{"id":1007690,"date":"2026-05-10T04:07:15","date_gmt":"2026-05-10T04:07:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1007690\/"},"modified":"2026-05-10T04:07:15","modified_gmt":"2026-05-10T04:07:15","slug":"berlin-fernglas-statt-handy-warum-die-gen-z-jetzt-birden-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1007690\/","title":{"rendered":"Berlin | Fernglas statt Handy: Warum die Gen Z jetzt Birden geht"},"content":{"rendered":"<p>Berlin (dpa) &#8211; Ist das ein Rotmilan? Dahinten fliegt ein Reiher! H\u00f6rst du den Gesang der Grauammer? F\u00fcr die meisten Jugendlichen sind das eher ungew\u00f6hnliche S\u00e4tze. F\u00fcr die zehn jungen Leute, die an einem Sonntagabend auf dem ehemaligen Gel\u00e4nde des Flughafens Tegel in Berlin stehen und mit Ferngl\u00e4sern in die Luft gucken, nicht. Sie sind zwischen 12 und 26 Jahren alt &#8211; und sie sind Vogel-Vollprofis.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abSeit ich im Young Birders Club bin, gehe ich ungef\u00e4hr jedes Wochenende raus\u00bb, sagt Ole, 12 Jahre alt. Birding hei\u00dft so viel wie Vogelbeobachtung, klingt aber ein bisschen cooler. Deutschlandweit hat der Nabu etwa f\u00fcnf dieser Gruppen. In Berlin ist Ole der J\u00fcngste. \u00abMeine Freunde finden mich auch ein bisschen verr\u00fcckt, weil ich recht fr\u00fch aufstehe.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Ole und die anderen Jugendliche r\u00e4umen mit einem weit verbreiteten Klischee auf: Dass Vogelbeobachten etwas f\u00fcr alte M\u00e4nner in Trekking-Outfits sei. Auf Instagram und YouTube gibt es immer mehr junge Influencer, die ihre Beobachtungen teilen und \u00fcber V\u00f6gel aufkl\u00e4ren. \u00dcber Apps vernetzt sich die Szene miteinander, teilt ungew\u00f6hnliche Sichtungen, organisiert Treffen.\u00a0<\/p>\n<p>Laut einer Studie aus Gro\u00dfbritannien, \u00fcber die die britische Zeitung \u00abGuardian\u00bb berichtet hat, ist Vogelbeobachtung nach dem Schmuckbasteln das am zweitschnellsten wachsende Hobby der Generation Z. Fast 750.000 Angeh\u00f6rige dieser Generation der zwischen 1995 und 2010 Geborenen in Gro\u00dfbritannien beobachten demnach regelm\u00e4\u00dfig V\u00f6gel.<\/p>\n<p>Immer mehr Frauen finden Gefallen an dem Hobby<\/p>\n<p>Vergleichbare Zahlen gibt es f\u00fcr Deutschland nicht, aber: \u00abAuf jeden Fall sinkt das Alter\u00bb, sagt Christopher K\u00f6nig vom Dachverband Deutscher Avifaunisten. \u00abLange Zeit hatte das Hobby den Ruf, dass das nur alte M\u00e4nner in komischen Klamotten machen.\u00bb Doch inzwischen gebe es immer mehr junge Vogel-Enthusiasten. \u00abAuch der Frauenanteil nimmt zu \u00fcber die Jahre.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Auf dem Gel\u00e4nde des ehemaligen Flughafens Tegel holt Cora ihr Spektiv raus. Die 18-J\u00e4hrige geht in der Regel mindestens einmal in der Woche Birden, inklusive Kamera, Fernglas und Audiorekorder f\u00fcr Vogelstimmen. Auf ihrem Handy hat sie ein PDF eines sehr detaillierten Handbuchs f\u00fcr europ\u00e4ische V\u00f6gel &#8211; leider nur auf Holl\u00e4ndisch.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abIch habe mich generell schon viel f\u00fcr Natur interessiert. Dann habe ich irgendwann ein Fernglas geschenkt bekommen. Dann war Corona und ganz ganz viel Zeit, um drau\u00dfen zu sein\u00bb, erz\u00e4hlt Cora. Wenn man die Jugendlichen fragt, wie sie zum Birden kamen, f\u00e4llt h\u00e4ufig das Stichwort Corona. Auch die 18-j\u00e4hrige Charlotte ist w\u00e4hrend der Pandemie aus Langeweile mehr rausgegangen und entdeckte so ihre Begeisterung f\u00fcr Natur und V\u00f6gel. \u00abMir macht es Spa\u00df, weil es ein Weg ist, drau\u00dfen zu sein.\u00bb F\u00fcr sie sei es auch ein guter Ausgleich zum Smartphone.