Vor wenigen Monaten verkündete die Stadt Essen, dass ihre Bürger künftig 267 Euro für jede Rettungsfahrt zahlen sollen – selbst im lebensbedrohlichen Fall. Der Ratsbeschluss stand, die Verunsicherung bei den Menschen war riesig. Unsere Redaktion berichtete intensiv, recherchierte die Hintergründe und blieb über Wochen dran. Die Stadt Essen zog die Reißleine und setzte den Beschluss aus. Inzwischen vermittelt das Land in dem komplexen Streit zwischen Krankenkassen und Kommunen.

Die Menschen hätten sich über den Fall anders informieren können: Auf Facebook und Instagram schwirrten wütende Kommentare. Anbieter Künstlicher Intelligenz wie ChatGPT oder Gemini lieferten oberflächliche Zusammenfassungen. Doch die Social-Plattformen und Tech-Konzerne rufen keine Politiker und Institutionen an. Sie konfrontieren nicht. Sie ermitteln keine Auswirkungen vor Ort. Social Media verstärkt, was laut ist. Falschmeldungen und Hass verbreiten sich in kürzester Zeit. Künstliche Intelligenz greift auf schon Bestehendes zurück – oder erfindet gar ohne Grundlage. Auch so entstehen Gerüchte. Auf diesen Plattformen ist niemand verantwortlich. Niemand prüft nach. Niemand korrigiert. Und niemand ist morgen wieder da – vor Ort, in echt.

Arbeit der Lokaljournalisten ist herausfordernder geworden

Lokaljournalisten dagegen schon. Ihre Arbeit ist heute viel herausfordernder als noch vor einigen Jahren: Sie moderieren live, wenn Demonstranten, Karnevalszüge oder Fußballbegeisterte durch unsere Städte ziehen. Sie ordnen in Echtzeit ein, liefern Bilder, Videos und Daten, wenn in unserer Region Entscheidendes passiert – bei Unglücksfällen ebenso wie bei Kommunalwahlen. Sie durchforsten Akten, sprechen Betroffene und Expertinnen. Sie laden zu Debatten ein und wollen mit den Menschen sprechen statt nur über sie zu berichten.

Und doch dringt der Lokaljournalismus heute weniger durch. Das liegt auch an uns Journalistinnen und Journalisten selbst und an Fehlern, die wir gemacht haben: Ersetzbar ist, wer Pressemitteilungen nur weiterreicht, statt sie zu prüfen. Belanglos wird, wer vor allem unterhalten will.

Gebraucht wird ein Lokaljournalismus, der recherchiert. In Bochum deckte eine Reporterin jüngst Übergriffe und Machtmissbrauch im städtischen Ordnungsamt auf. In Duisburg berichtete unser Reporterteam exklusiv über Vorwürfe gegen einen ehemaligen Chefarzt einer Klinik wegen sexuellen Missbrauchs junger Patientinnen. In vielen Ruhrgebietsstädten zeigen Journalisten gerade auf, was es heißt, wenn Kinder ab dem Sommer nicht ihre Wunschschule besuchen können.  

Studien: Ohne Lokalzeitung sinkt Wahlbeteiligung

Was ohne die Arbeit von Redaktionen auf dem Spiel steht, ist messbar. Studien aus den USA und der Schweiz belegen: Wo Lokalzeitungen verschwinden, sinkt die Wahlbeteiligung. Die Korruption nimmt zu. Es steigen die kommunalen Schulden und gewinnen Populisten weiter an Zustimmung.

Drei Dinge sind daher notwendig. Erstens muss die Politik Lokaljournalismus als Infrastruktur sehen. Es braucht faire Rahmenbedingungen für Anbieter von unabhängigen Regionalmedien – gerade im Wettbewerb mit großen Plattformen und öffentlich-rechtlichen Angeboten. Dazu zählt die überfällige Digitalabgabe für die großen Plattformen. Zweitens muss sich der Lokaljournalismus auf seinen Kern konzentrieren: nahbar für die Menschen in unseren Städten sein, live im Geschehen für die seriöse Einordnung und mit großer Tiefe bei komplexen Sachverhalten. Drittens: Wer Lokaljournalismus will, muss akzeptieren, dass er aufwendig ist und etwas kostet – auch denjenigen, der ihn nutzen will.

Anne Krum

Anne Krum ist Chefredakteurin Digital und Entwicklung bei der WAZ und der Westfalenpost. 
© FUNKE / Foto Services | Funke Foto Servces

In Essen bekommt noch kein Bürger eine Rechnung, weil er eine Rettungsfahrt braucht. Weil Journalisten nachgefragt und eingeordnet haben. Weil sie hartnäckig geblieben sind.

So einfach ist das. Und so schwer.

Wie unsere Lokalredaktionen arbeiten und eine Auswahl unserer stärksten Recherchen, lesen Sie auf unserer Themensammlung zum Tag des Lokaljournalismus.