{"id":1002295,"date":"2026-05-07T23:40:36","date_gmt":"2026-05-07T23:40:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1002295\/"},"modified":"2026-05-07T23:40:36","modified_gmt":"2026-05-07T23:40:36","slug":"putins-ende-wie-russland-schon-fuer-die-zeit-nach-ihm-plant-expertise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1002295\/","title":{"rendered":"Putins Ende: Wie Russland schon f\u00fcr die Zeit nach ihm plant \u2013 Expertise"},"content":{"rendered":"<p>Wendepunkt<\/p>\n<p class=\"intro\">Wladimir Putin verliert seinen Zugriff auf Russland. Er bunkert sich ein, f\u00fcrchtet einen Putsch. &#8222;Jeder seiner Versuche, die Macht zu erhalten, beschleunigt den Verfall,&#8220; schreibt ein ehemaliger hochrangiger Beamter der Moskauer Regierung. Warum die Uhr tickt.<\/p>\n<p><img width=\"100%\" height=\"auto\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/d2298a1b-1224-427d-9ac5-136c341ffa41.jpg\"  class=\"mb-2\"  alt=\"Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin hat den Schutz f\u00fcr sich selbst massiv verst\u00e4rkt\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin hat den Schutz f\u00fcr sich selbst massiv verst\u00e4rktReuters<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.newsflix.at\/a\/the-economist-120100251\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"56\" height=\"56\" style=\"z-index:1\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1778197229_817_64f1f4ea-687d-4c1f-a5a8-677c8092f67a.jpeg\" alt=\"The Economist\"\/><\/a>Akt.\u00a007.05.2026 21:51\u00a0Uhr<\/p>\n<p>Es kam nicht als einzelnes Ereignis, sondern als ein allgegenw\u00e4rtiges Gef\u00fchl: Wladimir Putin hat Russland in eine Sackgasse gef\u00fchrt, und niemand wei\u00df, wie es weitergehen soll.<\/p>\n<p>Die erste Manifestation ist ein Wandel in der Sprache hochrangiger Beamter, Regionalgouverneure und Gesch\u00e4ftsleute: Sie verwenden nicht mehr die Wir-Form, wenn sie \u00fcber das Handeln der Beh\u00f6rden im Land sprechen.<\/p>\n<p>Noch im vergangenen Fr\u00fchjahr war alles ein &#8222;Wir&#8220; und &#8222;Unser&#8220;. Putins Krieg gegen die Ukraine mag r\u00fccksichtslos und zum Scheitern verurteilt sein, aber er betraf uns alle. &#8222;Wir&#8220; waren mittendrin, und es w\u00e4re f\u00fcr &#8222;uns&#8220; alle besser, wenn er fr\u00fcher endete.<\/p>\n<p>Jetzt wird das Geschehen als &#8222;seine&#8220; Geschichte dargestellt, nicht als &#8222;unsere&#8220;. Nicht unser Projekt, nicht unsere Agenda, nicht unser Krieg.<\/p>\n<p>Putins Entscheidungen werden als &#8222;seltsam&#8220; beschrieben. Noch seltsamer ist die Tatsache, dass er \u00fcberhaupt Entscheidungen trifft. Es geht nicht nur um sinkende Zustimmungswerte. Die Zukunft wird nicht mehr im Hinblick auf Putins Entscheidungen diskutiert, sondern als etwas, das sich unabh\u00e4ngig von ihm \u2013 und m\u00f6glicherweise schon ohne ihn \u2013 entfalten wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/0989afc3-d0c4-4712-a234-f52b9d9ddb50.jpg\" alt=\"Wladimir Putin beim Besuch der Ausstellung \u201eHelden der speziellen Milit\u00e4roperation: Eine Tat der Einheit\u201c in Moskau\"  \/><\/p>\n<p>Wladimir Putin beim Besuch der Ausstellung \u201eHelden der speziellen Milit\u00e4roperation: Eine Tat der Einheit\u201c in Moskau<\/p>\n<p>Reuters<\/p>\n<p>Dieser Sprachwechsel ist kein Zeichen von Rebellion. Das autorit\u00e4re System kann lange durch Angst, Unt\u00e4tigkeit und Repression \u00fcberleben. Es besitzt nach wie vor das Gewaltmonopol, hat aber die Macht \u00fcber die Gestaltung der Zukunft verloren.<\/p>\n<p>Dazu kommen ernsthafte Sicherheitsbedenken. Putin selbst und sein Umfeld werden nun massiv gesch\u00fctzt. Das geht aus einem Geheimdienstbericht vor, \u00fcber den CNN zuletzt berichtet hat. K\u00f6che, Leibw\u00e4chter und Fotografen im Umfeld des Pr\u00e4sidenten d\u00fcrfen keine \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Die Kontrollen im Kreml wurden versch\u00e4rft, Putins engste Mitarbeiter d\u00fcrfen nur Mobiltelefone ohne Internetzugang verwenden.