Tim Raue ist immer da. Im Fernsehen sowieso, da kommt man an dem Sternekoch mit der Kreuzberger Direktheit seit Jahren nicht vorbei. In der Koch-Show „The Taste“ zum Beispiel haben ihn viele als zwischen Sinnlichkeit und Strenge changierenden Coach schätzen gelernt. Aber auch in der Brasserie Colette im Glockenbachviertel ist der Geschmackspoet allgegenwärtig. Wer das lässig-elegante französische Bar-Restaurant in der Klenzestraße betritt, dem fällt früher oder später das Foto an der Seitenwand auf: der Star und sein Team, inszeniert wie beim letzten Abendmahl.

In natura, sozusagen auferstanden von den Mythen, lässt sich Raue, Jahrgang 1974, nur vereinzelt blicken. „Der Patron“, wie er hier genannt wird, fungiert in erster Linie als externer Berater und Impulsgeber der Brasserie, die seit Dezember 2015 gehobene moderne französische Küche in gemütlicher Atmosphäre verspricht. Das Colette in München war Raues erstes Restaurant, das er außerhalb seiner Heimatstadt Berlin eröffnet hat. In der Praxis funktionieren die Colettes (weitere gibt es in Berlin und Konstanz) ohne ihn. Küchendirektor aller drei Restaurants ist Dominik Obermeier, Küchenchef in München ist Julien Tan.

Und dennoch: Wer erleben möchte, was die Küchenphilosophie von Raue, den viele zu den besten Köchen der Welt zählen, ausmacht, der ist hier an der richtigen Adresse – wenn es um die französische Genusswelt geht freilich, seine Königsdisziplin ist bekanntlich das Asiatische.

So viel sei schon mal verraten: Alles, wirklich alles, was Gene Tonic und seine Entourage bei zwei Besuchen anonym probiert haben, war ein gastronomischer Karateschlag mit anschließender Meditation. Bis an die Kante gewürzt, in feiner, fast melodiöser Balance der Aromen, die lange nachwirken. „Für mich zählt Geschmack, Geschmack, Geschmack“, wie Raue kürzlich in der Promi-Ausgabe von „The Taste“ sagte.

Der Zeitpunkt einer SZ-Kostprobe im Frühjahr 2026 erschien uns passend, weil das Colette-Team zum Zehnjährigen sein Menü-Konzept verändert hat. Aus der saisonal wechselnden, überschaubaren Karte können Gäste nun ihr Vier-Gänge-Menü individuell zusammenstellen, zum Fixpreis von 99 Euro (vegan 88 Euro). Wer das aufwendig zubereitete Rinderfilet Wellington wählt, das auf dem Servierwägelchen gebracht und auf einem dicken Holzbrett geschnitten wird (nur für zwei Personen), zahlt 109 Euro.

Die Brasserie Colette setzt auf lässige Eleganz. Im Hintergrund hängt das große Foto mit Tim Raue und seinem Team.Die Brasserie Colette setzt auf lässige Eleganz. Im Hintergrund hängt das große Foto mit Tim Raue und seinem Team. Stephan RumpfEine Spezialität ist das Rinderfilet Wellington, das nur für zwei Personen bestellt werden kann.Eine Spezialität ist das Rinderfilet Wellington, das nur für zwei Personen bestellt werden kann. Stephan Rumpf

Bei den Vorspeisen erfreut die gekochte Artischocke zum Selbstentblättern und Zuzeln (Einzelpreis 19 Euro). Die Knospe kommt mit drei feinen Dips daher, unter anderem Limetten-Petersilie-Dressing und eine scharfe Safran-Mayonnaise. So unspektakulär wie dann eben doch spektakulär ist der Kopfsalat (16 Euro): Die Karotten-Ingwer-Vinaigrette muss sehr lange und stark reduziert worden sein, das Aromenspiel aus leichter Schärfe, Säure und Süße ist himmlisch.

Auf hohem Niveau geht es beim Zwischengang weiter: Schon die Cassolette de Bretagne (26 Euro), ein rauchiger Eintopf mit Hummerjus, sämigen weißen Bohnen und ganz viel Meeresfrüchten, entlockt Gene Tonic ein auf eingerostetem Leistungskurs-Französisch-Niveau hingehauchtes „Oh là là, c’est très bon“. Wir stoßen auf Jakobs-, Mies- und Venusmuscheln und enorm zarten Pulpo. Zur feurigen Rauchpaprika-Note passt die milde Crème fraîche. Auch die veganen Ravioles mit Kräuterseitlingen, Spinat und gebranntem Lauch geizen nicht mit Umami-Magie (23 Euro). Verblüffend: die Spinat-Beurre-blanc mit veganer Butter.

