{"id":1003099,"date":"2026-05-08T07:16:18","date_gmt":"2026-05-08T07:16:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1003099\/"},"modified":"2026-05-08T07:16:18","modified_gmt":"2026-05-08T07:16:18","slug":"wie-lebt-es-sich-in-der-hufeisensiedlung-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1003099\/","title":{"rendered":"Wie lebt es sich in der Hufeisensiedlung in Berlin?"},"content":{"rendered":"<p>Der \u00e4ltere Herr in Badehose, mit Laubharke in der Hand, kommt gern an den Gartenzaun und erz\u00e4hlt. Wie er und seine Frau vor \u00fcber 30 Jahren ein Haus in der Hufeisensiedlung von Bruno Taut gemietet und dann sp\u00e4ter gekauft haben. Wie sie heute hier in der kleinen Gemeinschaft der schmalen Wege zusammenleben und regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber eine WhatsApp-Gruppe kommunizieren. Gerade gestern Abend h\u00e4tten sie mal wieder zusammen gegrillt: &#8222;Wissen Sie, hier ist jeden Tag Sonntag.&#8220; <\/p>\n<p>Der Architekt Bruno Taut (1880-1938) war Stadtplaner, Architekt, K\u00fcnstler und ein Vision\u00e4r. Wie seine wohl noch ber\u00fchmteren Zeitgenossen Walter Gropius oder Le Corbusier war er ein Vertreter des sogenannten &#8222;Neue Bauens&#8220; in einer Zeitspanne von circa 1910 bis in die 1930er Jahre hinein. Die <a href=\"https:\/\/chrismon.de\/artikel\/2019\/43764\/100-jahre-bauhaus-werkstatt-fuer-eine-offene-gesellschaft\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Bauhaus-Universit\u00e4t in Weimar und sp\u00e4ter Dessau<\/a> war eines ihrer Zentren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/chrismon.de\/kolumnen\/kulturbeutel\/56983\/so-sollten-wir-dem-rechtsextremen-kulturkampf-der-afd-begegnen\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Lesetipp: Kulturstiftungen stellen sich gegen die Umdeutung der Erinnerungskultur durch die AfD Sachsen-Anhalt<\/a><\/p>\n<p>Zwischen 1925 und 1933 initiierte und verantwortete Taut den Bau der Hufeisensiedlung in Berlin-Neuk\u00f6lln. Auf dem Gebiet des ehemaligen Rittergutes Britz, damals noch weit drau\u00dfen im Gr\u00fcnen, sollten 2000 Wohnungen entstehen, bezahlbar und doch f\u00fcr die damalige Zeit komfortabel, alles organisiert in einer gro\u00dfen, gemeinn\u00fctzigen und gewerkschaftsnahen Baugenossenschaft, der GEHAG.<\/p>\n<p>Das zumindest, gemeinn\u00fctzig und gewerkschaftsnah, ist heute Geschichte, erz\u00e4hlt mir chrismon-Kollege <a href=\"https:\/\/chrismon.de\/personen\/57215\/ulrich-raschke\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Uli Raschke<\/a>, der mit Ehefrau Sabine f\u00fcr uns eine F\u00fchrung durch die Hufeisensiedlung organisiert. Beide sind echte Architekturfans, leben seit vielen Jahren in Berlin und erkunden auf immer wieder neuen Wegen Architekturdenkm\u00e4ler der Stadt. Ende der 1990er Jahre hat die Stadt das gesamte, schon damals unter Denkmalschutz stehende Ensemble privatisiert.<\/p>\n<p>Aus der GEHAG wurde die Deutsche Wohnen, ein Name, der <a href=\"https:\/\/chrismon.de\/blogs\/wohnglueck-blog\/berliner-volksentscheid-enteignen-ist-populismus\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">gerade in Berlin wenig Sympathie weckt<\/a>; auch bei Uli, der sich noch heute dar\u00fcber \u00e4rgert, dass die Stadt so bedenkenlos ihr kostbarstes Gut &#8211; Grund und Boden &#8211; verschleudert hat. Privat oder staatlich: Seit 2008 ist die Hufeisensiedlung auch noch &#8222;Unesco-Welterbe&#8220;.  <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/static.chrismon.de\/get\/?daid=00010001jJ7N_QLuLquuIF2benSSNwO7bX_whTuSF47tlZDJmEEu000000427244&amp;dfid=i-466\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/p>\n<p>Bruno Taut gilt auch als Meister des farbigen Bauens<\/p>\n<p>Andreas Honert<\/p>\n<p>Wir beginnen vorn am Haupteingang ins &#8222;Hufeisen&#8220;, den riesigen ikonografischen Rundbau. An die 350 Meter ist er lang, mit 26 Treppenaufg\u00e4ngen und \u00fcber 140 Wohnungen, dazu einige Gewerbeeinheiten. Wunderbar ruhig und gr\u00fcn ist es in dem park\u00e4hnlichen Innenhof mit See, B\u00e4umen, B\u00e4nken. Alle Wohnungen haben Balkone und durch die runde Bebauung Sichtkontakt miteinander. Taut und sein Team haben umgesetzt, was heute wieder sehr aktuell ist: wenige, standardisierte Wohnungstypen mit einfachen Grundrissen. Das senkte damals wie heute die Baukosten.<\/p>\n<p>Wir wandern einmal rundherum, dann heraus aus einem Seiteneingang durch die anliegenden kleinen Stra\u00dfen, die sich sternenf\u00f6rmig um das Hufeisen ausbreiten. Auch hier noch einige gr\u00f6\u00dfere Mietbauten und dazu \u00fcber 650 Reihenh\u00e4user, teilweise wie im Fall des Herrn in Badehose in schmalen Fu\u00dfweg-Zeilen aneinander gereiht. Wie viele andere hat auch unser Gespr\u00e4chspartner damals gekauft, als die Stadt privatisierte: &#8222;Da wir schon hier wohnten, hatten wir ein Vorkaufsrecht&#8220;, erz\u00e4hlt er. 90 000 Euro habe er bezahlt\u2026<\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/static.chrismon.de\/get\/?daid=00010001SKW9Qf6uJGLQ37XPJaU-UAr55EZSU99pi6n2RKLQzMFL000000427208&amp;dfid=i-466\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/p>\n<p>Auch die H\u00e4user im &#8222;Hufeisen&#8220; haben G\u00e4rten wie die Reihenh\u00e4user, deren Zug\u00e4nge jeweils \u00fcber schmale, idyllische Fu\u00dfwege erreichbar sind<\/p>\n<p>Andreas Honert<\/p>\n<p>Das ist jetzt viele Jahre her, und wer heute sein H\u00e4uschen mit einem der wunderbaren G\u00e4rten verkauft, der <a href=\"https:\/\/chrismon.de\/kolumnen\/wohnlage\/56447\/wie-bodenpolitik-und-preiswerte-wohnungen-zusammenhaengen\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">kann das Vier- bis F\u00fcnffache aufrufen<\/a>. Und das machen einige, wie uns der freundliche Hausbesitzer erz\u00e4hlt. Er und seine Frau geh\u00f6rten mittlerweile zu den \u00c4ltesten. \u00dcberall k\u00e4men junge Familien nach, doch bis jetzt erhalte sich der Gemeinschaftsgedanke, den Taut mit seiner Architektur und seinen Pl\u00e4nen explizit verfolgt habe: &#8222;Wir leben alle in einem Denkmal, das schwei\u00dft zusammen.&#8220; Und das Thema Denkmalschutz ist nicht trivial. <a href=\"https:\/\/chrismon.de\/kolumnen\/wohnlage\/56501\/wuppertal-will-ausnahmregelungen-vom-denkmalschutz-ermoeglichen\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Sonnenkollektoren auf den D\u00e4chern<\/a>? Nicht erlaubt, ebensowenig wie W\u00e4rmepumpen in den ebenfalls denkmalgesch\u00fctzten Gartenanlagen.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck f\u00fcr die Siedlung und Menschen wie uns, die sich informieren wollen, gibt es nicht nur freundliche Hausbesitzer, sondern auch den Verein der &#8222;Freunde und F\u00f6rderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz e.V.&#8220; (s. unten). Der unterh\u00e4lt einen eigenen kleinen Info-Laden mit Caf\u00e9 (an diesem Tag leider geschlossen), eine sehr informative Website und eine Litfa\u00dfs\u00e4ule mit Infos zur Geschichte dieser Siedlung, alles ehrenamtlich organisiert.<\/p>\n<p>Der Worpsweder K\u00fcnstler Heinrich Vogeler lebte von 1927 bis 1931 hier. Viele der Bewohner, traditionell der Arbeiterbewegung zugetan, wurden in der Nazizeit verfolgt und ermordet. Bis 1945 befand sich mitten in der Siedlung ein Zwangsarbeiterlager f\u00fcr verschleppte Menschen aus Osteuropa.