{"id":1005475,"date":"2026-05-09T06:10:15","date_gmt":"2026-05-09T06:10:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1005475\/"},"modified":"2026-05-09T06:10:15","modified_gmt":"2026-05-09T06:10:15","slug":"beethoven-in-belgien-wird-der-letzte-fluegel-des-komponisten-nachgebaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1005475\/","title":{"rendered":"Beethoven: In Belgien wird der letzte Fl\u00fcgel des Komponisten nachgebaut"},"content":{"rendered":"<p>Ludwig van Beethovens Fl\u00fcgel steht in seiner Geburtsstadt Bonn. Leider ist er nicht mehr spielbar. Eine aufwendige Kopie soll jetzt den Geist der Wiener Klassik erwecken.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der Verkaufsraum ist auf Hochglanz poliert. Konzertfl\u00fcgel stehen zum Ausprobieren bereit. Ihre Deckel sind aufgeklappt wie die Motorhauben beim Sportwagenh\u00e4ndler. An einem Steinway sitzt ein Pianist auf Instrumentensuche und donnert ein paar Takte aus George Gershwins \u201eRhapsody in Blue\u201c in die Tasten. Doch Chris Maene, Chef dieses Klavierhauses in Belgien, Gesch\u00e4ftsmann im Dreiteiler, seri\u00f6s bis unter die silbergrauen Haarspitzen, f\u00fchrt den Besucher weg von den schwarz lackierten Neuheiten. \u00dcber die Treppe geht es hinunter ins Untergeschoss, in eine gro\u00dfe Werkstatt, die wie impr\u00e4gniert ist mit dem Geruch und der Farbe von Holz und S\u00e4gesp\u00e4nen. Unter dem Fenster ist eine unscheinbare Kiste aus ineinander verschr\u00e4nkten und verspreizten Eichenh\u00f6lzern aufgebockt. Schraubzwingen pressen die frisch verleimte Konstruktion zusammen. Maene t\u00e4tschelt den Rahmen, er scheint zufrieden zu sein.<\/p>\n<p>Diese Kiste ist der Grundstock zu einem besonderen Tasteninstrument. Es handelt sich um den Nachbau eines Fl\u00fcgels, der 1826 aus der Werkstatt des Klavierbauers Conrad Graf in die Wiener Wohnung des Komponisten Ludwig van Beethoven geliefert wurde und dort bis zu seinem Tod stand. Sp\u00e4ter kam dieses Instrument in Beethovens Geburtsstadt Bonn \u2013 ins Beethoven-Haus, das seit 1889 als Museum, Gedenk- und Forschungsst\u00e4tte dient. Doch der Graf-Fl\u00fcgel hat in den zweihundert Jahren gelitten, der Rahmen verzog sich unter der tonnenschweren Zugkraft der Saiten, eine Restaurierung in den 1960er-Jahren brachte nur vor\u00fcbergehende Besserung. Inzwischen ist er nicht mehr spielbar. Von einer weiteren Restaurierung raten Experten ab.<\/p>\n<p>Das Klavier, das um 1800 immer in Fl\u00fcgelform gebaut wurde, war Beethovens ureigenstes Ausdrucksmittel. Lange bevor er zum gefeierten Sinfoniker wurde, machte er als Pianist Furore. Seine 32 Klaviersonaten werden bis heute wie ein Allerheiligstes verehrt. Kein Wunder also, dass man in Bonn gerne ein Instrument h\u00e4tte, das nicht nur die Aura des Meisters ausstrahlt, sondern in Konzerten auch die originale Klangwelt seiner Werke vermitteln kann.<\/p>\n<p>So kommt es, dass Malte Boecker, Direktor des Beethoven-Hauses, sich vor anderthalb Jahren aufgemacht hat ins belgische Ruiselede, einen kleinen Ort zwischen Gent und Br\u00fcgge, zu Chris Maene. Der 73-J\u00e4hrige f\u00fchrt nicht nur einen der gr\u00f6\u00dften Klavierbaubetriebe Europas, er ist auch ein Pionier des historischen Klavierbaus. Die Trennung von Alt und Neu, von Modernem und Vergangenem, wie sie bei den meisten Instrumentenmachern \u00fcblich ist, habe er nie mitgemacht, erz\u00e4hlt er. Und schon in den 70er-Jahren, als die Alte-Musik-Szene noch \u00fcberwiegend an Repliken von barocken Cembali, den Vorl\u00e4ufern der sogenannten Hammerklaviere, interessiert war, fing er an, sich mit der Klaviertechnik der Beethovenzeit zu besch\u00e4ftigen. Kaum jemand ist mit dem Mechanismus der gegen die Saiten schlagenden H\u00e4mmer so vertraut wie Maene, er kennt jedes kleinste