{"id":1006085,"date":"2026-05-09T12:03:30","date_gmt":"2026-05-09T12:03:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1006085\/"},"modified":"2026-05-09T12:03:30","modified_gmt":"2026-05-09T12:03:30","slug":"50-jahre-leipzig-gruenau-was-die-fotos-von-harald-kirschner-ueber-den-stadtteil-erzaehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1006085\/","title":{"rendered":"50 Jahre Leipzig-Gr\u00fcnau \u2013 Was die Fotos von Harald Kirschner \u00fcber den Stadtteil erz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\nDer Flieder duftet. Kastanien strecken ihre Bl\u00fcten in den blauen Himmel. Aus dem Geb\u00fcsch zwischen zwei Wohnblocks ruft ein Sprosser. Ganz sch\u00f6n gr\u00fcn ist es in Gr\u00fcnau. In einem der sogenannten Punkthochh\u00e4user bewohnt der Fotograf Harald Kirschner eine Maisonette-Wohnung im 15. und 16. Stock. Dort angekommen, weist Kirschner zuerst aus dem Fenster: &#8222;Deswegen sind wir noch hier.&#8220; Der Ausblick \u00fcber Leipzig ist atemberaubend.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nSeit 1981 wohnt das Ehepaar Harald und Jutta Kirschner hier. Der Fotograf und die Illustratorin bekamen die dringend ben\u00f6tigte Wohnung damals \u00fcber den Bund Bildender K\u00fcnstler zugeteilt, als ihr zweites Kind unterwegs war.\n<\/p>\n<p><a name=\"Ostmark\"><strong>130<\/strong><\/a><strong> Quadratmeter f\u00fcr 200 Ostmark<\/strong><\/p>\n<p class=\"text\">\nDer Antrag lief da schon vier Jahre. &#8222;Auf einmal hie\u00df es: Wir haben eine Wohnung f\u00fcr euch!&#8220; Die Freude dar\u00fcber sei aber recht schnell verflogen, erz\u00e4hlt Kirschner: &#8222;Als wir h\u00f6rten, die sei in Gr\u00fcnau, waren wir entt\u00e4uscht.&#8220; Das K\u00fcnstlerpaar bef\u00fcrchtete, in diesem noch unfertigen und zudem abgelegenen Viertel vom kulturellen Leben der Stadt abgeschnitten zu sein. &#8222;Viele haben dann gesagt: Also wenn ihr das nicht macht, dann seid ihr bl\u00f6d. Das sind immerhin 130 Quadratmeter \u2013 und das f\u00fcr 200 Ostmark, das war ja geschenkt.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nInzwischen sind die Kinder aus dem Haus und der Fotograf hat sich mit Dunkelkammer und einem Arbeitsraum im Obergeschoss eingerichtet. Dort schlummern, in Grafikschr\u00e4nken und unz\u00e4hligen Schachteln, die Abz\u00fcge und Negative aus 50 Schaffensjahren.\u00a0\n<\/p>\n<p><a name=\"Leben\"><strong>Das<\/strong><\/a><strong> Leben vor der Haust\u00fcr einfangen<\/strong><\/p>\n<p class=\"text\">\n1944 in Reichenberg, dem heutigen Liberec, geboren, studierte Kirschner ab 1968 an der Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Sieghard Liebe und Heinz F\u00f6ppel. Seitdem ist die sozialdokumentarische Fotografie sein Metier. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen, positiv wie negativ, ist ihm bis heute wichtig.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Als ich dann hier nach Gr\u00fcnau zog, da lag das Thema vor meiner Haust\u00fcr&#8220;, berichtet er, &#8222;da brauchte ich blo\u00df rausgehen und fotografieren.&#8220; Nur Zeit habe man mitbringen m\u00fcssen, meint er. Warten auf den richtigen Moment, um dann schnell auf den Ausl\u00f6ser zu dr\u00fccken. Manchmal, so erz\u00e4hlt er mit schelmischem L\u00e4cheln, habe er als Tarnung auch seine kleine Tochter mitgenommen: &#8222;Das war auch ein Schutz: da kommt ein Vater mit dem Kinderwagen, mit dem Baby. Da kann nichts passieren.&#8220;\n<\/p>\n<p><a name=\"Gummistiefel\"><strong>Gummistiefel<\/strong><\/a><strong> f\u00fcr das &#8222;Schlammhausen&#8220; Gr\u00fcnau<\/strong><\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Aufnahmen, die damals entstehen, zeigen ein ganz anderes Gr\u00fcnau. Eines, das den Beinamen &#8222;Schlammhausen&#8220; trug. Noch ohne Kastanienb\u00e4ume und Fliederb\u00fcsche. Stattdessen allgegenw\u00e4rtig auf den Fotos: Gummistiefel. Noch immer wuchsen neue Wohnbl\u00f6cke in die H\u00f6he. \u00dcberall warteten Baumaterial und Baumaschinen auf ihren Einsatz. Befestigte Stra\u00dfen fehlten hingegen noch, erinnert sich Kirschner: &#8222;F\u00fcr uns war damals wichtig: Wie wollen wir heimisch werden? Wie wollen wir uns wohlf\u00fchlen und sozial miteinander leben?&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nHarald Kirschner setzt sich ein, wird zeitweilig Leiter der Hausgemeinschaft, die regelm\u00e4\u00dfig Kinderfeste organisiert oder sich um die Au\u00dfenanlagen k\u00fcmmert. Nebenbei h\u00e4lt er das gemeinsame Vortasten in dieses neue, noch unbekannte Leben, mit seiner Kamera fest. Vor allem die Kinder: Inmitten von Schuttbergen spielend, beim Herumklettern auf halsbrecherisch hohen Betonelementen, beim Baden in Pf\u00fctzen.\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">F\u00fcr uns war damals wichtig: Wie wollen wir heimisch werden? Wie wollen wir uns wohlf\u00fchlen und sozial miteinander leben?<\/p>\n<p>Harald Kirschner, Fotograf<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Abenteuerspielplatz Baustelle<\/strong><\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Das Besondere war, dass die Kinder diesen Zustand voll in Besitz nahmen&#8220;, erkl\u00e4rt Kirschner sein Interesse. Ein gro\u00dfer Abenteuerspielplatz sei das Viertel f\u00fcr sie gewesen. &#8222;Da wurde gebaut und gespielt. Manches war auch durchaus gef\u00e4hrlich. Ich staune selbst, dass wir das damals so einfach zugelassen haben.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAuch nach dem Mauerfall fotografiert Kirschner die Ver\u00e4nderungen vor seiner Haust\u00fcr: Den Einzug der Westprodukte in die Kaufhallen, die Container-Filiale einer Bank. Seine j\u00fcngste Bilderstrecke entstand in einem Elfgeschosser, kurz vor dessen Abriss. In dem von den Bewohnern liebevoll &#8222;Eiger Nordwand&#8220; genannten Block fotografierte er die Wohnungen, nachdem alle Mieter ausgezogen waren.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nHeute vermisst der 82-J\u00e4hrige vor allem das Miteinander in den Hausgemeinschaften. Auf die Frage, was er, ganz pers\u00f6nlich, an Gr\u00fcnau m\u00f6ge, muss er erstmal \u00fcberlegen: &#8222;Den Kulkwitzer See. Der ist gar nicht so weit und der hat das sch\u00f6nste Wasser in Sachsen. Echt.&#8220; Dabei schaut er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers in die Ferne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Flieder duftet. 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