<\/p>\n<p>Auch Bruno Taut floh vor den Nazis ins Ausland. Erst nach Japan, sp\u00e4ter nach Istanbul, wo er an einer Universit\u00e4t lehrte, gro\u00dfen Einfluss hatte, aber schon 1938 verstarb, vermutlich an seiner schweren Asthma-Erkrankung. Bei einem Besuch in der T\u00fcrkei ehrte Bundespr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/chrismon.de\/artikel\/2012\/14757\/frank-walter-steinmeier-ueber-hoffnung-krisen-gott-und-den-sinn-des-lebens\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Frank-Walter Steinmeier<\/a> Bruno Taut als &#8222;deutschen Architekten von Weltruf&#8220;, der ma\u00dfgeblich durch seine Arbeit auch zur V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung beigetragen habe. <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/static.chrismon.de\/get\/?daid=00010001jMnSptL5iUtr5So6YfpfX27wrZi7JETB15ZUNH2vyJO5000000427206&amp;dfid=i-466\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/p>\n<p>Wohnen im Denkmal &#8211; vielleicht auch nur mal f\u00fcr ein paar Tage in &#8222;Tautes Heim&#8220;? Infos dazu unten<\/p>\n<p>Ben Buschfeld<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten an diesem Tag noch lange weiterlaufen. So viel gibt es zu entdecken &#8211; die farbig gestrichenen Fenster zum Beispiel, die uralten Obstb\u00e4ume, die jetzt im Fr\u00fchling prachtvoll bl\u00fchen, die vielen unterschiedlichen Haustypen, die an Schweden erinnernde rote &#8222;Ochsenblut&#8220;-Farbe der Fassaden und vieles mehr. Immer wieder k\u00f6nnten wir vergessen, dass wir uns mitten in Berlin befinden. Die Stra\u00dfen wirken wie eine d\u00f6rfliche Idylle. Die n\u00e4chste U-Bahn-Station Blaschkoallee ist in Fu\u00dfwegn\u00e4he. Wir kommen an einer Schule vorbei, Kitas, auch ein paar L\u00e4den, also Gewerbefl\u00e4chen, die schon von Taut und seinem Team mit eingeplant wurden. <\/p>\n<p>      <a href=\"https:\/\/chrismon.de\/newsletter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"><\/p>\n<p>\n            Unsere Newsletter<\/p>\n<p>            Entspannen mit \u201eEinatmen \u2013 Ausatmen\u201c. Zwei gute Tage genie\u00dfen mit \u201echrismon am Wochenende\u201c.<br \/>\n            Die Liebe feiern mit \u201eBei aller Liebe\u201c. Informiert bleiben mit \u201echrismon mittendrin\u201c.<\/p>\n<p>Hier abonnieren<\/p>\n<p>      <\/a><\/p>\n<p>Wie sich das alles in Zukunft entwickeln wird? <a href=\"https:\/\/chrismon.de\/kolumnen\/wohnlage\/56599\/hausverkauf-das-geht-auch-ohne-spekulation\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Wenn immer mehr H\u00e4user weiterverkauft werden<\/a>, sich weniger Menschen in der Siedlung f\u00fcr die Geschichte und den sozialen Zusammenhalt interessieren? Bruno Taut und sein Team haben jedenfalls das Beste getan, das zu ihrer Zeit m\u00f6glich war, um all dies auch noch die n\u00e4chsten Jahrzehnte funktionieren zu lassen. <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/static.chrismon.de\/get\/?daid=00010001c9hiI2IYa2YINgqz_TYxgWbMnjh-ywyyojoyljSwnRd7000000427205&amp;dfid=i-43\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/p>\n<p>Uli und Sabine mit der Autorin neben einer sch\u00f6n gemachten Litfa\u00dfs\u00e4ule am Eingang der Hufeisensiedlung<\/p>\n<p>Andreas Honert<\/p>\n<p>Zum Abschluss r\u00e4tseln wir \u00fcber einige Stra\u00dfennamen: die &#8222;Onkel-Br\u00e4sig-Stra\u00dfe&#8220; zum Beispiel oder die &#8222;Paster-Behrens-Stra\u00dfe&#8220;, alles Figuren aus Romanen von Fritz Reuter. Warum nun gerade Fritz Reuter? Diese Frage k\u00f6nnen wir heute nicht mehr kl\u00e4ren. Vielleicht beim n\u00e4chsten Besuch? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der \u00e4ltere Herr in Badehose, mit Laubharke in der Hand, kommt gern an den Gartenzaun und erz\u00e4hlt. 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