{"id":1003773,"date":"2026-05-08T13:52:02","date_gmt":"2026-05-08T13:52:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1003773\/"},"modified":"2026-05-08T13:52:02","modified_gmt":"2026-05-08T13:52:02","slug":"ahnen-erben-und-wurzeln-wer-gehoert-hier-eigentlich-dazu-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1003773\/","title":{"rendered":"\u00bbAhnen, Erben und Wurzeln: Wer geh\u00f6rt hier eigentlich dazu?\u00ab \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Wer dieser Tage mit aufmerksamem Blick durch die Stadt l\u00e4uft, wird es nicht \u00fcbersehen haben: Freiwild kommen mit zwei gro\u00dfen Konzerten in der Quarterback Arena nach Leipzig. Seit jeher polarisiert die Band um Frontmann Philipp Burger, der seine ersten musikalischen Erfahrungen einst in der Neonazi-Band Kaiserj\u00e4ger machte. Heute gibt er sich einerseits gel\u00e4utert und besucht Schulklassen, um mit ihnen \u00fcber seinen Ausstieg aus der rechtsextremen Szene zu sprechen. Zugleich schimpft er \u00fcber die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien, singt patriotische Lieder \u00fcber die S\u00fcdtiroler Heimat und sucht die N\u00e4he zu neurechten Medien. Alles nur ein Missverst\u00e4ndnis? Wir haben mit dem Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs von der Universit\u00e4t Mainz gesprochen, der sich seit vielen Jahren mit Freiwild und der Rechtsrockszene besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p><strong>Die Band Freiwild distanziert sich seit Jahren immer wieder von rechtsextremen Str\u00f6mungen. 2015 etwa bezeichnete Philipp Burger die AfD und Pegida als \u00bbIdioten\u00ab. Sie scheint das nicht zu \u00fcberzeugen. Warum nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df gar nicht, ob ich sagen w\u00fcrde, dass mich das nicht \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p><strong><br \/>Nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Ich lese immer wieder, Freiwild seien eine Rechtsrock-Band. Und um das klar zu sagen: Das sehe ich nicht so. Der Musikjournalist Klaus Walter hat mal gesagt, es leben die feinen Unterschiede. Und an dieser Stelle sind die feinen Unterschiede wichtig.<\/p>\n<p><strong><br \/>Was ist denn kennzeichnend f\u00fcr klassischen Rechtsrock \u2013 und inwiefern fallen Freiwild aus diesem Raster heraus?<\/strong><\/p>\n<p>Rechtsrock ist in aller Regel durchtr\u00e4nkt von Menschenverachtung, die sich bis hin zu offen formulierten Vernichtungsfantasien streckt. Etwaiges findet sich bei Freiwild nicht. Ebenso kann ich bei Philipp Burger (Freiwild-Frontmann; Anm. d. Verf.) mittlerweile keine Verwurzelung in extrem rechten Strukturen mehr erkennen, was f\u00fcr mich aber ebenfalls ein klassisches Parameter f\u00fcr eine Einordnung im Rechtsrock-Milieu w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong><br \/>Sie sagen: mittlerweile nicht mehr. War das mal anders?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, Anfang der 2000er-Jahre war Burger kurzzeitig Mitglied bei Kaiserj\u00e4ger \u2013 einer klassisch neonazistischen Band, die auf ihrem einzigen Album mehrere Songs mit massiv rassistischen Texten hatte. Ber\u00fchmt geworden ist auch ein Foto aus dieser Zeit, auf dem Burger den Hitlergru\u00df zeigt. Sp\u00e4ter hat er das Foto dann im Booklet eines Freiwild-Albums mitsamt einer kritischen Einordnung abdrucken lassen \u2013 so nach dem Motto: Ja, ich habe damals Mist gebaut.