\u00a0<\/p>\n<p>Es ist auff\u00e4llig, dass die jungen Birder w\u00e4hrend der dreieinhalbst\u00fcndigen Exkursion fast gar nicht aufs Handy schauen. Die Unterhaltungen werden h\u00f6chstens von begeisterten Ausrufen und einem in die H\u00f6he schnellenden Finger unterbrochen, wenn jemand einen Vogel entdeckt.\u00a0<\/p>\n<p>Manchmal folgt beim n\u00e4heren Hinsehen Ern\u00fcchterung: \u00abAh, das ist eine Taube.\u00bb Doch es sind auch einige Highlights dabei. \u00abStopp, eine Weihe!\u00bb, ruft Gruppenleiter Manuel Tacke einmal pl\u00f6tzlich. Lauter Ferngl\u00e4ser richten sich zum Himmel. Teilnehmer Theo hat eine Kamera mit riesigem Objektiv und versucht den Vogel wie ein Paparazzo aufs Bild zu kriegen. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass das am Himmel eine Wiesenweihe war, ein sehr seltener Brutvogel, der so gut wie nie in Berlin gesichtet wird.<\/p>\n<p>Der Reiz des Analogen z\u00e4hlt zu den Gr\u00fcnden, warum das Hobby gerade bei jungen Menschen Anklang findet. In einer stressigen Welt tue es einfach gut, in der Natur zu sein, sagt Laura Muschiol, Co-Leiterin des Young Birders Clubs. \u00abIn der aktuellen Weltlage ist es, glaube ich, total wohltuend, zu sehen, dass bestimmte Sachen immer wieder kommen. Der Vogel, den ich bei mir im Park habe, der ist auch dieses Jahr wieder da, egal, was in den Nachrichten gerade abgeht. Und das ist auch ein bisschen was Tr\u00f6stendes, glaube ich\u00bb, sagt die 33-J\u00e4hrige. Die Jugendlichen tr\u00e4fen sich auch abseits der Touren und beteiligten sich an deutschlandweiten Monitoring-Programmen.\u00a0<\/p>\n<p>Viele nutzen daf\u00fcr die Plattform ornitho.de, die vom Dachverband Deutscher Avifaunisten betrieben wird. Auch Hobby-Ornithologinnen und Ornithologen k\u00f6nnen sich dort registrieren und ihre eigenen Beobachtungen eintragen, wenn m\u00f6glich, mit Foto und Tonaufnahme. Unterwegs geht das \u00fcber die App Naturalist. 500 sogenannte Regionalkoordinatoren sichten die eingehenden Beobachtungen und \u00fcberpr\u00fcfen sie auf ihre Plausibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Tausende Vogel-Meldung pro Tag<\/p>\n<p>\u00abWir sind begeistert, wie hoch der Zuspruch ist\u00bb, sagt K\u00f6nig. Allein vergangenes Jahr h\u00e4tten sich 6.000 Menschen neu bei Ornitho registriert. \u00abDas ist ein neuer Rekord.\u00bb Bei gutem Wetter w\u00fcrden pro Tag teilweise mehr als 100.000 Meldungen eingehen. \u00abWir merken in den letzten Jahren auf jeden Fall einen Zustrom.\u00bb In der Pandemie ging es so richtig los. Die Begeisterung f\u00fcr V\u00f6gel hielt auch danach an.\u00a0<\/p>\n<p>F\u00fcr die Wissenschaft ist das ein Gewinn, sagt K\u00f6nig. Zus\u00e4tzlich zu offiziellen Z\u00e4hlungen helfen die Daten von Hobby-Ornithologen, Bestandsver\u00e4nderungen zu bemerken, wie der Biogeograph erkl\u00e4rt. Vor allem V\u00f6geln der Agrarlandschaften gehe es in Deutschland schlecht. \u00abDa haben wir Arten, die sehr, sehr stark zur\u00fcckgegangen sind.\u00bb Beispiele seien das Rebhuhn, die Feldlerche oder der Kiebitz.\u00a0<\/p>\n<p>Die jungen Hobby-Ornithologinnen und -Ornithologen aus Berlin haben bis zum Ende ihres Ausflugs zwei Kiebitze entdeckt. Auch sonst ist ihre Liste beeindruckend: 45 verschiedene Vogelarten stehen darauf, darunter 7 Mauersegler, 150 Nebelkr\u00e4hen, 5 Braunkehlchen &#8211; eine stark gef\u00e4hrdete Art -, 6 Steinschm\u00e4tzer, 2 Schwarzmilane und ein Girlitz. Selbstverst\u00e4ndlich haben sie alle Beobachtungen online gemeldet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin (dpa) &#8211; Ist das ein Rotmilan? Dahinten fliegt ein Reiher! H\u00f6rst du den Gesang der Grauammer? 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