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Kölns Sanierungsfalle: Experte Paul Bauwens-Adenauer kritisiert den teuren Stillstand und macht einen cleveren Vorschlag für die Zukunft der Stadt

Köln – Jüngst stand ich auf der Mülheimer Brücke und blickte auf den Rhein. Es war weniger der Fluss, der mich beschäftigte, als das, was über ihn hinwegführt. Absperrungen, Gerüste, provisorische Wegeführungen, ein Bauwerk im Zustand des Dazwischen. Man weiß, dass hier gearbeitet wird, hat aber doch nicht den Eindruck, dass etwas vorankommt. Mit einer Sanierungsdauer von sicher zehn Jahren und geschätzten Kosten von einer halben Milliarde Euro ist diese Brücke für mich zum Symbol geworden. Denn diese Stadt hat sich im Zustand der Sanierung eingerichtet. Köln erneuert sich auf diese Weise nicht, sondern verwaltet sich selbst in immer aufwendigeren Verfahren, mit längeren Zeitachsen und höheren Kosten.

Saniert Köln sich zu Tode? Das habe ich den früheren IHK-Präsidenten Paul Bauwens-Adenauer gefragt. „Die öffentliche Hand geht zunehmend schlechter mit dem Geld der Steuerzahler um“, sagt der Unternehmer, dessen Blick auf das Stadtbild ich schätze. Kommunen gerieten mit dem Unterhalt von Bauten praktisch von Beginn an in fatalen Verzug, der im Ergebnis zu einer Potenzierung von Reparatur- und Sanierungskosten führe. Die Kritik will er nicht allein auf Köln bezogen wissen.

Paul Bauwens-Adenauer, Baustellenzaun dahinter sind die Spitzen des Kölner Doms zu sehenNicht nur der Dom ist in Köln mittlerweile eine Dauerbaustelle: Paul Bauwens-Adenauer schlägt vor, wie die Stadt den Sanierungsstau besser bewältigen könnte. © dpa & KPCWarum die Sanierungsfalle immer wieder zuschnappt

So rügt der Bund der Steuerzahler Vollkosten von einer Milliarde Euro für die Sanierung des Bundespräsidialamtes. Den Verantwortlichen im Konkreten wie Allgemeinen attestiert Bauwens-Adenauer mangelndes Bewusstsein für Vorsorge. Schließlich blickt das Bundespräsidialamt erst auf 25 Jahre „Standzeit“ zurück und markiert damit eher eine Regel als den Einzelfall. „Besser, die öffentliche Hand würde mieten“, sagt er. Sonst schnappe immer wieder die Sanierungsfalle zu.

In Köln hat die Sanierung von Oper und Schauspiel mehr als ein Jahrzehnt beansprucht und Kosten verursacht, die vor wenigen Jahren unvorstellbar waren. Nun stehen mit Museum Ludwig und Philharmonie die nächsten Großprojekte an, ebenfalls mit einem Volumen, das in Richtung einer weiteren Milliarde Euro weist. Hinzu kommen Häuser, die aus dem Bewusstsein zu verschwinden drohen, weil sie geschlossen sind oder nur noch eingeschränkt arbeiten: das Römisch-Germanische Museum, das Stadtmuseum, bald das Wallraf-Richartz-Museum, das Ostasiatische Museum sowie – ein Sonderfall – das Museum für angewandte Kunst. Über dem von Gittern und Stahlkonstruktionen verschandelten Haus könnte stehen: Kultur verschwindet nicht schlagartig. Sie verblasst nur und wird unsichtbar. Vor einem halben Jahr schon hatten wir darauf hingewiesen.

