kilometer hinter der Front. Die Einnahmeverluste Russlands würden sich allein im März aufgrund der Langstreckenkapazitäten der Ukraine „schätzungsweise auf mindestens 2,3 Milliarden US-Dollar“ belaufen, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videoansprache am Sonntag (19. April). „Wir setzen diese Arbeit im April fort“, so Selenskyj weiter.

Trump und Putin: Die Geschichte ihrer Beziehung in BildernOsaka 2019Fotostrecke ansehenAngriffe auf Häfen bremsen Russlands Ölexporte

In den ersten zwei Monaten 2026 ging das russische Bruttoinlandsprodukt um 1,8 Prozent zurück. Das Minus überraschte Experten, zuvor hatte die Zentralbank für 2026 noch ein Wachstum von 0,5 und 1,5 Prozent erwartet. Zusätzlich zeigen die ukrainischen Attacken ihre Wirkung: Die russische Wirtschaftszeitung Kommersant berichtete, die Ölexporte seien im April auf den niedrigsten Stand seit Sommer 2024 gesunken und könnten bis Ende des Monats auf den niedrigsten Stand seit 2023 fallen. Grund seien die Angriffe auf Hafeninfrastrukturen.

Dieser Trend könnte sich fortsetzen, sodass russische Unternehmen gezwungen seien, ihre Produktion zu drosseln und die günstigen Marktbedingungen nicht voll ausschöpfen zu können, so Kommersant weiter. Laut Reuters wurde die Rohölproduktion bereits um 300.000 bis 400.000 Barrel pro Tag reduziert. Nach Einschätzung des schwedischen Militärgeheimdienstchefs Thomas Nilsson benötigt Moskau einen Preis von über 100 US-Dollar pro Barrel allein um sein Haushaltsdefizit zu decken.

Russlands Wirtschaft gerät immer stärker unter Druck: Putins Umfragewerte sinken

Die historisch niedrige Arbeitslosigkeit in Russland weist auf den extremen Personalmangel im Land hin, denn die hohen Gehälter für Soldaten entziehen der Wirtschaft Arbeitskräfte. Indes straucheln auch viele Firmen: Der Staatskonzern Gazprom erhielt zuletzt nach Milliardenverlusten Steuererleichterungen, der Stahlhersteller Severstal meldete einen Gewinnrückgang. Experten erwarten auch zahlreiche Pleiten im Bausektor. Die russische Zentralbank kündigte an, erst dann die Zinsen schneller zu senken, wenn die Inflation von derzeit 5,9 Prozent auf den Zielwert von 4 Prozent zurückgehe und die Arbeitslosigkeit zu steigen beginne.

Russische Unternehmen sehen laut Reuters eine Wachstumsrate von 12 Prozent als den entscheidenden Wert, ab dem das Wirtschaftswachstum wieder einsetzen kann. Dass sich der Kremlchef Berichten zufolge zuletzt außergewöhnlich stark mit der Wirtschaft beschäftigt, dürfte kein Zufall sein: In jüngsten Umfragen stieg die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit Präsident Wladimir Putin auf den höchsten Wert seit Beginn des Ukraine-Kriegs, wie Meduza berichtete. (Quellen: AFP, ISW, AlJazeera, Kommersant) (bme)