Nun können sich die Klosterbesucher selbst eine Meinung bilden. Beeinträchtigen die drei farbigen Fenster als Ausdruck zeitgenössischer Kunst in der ehemaligen Kirche von Kloster Eberbach die überwältigende romanische Schlichtheit der zisterziensischen Architektur? Oder bereichern sie das Ensemble und zeigen den Weg in die Zukunft?

Die Vorstellung der 150.000 Euro teuren Glaskunst des in Ingelheim geborenen Künstlers Michael Anthony Müller vor rund 200 geladenen Gästen war aufwendig inszeniert. Der Geschäftsführer des Rheingau Musik Festivals, Marsilius Graf von Ingelheim, hatte dafür eigens das Vokalensemble Apollo 5 aus London einfliegen lassen.

Vier Monate waren die renommierten, international gefragten Derix-Glasstudios in Taunusstein damit beschäftigt, die Entwürfe von Müller in großformatige gläserne Kunst zu übersetzen. Thematisch greifen die Fenster Aspekte seines raumfüllenden Gemäldes „Der geschenkte Tag“ auf, das noch bis April 2027 im Neuen Museum Berlin zu sehen ist. Für Müller ist es eine neue Erfahrung, dass Licht von seiner Kunst nicht reflektiert wird, sondern durchscheint. Er sei kein besonders gläubiger Mensch, so Müller. Ein Künstler solle auch nichts zu seinem Werk sagen, sondern die Interpretation dem Publikum überlassen.

Weiß noch nicht, ob ihm die Fenster gefallen: der Künstler Michael Anthony MüllerWeiß noch nicht, ob ihm die Fenster gefallen: der Künstler Michael Anthony MüllerSamira Schulz

Dass es in der Region schon Ablehnung gegeben habe, noch bevor er das Werk überhaupt begonnen habe, sei für ihn neu, aber legitim. Wer einen Ort aber genau so erhalten wolle, wie er aktuell sei, der gebe sich einer Phantasie hin. Ungewohnt war für Müller auch die Einbeziehung der Klosterbesucher in eine Abstimmung über das Vorhaben. Kunst sei „per se vollkommen undemokratisch“, sagte Müller. Er selbst wisse noch gar nicht, ob ihm die Fenster gefielen. Den Besuchern kündigte er aber an: „Sie werden Impulse bekommen.“

Dagegen sprach Philipp Demandt, der Direktor des Frankfurter Städel Museums, von einer phantastischen Installation und grandiosen Umsetzung der Müller-Kunst. Die Fenster seien „Kondensat und Kulmination“ des schon vor vier Jahren im Städel gezeigten Werks „Der geschenkte Tag“. Müller sei ein „Meister der Beobachtung und Sprache“, seine Kunst sei tief, berührend und großartig.

Minister Jung war zuerst „erschrocken“

Die Gegner bunter Fenster in der bisher monumental schlichten Basilika kamen zu deren „Enthüllung“ zwar nicht zu Wort, aber ihre Kritik war in nahezu allen Ansprachen präsent. Landwirtschaftsminister Ingmar Jung (CDU), zugleich Kuratoriumsvorsitzender der Klosterstiftung und Aufsichtsratschef des Klosterweinguts, gab zu, nach der probeweisen Aufbringung von Entwürfen als Folie auf den Fenstern „erschrocken“ gewesen zu sein. Das Kloster müsse sich aber weiterentwickeln. Stiftungsvorstand Julius Wagner dankte Jung für dessen „ausgleichende Kraft“, dank der in der Debatte um die Fenster „unnötige Verletzungen nicht noch vertieft“ worden seien.

Wie berichtet, hatte es unter anderem im Freundeskreis Kloster Eberbach und unter vielen der ehrenamtlichen Kloster- und Gästeführer erhebliche Vorbehalte gegeben. Bei den Besuchern hatte eine nicht repräsentative Befragung vor zwei Jahren ein gemischtes Meinungsbild ergeben: Von fast 1600 abgegebenen Stimmen hatte sich nur eine knappe Mehrheit von 56 Prozent für die Installation ausgesprochen. Die Stiftung hatte die Gemüter mit der Versicherung beruhigt, dass diese „jederzeit reversibel“ sei und allen denkmalpflegerischen Erfordernissen genüge.

Der Chef der hessischen Staatskanzlei, Benedikt Kuhn (CDU), sieht in den Fenstern eine neue Attraktion für das Kloster. Die Stiftung könne ihrem Auftrag nur gerecht werden, wenn die Besucher kämen, so Martin Blach, der 14 Jahre lang an der Spitze der Klosterstiftung stand und als Geschäftsführer von Lotto Hessen das Kunstprojekt mit 80.000 Euro maßgeblich unterstützt hatte. Die Suche nach einem „lebenden Marc Chagall“ habe schon vor Jahren begonnen, sagte Blach mit Blick nach Mainz. Dort sind die von Chagall gestalteten Fenster der Kirche St. Stephan ein Publikumsmagnet.

Blach selbst hatte im Jahr 2020 ein modernes Werk des renommierten Pop-Art-Künstlers Thomas Bayrle im Kreuzgang aufhängen lassen. An diesem Pietà-Fenster hatte sich aber keine Kritik entzündet. Im vergangenen Jahr hatte das Klosterkuratorium den Weg für das von Wagner energisch verfochtene zeitgenössische Kunstprojekt frei gemacht, von dem es sich einen „echten Mehrwert“ für die Besucher, für das Kloster und für die Region verspricht. Nach drei Jahren soll die Wirkung der Fenster neu bewertet werden.

Die begleitende Ausstellung „Fragmenta in lumine“, die bis September im Mönchsdormitorium gezeigt wird, präsentiert Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen von Müller.