Das Römisch-Germanische Museum ist ein drastisches Beispiel. 2018 wurde es baupolizeilich geschlossen. Vor 2030 ist mit einer Neu-Eröffnung nicht zu rechnen. Eine Zeitspanne, in der eine ganze Generation den Zugang zu einem prägenden Teil der Stadtgeschichte verliert. Bauwens-Adenauer liefert hierzu einen Denkanstoß, der einfach und gleichermaßen interessant klingt: Warum nicht das bisherige Gebäude des Museums anders nutzen – etwa als Kunsthalle, die von Kölner Museen bespielt wird, insbesondere jenen, die geschlossen sind? Ein Ort, der sichtbar macht, was diese Stadt besitzt. Ist es denkbar, eine solche Halle nach Gerhard Richter zu benennen? Er hat in dieser Stadt ein Zuhause gefunden und genießt zugleich Weltruhm. Entscheidend ist auch die Bereitschaft, nicht nur über Sanierung nachzudenken, sondern auch über Nutzung.

Köln: Einzelfälle addieren sich zum strukturellen Problem

Parallel dazu verfallen Orte, die für industrielle Stärke standen. Die Gebäude von Klöckner Humboldt Deutz, gebaut für eine Ewigkeit, sind in erbärmlichem Zustand. Selbst dort, wo die Stadt durch Kauf Verantwortung übernommen hat, zeigt sich kein anderes Bild: Verwüstung, Stillstand, fehlende Perspektive. Wenigstens bespielt jetzt die Künstlergruppe „Raum 13“ die vorher leerstehenden Gebäude. Zudem erinnert Paul Bauwens-Adenauer an zahlreiche Schulbauten aus den 60er Jahren, die unter Denkmalsschutz stehen.

Die Einzelfälle addieren sich zum strukturellen Problem. Sanierung statt Vorsorge erweist sich als teuerste und riskanteste Form, an der Vergangenheit festzuhalten. Wer sie zur Regel macht, blockiert seine Zukunft, tappt in die bereits erwähnte Sanierungsfalle. Das erleben wir derzeit. Die Stadt bindet Milliarden in Projekten, die sie und ihre Bürger über Jahre lähmen – finanziell, organisatorisch und politisch. Derweil entstehen keine neuen Räume und keine neuen Orte.

Vor einem Jahr hat Andreas Blühm, früherer Chef des Wallraf-Richartz-Museums, für ein Umdenken plädiert. Für die Frage, ob es sinnvoll ist, immer weiter zu sanieren – oder ob es nicht klüger wäre, neu zu denken: zu bündeln, zu verlagern, neu zu bauen. Nicht aus Lust am Spektakulären, sondern aus Selbsterkenntnis. Nun tauchte ein ähnlicher Gedanke im „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf. Diesmal ging es sehr konkret um ein Kulturhaus im Deutzer Hafen, das während der Sanierung von Philharmonie und Museum Ludwig als Interim dienen könnte und darüber hinaus Bestand hätte. Ein Ort, der überbrückt und erweitert.

München denkt pragmatisch

Ein Blick nach München hilft bei der Einordnung. Dort entstand mit der Isarphilharmonie ein Provisorium für die Zeit der Sanierung des Kulturzentrums Gasteig. Ein Bau, pragmatisch gedacht, schnell errichtet. Heute gilt er als einer der besten Konzertsäle der Stadt. Aus der Zwischenlösung wurde ein Gewinn. Das ist keine Blaupause für Köln. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass Übergänge produktiv sein können.

Den neuen Oberbürgermeister Torsten Burmester habe ich bei uns im Kölner Presseclub erlebt. Auf mich wirkte er tatkräftig und entschlossen. In Köln habe ich das sehr lange vermisst. Doch selbst Tatkraft hat Grenzen. Denn die Frage ist nicht, ob einer es besser macht. Die Frage ist, ob es noch zu schaffen ist mit den bisherigen Mitteln. Oder zugespitzt: Selbst ein Herkules würde scheitern, wenn er versuchen würde, Köln einfach weiter zu sanieren.

Der gebotene Schritt wäre, zu akzeptieren, dass nicht alles erhalten werden kann, wie es ist. Bewahren kann auch neues Denken bedeuten. Noch ist das alles offen. Noch sind es Ideen, Skizzen, Einladungen zum Weiterdenken. Die Lösung liegt eher in unseren Köpfen als in der nächsten Sanierung. (pp/IDCGN)