<\/p>\n<p>Auch der Wendekreis von Putin wurden eingeschr\u00e4nkt. Er besucht keine Milit\u00e4reinrichtungen, das Regime publiziert Bilder aus dem Archiv. Der Pr\u00e4sident und seine Familie meiden Aufenthalte in Residenzen innerhalb und au\u00dferhalb Moskau, auch den Sommersitz Waldai.*<\/p>\n<p>In der Vergangenheit hatte das Regime trotz all seiner L\u00fcgen immerhin Projekte vorzuweisen: die &#8222;Wiederherstellung der Staatlichkeit&#8220;, die St\u00e4rkung seiner Position als &#8222;Energie-Supermacht&#8220;. Es gab sogar eine &#8222;Modernisierung&#8220; vor dem Umschwung hin zu Ultrakonservatismus und Krieg.<\/p>\n<p>Die Ironie besteht darin, dass Putin den Krieg begonnen hat, um seine Macht und das von ihm geschaffene System zu erhalten. Nun, zum ersten Mal seit Beginn des Konflikts, stellen sich die Russen eine Zukunft ohne ihn vor. Dies ist auf das Zusammenwirken von vier Faktoren zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/dfdf65cc-ccb5-4187-a404-954a37e922dd.jpeg\" alt=\"Ein Bild aus der Vergangenheit: Heute f\u00fcrchtet sich Russland sogar vor der Milit\u00e4rparade am Gedenktag 9. Mai f\u00fcr den Sieg im Zweiten Weltkrieg\"  \/><\/p>\n<p>Ein Bild aus der Vergangenheit: Heute f\u00fcrchtet sich Russland sogar vor der Milit\u00e4rparade am Gedenktag 9. Mai f\u00fcr den Sieg im Zweiten Weltkrieg<\/p>\n<p>Picturedesk<\/p>\n<p>Erstens steigen die Kriegskosten enorm. Der Krieg in der Ukraine war als milit\u00e4rische Sonderoperation geplant, die von ausgew\u00e4hlten Gruppen mit finanziellen Anreizen durchgef\u00fchrt wurde, w\u00e4hrend der Rest der Gesellschaft ihren gewohnten Gang ging. Dieses Modell scheiterte jedoch mit zunehmender Dauer und Ausdehnung des Krieges.<\/p>\n<p>Die Folgen waren h\u00f6here Inflation und Steuern, vernachl\u00e4ssigte Infrastruktur, verst\u00e4rkte Zensur und endlose Verbote. Es handelt sich zwar nicht um einen nationalen Krieg, doch er wird vom Staat finanziert \u2013 und die Gesellschaft erh\u00e4lt im Gegenzug keinerlei Sinn daf\u00fcr dargeboten.<\/p>\n<p>Zweitens w\u00e4chst der Bedarf an Regeln unter den Eliten, die mitsamt ihrem Kapital nach Russland zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurden. Zuvor waren ihre Eigentumsrechte an den Westen ausgelagert. Sie nutzten Londoner Gerichte, Offshore-Strukturen und internationale Schiedsgerichtsbarkeit, um Konflikte beizulegen oder Schutz zu suchen.<\/p>\n<p>Nun m\u00fcssen Konflikte im Inland gel\u00f6st werden, ohne funktionierende Institutionen. Der Bedarf an Regeln wird mit der zunehmenden Umverteilung von Verm\u00f6gen immer dringlicher.<\/p>\n<p>In den vergangenen drei Jahren wurden Verm\u00f6genswerte im Wert von rund 5 Billionen Rubel (60 Milliarden US-Dollar) von privaten Gesch\u00e4ftsleuten beschlagnahmt und entweder verstaatlicht oder an Gefolgsleute und G\u00fcnstlinge verteilt \u2013 die gr\u00f6\u00dfte Umverteilung von Eigentum seit der Massenprivatisierung der 1990er-Jahre.<\/p>\n<p>Nicht etwa, dass die Eliten pl\u00f6tzlich Gefallen an Rechtsstaatlichkeit oder Demokratie gefunden h\u00e4tten. Doch selbst die dem Regime treu Gesinnten sehnen sich nach Regeln und Institutionen, die Konflikte fair l\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/67de4031-7d9f-4d5a-bebb-120aacba0d9e.jpg\" alt=\"Donald Trump und Wladimir Putin sind Freunde gro\u00dfer Worte und Gesten, beide aber innenpolitisch angeschlagen\"  \/><\/p>\n<p>Donald Trump und Wladimir Putin sind Freunde gro\u00dfer Worte und Gesten, beide aber innenpolitisch angeschlagen<\/p>\n<p>Reuters<\/p>\n<p>Drittens hat Putin selbst zu einer Ver\u00e4nderung des geopolitischen Klimas beigetragen. Russland sieht sich als Gestalter der globalen Ordnung. In Wirklichkeit ist es lediglich ein Katalysator: Russlands Krieg gegen die Ukraine hat die Krise der westlichen Demokratien, den Aufstieg des Populismus und die Globalisierungsm\u00fcdigkeit beschleunigt.