Nach intensiven Untersuchungen werden die Pläne für eine Seilbahn im Stadtteil Vaihingen zu den Akten gelegt. Das Vorhaben rechnet sich nicht. Wie soll es nun weitergehen?

Eine Luftseilbahn als Ergänzung des bestehenden Angebots von Bus und Bahn wird es in Stuttgart-Vaihingen nicht geben. Nach eingehenden Untersuchungen schlägt das Rathaus vor, das Projekt nicht weiterzuverfolgen. Am Dienstag entscheiden die Stadträtinnen und Stadträte im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik darüber und debattieren die weiteren Schritte. Die Marschroute der Stadtverwaltung verheißt keine schnellen Lösungen.

Viel Lesestoff für die Kommunalpolitiker: fast 300 Seiten stark ist das Papier „Seilschwebebahnen als Teil des ÖPNV in Stuttgart“ der Stadtverwaltung, das am Dienstag Grundlage der Diskussion sein wird. Der Umfang der Vorlage spiegelt die Länge und die Komplexität des bisherigen Verfahrens wider. Seit 2017 wird die Idee einer Seilbahn im städtischen Raum in Stuttgart unter die Lupe genommen. Auf eine Machbarkeitsstudie folgte eine vertiefte Untersuchung der „Pilottrasse Vaihingen“. Auch wenn aus deren Realisierung nichts wird, will die Verwaltung weiter forschen und sich am Dienstag das Okay der Stadträte für „eine gesamtstädtische Potenzialanalyse“geben lassen, mit dem Ziel „mögliche weitere Seilbahntrassen im Stadtgebiet zu definieren“.

Nach der Untersuchung ist also vor der Untersuchung. Nur die bisher am detailliertesten durchleuchtete Seilbahntrasse zwischen dem Vaihinger Bahnhof und dem Eiermann-Campus am Autobahnkreuz wird dabei keine Rolle mehr spielen. Im Rathaus ist man zum Schluss gekommen, „dass die vorhandene Untersuchung in Vaihingen als abgeschlossen betrachtet werden kann und nicht durch eine erneute Detailuntersuchung ergänzt werden sollte“. Um als förderfähig zu gelten, muss bei Verkehrsprojekten der prognostizierte volkswirtschaftliche Nutzen über den vorausgesagten Kosten liegen. Diese Hürde überwand das Vaihinger Seilbahnvorhaben nicht.

Rathaus hält Grundsatzfrage für nicht beantwortet

Damit steht nach eingehender Untersuchung zumindest einmal fest, wo es in Stuttgart keine Luftseilbahn geben wird – anderes bleibt hingegen weiterhin offen. So ist man im Rathaus „auf Grundlage des gewonnenen Fachwissens der Meinung, dass die Frage, ob ein Seilbahnsystem in Stuttgart eine Ergänzung für den ÖPNV darstellen kann oder nicht, noch nicht geklärt ist“. Die vorgeschlagene Potenzialanalyse könnte Aufschluss bringen. Ob sich dafür Geld in den weitestgehend leeren Kassen der Stadt findet, muss abgewartet werden.

Während sich die städtischen Verkehrsplaner lange und detailliert mit der möglichen und nun beerdigten Trasse in Vaihingen befasst haben, gab es auch im Norden der Stadt konkreter werdende Überlegungen – vorangetrieben abseits der Amtsstuben. Das Robert Bosch Krankenhaus (RBK) auf dem Burgholzhof sieht sich schon seit längerer Zeit mit Verkehrsproblemen konfrontiert. Die zentrale Zufahrt, die Auerbachstraße ausgehend vom Knotenpunkt Pragsattel, ist häufig überlastet, Busse der Linien 57 stehen wie der übrige Verkehr im Stau. Auch die Anwohner des benachbarten Stadtteils Burgholzhof haben wiederholt auf die Misere aufmerksam gemacht.

Robert Bosch Krankenhaus legt eigne Seilbahnstudie vor

Ende des vergangenen Jahres legte daraufhin die Klinik eine von Seilbahnexperten aus Österreich und Südtirol erarbeitete Studie vor, die die grundsätzliche Machbarkeit einer Seilbahn von der Stadtbahnhaltestelle Pragsattel zum Klinikcampus, der aktuell und in den kommenden Jahren stark wächst, bestätigte. Auf der rund 500 Meter langen Strecke sollen 14 Kabinen unterwegs sein und den Weg zwischen dem Nahverkehrsknoten Pragsattel und dem Krankenhausgelände in 100 Sekunden bewältigen.

Die mögliche Seilbahnstrecke zwischen dem Pragsattel und dem Robert-Bosch-Krankenhaus. Foto: Yann Lange

Im Rathaus war man zunächst wenig angetan von dem Vorstoß, kommt nun aber zur Empfehlung, die Trasse solle wegen „der dortigen in Spitzenzeiten wenig zuverlässigen Verkehrsinfrastruktur vorrangig, jedoch in einem Netzzusammengang betrachtet werden“. Im Klartext: einem Solitär, steht das Rathaus eher zurückhaltend gegenüber. Das Krankenhaus hingegen warnt davor, das Vorhaben zu überfrachten und damit auf unbestimmte Zeit zu verzögern.

Rathaus spricht von mittelfristiger Umsetzung

Den Stadträtinnen und Stadträte, die sich am Dienstag mit dem Thema befassen, schlägt die Bauverwaltung vor, dass die Strecke „mit optionalen Erweiterungen (Burgholzhof, S-Bahn-Station Mittnachtstraße) in die Folgestudie mit aufgenommen und auf Grundlage der vorliegenden Studien im Hinblick auf eine mittelfristige Umsetzung detaillierter untersucht“ werden soll. Auf alle Fälle sieht sich das Rathaus für die weiteren Diskussionen gewappnet. Man habe „sich über den Bearbeitungsprozess hinweg ein umfangreiches Fachwissen über die Eignung von Seilschwebebahnen im urbanen Umfeld aneignen“ können, bescheinigt sich die Stadtverwaltung.

Seilbahnen finden längst auch abseits ihrer ursprünglichen Anwendung im alpinen Raum Eingang in die Verkehrsplanungen großer Städte und Ballungsräume. Vorreiter waren dabei Metropolen in Südamerika. Aber auch in Heilbronn und Herne werden derzeit Seilbahnplanungen mit Schwung vorangetrieben. Diese Bahnen sollen keine touristische sondern eine verkehrliche Funktion erfüllen. Im Großraum Paris, der zugegebenermaßen nur schwerlich mit Stuttgarter verglichen werden kann, ist seit Dezember vergangenen Jahres eine Seilbahn in Betrieb, die eine Metrolinie ins Umland verlängert.