Cover: Scopin: "Chelsea Hotel"

AUDIO: Bildschöne Bücher: „Chelsea Hotel“ von Albert Scopin (4 Min)

Stand: 27.04.2026 08:50 Uhr

New York, 1969. Ein junger Deutscher aus einem Dorf in Süddeutschland landet mitten in der Gegenkultur-Hauptstadt der Welt. Er fotografiert, was er sieht. Und zwar im später legendär gewordenen „Chelsea Hotel“. Ein neuer Bildband erzählt diese Geschichte.

von Jonas Kühlberg

Das Chelsea Hotel in Manhattan war kein normales Hotel. Es war ein Biotop. Ein zwölfstöckiges Gebäude im viktorianisch-gotischen Stil, in dem Künstler, Schriftsteller, Musiker und Freigeister lebten – oft ohne Geld, aber mit vielen Ideen. Wer die Miete nicht zahlen konnte, zahlte mit Kunstwerken. Und wer gar nichts hatte, durfte trotzdem bleiben. So hielt es zumindest Hoteldirektor Stanley Bard, der über vier Jahrzehnte das Herz dieser seltsamen Gemeinschaft war.

Realistisch, authentisch, dokumentarisch

Albert Scopin – mit bürgerlichem Name: Albert Schöpflin – kam im Sommer 1969 dorthin, einen Tag nach der Mondlandung, wie er selbst gern anmerkt. Er war 26, frisch ausgebildeter Fotograf, und er malte seine Kameras gelb an. Als Spielzeug sollten sie wirken – unsichtbar zwischen ihm und seinen Motiven.

Mich interessierte der innere Mensch, seine Psyche, sein Denken, Fühlen und Wünschen. Und ich war überzeugt, dass man dies alles fotografieren kann.

Was dabei entstand, zeigt ein Bildband mit dem schlichten Titel „Chelsea Hotel“. Es sind Fotos, die man nicht so schnell wieder vergisst – realistisch, authentisch, dokumentarisch. Manchmal anarchisch. Und immer nah dran.

Begegnungen mit Patti Smith und Robert Mapplethorpe

Besonders nah kam Scopin der jungen Patti Smith und Robert Mapplethorpe. Beide lebten damals in einer Dependance des Hotels – beide waren noch weitgehend unbekannt. Scopin beschreibt die Begegnung so präzise, dass man die Spannung zwischen den beiden fast körperlich spürt.

Robert war gut aussehend, kühl, zynisch, distanziert. Patti: punkige Klamotten, ausdrucksstarkes Gesicht, direkt, voller Leben. Patti entfaltete während des Shootings eine ungeahnte Energie – es schien, als könne sie an Wänden und an der Decke laufen. Robert dagegen war völlig unbewegt, das genaue Gegenteil.

Scopins Fotografien von Patti Smith in ihrem Zimmer zeigen sie vor ihrem Ruhm. Hier regiert das kreative Chaos. An die Wände hatte sie Worte geschrieben, Gedankenfetzen, Gedichte. Der Rest: ein Wust aus Kleidern, Büchern, Notizen und Kunstwerken.

Der erste CSD: Der Tag, an dem alles sichtbar wurde

Auch Rosa von Praunheim taucht in dem Buch auf, damals ein junger Filmemacher, der rund um die Uhr durch Manhattan zog.

Und dann ist da ist der 28. Juni 1970, der Christopher Street Liberation Day. Scopin war dabei, als in New York die erste große Demonstration der Gay-Community durch die Stadt zog. Er hat die Bilder gemacht. Sein Begleittext lässt erahnen, was dieser Tag für viele Menschen bedeutete:

Diese Zusammenkunft war so riesig, so bunt, so heiter, so voller Lebensfreude – und es sorgte für Staunen, wie viele Menschen sich zur Homosexualität bekannten.

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Drag-Partys, Warhol-Stars und der junge Wim Wenders

Das Chelsea Hotel war ein Ort, an dem unterschiedliche Identitäten und Genderfluides selbstverständlich waren – lange bevor sie gesellschaftlich akzeptiert wurden. Drag-Partys in den Fluren, Warhol-Superstars wie Holly Woodlawn oder Candy Darling, die hier lebten und auftraten. Scopin fotografierte sie alle – ohne Distanz, aber auch ohne voyeuristischen Blick. Doch in seinen Bildern schwingt auch Melancholie mit. Viele dieser Menschen wollten gesehen werden – doch man sah sie nicht:

Sie sehnten sich so sehr nach der Anerkennung durch die Gesellschaft, nach Bestätigung – aber niemand hatte Interesse. Außer Warhol in seinen Filmen.

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Auch Wim Wenders ist im Buch zu sehen – mit 25 Jahren, Anfang der 70er-Jahre, als er das Chelsea besuchte und von einem Filmverleih träumte. Ein Jahr später wurde der Filmverlag der Autoren gegründet. Das Chelsea war eben auch das: ein Ort, an dem Ideen entstanden. Das sieht man Scopins Fotografien an.

Cover: Scopin: "Chelsea Hotel"

Chelsea Hotel

von Albert Scopin

Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Kerber
ISBN:
978-3-7356-1046-1
Preis:
38 €