<\/p>\n<p>Russland befindet sich nun in einer Welt, in der Regeln schwach sind und wirtschaftliche und technologische St\u00e4rke sowie rohe Gewalt dominieren. In einer regelbasierten Welt konnte Russland Asymmetrien ausnutzen: Europas Abh\u00e4ngigkeit von seinem Gas, seinen Sitz im UN- Sicherheitsrat, das sowjetische Atomwaffenerbe.<\/p>\n<p>Doch Europa kauft sein Gas nun woanders, Russlands Sitz im Sicherheitsrat hat innerhalb der UN an Wert verloren.<\/p>\n<p>Putin benutzt Atomwaffen f\u00fcr die nukleare Erpressung der Welt, um politischen Druck auszu\u00fcben. Dadurch wird das internationale System zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Atomwaffen geschw\u00e4cht. Deshalb gilt Russland nicht mehr als glaubw\u00fcrdiger Schiedsrichter in Fragen der nuklearen Ordnung.<\/p>\n<p>Gleichzeitig leidet das Land unter einer Identit\u00e4tskrise. Erstmals seit Generationen fehlt ihm ein externes Vorbild, an dem es sich orientieren k\u00f6nnte. Historisch gesehen definierte es sich in Bezug auf Europa und den Westen. Diese galten als Vergleichsma\u00dfstab, als Ziel, als Gegenspieler.<\/p>\n<p>Diese alte Achse ist verschwunden. Der Westen als einheitliche kulturelle, milit\u00e4rische und politische Einheit befindet sich in einer Krise. Es gibt kein &#8222;Dort&#8220;, an dem man das &#8222;Hier&#8220; definieren k\u00f6nnte. Dies ist kein ideologisches, sondern ein strukturelles Problem. Jede Entwicklung in Russland braucht eine innere Sinngebung \u2013 und die Regierung ist nicht in der Lage, diese zu liefern.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/4789721c-5db9-44b9-ac4e-87fb8d39a0fa.jpg\" alt=\"Im Krieg gegen die Ukraine sehen viele Russen keinen Sinn und er r\u00fcckt immer n\u00e4her an sie heran\"  \/><\/p>\n<p>Im Krieg gegen die Ukraine sehen viele Russen keinen Sinn und er r\u00fcckt immer n\u00e4her an sie heran<\/p>\n<p>Reuters<\/p>\n<p>Viertens nimmt die ideologische Kontrolle zu, ohne dass ein ausgleichender Nutzen entsteht. Der fr\u00fchere Gesellschaftsvertrag, in dem sich der Staat aus dem Privatleben der B\u00fcrger heraushielt und die B\u00fcrger sich aus der Politik heraushielten, ist zusammengebrochen.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher erkaufte sich das System die Loyalit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung mit Bequemlichkeit, Dienstleistungen und Konsum. Heute kann es nur noch Repression, Eingriffe und Zensur bieten \u2013 deren auff\u00e4lligste Auspr\u00e4gung die diesj\u00e4hrigen Internetbeschr\u00e4nkungen sind.<\/p>\n<p>Das Problem ist weniger die Repression an sich, sondern vielmehr die sinnlose Repression. Eine Ideologie setzt definitionsgem\u00e4\u00df ein Zukunftsbild voraus. Diese hier fordert Disziplin, ohne eine solche zu bieten. Von den Menschen wird Loyalit\u00e4t verlangt, ohne dass ihnen gesagt wird, welcher Zukunft diese Loyalit\u00e4t dient.<\/p>\n<p>Die politische Realit\u00e4t erscheint selbst den meisten Technokraten, die an ihrer Gestaltung beteiligt sind, nicht w\u00fcnschenswert. Der Optimismus ist von innen heraus erloschen.<\/p>\n<p>Alle vier Faktoren zusammen schaffen eine Situation, die im Schach als Zugzwang bekannt ist: Jeder Zug verschlechtert die Stellung. Das System kann so lange bestehen bleiben, wie Putin an der Macht ist. Doch jeder seiner Versuche, es zu erhalten und auszuweiten, beschleunigt seinen Verfall.<\/p>\n<p>Seine instinktive Reaktion mag eine Versch\u00e4rfung der Repression sein. Er k\u00f6nnte einen weiteren Krieg beginnen. Doch diese Aktionen w\u00fcrden die Lage nur verschlimmern. Er kann die Verbindung zwischen Macht und Zukunft nicht wiederherstellen. Er kann den Bruch nur blutiger und gef\u00e4hrlicher machen.<\/p>\n<p>* erg\u00e4nzt<\/p>\n<p>&#8222;\u00a9 2026 The Economist Newspaper Limited. All rights reserved.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;From The Economist, published under licence. The original article, in English, can be found on www.economist.com&#8220;<\/p>\n<p>Akt.\u00a007.05.2026 21:51\u00a0Uhr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wendepunkt Wladimir Putin verliert seinen Zugriff auf Russland. 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