{"id":1008248,"date":"2026-05-10T09:58:16","date_gmt":"2026-05-10T09:58:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1008248\/"},"modified":"2026-05-10T09:58:16","modified_gmt":"2026-05-10T09:58:16","slug":"berlin-staatsoper-unter-den-linden-die-schweigsame-frau-erste-vorstellung-einer-fuenferreiheonline-merker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1008248\/","title":{"rendered":"\u00bb BERLIN \/ Staatsoper Unter den Linden: DIE SCHWEIGSAME FRAU; erste Vorstellung einer F\u00fcnferreiheOnline Merker"},"content":{"rendered":"<p><strong>BERLIN \/ Staatsoper Unter den Linden: DIE SCHWEIGSAME FRAU; erste Vorstellung einer F\u00fcnferreihe; 9.5.2026<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eIn Sch\u00f6nheit sterben\u201c \u2013 Christian Thielemann als spiritus rector dieser feinst ziselierten, klangwirbelnden Tragikom\u00f6die<\/strong><\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-464752\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/frau1.jpg\" alt=\"frau1\" width=\"600\" height=\"360\"  \/><br \/>Copyright: Bernd Uhlig<\/p>\n<p>Der 10. Mai ist heute nicht nur Muttertag, sondern es gilt auch dem Gedenken an den 10. Mai 1933. Ein Mahnmal am Bebelplatz neben der Oper erinnert an die <strong>B\u00fccherverbrennung,<\/strong> als unter anderem Studenten des Nationalsozialistischen Studentenbundes und Professoren unter der musikalischen \u201aAnfeuerung\u2018 von SA- und SS an die 20.000 B\u00fccher von j\u00fcdischen und anderen missliebigen Autoren verbrannten. Darunter auch diejenigen von <strong>Stefan Zweig<\/strong>, dem <strong>Librettisten von \u201eDie schweigsame Frau\u201c<\/strong>. Insofern darf die gestrige Auff\u00fchrung vor allem dem Augenmerk auf die fantastischen Qualit\u00e4ten des Textbuchs gewidmet sein.<\/p>\n<p>Stefan Zweig und Richard Strauss hatten sich Anfang der 30iger Jahre kennengelernt, als Strauss am 13.7.1929 sein Haus- und Hofdichter Hugo von Hofmannsthal nach einer Zusammenarbeit an Opern und Balletten durch dessen fr\u00fchen Tod unerwartet abhanden kam. Der Dichter war zwei Tage nach dem Suizid seines Sohnes im Alter von 55 Jahren einem Schlaganfall erlegen.<\/p>\n<p>Strauss und Zweig h\u00e4tten, wenn die Geschichte politisch eine andere gewesen w\u00e4re, zu einer langj\u00e4hrigen bedeutenden k\u00fcnstlerischen Kooperation gefunden. Denn das Libretto zu der Oper \u201eDie schweigsame Frau\u201c, eine der wortm\u00e4chtigsten Opern \u00fcberhaupt, steht in ihrer alt\u00f6sterreichischen Bunt- und Derbheit, ihrer feinsinnigen philosophischen Durchwirkung von Alter und Liebe, Loyalit\u00e4t und Gaunertum dem Rosenkavalier in nichts nach. Dass Richard Strauss bei aller ungeheuren Kunstfertigkeit der Partitur von impressionistischem Farbenspiel, polyphonem Geschick bis zu Anleihen barocker Provenienz f\u00fcr \u201eDie schweigsame Frau\u201c nicht mehr auf einer vergleichbaren H\u00f6he seiner Inspiration agierte, steht auf einem anderen Blatt. Die Urauff\u00fchrung mit Maria Cebotari und Kurt B\u00f6hme in den Hauptpartien fand jedenfalls Ende Juni 1935 unter der musikalischen Leitung von Karl B\u00f6hm in Dresden statt. Nach drei Vorstellungen war Schluss.<\/p>\n<p>An der Wiener Staatsoper \u201cAufgewachsenen\u201c war diese Spielopern-Kom\u00f6die (erstaunlich viel Text wird gesprochen und nicht gesungen) nicht nur in Premierenserien, sondern auch in zahlreichen, sicher kaum geprobten Repertoireauff\u00fchrungen Ende der siebziger Jahre mit der jungen un\u00fcberbietbaren Edita Gruberova (eine ihrer besten Rollen \u00fcberhaupt) oder alternierend Patricia Wise zug\u00e4nglich. Sp\u00e4ter sollte Nathalie Dessay nach der Neuproduktion vom 21.12.1996 diese komische Primadonnenkoloraturrolle \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Dank der Initiative des Generalmusikdirektors der <strong>Staatsoper Unter den Linden<\/strong>, <strong>Christian Thielemann,<\/strong> wurde \u201eDie schweigsame Frau\u201c zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses in einer Produktion von <strong>Jan Philipp Gloger<\/strong> am 19. Juli 2025 vorgestellt und dreimal gespielt. Jetzt fand die erste einer Reihe von f\u00fcnf Vorstellungen, die vierte insgesamt, statt.