{"id":1003091,"date":"2026-05-08T07:12:16","date_gmt":"2026-05-08T07:12:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1003091\/"},"modified":"2026-05-08T07:12:16","modified_gmt":"2026-05-08T07:12:16","slug":"berlin-muttertag-kommerz-oder-seismograph","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1003091\/","title":{"rendered":"Berlin | Muttertag: Kommerz oder Seismograph?"},"content":{"rendered":"<p>Berlin (dpa) &#8211; Blumen, Pralinen, ein paar nette Worte &#8211; und das war es dann mit dem Muttertag? Noch immer leisten Frauen mit kleinen Kindern mehr Sorgearbeit und sind deutlich seltener berufst\u00e4tig als V\u00e4ter in derselben Familiensituation, konstatiert das Statistische Bundesamt Anfang Mai. Doch dar\u00fcber wird am Muttertag selten gesprochen.\u00a0<\/p>\n<p>Werbung l\u00e4sst ihn heute eher als ein Fest des Kommerzes erscheinen. Was bedeutet dieser Brauchtumstag noch in einem Land, in dem es deutlich weniger M\u00fctter gibt als fr\u00fcher? Eine kleine Bestandsaufnahme aus der Sicht eines Kulturwissenschaftlers.\u00a0<\/p>\n<p>Hat der Muttertag heute noch Bedeutung in Deutschland?\u00a0<\/p>\n<p>\u00abNicht in dem Sinn, dass durch ihn etwas ver\u00e4ndert oder ein anderes Bewusstsein geschaffen werden soll\u00bb, sagt Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universit\u00e4t Regensburg. \u00abDer Tag ist heute vom Kommerz getrieben und f\u00fcllt wie der Valentinstag eine Leerstelle.\u00bb Denn kirchliche Feste verl\u00f6ren im Jahreskalender an Bedeutung.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abWenn ich es rein kultur- und konsumkritisch sehen w\u00fcrde, dann hat der Muttertag heute sogar etwas von Respektlosigkeit\u00bb, erg\u00e4nzt Hirschfelder. Denn um die Situation von M\u00fcttern gehe es in der \u00d6ffentlichkeit selten. Ihnen falle mit dem Geschenke-Annehmen eine rein passive Rolle zu. Der Tag wirke so wie Deko oder Verniedlichung. In weniger akademischen und urbanen Milieus spiele er heute eine gr\u00f6\u00dfere Rolle als im klassischen B\u00fcrgertum.\u00a0<\/p>\n<p>Welche Denkanst\u00f6\u00dfe kann der Muttertag heute trotzdem geben?\u00a0<\/p>\n<p>Vor allem offenbare er ein demografisches Dilemma, meint Hirschfelder. \u00abMutter zu sein, ist in Deutschland heute keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr.\u00bb Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer soll in der Rentendebatte des Jahres 1957 noch gesagt haben: \u00abKinder kriegen die Leute immer.\u00bb Mit einem Blick auf die Statistik hat er sich mit dieser Einsch\u00e4tzung geirrt.\u00a0<\/p>\n<p>Blieben unter Frauen der Jahrg\u00e4nge 1938 bis 1940 in Deutschland tats\u00e4chlich nur rund elf Prozent kinderlos, sind es heute nach den Daten des Statistischen Bundesamts recht konstant 20 Prozent &#8211; ob gewollt oder ungewollt. Wachsen kann Deutschland ohne Zuwanderung nur, wenn 80 Prozent der Frauen mehr als zwei Kinder bek\u00e4men. Der Schnitt liegt allerdings bundesweit bei 1,35.\u00a0<\/p>\n<p>Welche Wandel gibt es noch im Vergleich zu fr\u00fcher?\u00a0<\/p>\n<p>Hirschfelder sieht ihn im zunehmenden Aufweichen der klassischen b\u00fcrgerlichen Kleinfamilie: \u00abBei Patchwork kann es f\u00fcr Kinder schon knifflig werden, wer zum Muttertag ein Geschenk bekommen soll\u00bb, sagt der Forscher. \u00abNur die leibliche Mutter oder auch die neue Frau des Vaters?\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Nicht zu vernachl\u00e4ssigen sei heute auch das Mutterbild in Migrantenfamilien. \u00abDort herrschen manchmal sehr konservative Rollenbilder vor, gerade mit Blick auf Frauenrechte kann das problematisch sein. Aber es gibt dort eben auch eine tiefere Form von Wertsch\u00e4tzung einer Mutter gegen\u00fcber als wir ihn hier kennen. Eine \u00e4hnliche Form von Respekt beobachte ich auch in Teilen der postsowjetischen Welt, die ich kenne, in Moldau und in der Ukraine.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland?