Zivilisten trainieren an der Waffe

„Ich werde alles dafür tun, dass unser Land unabhängig bleibt“

03.05.2026 – 07:42 UhrLesedauer: 5 Min.

Ein Freiwilliger der Kaitseliit beim Training in Rutja: Die Einheit soll im Falle eines russischen Angriffs auf Estland wichtige Verteidigungsaufgaben übernehmen.Vergrößern des Bildes

Ein Freiwilliger der Kaitseliit beim Training in Rutja: Die Einheit soll im Falle eines russischen Angriffs auf Estland wichtige Verteidigungsaufgaben übernehmen. (Quelle: Kaitseliit / Ele-Hella Kullamäe)

Die estnische Verteidigungseinheit Kaitseliit bildet Zivilisten an der Waffe aus. Im Falle eines russischen Angriffs sollen sie bei der Verteidigung des Landes helfen.

Tobias Schibilla berichtet aus dem estnischen Rutja.

Mit einem dumpfen „Fump“ schießt die Granate in Richtung der Europaletten. Mait Sander Nõlvak lässt das Gewehr sinken, unter dessen Lauf ein 40-Millimeter-Granatwerfer angebracht ist und verzieht die Mundwinkel nach unten. Weit hinter den Paletten steigt orangefarbener Rauch auf, der Schuss mit der Trainingsgranate hat das Ziel deutlich verfehlt. Der 19-Jährige ist sichtlich unzufrieden mit seiner Leistung.

Nõlvak gehört zum Kaitseliit, einer paramilitärischen Verteidigungseinheit. Unter der Aufsicht des estnischen Verteidigungsministeriums lernen Freiwillige dort den Umgang mit verschiedenen Waffen, militärischen Taktiken und Techniken, um in der Wildnis zu überleben. Der Kaitseliit ist dabei ein wichtiger Teil der estnischen Verteidigungsdoktrin. Er spielt im Falle eines befürchteten Angriffs durch Russland eine wichtige Rolle bei der Landesverteidigung, denn die Freiwilligeneinheit hat deutlich mehr Mitglieder als die professionelle Armee des kleinen Staates an der Ostflanke der Nato.

Auf dem Rutja-Trainingsfeld, im Hinterland der Ostseeküste, trainieren die Freiwilligen der Kaitseliit mehrmals im Monat. Das Wetter ist an diesem Tag besonders schlecht. Bei einer Temperatur von etwa drei Grad peitscht der Wind Schneeregen über den ehemaligen Flughafen, der etwa auf halbem Weg zwischen der estnischen Hauptstadt Tallinn und der Grenze zu Russland liegt. Trotzdem sind etwa 30 Kaitseliit-Mitglieder zum Training erschienen. Sie sollen den Umgang mit Maschinengewehren, Blend- und Splittergranaten sowie dem Granatwerfer ihres Sturmgewehrs trainieren.

Um sich einen Moment vor dem Wind zu schützen, steigt Mait Sander Nõlvak in ein Auto und befreit sich von Helm, Gesichtsmaske und der schweren militärischen Schutzweste. „Ich wurde schon patriotisch erzogen“, sagt der 19-Jährige auf die Frage, warum er sich für ein Engagement in der Freiwilligeneinheit entschieden hat. „Als ich drei Jahre alt war, musste ich auf Spaziergängen mit meiner Familie immer dann Teile der Nationalhymne singen, wenn wir an einer estnischen Fahne vorbeigelaufen sind.“ Diese Erziehung habe dazu geführt, dass er schon als Jugendlicher Teil einer paramilitärischen Organisation werden wollte.

Angefangen habe er zunächst bei den Pfadfindern, erzählt Nõlvak. Dort habe er viele Fähigkeiten gelernt, die ihm auch heute noch im Kaitseliit helfen, etwa wie man ohne viel Ausrüstung ein Lager im Wald errichtet. Als Jugendlicher habe er dann mit drei weiteren Freunden eine Gruppe innerhalb der Noored Kotkad gegründet, der Jugendorganisation der Kaitseliit. „Mit dieser Gruppe haben wir dann auch mit den Ausbildern der Erwachsenen-Einheit der Kaitseliit zusammengearbeitet“, erklärt der 19-Jährige. Kurz nach seinem 18. Geburtstag sei er dann von der Jugend- in die Erwachsenenorganisation übergewechselt.