Detail dieser sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts rasant fortentwickelnden Instrumentengattung. Und selbstverst\u00e4ndlich hat er auch schon Fl\u00fcgel aus der Werkstatt des Beethoven-Lieferanten Conrad Graf nachgebaut. <\/p>\n<p>Zum Selbstverst\u00e4ndnis des Beethoven-Hauses als Forschungseinrichtung geh\u00f6rt, dass das Prestige-Projekt \u201eBeethoven-Fl\u00fcgel\u201c flankiert wird von wissenschaftlichen Studien. Mit dabei ist beispielsweise Katharina Preller, eine junge Musikwissenschaftlerin der Universit\u00e4t M\u00fcnchen, die auf die Geschichte des Klavierbaus spezialisiert ist. Sie glich Chris Maenes vom Handwerklichen her gedachten Pl\u00e4ne mit den Befunden der Instrumentenforschung ab. Und sie gab ihren Segen, als Maene vorschlug, bei der Konstruktion des Geh\u00e4uses leicht vom Original abzuweichen \u2013 und zus\u00e4tzlich zu den L\u00e4ngsstreben auch diagonale Versteifungen in den Rahmen einzubauen. Denn ausgerechnet das Instrument, das Conrad Graf dem Gro\u00dfmeister der klassischen Klaviermusik in die Wohnung stellte, hatte er schw\u00e4cher konstruiert als andere seiner Instrumente. Eine R\u00f6ntgenaufnahme brachte das Dilemma ans Licht. Noch dazu hatte Graf mehr Saiten aufgezogen als \u00fcblich. Drei aus Draht gezogene Saiten pro Taste sind der Standard \u2013 doch bei diesem Instrument verwendete Graf vier. <\/p>\n<p>Mehr Spannung bei weniger Widerstandskraft: Verdrehungen und Verwringungen des Rahmens waren da programmiert. Warum Graf das tat? Dar\u00fcber k\u00f6nne man nur spekulieren, sagt Preller. Sie vergleicht den Klavierbau der damaligen Zeit mit der heutigen Handy-Entwicklung. \u201eDie Ver\u00e4nderungen kamen rasend schnell, die Musiker wollten immer das Neueste haben, und niemand dachte daran, dass ein Klavier Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte halten sollte.\u201c Doch f\u00fcr den Klavierbauer Chris Maene ist es Ehrensache, den Bonner Auftraggebern ein Instrument zu liefern, das nicht nur ein paar Jahre seinen Zweck erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Doch welche Bedeutung hatte dieser Fl\u00fcgel \u00fcberhaupt f\u00fcr den Komponisten? F\u00fcr eine Antwort muss man von \u201ePianos Maene\u201c in Ruiselede zum knapp 30 Kilometer entfernten Orpheus-Institut nach Gent fahren. An dieser Einrichtung, die das Ziel hat, Kunst und Wissenschaft zusammenzubringen, wirkt Tom Beghin. Der Pianist und Musikforscher hat eingef\u00e4delt, dass beim Projekt Beethoven-Fl\u00fcgel das Orpheus-Institut sowie die Universit\u00e4t in Leuven dem Beethoven-Haus als Partner zur Seite stehen. Denn f\u00fcr Beghin ist die Kopie des Graf-Fl\u00fcgels der letzte noch fehlende Baustein seiner jahrelangen Besch\u00e4ftigung mit dem Thema \u201eBeethoven und seine Klaviere\u201c. Beghin will verstehen, wie Werk und Instrument, Material und \u00c4sthetik ineinandergreifen. Oder, wie Beghin formuliert: \u201eWas haben die Instrumente mit Beethovens Musik gemacht?\u201c<\/p>\n<p>Das Labor dieser Forschung ist, \u00e4hnlich wie Chris Maenes Werkstatt, ein Raum im Untergeschoss. Dort stehen, eingepackt in wattierte Schutzh\u00fcllen, drei Fl\u00fcgel \u2013 allesamt Kopien von historischen Instrumenten. Nummer eins: ein Wiener Instrument aus der Werkstatt von Anton Walter. Mozart spielte noch auf solchen Fl\u00fcgeln, und auch Beethoven, der aus Bonn zugereiste Newcomer, startete damit in Wien seine Karriere. Nummer zwei: ein Fl\u00fcgel des franz\u00f6sischen Klavierbauers S\u00e9bastien \u00c9rard. Die Pianistenszene war um 1800 in heller Aufregung wegen des Klanges und der neuen technischen M\u00f6glichkeiten der \u00c9rard-Fl\u00fcgel. Also bestellte auch Beethoven und bekam 1803 seinen \u00c9rard. F\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter nahm Beethoven eine Lieferung aus England entgegen: einen Fl\u00fcgel der Klavierfirma Broadwood. Dessen Kopie ist Nummer drei in Beghins Experimentierraum.