Fast ein halbes Jahrhundert thront die Orgel von St. Anna nun schon über der Gemeinde – und doch passt sie nie wirklich in den knapp bemessenen Raum hinter dem berühmten Fugger-Prospekt. Kantor Johannes Eppelein will jetzt den großen Schritt gehen – und eine neue Orgel für die älteste evangelische Kirche Augsburgs.

Als das aktuelle Orgelwerk zwischen 1976 und 1978 eingebaut wurde, stand die Annakirche am Ende des Prozesses der Nachkriegsrekonstruktion. Die Fuggerkapelle, an deren Westseite das Instrument thront, war nach der Zerstörung von 1944 wieder- aufgebaut, die berühmten Prospektflügel aus der Renaissance wurden zurückgehängt – doch das Innenleben der neuen Orgel musste in das bestehende, baulich enge Korsett gezwängt werden, das für ein großes, den heutigen Ansprüchen genügendes Instrument nie gedacht war.

„Die ursprüngliche Fugger­orgel des 16. Jahrhunderts verfügte auf ähnlichem Platz wie heute über 14 Register. Heute stehen 45 Register im Gehäuse: Über 3000 Pfeifen ohne Raum zum Ansprechen und Klingen“, beschreibt Eppelein die Situation nüchtern.
Dass die Orgel nun 50 Jahre alt wird, bedeutet für ihn vor allem eines: Bilanz zu ziehen über ein Instrument, das von Anfang an ein Kompromiss war. „Sie hat nie gut funktioniert“, sagt Eppelein rückblickend. „Schon nach wenigen Jahren in den 80ern fielen ständig Töne aus.“ Zwei Überarbeitungen – 1992 und 2011 – verbesserten manches, konnten aber nie die grundlegenden baulichen und klanglichen Schwächen beseitigen.

Historische Flügel überlebten den Krieg

Die Pracht der historischen Schauseite täuscht leicht darüber hinweg, wie viel Notlösung in der eigentlichen Orgel steckt. Die Flügeltüren, die über 500 Jahre alten Stiftungen der Fuggerfamilie, wurden wegen ihrer kunsthistorischen Bedeutung vor dem Krieg abgenommen und überlebten so die Bombennacht von 1944. „Diese vier Flügel sind wirklich historisch“, betont Eppelein. „Der Rest ist Nachkriegsrekonstruktion.“

Die Besitzverhältnisse zeigen zudem einen ökumenischen Schulterschluss, der fast einzigartig ist: Die Fuggerschen Stiftungen – bis heute katholisch – besitzen die historischen Prospektflügel, das rekonstruierte Gehäuse und die Prospektpfeifen des Prinzipalbass 16‘, während die evangelische Kirchengemeinde das Innenleben finanzierte. „Es ist eine ökumenische Orgel“, sagt Eppelein. „So eng beieinander sind die Konfessionen in keinem anderen Kirchenraum, den ich kenne.“

Klanglich trägt die Orgel die Handschrift des späten Neo­barocks, der 1976 bereits aus der Mode kam. Statt tragender Grundstimmen dominieren scharfe Mixturen. „Der Orgel fehlt Grundtönigkeit, Tragfähigkeit und Volumen“, erklärt Eppelein. Mehrere Intonationsversuche der 1990er- und 2010er-Jahre konnten das nur mildern. Hinzu kommen mittlerweile zahlreiche altersübliche Verschleißerscheinungen des viel gespielten Instruments. „Im Piano klappert die Traktur mit­unter lauter, als die Pfeifen klingen“, konstatiert Eppelein.

Zu enges Korsett

Der eigentliche Engpass liegt jedoch an den Platzverhältnissen selbst: Die Orgel ist von Betonwänden der Nachkriegszeit umschlossen, baulich unveränderbar, und der historische Prospekt, die Schauseite der Orgel, steht unter Denkmalschutz.
„Wir können aus diesem Beton-Korsett nicht raus“, sagt Eppelein. Deshalb stehen viele der 45 Register extrem eng beieinander, manche Pfeifen sind seit 1976 völlig unzugänglich – ohne Stimmgänge, ohne Bewegungsfreiheit. „Einige Pfeifen konnten seit 1976 nur im Rahmen der großen Überarbeitungen gestimmt werden, weil man ohne Hubsteiger o. Ä. schlicht nicht hinkommt.“ Wartungen werden zum Risiko: „Selbst schlankste Orgelbauer müssen sich durch das Innere zwängen, und dennoch stößt man ständig irgendwo an – alles viel zu eng.“

Unter der Orgel stapeln sich dazu Elektronikteile, Papier, Archivmaterial – ein brandschutztechnisch heikler Zustand. Alle Maßnahmen, die jetzt nötig wären – eine vollständige Ausreinigung nach 20 Jahren, Überholung der Mechanik, nochmalige Neuintonation –, würden einen sechsstelligen Betrag kosten und doch nicht das Grundproblem lösen.

Darum ist klar: St. Anna braucht ein neues Instrument – „eine Stradivari der Orgeln“, wie Eppelein es formuliert. Von entscheidender Bedeutung wird dabei sein, dass es gelingt, den zur Verfügung stehenden Platz besser zu nutzen.
Eppelein kann sich dafür beispielsweise den bisher als Archiv verwendeten Raum unter dem Schwellwerk im Inneren des Instruments vorstellen. Mehrere Kubikmeter Noten sollen hier neuen Pfeifen weichen, um obendrüber ein großzügigeres Aufstellen der Register und Stimmgänge zu ermöglichen.

Für bessere Hörbarkeit und Effekte

Der Spieltisch soll fahrbar unten im Kirchenschiff aufgestellt werden („Damit ich als Organist im Gottesdienst besser hören kann, was die Gemeinde tut“). In Abstimmung mit der Denkmal­behörde ist außerdem angedacht, den Lettner inmitten der Kirche, wo auch jetzt schon Orgelpfeifen eines früheren Provisoriums zu sehen sind, in das neue Orgelkonzept zu integrieren: „Für Dolby-Surround-Effekte“, wie Eppelein lacht.

Die prognostizierten Kosten liegen im siebenstelligen Bereich, doch haben schon sehr ermutigende Gespräche in Bezug auf die Finanzierung stattgefunden. Für einen Großteil der erwarteten Kosten gibt es bereits recht konkrete Zusagen. Voller Vorfreude erwartet die Kirchengemeinde St. Anna daher bereits bis zum Sommer erste Ideen, Konzepte und Kostenvoranschläge verschiedener Orgelbaufirmen. „Das Interesse an dem Neubauprojekt ist erfreulicherweise groß – auch seitens renommierter Firmen“, verrät Eppelein.

Schon im Herbst dieses Jahres könnte nach eingehender Sichtung, Beratung und Vergleich der Angebote der Auftrag vergeben werden. Dann könnte bis 2030, dem 500. Jubiläum der Confessio Augustana, das Großprojekt „Eine neue Orgel für St. Anna, Augsburg und die Region“ tatsächlich Gestalt angenommen haben: „Etwas Glück brauchen wir schon, damit wir diesen Zeitplan halten können, aber ganz ausge­schlossen ist es nicht“, schätzt Eppelein.