{"id":1003084,"date":"2026-05-08T07:08:14","date_gmt":"2026-05-08T07:08:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1003084\/"},"modified":"2026-05-08T07:08:14","modified_gmt":"2026-05-08T07:08:14","slug":"lmu-muenchen-ein-abschiedsbrief-an-meine-geliebte-alma-mater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1003084\/","title":{"rendered":"LMU M\u00fcnchen: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater"},"content":{"rendered":"<p>Bachelor, Master, Promotion. Gleich dreimal tr\u00e4gt mein Lebenslauf das Siegel der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen (LMU). Es gibt Universit\u00e4ten, an denen man studieren kann. Und es gibt Universit\u00e4ten, die Teil der eigenen Identit\u00e4t werden.<\/p>\n<p>Die LMU war f\u00fcr mich nie nur eine Bildungsst\u00e4tte. Sie ist meine Alma Mater, ein Versprechen, ein Ort, an dem das Denken gr\u00f6\u00dfer sein sollte als die Ideologie. Ich habe diese Universit\u00e4t geliebt. Nicht blind, aber mit jenem Stolz, den man empfindet, wenn ein Ort mehr bedeutet als nur H\u00f6rs\u00e4le und Pr\u00fcfungen. Wer als junger Mensch durch die Lichth\u00f6fe geht, sp\u00fcrt das Gewicht der Geschichte. Hier ist der Name der Geschwister Scholl kein Stra\u00dfenschild, sondern eine moralische Messlatte.<\/p>\n<p>Vielleicht war ich naiv.<\/p>\n<p>Immer dasselbe Ergebnis<\/p>\n<p>Vielleicht wollte ich glauben, dass eine Universit\u00e4t mit dieser Vergangenheit besonders wachsam sein m\u00fcsste, wenn Ressentiments in neuem akademischen Gewand zur\u00fcckkehren. Wenn Begriffe instrumentalisiert werden, um politische Erz\u00e4hlungen salonf\u00e4hig zu machen, die am Ende immer beim selben Ergebnis enden: Der j\u00fcdische Staat ist das Problem.<\/p>\n<p>Aktuell findet an der Universit\u00e4t eine Vortragsreihe statt: \u00bbDie pal\u00e4stinensischen Universit\u00e4ten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland\u00ab. Der Rahmen liest sich wie eine \u00dcbung in rhetorischer Akrobatik. Man beklagt die Einseitigkeit bestehender Diskurse, nur um sie durch eine sorgf\u00e4ltig komponierte, eigene Einseitigkeit zu ersetzen. Israelische Universit\u00e4ten werden explizit ausgeklammert.<\/p>\n<p>Ich bin Teil des Netzwerks J\u00fcdischer Hochschullehrender, das vor dieser Reihe ausdr\u00fccklich gewarnt hat. Die Fakten liegen auf dem Tisch: Referentinnen und Referenten, die den 7. Oktober rhetorisch vernebeln, Terroristen als \u00bbIkonen des Widerstands\u00ab verkl\u00e4ren oder j\u00fcdische Psalmworte aus ihrem historischen Kontext herausl\u00f6sen. Die Warnung wurde geh\u00f6rt, dennoch l\u00e4uft die Veranstaltung.<\/p>\n<p>\u00bbGenozid\u00ab oder \u00bbAnnihilation\u00ab<\/p>\n<p>Das ist kein rein administratives Problem. Wo bleibt die Genauigkeit, die wir unseren Erstsemestern in der ersten Vorlesung predigen? Wenn Referenten Begriffe wie \u00bbGenozid\u00ab oder \u00bbAnnihilation\u00ab verwenden, ohne die Hamas und den 7. Oktober mit derselben analytischen Sch\u00e4rfe zu behandeln, dann ist das kein pluralistischer Diskurs. Es ist der Verzicht auf intellektuelle Redlichkeit.<\/p>\n<p>Diese akademische Schieflage bleibt nicht im Seminarraum. Sie hat ein Echo auf dem Campus.<\/p>\n<p>In diesem Fr\u00fchjahr 2026 ist in M\u00fcnchen etwas Fundamentales zerbrochen. Erst der Sprengstoffanschlag auf das israelische Restaurant Eclipse. Dann, am Jom HaSchoa, dem Gedenktag f\u00fcr die Opfer der Schoa, h\u00e4ngt an der Fassade der LMU eine Puppe am Galgen. Man muss kein Prophet sein, um zu verstehen: Wer am Jom HaSchoa Galgen an eine deutsche Universit\u00e4t bringt, meint nicht nur die israelische Regierung. Er spielt mit Bildern, die j\u00fcdische Menschen in Deutschland nicht auf eine abstrakte Art und Weise lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>M\u00f6rderische Botschaft<\/p>\n<p>Und dann finden sich in den Toiletten meiner Alma Mater Schmierereien, die keine intellektuelle Auslegung mehr erfordern: \u00bbKILL ALL JEWS\u00ab. Das ist keine \u00bbaufgeladene Debatte\u00ab. Das ist eine m\u00f6rderische Botschaft in einem Raum, der eigentlich Schutz und Freiheit bieten sollte.