Audio
Ein Rollstuhlfahrer fährt über den Bürokorridor – keine Selbstverständlichkeit im Land Bremen. Längst nicht alle Betriebe stellen Menschen mit Behinderung ein.
Bild: dpa | Zoonar/Benis Arapovic
Audio-Ende
Heute ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Im Land Bremen ist es bis dahin aber noch ein weiter Weg. Das zeigt sich auf dem Arbeitsmarkt.
Jörn Neitzel sitzt im Rollstuhl. Auch spricht er wegen einer Spastik etwas schleppend. Dennoch hat der heute 47-Jährige vor 26 Jahren am Berufsbildungswerk Bremen die Ausbildung zum Bürokaufmann erfolgreich abgeschlossen und zudem das Fachabitur gemacht. Geholfen hat es ihm lange nicht: Trotz seiner Qualifikationen musste Neitzel mehr als 20 Jahre nach einem Job suchen. Immer wieder lehnten ihn Unternehmen ab.
Kaufmann Jörn Neitzel musste viele Jahre nach einem Arbeitsplatz suchen, ehe er eingestellt wurde.
Bild: Jörn Neitzel
„Das war schwierig für mich“, blickt er zurück. „Ich bin nicht der Typ, der den ganzen Tag zu Hause sitzen will.“ Seine Beharrlichkeit macht sich bezahlt. 2021 beginnt er ein Praktikum in der Öffentlichkeitsarbeit der Werkstatt Bremen – und kommt darüber schließlich als Büroorganisator und Redakteur bei der Bremer „selbstverständlich GmbH“ unter. Dabei handelt es sich um eine Agentur, die sich auf barrierefreie Kommunikation spezialisiert hat, also darauf, aus schwierigen Texten welche in leichter Sprache zu machen.
Zwar ist Neitzel froh darüber, dass er nach langer Suche gute Arbeit gefunden hat. Von einem Happy End aber spricht er nicht. Denn er weiß, dass viele behinderte Menschen im Land Bremen heute noch die gleichen Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben, mit denen er jahrzehntelang zu kämpfen hatte.
Für Menschen mit schweren Behinderungen ist es besonders schwierig, einen Job zu finden.
Jörn Neitzel
Nur jeder dritte Bremer Betrieb erfüllt Quote
Neitzels Eindruck täuscht nicht. Von allen Bremer Betrieben, die verpflichtet sind, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen, sind fast zwei Drittel (64,5 Prozent) dieser Pflicht 2024 nicht nachgekommen, teilt Nina Willborn aus dem Sozialressort mit. Konkret handelt es sich um 1.102 von 1.703 Unternehmen im Land Bremen mit 20 oder mehr Beschäftigten.
Und das, obwohl diese Firmen als Konsequenz eine Ausgleichsabgabe zahlen müssen. Die Ausgleichsabgabe dient dazu, die Teilhabe schwerbehinderter Menschen zu unterstützen. Sie fließt etwa in Fördermittel für Arbeitgeber, die ihre Unternehmen behindertengerecht ausstatten.
Information zum Thema
Wer Menschen mit Behinderungen einstellen muss
Unternehmen mit zwanzig oder mehr Arbeitsplätzen müssen fünf Prozent davon mit schwerbehinderten Menschen besetzen. Erfüllen sie diese Quote nicht, so müssen sie pro unbesetztem Pflichtarbeitsplatz eine Ausgleichsabgabe von jährlich derzeit 155 bis 815 Euro zahlen. Mehr dazu steht auf dieser Website des Amts für Versorgung und Inklusion Bremen.
Ende der Information zum Thema
„Sehr viel Luft nach oben“
Glaubt, dass viele Arbeitgeber Vorurteile gegen Menschen mit Behinderungen haben: Arne Frankenstein.