<\/p>\n<p><strong><br \/>Sollte die Frage nach der politischen Einordnung der Band damit dann nicht ad acta gelegt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Was ich f\u00fcr problematisch halte, ist einerseits, dass f\u00fcr die eigene neonazistische Vergangenheit in der Regel die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde verantwortlich gemacht werden, was man auch sehr sch\u00f6n in der Autobiografie von Burger aus dem Jahr 2023 nachlesen kann. Demzufolge waren immer die anderen schuld, und man selbst habe dann halt mit ein bisschen Provokation reagiert. Zudem st\u00f6rt mich, dass die Distanzierung vom Rechtsextremismus vonseiten der Band in aller Regel immer verbunden wird mit einer gleichzeitigen Distanzierung von einem vermeintlichen Linksextremismus. Da wird dann wild mit Hufeisen um sich geworfen. Eine der wenigen Ausnahmen diesbez\u00fcglich war das eingangs erw\u00e4hnte, relativ klar formulierte Statement aus dem Jahr 2015, in dem man sich von Pegida und der AfD distanziert hat. Ich habe damals \u00f6ffentlich gesagt, dass ich diese Klarheit begr\u00fc\u00dfe, zugleich aber hinzugef\u00fcgt, dass man hinter diese Eindeutigkeit auch nicht mehr zur\u00fcckfallen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p><strong><br \/>Und \u2013 ist die Band diesbez\u00fcglich bei ihrer Linie geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Sp\u00e4testens mit den sogenannten \u00bbCorona-Tapes\u00ab (zwei Studioalben aus dem Jahr 2020; Anm. d. Verf.) hat man sich wieder in ambivalentere Fahrwasser begeben, den Frust \u00fcber die geltenden Quarant\u00e4nebestimmungen aufgegriffen und musikalisch verwertet. Diese Sto\u00dfrichtung ist in den letzten Wochen und Monaten noch mal deutlich klarer geworden. Denn in Vorbereitung der kommenden Tournee setzt die Band marketingtechnisch aktuell auf zahlreiche rechte Medienportale, in denen die Band zu Gast ist. Angefangen von Manuel Ostermann bis Apollo News l\u00e4sst die Band dahingehend gerade nichts unversucht.<\/p>\n<p><strong><br \/>Vermuten Sie hinter dieser Zweigleisigkeit \u2013 Distanzierung von der Neuen Rechten bei gleichzeitiger N\u00e4he zu ihren zentralen Akteuren \u2013 eher eine Strategie oder schlicht Naivit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p>Naiv ist Burger ganz sicher nicht. Ich sehe dahinter vor allem den Drang nach Aufmerksamkeit. Burger will in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sent sein. Immer wenn eine neue Platte ansteht, versucht er, medial einen kleinen Skandal vom Zaun zu brechen, um Sichtbarkeit zu erzeugen. Zuletzt war das eine inszenierte Kontroverse um einen mittlerweile \u00fcber zwei Jahre alten TV-Beitrag des ZDF-Magazins \u00bbHallo Deutschland\u00ab, in dem ich mich kritisch zur Band ge\u00e4u\u00dfert habe. Dem Sender wird nun vonseiten des Umfelds der Band \u00bbF\u00e4lschung\u00ab vorgeworfen. Das reiht sich ein in eine lange Liste an F\u00e4llen, in denen Freiwild eine mediale Verzerrung sowie strukturelle Nicht-Beachtung der Band beklagen.<\/p>\n<p><strong><br \/>Der Autor Klaus Farin hat Freiwild vor gut 10 Jahren \u00fcber l\u00e4ngere Zeit begleitet und im Anschluss ein Buch \u00fcber die Band geschrieben mit dem Untertitel \u00bbS\u00fcdtirols konservative Antifaschisten\u00ab. Hat er recht? Sind Freiwild tats\u00e4chlich antifaschistisch einzuordnen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Freiwild inszenieren sich zwar gern als Antifaschisten. Das r\u00fchrt insbesondere aus ihrem kritischen Blick auf Mussolini und dessen faschistisch-italienischem Staat in den 30er-Jahren her, von dem sich die Menschen in S\u00fcdtirol damals hintergangen gef\u00fchlt haben. Das wirkt bis heute nach. Doch daraus einen Antifaschismus abzuleiten, greift zu kurz, denn statt eines italienischen Nationalismus findet man nun aufseiten der Band eine patriotische \u00dcberh\u00f6hung der S\u00fcdtiroler Heimat bis hin zu einer Blut-und-Boden-Ideologie vor.