Totgesagte leben länger. Das gilt offenbar auch für die Akteure der linksextremen Szene. Nachdem ihre Bedeutung in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist, ist die Antifa in diesem Jahr erstmals wieder Hauptorganisator der „Revolutionären 1. Mai“-Demo am Freitagabend in Kreuzberg und Neukölln. Das erfuhr die Morgenpost aus Polizeikreisen. Schon im vergangenen Jahr nahm der sogenannte Schwarze Block erstmals wieder an der Großdemonstration teil. Zuvor hatte lange die postkolonialistische und antiimperialistische Migrantifa mit ihrem Fokus auf dem Nahostkonflikt den Ton angegeben.

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Auf die Rückbesinnung auf alte Werte deutet auch die Route 2026. Wie noch vor einigen Jahren startet der Zug wieder am Oranienplatz in Kreuzberg und nicht am Südstern – mit dem Ziel der spontanen Rekrutierung in der eng bebauten und belebten Gegend. „In der Oranienstraße selbst wird es zunächst schwer sein zu unterscheiden, wer Teilnehmer ist und wer nicht“, sagt Stephan Katte, Chef der Direktion Einsatz/Verkehr bei der Berliner Polizei und damit seit sieben Jahren für den Polizeieinsatz rund um den Tag der Arbeit zuständig. Die Polizei rechnet mit Zehntausenden Demonstranten, 5300 Einsatzkräfte werden Präsenz zeigen.

1. Mai-Demonstration 2024 in Berlin

Breite Themen sollen Demonstration anschlussfähig machen

Dennoch geht sie nicht von einer größeren Mobilisierung der linken Szene Deutschlands in Richtung Berlin aus, so Katte. Auch in anderen Städten werde demonstriert, drei rechtsextreme Demonstrationen seien in Braunschweig, Gera und Essen angekündigt, Gegendemonstrationen wahrscheinlich. Größere linke oder linksradikale sogenannte Veranstaltungen gebe es etwa in Hamburg, München, Köln, Leipzig und Frankfurt. Das binde Kräfte.

Umso breiter ist die thematische Anwerbung in Berlin geworden – ein möglicher Grund für die erneute Übernahme der Antifa. Die Themen auf der Demonstration seien vielfältig und anschlussfähig bis ins gutbürgerliche Milieu, der Ton aggressiver. Hinweise auf interne Auseinandersetzungen gebe es aber nicht. „Das komplexe Weltbild hat weiterhin einen Einfluss“, sagt Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel und bezieht sich damit insbesondere auf den Nahostkonflikt, den Iran-Krieg und die Auseinandersetzungen im Libanon.

Mai-Demo in Berlin 2025

Görlitzer Park Top-Thema am 1. Mai in Berlin

Doch auch im Inneren brodelt es. Einzelne Blöcke der Großdemonstration „Revolutionärer 1. Mai“ sind antimilitaristisch ausgerichtet, beziehen gegen Aufrüstung und Wehrpflicht Stellung. Hinzu kommen antirepressive Elemente und die Solidarität mit verurteilten Linksradikalen weltweit. Das wohl größte Mobilisierungspotenzial steckt jedoch in der umstrittenen nächtlichen Schließung des Görlitzer Parks. Allein 60 Versammlungen sind um den Drogen-Hotspot angemeldet.

Im Vorfeld wurde in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, den Zaun „niederzureißen“. Dass es wirklich dazu kommt, glaubt Katte jedoch nicht. Dennoch werden Polizeikräfte entlang des Bauwerks aufgestellt sein und Präsenz zeigen, um Übergriffe zu verhindern.

Darum gibt es keine E-Scooter im Demo-Gebiet

Görlitzer Park vor dem 1. Mai

Schon in den vergangenen Tagen erteilte die Polizei in manchen engen Straßen von Neukölln Halteverbote, entlang der Strecke der Demonstration hielt sie Leuchtmasten bereit, Glascontainer wurden aufgestellt, um Flaschen, die als Wurfgeschosse dienen können, von den Gehwegen zu bekommen. Die Verleihfirmen von E-Scootern sperrten die Gebiete rund um die kritische Demonstration auf Bitten der Polizei für ihre Fahrzeuge.