<\/p>\n<p>Ich schreibe das als j\u00fcdischer Deutscher. Als Israeli. Als M\u00fcnchner. Aber vor allem schreibe ich als jemand, der diese Universit\u00e4t einmal mit Stolz als seine bezeichnet hat. Als ich an der LMU studierte, habe ich mich nie versteckt. Ich war Israeli und ehemaliger Offizier der IDF. Das war Teil meiner Biografie. Es war kein Makel, kein Sicherheitsrisiko, kein Satz, den man fl\u00fcstern musste.<\/p>\n<p>Heute h\u00f6re ich von j\u00fcdischen Studierenden, die sich nicht mehr trauen, Hebr\u00e4isch zu sprechen oder ihren Davidstern zu zeigen. Die Universit\u00e4t wird f\u00fcr sie zum Raum der Vorsicht. Dass die LMU eine \u00e4hnliche Veranstaltung vor einiger Zeit mit dem Hinweis absagte, man zweifle am \u00bberforderlichen Niveau\u00ab, zeigt, dass das Problem bekannt ist. Doch Niveau ist kein statischer Zustand, sondern eine t\u00e4gliche Aufgabe f\u00fcr jeden Lehrenden und jeden Lernenden.<\/p>\n<p>Institutionelles Wegducken<\/p>\n<p>In den offiziellen Stellungnahmen der LMU f\u00e4llt ein Wort auffallend selten: Antisemitismus. Man spricht von \u00bbpluralistischem Diskurs\u00ab oder \u00bbrespektvoller Rede\u00ab. Das klingt sauber. Aber wenn Mordaufrufe an den W\u00e4nden stehen und Galgen an der Fassade h\u00e4ngen, ist \u00bbrespektvoll\u00ab keine pr\u00e4zise Formulierung mehr. Es ist institutionelles Wegducken.<\/p>\n<p>Dieser Text ist kein klassischer Protest. Er ist ein Liebesbrief aus Entt\u00e4uschung. Man schreibt solche Briefe nicht an Orte, die einem egal sind. Man schreibt sie an Orte, von denen man noch etwas erwartet.<\/p>\n<p>Ich appelliere an meine Kolleginnen und Kollegen, an die Hunderten Dozierenden und an die Tausenden Studierenden: Lasst nicht zu, dass wissenschaftliche Standards einer politischen Einseitigkeit geopfert werden. Eine Universit\u00e4t darf alles fragen. Sie darf provozieren. Aber sie darf nie vergessen, auf welchem Fundament sie steht.<\/p>\n<p>Die Geschichte beginnt nicht erst dort, wo es politisch bequem ist. Und sie endet auch nicht dort, wo j\u00fcdische Stimmen beginnen zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Autor ist Hochschulprofessor und Mitbegr\u00fcnder der M\u00fcnchner Initiative \u00bbRun for their Lives\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bachelor, Master, Promotion. Gleich dreimal tr\u00e4gt mein Lebenslauf das Siegel der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen (LMU). Es gibt Universit\u00e4ten, an&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1003085,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1827],"tags":[772,573,574,29,30,411,570,576,572,80,1268,14,16,575,571],"class_list":{"0":"post-1003084","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenchen","8":"tag-bayern","9":"tag-berichte","10":"tag-blogs","11":"tag-deutschland","12":"tag-germany","13":"tag-israel","14":"tag-juedische-allgemeine","15":"tag-juedisches-leben","16":"tag-kommentare","17":"tag-kultur","18":"tag-muenchen","19":"tag-nachrichten","20":"tag-politik","21":"tag-religion","22":"tag-wochenzeitung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116537701860147629","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1003084","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1003084"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1003084\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1003085"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1003084"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1003084"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1003084"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}