Wie wurde das der Bevölkerung vermittelt?

Sehr stark propagandistisch. Diese großen Atombaustellen wurden als sozialistische Zukunftsorte inszeniert. In strukturschwachen Regionen entstanden auf einmal moderne Atomstädte wie Pripjat. Für viele Menschen wirkten diese Städte und Kraftwerke wie ein Einbruch der Moderne in eine bis dahin eher traditionelle Welt, wie Raumschiffe der Moderne, die in dieser Landschaft landeten. Kernenergie stand für Licht, Entwicklung, Aufbruch.

Und was hat Tschernobyl an diesem Bild verändert?

Tschernobyl hat einen riesigen Vertrauensverlust ausgelöst. Zuerst wurde der Unfall nach altsowjetischer Art vertuscht. Dann versuchte man, Schuldige in den unteren Hierarchiestufen zu präsentieren, also Kraftwerksleitung, Techniker und Schichtleiter, statt die Systemfrage zu stellen. Das heißt, man verfuhr damit genauso wie bei anderen Versagensfällen in der sowjetischen Planwirtschaft. Erst später wurde nach einer erneuten Untersuchung offen benannt, dass der in Tschernobyl eingesetzte Reaktortyp selbst gravierende konstruktive Schwächen hatte. Das Wissen darüber war in den oberen Systemebenen bekannt, wurde aber nicht an diejenigen weitergegeben, die tagtäglich mit der Anlage zu tun hatten.

Tschernobyl war ja das erste Kernkraftwerk der Ukraine, und damit ein Prestigeobjekt, auf das man nichts kommen lassen wollte. Missstände wurden zwar immer wieder bekannt, dann aber nicht diskutiert, was typisch für das sowjetische System war. Fehler durften nicht offen diskutiert werden, sondern wurden intern bestraft und nach außen vertuscht. Dabei ist eine gute Fehlerdiskussion und auch ein funktionierender Wissenstransfer über technische Probleme zwischen den Anlagen eines Typs und innerhalb der Betreiberorganisation entscheidend für gute Reaktorsicherheit. Tschernobyl zeigte damit nicht nur das Scheitern eines Kraftwerks, sondern auch die Schwächen des sowjetischen Systems.

Hat das auch das Verhältnis der Sowjetukraine zu Moskau verändert?

Ja, auf jeden Fall. Die Menschen in der Ukraine sahen sehr deutlich, dass nicht vor Ort entschieden wurde, sondern aus Moskau heraus. Gerade in den ersten Tagen wurden lokale und regionale Ebenen den Vorgaben aus der Zentrale untergeordnet. Viele erlebten das so: Man wird verwaltet, aber nicht geschütztgeschützt, und es wird sehr viel gelogen. Das hat das Misstrauen gegenüber dem System verstärkt und sicher auch zur Entfremdung der Ukrainer von Moskau beigetragen.

Tschernobyl wurde dann aber auch in Westeuropa zum Einschnitt. Wie fiel die Reaktion in Deutschland aus?

Tschernobyl wurde sehr schnell zu einer transnationalen Katastrophe, weil die radioaktiven Stoffe über Europa verteilt wurden. In Westdeutschland traf das auf eine schon bestehende Anti-Atom-Bewegung. Die bekam durch Tschernobyl enormen Auftrieb. Plötzlich ging es nicht mehr abstrakt um Technik, sondern ganz konkret um Nahrung, Milch, Kinderspielplätze, um die Gesundheit der Kinder. Das hat eine starke emotionale Mobilisierung erzeugt.