{"id":1006046,"date":"2026-05-09T11:43:24","date_gmt":"2026-05-09T11:43:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1006046\/"},"modified":"2026-05-09T11:43:24","modified_gmt":"2026-05-09T11:43:24","slug":"sozialethiker-nass-betrachtet-erfolge-und-herausforderungen-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1006046\/","title":{"rendered":"Sozialethiker Nass betrachtet Erfolge und Herausforderungen Europas"},"content":{"rendered":"<p>Der 9. Mai ist Europatag. Gedacht wird heute an einen ersten Schritt der europ\u00e4ischen Einigung aus dem Jahr 1950: den Vorschlag des franz\u00f6sischen Au\u00dfenministers Robert Schuman zu einer europ\u00e4ischen Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl. Der Prozess der Einigung hat seitdem schon eine recht bewegte Geschichte mit Erfolgen und R\u00fcckschl\u00e4gen.\u00a0<\/p>\n<p>Vers\u00f6hnung nach dem Krieg war 1950 das gro\u00dfe Ziel. Vor allem wirtschaftliche B\u00fcndnisse waren der Weg. Heute merken wir: Das allein reicht nicht. In Europa herrscht Krieg. Die Freiheit ist bedroht, nicht nur durch Russland, sondern auch durch die Weltmachtsambitionen Chinas und die Unberechenbarkeit der USA unter Donald Trump. Die Zukunft der NATO ist in Gefahr. Das Ziel europ\u00e4ischer Einigkeit ist dringender denn je. Und die kann nicht allein auf \u00d6konomie fu\u00dfen. Vielmehr braucht es auch eine Vision der Werte, welche die Menschen und V\u00f6lker freundschaftlich verbindet.\u00a0<\/p>\n<p>Gemeint ist damit nicht ein utopischer Traum, mit dem man besser zum Arzt gehen sollte, wie es einst Helmut Schmidt ironisch meinte. Vielmehr geht es um das Ziel, der europ\u00e4ischen Idee ein moralisches Fundament zu geben, das Einigkeit und Resilienz st\u00e4rkt. Es muss aus vern\u00fcnftigen Inhalten bestehen, um verstanden zu werden. Und begeistern. Dazu geh\u00f6ren transparente Grundwerte: gut begr\u00fcndete Ideen von Menschenw\u00fcrde, Zusammenleben und Verantwortung. Ebenso gemeinsame Vorstellungen von Gerechtigkeit und Frieden. Solch ein Kompass ist das Gewissen einer Gesellschaft oder Gemeinschaft von Staaten. Hierf\u00fcr m\u00fcssen die Menschen der verschiedenen Nationen gewonnen werden. Am Europatag m\u00f6chte ich eine Vision vers\u00f6hnter Freundschaft zur Diskussion stellen. Nicht als fertiges Ergebnis, sondern als einen Korridor, den wir gemeinsam gehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Eine Kultur von individueller Freiheit<\/p>\n<p>Daf\u00fcr braucht es eine Analyse: Wir befinden uns in einem globalen Wettstreit der Kulturen, in dem freiheitliche Ideen des Westens bislang vor allem durch Ideale des American Dream gepr\u00e4gt sind. Dieser Traum steht seit der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung der Vereinigten Staaten f\u00fcr eine Kultur von individueller Freiheit. Sie wurzelt im Christentum und Liberalismus. Sie steht f\u00fcr individuelle Menschenrechte, rechtsstaatliche Gewaltenteilung, demokratischen Wettbewerb der Parteien, eine marktwirtschaftliche Privateigentumsordnung und hat das V\u00f6lkerrecht ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt. Europa muss mit einer eigenen Vision auf der Seite der Freiheit stehen, ohne das amerikanische Vorbild zu kopieren.