<\/p>\n<p><strong><br \/>K\u00f6nnen Sie das konkretisieren?<\/strong><\/p>\n<p>Eine Verkl\u00e4rung der Heimat ist in der konservativeren Musikkultur S\u00fcdtirols erst mal nicht ungew\u00f6hnlich. Die findet man etwa auch bei Heimatschlagerkombos wie den Zillertaler Sch\u00fcrzenj\u00e4gern \u2013 von denen Burger in seiner Kindheit \u00fcbrigens gro\u00dfer Fan war, und f\u00fcr die er in den letzten Jahren auch mehrere Songs geschrieben hat. In diesem Kontext ist Heimat meist ein naiver Sehnsuchtsort, der eng verbunden ist mit Kindheitserinnerungen. Bei Freiwild kommt aber noch ein anderer Aspekt hinzu: Die wiederkehrende Thematisierung von Ahnen und Erben, Wurzelmetaphoriken und \u00e4hnlichem. Da stellt sich schnell die Frage: Wer geh\u00f6rt hier eigentlich dazu und wer nicht? Wenn man den Texten von Burger folgt, sind Fragen wie diese dann tats\u00e4chlich \u00fcber die Blutslinie zu regeln.<\/p>\n<p><strong><br \/>Sie besch\u00e4ftigen sich nun schon seit vielen Jahren mit Ph\u00e4nomen wie dem Rechtsrock oder Freiwild, schreiben Texte und B\u00fccher, halten Vortr\u00e4ge und versuchen dadurch, Licht ins Dunkel zu bringen. Zugleich ist Freiwild heute so popul\u00e4r wie noch nie. Glauben Sie eigentlich noch an das Mittel der Aufkl\u00e4rung? Oder sollte man die Band stattdessen medial ignorieren, um ihr den N\u00e4hrboden f\u00fcr die M\u00e4rtyrer-Inszenierung zu entziehen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin mir dahingehend inzwischen unsicher. Das ist auch der Grund, warum ich vor vielen Jahren eigentlich auch gesagt habe, dass ich mich nicht mehr \u00f6ffentlich \u00fcber Freiwild \u00e4u\u00dfern will. Aber dann hat es wiederum neue Entwicklungen gegeben, wegen derer ich meine \u00dcberlegung wieder revidiert habe. Einerseits glaube ich zwar nicht, dass wir mit diesem Interview irgendeinen hartgesottenen Freiwild-Fan \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Andererseits w\u00fcrde ich sagen, dass Aufkl\u00e4rung letztlich doch eine Funktion im Sinne einer Selbstvergewisserung hat \u2013 insbesondere f\u00fcr jene, die bei Freiwild vielleicht ein indifferentes Bauchweh, aber noch keine stichhaltigen Argumente parat haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer dieser Tage mit aufmerksamem Blick durch die Stadt l\u00e4uft, wird es nicht \u00fcbersehen haben: Freiwild kommen mit&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1003774,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,103774,216523,30,71,810,4438,15688,216524,859,193],"class_list":{"0":"post-1003773","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-einordnung","11":"tag-freiwild","12":"tag-germany","13":"tag-leipzig","14":"tag-musik","15":"tag-nazis","16":"tag-rechtsextrem","17":"tag-rechtsrock","18":"tag-sachsen","19":"tag-wissenschaft"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116539290445350356","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1003773","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1003773"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1003773\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1003774"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1003773"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1003773"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1003773"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}