Viele Chemieunternehmen arbeiten derzeit unterhalb ihrer Kapazitäten. Aufträge fehlen, während die Kosten weiter steigen. Für einige geht es längst nicht mehr um Wachstum, sondern darum, Produktion überhaupt noch rentabel zu halten. Tausende Jobs sind akut gefährdet.

Die Erwartungen an die Regierung von Friedrich Merz (CDU) waren in der Branche hoch. Wolfgang Große Entrup, der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), zieht nun eine ernüchternde Bilanz – und erklärt, warum er vor einem „verlorenen Jahrzehnt“ warnt.

„Die Gefahr eines verlorenen Jahrzehnts ist real“

Herr Große Entrup, wie bewerten Sie die derzeitige Lage der deutschen Wirtschaft – auch vor dem Hintergrund der gesenkten Wachstumsprognose der Bundesregierung?

Deutschland befindet sich in einer Strukturkrise, die nach wie vor politisch nicht gelöst ist. Nach Jahren der Rezession wartet die Wirtschaft dringend auf Reformen. Konjunkturell bestand die Hoffnung auf einen leichten Aufschwung als Folge der Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie für Verteidigungsausgaben.

Der Iran-Krieg hat jetzt für einen deutlichen Wachstumsdämpfer gesorgt. Für die deutsche und europäische Chemie bedeutet dies, dass sich der Auftragsmangel fortsetzt und die Anlagen weiterhin nicht rentabel ausgelastet werden können. Als Folge ist mit weiteren Produktionsstilllegungen und Stellenabbau zu rechnen.

Zur Person

Thomas Lohnes/VCI

Zur Person

Wolfgang Große Entrup ist seit mehr als sechs Jahren Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Zwischen 2002 und 2019 war der diplomierte Agraringenieur in verschiedenen Positionen beim Chemie- und Pharmakonzern Bayer in Leverkusen tätig, zuletzt als leitender Vizepräsident und Leiter für Corporate Sustainability & Business Stewardship.

Reuters spricht in einem aktuellen Bericht von „permanenter Stagnation“ in Deutschland bis 2030 und darüber hinaus. Halten Sie das für eine übertriebene Einschätzung oder sehen Sie tatsächlich eine Gefahr, dass Deutschland dauerhaft in eine Art „Wachstumslosigkeit“ abgleitet?

Die Gefahr eines verlorenen Jahrzehnts der Stagnation ist real. Der Sachverständigenrat schätzt das Wachstumspotenzial Deutschlands lediglich auf 0,4 Prozent pro Jahr. Wenn wirtschaftspolitisch nicht gegengesteuert wird, wird es ungemütlich. Denn hinzu kommen geopolitische Schocks. Weltweit leidet die Wirtschaft unter der großen Unsicherheit, das ist Gift für Unternehmen. Viele deutsche Unternehmen fahren angesichts des Iran-Krieges, aber auch wegen der US-Zollpolitik und der aggressiven chinesischen Industriepolitik zunehmend auf Sicht.

Unsere Unternehmen können Krise, aber schon vor dem Iran-Krieg gab es keine Aufbruchsstimmung. Gegenwärtig weiß niemand, wie lange der Konflikt im Nahen Osten anhält. Klar ist, krisenbedingte Mehrausgaben können über Staatskredite finanziert werden – das war beispielsweise in der Pandemie richtig. Die aktuelle Lage präsentiert sich anders: Der Iran-Krieg hat zu einem Angebotsschock geführt. Hier helfen schuldenfinanzierte Nachfrageprogramme nicht weiter. Sie verschärfen im Zweifel die Probleme.

„Dieser Reformstau bremst die Wirtschaft massiv aus“

Ein Kernproblem laut Reuters: schrumpfende Erwerbsbevölkerung, niedrige Arbeitszeiten, schwache Produktivität. Sind diese strukturellen Schwächen aus Ihrer Sicht der wahre Bremsklotz – und was müsste sofort passieren, um dem entgegenzuwirken?