\u00a0<\/p>\n<p>Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erhebt nun vor allem China den Anspruch, mit einem autorit\u00e4ren Menschen- und Gesellschaftsbild und einem gro\u00dfen Traum von neuer St\u00e4rke die globale Ordnung nach eigenen Regeln zu ver\u00e4ndern. Russland tritt auf als Aggressor. Und in Teilen der islamischen Welt schlummert die Vision einer globalen Pax islamica. Europa steht vor der Herausforderung, im Wettstreit der Kulturen mit einer eigenen Vision der Werte Position zu beziehen, um nicht von Interessen anderer instrumentalisiert oder kulturell und politisch zerrieben zu werden. Diese Vision muss dem eigenen Kulturpfad folgen und zugleich ein wegbares Zukunftsideal vorgeben.<\/p>\n<p>&#8222;Vers\u00f6hnte Freundschaft&#8220;<\/p>\n<p>Inhaltlich ist die Vision eine moralische Kulturidee, die (noch) nicht mit staatlicher Einheit korrespondiert. Schauen wir auf die gemeinsame Geschichte und von da aus optimistisch in die Zukunft. &#8222;Vers\u00f6hnte Freundschaft&#8220; kann ein solches Fundament sein. Sie lernt aus der schmerzhaften Geschichte jahrhundertelanger Feindschaften, Kriege und Konflikte, aus den dunklen Erfahrungen von Kolonialismus, Vernichtung und Vertreibung. Sie schlie\u00dft an deren Stelle einen Bund der Zuneigung, Treue, Solidarit\u00e4t und Verl\u00e4sslichkeit. Diese Vision ist freiheitlich und humanistisch. Sie grenzt sich von Diktaten der so genannten kommunistischen &#8222;V\u00f6lkerfreundschaften&#8220; ab. Freiheitliche Vers\u00f6hnung der V\u00f6lker geht Hand in Hand mit einer Vers\u00f6hnung der humanistischen Traditionen, die Europas Kultur pr\u00e4gen und seine Werte begr\u00fcnden. Das sind vor allem die Philosophie der Antike, das Christentum, die Aufkl\u00e4rung und ein vernunftbasierter Liberalismus. Solche Vielfalt guter Begr\u00fcndungen gleicher Werte bereichert und st\u00e4rkt das Fundament. Sie ist unvereinbar mit einem ethischen Synkretismus oder einer Ideologie blo\u00df behaupteter Werte.\u00a0<\/p>\n<p>Der so begr\u00fcndete europ\u00e4ische Humanismus dr\u00fcckt die gemeinsame \u00dcberzeugung aus, dass gesellschaftliches Leben und Recht von der Entfaltung jedes Menschen als Person zu verstehen sind. So werden unbedingte Rechte und Pflichten des Menschen begr\u00fcndet. Weitere religi\u00f6se oder s\u00e4kulare Humanismen sind unter diesen Pr\u00e4missen als Freunde in der Koalition willkommen. Die Vision gibt dem Pfad der europ\u00e4ischen Kulturgeschichte in die Zukunft eine Richtung. Die normative Orientierung steht gegen Beliebigkeit. Mit diesem Wertekorridor ist zugleich die T\u00fcr ge\u00f6ffnet f\u00fcr eine lebendige Entwicklung in die Zukunft. Das steht gegen starren Dogmatismus. Und der Gedanke der Vers\u00f6hnung st\u00e4rkt das Band einer reifen Freundschaft in Vielfalt zwischen V\u00f6lkern, Menschen und Ideen. Das entspricht unserer Geschichte und gibt der Freiheitsidee eine europ\u00e4ische Note.