<\/p>\n<p>Die Partitur ein wenig zurechtgestutzt, verlegte Gloger die Handlung in eine Westberliner Luxuswohnung im Hier und Heute. Der Hit des Ganzen ist das B\u00fchnenbild von <strong>Ben Baur<\/strong>. Er schuf eine beeindruckend realistische Zimmerflucht, die seitw\u00e4rts verschiebbar unterschiedliche Perspektiven auf verschiedene R\u00e4umkonstellationen erlaubt.<\/p>\n<p>Die Personenregie der gro\u00dfen Ensembleszenen beschr\u00e4nkt sich aufgrund der Enge von Vorraum, Schlafzimmer &amp; Co. auf ein gedr\u00e4ngt harmloses Gezappel aller Beteiligten. Das sieht dann bisweilen so aus, als ob ein paar ganz nach Berliner Art schlecht angezogene Teenies (Kost\u00fcme <strong>Justina Klimczyk<\/strong>) auf dem Weg zur Pride dringend mal aufs Klo m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Der Hauptgrund aber, warum Glogers Regieeinf\u00e4lle nicht zur spritzigen Kom\u00f6die taugen, liegt darin, dass er versucht, soziale Allerweltsthemen wie Alterseinsamkeit (Wussten Sie, dass Einsamkeit so sch\u00e4dlich ist wie 15 Zigaretten am Tag? Na, jetzt wissen wir es), Berliner Wohnungsnot, \u00fcberteuerte Drecksl\u00f6cher sowie K\u00fcnstlerprekariat als eine Art Boulevard-Faktencheck, nicht aber als politisch konkrete Desiderate hineinzustopfen, wo sie eigentlich nichts verloren haben. Das lastet wie moralisches Blei auf dem Abend.<\/p>\n<p>Die andere Verschiebung zur dringenden Funktionst\u00fcchtigkeit von \u201eDie schweigsame Frau\u201c liegt an der Besetzung der Aminta. Als Gegen\u00fcber auf Augenh\u00f6he mit dem S\u00e4nger des grantelnden, kriegsversehrten Sir Morosus bedarf es einer ebenso charismatischen wie stimmlich zwingenden Besetzung. Leider kann die tapfere <strong>Brenda Rae<\/strong> als Aminta\/\u201aTimidia\u2018, die sich in ein keifendes Monster verwandelt, um den H\u00f6rempfindlichen zu \u201ekurieren\u201c, mit dem mit allen B\u00fchnenwassern gewaschenen, unglaublich differenziert auftretenden und vokal ausreichend brummigen <strong>Peter Rose<\/strong> nicht mithalten. Ich habe die ungemein h\u00f6hensichere S\u00e4ngerin einst an der Pariser Oper als Zerbinetta erlebt. Schon damals mangelte es an Volumen, kerniger Mittellage und Tiefe sowie urkom\u00f6diantischer Ader. Dieselben Defizite st\u00f6ren mich bei ihrer Aminta an der Staatsoper Unter den Linden, wo lange Passagen vor allem im Parlando fast unh\u00f6rbar sind und die S\u00e4ngerin als Darstellerin blass bleibt. So fehlt der n\u00f6tige dramaturgische Gegenpol zum starrsinnigen Admiralshaudegen in Ruhe.<\/p>\n<p>Vokal und darstellerisch hinrei\u00dfend bestellt ist es hingegen neben Peter Roses Charakterstudie um die Besetzung aller restlichen m\u00e4nnlichen Partien. Der lyrische Bariton <strong>Samuel Hasselhorn<\/strong>, einer der besten Lieds\u00e4nger weltweit, brilliert als intriganter, geldgieriger Barbier Schneidebart. In allen Lagen top, stellt der \u201eErzkoch des Teufels\u201c seine wandelbare Stimme in den ausbalancierten Dienst von Wort und Ton.<\/p>\n<p>Noch eindr\u00fccklicher agiert der s\u00fcdafrikanische Tenor <strong>Siyabonga Maqungo<\/strong> als zwischendurch enterbter Neffe (ein echter Morosus singt nicht!) des beg\u00fcterten Onkels und Chef einer Opernchaostruppe, Henry Morosus. Seit der Spielzeit 2020\/21 stolzes Ensemblemitglied des Hauses, geh\u00f6rt sein leuchtkr\u00e4ftiger, wunderbar individuell timbrierter, in der H\u00f6he nochmals golden aufbl\u00fchender, bestens fokussierter Tenor zum Besten, was die junge Generation an Operns\u00e4ngern hervorgebracht hat. Er edelt nicht zuletzt mit seinem glaubhaften Engagement jede Opernauff\u00fchrung, an der er teilnimmt.