Die schwache Produktivitätsentwicklung ist ein großes Problem, zumal die Erwerbspersonenzahl schrumpft. Mehr Produktivität erreichen wir nur durch weniger Bürokratie, durch Innovationen und technologischen Fortschritt sowie investitionsfreundliche Rahmenbedingungen. Die deutsche Industrie benötigt Entlastung. Chemie und Pharma warten weiter dringend auf die versprochenen Reformen. Dieser Reformstau bremst die Wirtschaft massiv aus.

Krisenmodus: Laut dem VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup drohen der deutschen Chemiebranche weitere Produktionsstilllegungen und Stellenabbau.

Krisenmodus: Laut dem VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup drohen der deutschen Chemiebranche weitere Produktionsstilllegungen und Stellenabbau.

© Thomas Lohnes/VCI

Wachstum muss zum Maßstab jeder wirtschaftspolitischen Entscheidung werden. Nicht als Schlagwort in Sonntagsreden, sondern als Leitlinie für konkrete Politik. Tausende Jobs sind in Gefahr. Es muss jetzt heißen: Wirtschaft first! Wir müssen am Standort Deutschland runter mit den Energiepreisen, runter mit den Steuern, runter mit Bürokratie und Regulierung. Wenn es der Wirtschaft gut geht, profitiert jeder in Deutschland.

Es heißt, Deutschland investiere zu wenig – privat wie öffentlich. Glauben Sie, dass das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen der Regierung überhaupt greift, oder ist das am Ende nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Aus unserer Sicht hat der Staat kein Einnahmenproblem, sondern ein Prioritätenproblem. Für die dringend notwendigen Investitionen und Verteidigungsausgaben ist ausreichend Geld da – durch das Sondervermögen und die Aussetzung der Schuldenregel. Bei den Staatsausgaben muss jedoch stärker priorisiert und gespart sowie die Zweckentfremdung des Sondervermögens rückgängig gemacht werden. Vor diesem Hintergrund sprechen wir uns klar gegen weitere Belastungen über höhere Steuern oder Abgaben aus. Im Gegenteil: Steuern müssen runter. Deutschland gehört schon heute zu den Hochsteuerländern.

Chemie-Chef über Merz-Regierung: „Schneckentempo“

Laut dem jüngsten ARD-Deutschlandtrend zweifeln 70 Prozent der Deutschen an der Reformfähigkeit der Merz-Regierung. Wirkt die Regierung auf Sie handlungsfähig genug, um den Weg aus dieser Stagnation zu finden – oder droht politische Lähmung?

Wir hatten uns vom Regierungswechsel deutlich mehr erhofft. Das Problem ist nicht fehlender politischer Wille. Das Problem ist die Geschwindigkeit. Wir haben den Standstreifen verlassen, wir bewegen uns aber weiterhin im Schneckentempo. Die Entlastungen der Bundesregierung sind bislang kein Gamechanger. Beispielsweise ist die Strompreiskompensation lange angekündigt, aber noch immer nicht umgesetzt. An den Werkstoren kommt nichts an.

Was jetzt zählt, sind strukturelle Reformen und eine klare Fokussierung der Ausgaben. Hier muss die Bundesregierung endlich liefern. Der Handlungsdruck, die strukturellen Nachteile des Standorts Deutschland durch Entlastungen und tiefgreifende Reformen zu verringern, hat sich erhöht. Das fordern wir gegenüber der Politik ein.

Ist das deutsche Wirtschaftsmodell – Exportstärke, Industrie, günstige Energie – an seine Grenzen gekommen?

Deutschland hat weiterhin alle Karten in der Hand, um die Wachstumsschwäche zu überwinden. Aber der Druck durch hausgemachte Standortprobleme und Krisen von außen wird immer größer. Die Bundesregierung hat bisher nur mit Einzelmaßnahmen reagiert. Das reicht nicht.

Bis zum Sommer muss ein Paket auf den Tisch, das die Ursachen unserer Wachstumsschwäche rigoros bekämpft. Wir müssen gemeinsam als Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bereit sein, Zumutungen zu ertragen. Es wird nicht ohne Einschnitte gehen. Dann können wir auch geopolitischen Stürmen besser trotzen.

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