Bild: Radio Bremen
Bremens Landesbehindertenbeauftragter Arne Frankenstein sieht mit Blick auf die Beschäftigungszahlen von behinderten Menschen im Land Bremen daher auch „sehr viel Luft nach oben“. Es gebe unter Arbeitgebern immer noch viele Vorbehalte gegen Menschen mit Behinderungen.
„Es wird immer wieder gesagt, Menschen mit Behinderungen seien nicht so leistungsfähig und besonders häufig krank“, nennt Frankenstein zwei aus seiner Sicht besonders verbreitete Vorurteile. Er fordert, dass mehr Betriebe im Land Bremen behinderten Menschen eine Chance geben.
Ist die Fünf-Prozent-Quote zu hoch?
Auch Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Land Bremen, hofft, dass künftig mehr Unternehmen Menschen mit Behinderungen einstellen. Die Fünf-Prozent-Quote hält er allerdings für ein kaum erreichbares Ziel: „Es gibt weniger schwerbehinderte Menschen im erwerbsfähigen Alter im Land Bremen als die Unternehmen einstellen müssten, um die Fünf-Prozent-Quote zu erfüllen.“
Tatsächlich lag der Anteil der schwerbehinderten Menschen im Land Bremen unter den Erwerbsfähigen 2023 bei 4,8 Prozent (4,5 Prozent in Bremen, 6,1 Prozent in Bremerhaven). Das geht aus Zahlen der Arbeitnehmerkammer Bremen von 2025 hervor.
Oft, so Neumann-Redlin, wollten Unternehmen zwar behinderte Menschen einstellen, fänden aber keine geeigneten Bewerber. Um zu helfen, setzten die Unternehmensverbände auf einheitliche Ansprechstellen (EAA). Dabei handelt es sich um Beratungsstellen für Unternehmen, die Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen. Die EAA, so Neumann-Redlin hätten auch einen guten Überblick über die entsprechenden Förderprogramme, auf die Arbeitgeber zurückgreifen könnten.
Unternehmensverbände hoffen auf Duo Days
Auch versuchten die Unternehmensverbände seit 2023 bei den jährlichen Duo Days Unternehmen und Schwerbehinderte zusammen zuführen. Die Idee dahinter: Ein Betrieb öffnet für einen Tag einer Person mit Beeinträchtigung die Türen. Jemand aus dem Unternehmen führt den Gast durch die Firma und erklärt die Abläufe. Man guckt, ob es für beide Seiten passt. Den nächsten Duo Day in Bremen planen die Unternehmensverbände für den 8. Oktober 2026.
Erstmals, so Neumann-Redlin, seien dieses Jahr auch Unternehmen aus Bremerhaven dabei. „Das ist zwar nur ein Baustein – aber ein vielversprechender“, sagt er dazu.
Information zum Thema
Demos für die Gleichstellung behinderter Menschen
Zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai gibt es vielerorts Aktionen, darunter in der Bremer Innenstadt. Los geht es um 12 Uhr am Hauptbahnhof. Für 13 Uhr ist eine Kundgebung auf dem Marktplatz geplant. Die Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe behinderter Menschen Bremen (LAGS) rechnet mit mehreren Hundert Teilnehmern.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ruft dazu auf, Inklusion und Teilhabe konsequent umzusetzen. Die Gewerkschaft befürchtet, dass die Inklusion wegen aktueller gesellschaftlicher und politischer Probleme aus dem Fokus gerät. Diese Sorge teilt auch Bremens Landesbehindertenbeauftragter Arne Frankenstein. Er kritisiert geplante Einsparungen des Bundes in der Behindertenhilfe.
Auch in Oldenburg findet eine Demo statt, allerdings erst am 9. Mai. Los geht es um 11 Uhr am Bahnhofsplatz. Der Abschluss ist in der Heiligengeiststraße geplant.
Ende der Information zum Thema
Video
Bild: Radio Bremen
Video-Ende
Quelle:
buten un binnen.
Dieses Thema im Programm:
Bremen Eins, Der Morgen, 5. Mai 2026, 7:40 Uhr