Gut, wenngleich etwas zu salzig, schmeckt die kross-zarte Wachtel mit Morchelschaum, Topinambur und Erbsen (26 Euro). Der absolute Höhepunkt unserer zwei Abende ist eindeutig die Garnele Marocain (24 Euro). Beim ersten Biss in die in Tempurateig ausgebackene und mit Pistazien und Kräutern veredelte Garnele passiert es: Man möchte augenblicklich mit den Händen tanzen, wie das Tim Raue bei „The Taste“ immer tut, wenn er besonders entzückt ist.

Geschäftstüchtiger Geschmackspoet: Sternekoch Tim Raue betreibt mehrere Restaurants, unter anderem seit Sommer 2025 das Sphere im Berliner Fernsehturm.Geschäftstüchtiger Geschmackspoet: Sternekoch Tim Raue betreibt mehrere Restaurants, unter anderem seit Sommer 2025 das Sphere im Berliner Fernsehturm. Jens Kalaene/dpa

Schönes gibt es auch bei den Hauptspeisen zu entdecken. Die tadellos zubereitete Canard à l’orange zum Beispiel mit tiefem Jus und vergnüglichen Nussbeignets, von denen man sich ein paar mehr auf dem Teller wünscht (47 Euro). Oder den gedämpften Kabeljau „Caesar“, der mit Parmesanschaum und -chip daherkommt, getoppt von einer gebackenen Jahrgangssardine (39 Euro). Kritikpunkt: Die feine Komposition hätte den Tisch gern etwas heißer erreichen können.

Rinderfilet steht auch auf der Frühlingskarte, aber wie sagte Tim Raue erst kürzlich bei „The Taste“: „Es gibt keine Zutat, die ich so belanglos finde wie Rinderfilet. Ein Produkt, das an Langweiligkeit nicht zu überbieten ist.“

Tadellos zubereitet und ansprechend präsentiert: die Canard à l’orange mit tiefem Jus und vergnüglichen Nussbeignets.Tadellos zubereitet und ansprechend präsentiert: die Canard à l’orange mit tiefem Jus und vergnüglichen Nussbeignets. Stephan Rumpf

Die Desserts sind so klassisch wie solide. Das gilt sowohl für die Crème brûlée mit Heidelbeer-Streuselkuchen-Eis (17 Euro) als auch für die Mousse au Chocolat mit Aprikosenessig und Walnuss-Elementen (18 Euro). Apropos Dessert: Der Name Colette stammt, so erzählt man sich, von Madame Colette, die vor mehr als 40 Jahren einen Crêpe-Wagen am Atlantik-Strand von Biscarrosse betrieben haben soll. Für den kleinen Tim Raue offenbar eine frühe prägende kulinarische Erfahrung.

Die Weinkarte ist mittelgroß, die Beratung – wie auch der Service allgemein – eine noch größere Hilfe. Dabei stets locker und freundlich. Das passt gut zur entspannten Brasserie-Atmosphäre mit den Sitzbänken und Marmortischen, den Teppichen und Mosaikböden. Über die Münchner 0,1-Schlückchen-Preise darf man sich noch immer zu Recht aufregen. Bei uns stehen am Ende 16 Euro für das Empfehlungsgläschen „Chateau Mangot Selection“ (2022) auf der Rechnung. Für ein „Zut alors!“ reicht Gene Tonics Schulfranzösisch auch noch.

Der Service am Tisch und die Weinberatung sind kompetent und freundlich.Der Service am Tisch und die Weinberatung sind kompetent und freundlich. Stephan Rumpf

Generell ist das Preisniveau im Colette moderat hoch für Münchner Verhältnisse, die Portionen sind nicht üppig. Qualität regiert, Quantität verliert. Das muss jedem Gast klar sein. Wer die Marke Colette verstehen will, sollte auch von der Anbindung an die Tertianum-Premium-Residenzen gehört haben. Die enge Kooperation mit den Luxus-Seniorenresidenzen an allen Standorten – jeweils in separaten Bereichen – hat die Colettes seinerzeit erst möglich gemacht und ist nach wie vor besonders.

Unbezahlbar, so viel können wir sagen, ist das Glück der meisten externen Brasserie-Gäste. Man kann es ihren Gesichtern beim Verlassen des Lokals ablesen. Zu erkennen sind Colette-Besucherinnen und -Besucher übrigens auch an dem Gläschen Cornichons, das sie dabei in Händen halten. Die süßsauren Gewürzgürkchen werden zum Brot vorneweg gereicht. Der Rest darf mitgenommen werden. Gemeinsam mit der Erinnerung an einen göttlichen Abend in Frankreich.

Brasserie Colette Tim Raue, Klenzestraße 72, 80469 München, Telefon: 089/23002555, Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, 18 bis 23 Uhr

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.