<\/p>\n<p>Mit gutem Beispiel vorangehen<\/p>\n<p>Die Umsetzung ist keineswegs trivial: Zuerst gilt es, mit gutem Beispiel voranzugehen und inneren Frieden in einem freundschaftlich-friedlichen Miteinander der V\u00f6lker umzusetzen. Aus diesem Geist der Einigkeit erw\u00e4chst Resilienz gegen\u00fcber Gefahren von au\u00dfen. Aber auch die Kraft, sich selbstbewusst f\u00fcr stabilen Frieden einzusetzen. So wird Europa im Kampf der Kulturen wehrhaft an der Seite der Freiheit stehen. Diese Vision kann begeistern. Als Ziel verspricht sie kein Paradies auf Erden. Irdische Eschatologie hat im letzten Jahrhundert den Kontinent und die Welt ins Verderben gef\u00fchrt. Eine europ\u00e4ische Identit\u00e4t und ein europ\u00e4ischer Patriotismus m\u00fcssen aber erst noch wachsen. Inhalte mancher Werte sind umstritten, und die Wurzeln m\u00fcssen weiter gefestigt werden. Deshalb blicken wir am Europatag 2026 dem\u00fctig auf Etappen, die noch vor uns liegen.\u00a0<\/p>\n<p>Wir sind zugleich stolz darauf, dass wir schon gro\u00dfe Fortschritte im Geist vers\u00f6hnter Freundschaft gegangen sind. Das macht optimistisch f\u00fcr den Weg in die Zukunft. Baumeister der Vision ist hierbei nicht eine Partei, nicht eine Ideologie, nicht eine autorit\u00e4re Macht oder Avantgarde. Baumeister sind die V\u00f6lker Europas und damit deren Menschen. Deren Wertevorstellungen bleiben auf dem Weg ein Korrektiv, um den moralischen Korridor der Vision lebendig zu halten. Vernunft, Einsicht und Emotionalit\u00e4t k\u00f6nnen und sollen so die Menschen \u00fcberzeugen und begeistern, Europa weiterzubringen: aus dem Geist, auf dem Pfad und mit dem Ziel vers\u00f6hnter Freundschaft als freiheitlich-humanistischer Vision.\u00a0<\/p>\n<p>Konkrete Ideen k\u00f6nnten etwa sein: ein emotionaler Akt an einem emotionalen Ort, bei dem sich die Gr\u00fcndungsl\u00e4nder mit einer Deklaration feierlich verpflichten. Auf einer Fahne sollte die Zahl der Sterne o.a. der tats\u00e4chlichen Zahl der beteiligten L\u00e4nder entsprechen. Zentrale Werte k\u00f6nnten mit L\u00e4nderpatenschaften und Patronaten verbunden werden: etwa Charles de Gaulle f\u00fcr Vers\u00f6hnung, Erasmus von Rotterdam f\u00fcr Humanismus und Freundschaft der V\u00f6lker, Hannah Arendt f\u00fcr vers\u00f6hnte Vielfalt, Giovanni Pico della Mirandola f\u00fcr die Menschenw\u00fcrde, Papst Johannes Paul II. f\u00fcr Freiheit, Vaclav Havel f\u00fcr Frieden, Aristoteles f\u00fcr Gerechtigkeit, Adam Smith gegen Autoritarismus, Immanuel Kant f\u00fcr die Vernunft u.a. Solche Patrone stehen f\u00fcr einen europ\u00e4ischen Patriotismus, der regionale Patriotismen erg\u00e4nzt und emotional eint.<\/p>\n<p>Vision eines bereichernden Miteinanders<\/p>\n<p>Ein Blick in die Zukunft geht noch weiter: Mittelfristig muss sich Europa im realen Kampf der Kulturen behaupten. Langfristig sollte es diesen Kampf nicht mehr geben: kein Gegeneinander mehr, sondern ein bereicherndes Miteinander der verschiedenen sozialen Visionen. Im Geist vers\u00f6hnter Freundschaft. Das ist die globale Mission, und hoffentlich mehr als blo\u00dfe Utopie.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Information:<\/strong> Zum Thema hat der Autor ein Buch geschrieben:<br \/>Nass, Elmar (2026): Ein Traum der Freiheit f\u00fcr Europa. F\u00fcr Einheit und Resilienz im globalen Kampf der Kulturen, Stuttgart: Kohlhammer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der 9. Mai ist Europatag. 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