\u00a0<\/p>\n<p>Hirschfelder sieht vor allem andere Traditionen. Im Westdeutschland der fr\u00fchen 1960er Jahre sei der Muttertag eine kleine B\u00fchne gewesen, auf der Frauen wenigstens einmal im Jahr \u00f6ffentlich zum Thema wurden. \u00abDas war eine Zeit, in der die gesellschaftliche Norm von Frauen verlangte, zu Hause zu bleiben und Kinder zu bekommen. Ein Leben in Pflichterf\u00fcllung, als Anh\u00e4ngsel des Mannes, quasi unsichtbar.\u00bb Allein deshalb sei dieser Tag damals wichtig gewesen. Erst in den 1970er Jahren kursierte in der westdeutschen Frauenbewegung der Slogan: \u00abDanke f\u00fcr die Blumen. Rechte w\u00e4ren uns lieber!\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>In Ostdeutschland war das anders. Frauen in der DDR waren meist berufst\u00e4tig. Der gesellschaftliche Fokus mit einem Schwerpunkt auf Gleichberechtigung lag allerdings auf dem Frauentag, der Muttertag war Privatsache. Wobei Hirschfelder die Situation von M\u00fcttern im Osten nicht glorifizieren m\u00f6chte. \u00abBei der Traktoristin, der Melkerin oder der Baubrigade-Frau kam die Care-Arbeit f\u00fcr ihre Kinder noch obendrauf.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Wen interessiert der Muttertag heute?\u00a0<\/p>\n<p>Nach einer repr\u00e4sentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov unter 2.122 M\u00e4nnern und Frauen \u00fcber 18 Jahren im April 2024 kn\u00fcpfen M\u00fctter an \u00abihren\u00bb Tag h\u00f6here Erwartungen als V\u00e4ter an den Vatertag. 62 Prozent der interviewten M\u00fctter w\u00fcnschten sich Geschenke von ihren Kindern, sei es gemeinsam verbrachte Zeit (36 Prozent), Blumen (22 Prozent), Schokolade oder Pralinen (9 Prozent) oder etwas anderes. Bei den V\u00e4tern lege nur jeder zweite Wert auf den Vatertag.\u00a0<\/p>\n<p>Nach Einsch\u00e4tzung des Handelsverbands Deutschland kauft in diesem Jahr rund ein Drittel der Bundesb\u00fcrger (30 Prozent) Muttertagsgeschenke, im Schnitt f\u00fcr 18,72 Euro pro Person. Der Verband rechnet mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro.\u00a0<\/p>\n<p>Wo kommt die Idee Muttertag her?\u00a0<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich aus den USA. 1914 wurde der zweite Sonntag im Mai dort zum nationalen Feiertag. In Deutschland ging die Initiative Anfang der 1920er Jahre vom Verband Deutscher Blumengesch\u00e4ftsinhaber aus. Kulturwissenschaftler Hirschfelder sieht den Tag in jenen Jahren auch als \u00abTrostpflaster\u00bb f\u00fcr trauernde M\u00fctter, die ihre S\u00f6hne im Ersten Weltkrieg verloren hatten.\u00a0<\/p>\n<p>F\u00fcr Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt von der Uni Wuppertal fiel die Initiative in eine Zeit der Vorboten des NS-Gedankenguts, das mit der \u00abSoldatenmutter\u00bb einen Gegenentwurf zur emanzipierten Frau der Weimarer Republik schuf. Die Nationalsozialisten vereinnahmten den Tag schlie\u00dflich politisch-ideologisch mit einem staatlich aufgeladenen Propaganda- und Ehrungsritual f\u00fcr Mutterschaft als Dienst am Volk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin (dpa) &#8211; Blumen, Pralinen, ein paar nette Worte &#8211; und das war es dann mit dem Muttertag?&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1003092,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[17274,1941,1939,296,1937,29,553,3236,30,2989,1724,38453,1940,1938],"class_list":{"0":"post-1003091","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-brauchtum","9":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","10":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","11":"tag-berlin","12":"tag-berlin-news","13":"tag-deutschland","14":"tag-familie","15":"tag-frauen","16":"tag-germany","17":"tag-geschichte","18":"tag-gesellschaft","19":"tag-muttertag","20":"tag-nachrichten-aus-berlin","21":"tag-news-aus-berlin"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116537717622384905","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1003091","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1003091"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1003091\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1003092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1003091"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1003091"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1003091"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}