\u00a0<\/p>\n<p>In Kurzfassungen zur Historie des Klavierbaus hei\u00dft es, dass im 19. Jahrhundert die Instrumente gr\u00f6\u00dfer, stabiler und lauter wurden, um den Anforderungen des aufkommenden b\u00fcrgerlichen Musiklebens mit seinen \u00f6ffentlichen Konzerts\u00e4len gerecht zu werden. Mehr Tasten, mehr Tonumfang, mehr Klang. Das ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt der Wahrheit. Tom Beghin hat tiefere Erkenntnisse. Jahrelang hat er auf den Kopien der Beethoven-Instrumente ge\u00fcbt und gespielt. Er hat ihre Eigenschaften in allen Feinheiten erf\u00fchlt, die Widerst\u00e4nde der Tasten, das Nachgeben der Polsterungen, die klanglichen Effekte, die durch verschiedene Pedale erzeugt werden. Beghin lie\u00df sogar jene Geh\u00f6rmaschine nachbauen, von der Beethovens Besucher berichteten: einen monstr\u00f6sen Blechtrichter, der \u00fcber den Fl\u00fcgel gest\u00fclpt wurde, sodass dem ertaubenden Musiker die T\u00f6ne direkt in die Ohren dr\u00f6hnten.<\/p>\n<p>So kann Beghin an einzelnen Werken schl\u00fcssig zeigen, wie die Instrumente Einfluss auf Beethovens Musik nahmen; wie sie daf\u00fcr sorgten, dass Br\u00fcche und Neuheiten entstanden \u2013 und somit Beethovens viel ger\u00fchmte Modernit\u00e4t befeuerten. Die ber\u00fchmte \u201eWaldsteinsonate\u201c aus dem Jahr 1803: inspiriert durch das rauschende franz\u00f6sische Spiel, das auf einem \u00c9rard-Fl\u00fcgel quasi wie von selbst aus den Fingern flie\u00dft. Die letzten drei Sonaten Opus 109, 110 und 111: ohne den englischen Broadwood und seinen gr\u00f6\u00dferen Tonumfang undenkbar. Tom Beghin kann sogar exakt die Stelle in der vorausgehenden Sonate Opus 106 identifizieren, in der Beethoven vom \u00c8rard auf den Broadwood wechselte. <\/p>\n<p>Nach \u00c9rard und Broadwood, deren Originale in Linz und Budapest stehen, kommt nun also eine Kopie des letzten Instruments hinzu. Im Grunde war dieser Fl\u00fcgel von Conrad Graf die l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Antwort eines Wiener Klavierbauers auf die Provokation, dass Wiener Top-Musiker wie Beethoven seit Jahren Erzeugnisse aus Frankreich und England pr\u00e4ferierten. Doch der Graf-Fl\u00fcgel hatte einen Tonumfang von sechseinhalb Oktaven, das ist mehr als bei Beethovens \u00c9rard und mehr als bei seinem Broadwood. Und er war laut genug, um auch den Redoutensaal mit Klang zu f\u00fcllen.  <\/p>\n<p>Als Beethoven 1826, ein Jahr vor seinem Tod, den Graf-Fl\u00fcgel bekam, war er zwar l\u00e4ngst taub. Doch Tom Beghin ist davon \u00fcberzeugt, dass er das Instrument benutzte und zu Hilfe nahm, um Ideen auszuprobieren. Skizzen von Zeitgenossen zeigen, dass der Graf-Fl\u00fcgel direkt neben Beethovens Bett stand. Vom Schreibtisch waren es ebenfalls nur ein paar Schritte bis an die Tastatur.  \u201eWas genau sp\u00fcrte er, wenn er in die Tasten griff? Welche Vibrationen gab das Holz weiter? Welchen Effekt hatten die zus\u00e4tzlichen Saiten, die Graf eingezogen hatte?\u201c, fragt Beghin.<\/p>\n<p>Im kommenden Jahr will Chris Maene mit dem Nachbau fertig sein. Dann hat Tom Beghin f\u00fcnf Jahre Zeit, den Graf-Fl\u00fcgel in seinem Labor im Orpheus-Institut in Gent zu erforschen und Aufnahmen und Konzerte darauf zu spielen. So wurde es in den Vertr\u00e4gen dieses Projekts ausgehandelt. Erst danach kommt das Instrument ins Bonner Beethoven-Haus, zu seinem Zwilling, nach dessen Vorbild es geschaffen wird.<\/p>\n<p>afa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ludwig van Beethovens Fl\u00fcgel steht in seiner Geburtsstadt Bonn. Leider ist er nicht mehr spielbar. 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