<\/p>\n<p>Imponieren und aufhorchen lassen, was der s\u00e4ngerische Nachwuchs des Hauses noch zu bieten hat: Der russisch griechische <strong>Dionysios Avgerinos <\/strong>stellt seinen kernigen Bariton als Morbio und falscher Notar markant zur Schau. Die mit dieser Saison frisch engagierte Ensemblebereicherung <strong>Manuel Winckhler<\/strong> als Vanuzzi und gefakter Priester imponiert mit seiner virilen, vollt\u00f6nenden Basstimme und <strong>Friedrich Hamel <\/strong>gibt den kecken Kom\u00f6dianten Farfallo<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-464753\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/frau2.jpg\" alt=\"frau2\" width=\"600\" height=\"384\"  \/><br \/>Copyright: Bernd Uhlig<\/p>\n<p>Neu im St\u00fcckensemble ist <strong>Evelyn Herlitzius<\/strong> als streitbare und resolute Haush\u00e4lterin des alten Morosus, die gerne mehr als ihre Arbeit mit ihrem Chef teilen wollte. In der Premierenserie verk\u00f6rperte die Mezzosopranistin Iris Vermillion \u201edieses Plappermaul, das mehr Worte in einer Minute anschie\u00dft als seiner Majest\u00e4t bestes Kriegsschiff in einer Stunde.\u201c Als Akteurin ist die ehemalige Hochdramatische Herlitzius pr\u00e4sent wie eh und je, doch liegt ihr diese Partie einfach zu tief, wozu sich ein ausgepr\u00e4gtes Vibrato gesellt. <strong>Serafina Starke<\/strong> als Isotta und <strong>Rebecka Wallroth<\/strong> als Carlotta gl\u00e4nzen schauspielerisch wie vokal untadelig.<\/p>\n<p><strong>Christian Thielemann<\/strong> wartet mit der in Topform aufspielenden <strong>Staatskapelle Berlin<\/strong> mit einer transparenten, bis in die kleinsten instrumentalen Details durchh\u00f6rten Interpretation auf. Dynamisch abgestufter, pr\u00e4ziser poliert, lyrisch aufbl\u00fchender wird man diese komplexe Partitur kaum je h\u00f6ren. Da macht sich bezahlt und f\u00fcr das Publikum genie\u00dferisch bemerkbar, dass sich der Chef offenbar ausreichend Probenzeit zugestanden hat. Wann hat man bei dieser Oper je so zart gestrickte Geflechte, ein derart himmlisch begleitetes Liebesduett von Aminta und Henry Ende des zweiten Akts geh\u00f6rt wie gestern? Allerdings ging mir bisweilen das Polternde, ja das gepflegt Vulg\u00e4re der Musik ab, das an der Wiener Staatsoper vor allem dann bestens funktionierte, wenn das Blech in einer Repertoireauff\u00fchrung schlampig drauflos donnerte, als ob es kein Morgen g\u00e4be. Schlechte H\u00f6rgewohnheiten? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.<\/p>\n<p>Folgeauff\u00fchrungen: 12., 21., 25. und 29. Mai 2026<\/p>\n<p><strong>Foto Credits: Bernd Uhlig<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Ingobert Waltenberger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"BERLIN \/ Staatsoper Unter den Linden: DIE SCHWEIGSAME FRAU; erste Vorstellung einer F\u00fcnferreihe; 9.5.2026 \u201eIn Sch\u00f6nheit sterben\u201c \u2013&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":66189,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,30],"class_list":{"0":"post-1008248","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116549695096698044","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1008248","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1008248"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1008248\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/66189"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1008248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1008248"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1008248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}