{"id":1008283,"date":"2026-05-10T10:20:23","date_gmt":"2026-05-10T10:20:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1008283\/"},"modified":"2026-05-10T10:20:23","modified_gmt":"2026-05-10T10:20:23","slug":"cold-case-in-niedersachsen-moerder-blieb-24-jahre-unentdeckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1008283\/","title":{"rendered":"Cold Case in Niedersachsen: M\u00f6rder blieb 24 Jahre unentdeckt"},"content":{"rendered":"<p class=\"\">\n                    46 Jahre und 304 Tage \u2013 Holger Kunkel verbrachte sein ganzes Berufsleben bei der Polizei in Braunschweig. Die meiste Zeit davon kl\u00e4rte er Mordf\u00e4lle auf. Seit einigen Jahren ist Kunkel, 68, im Ruhestand. Hier erz\u00e4hlt der fr\u00fchere Hauptkommissar von einem Fall, den er gemeinsam mit Kollegen erst nach zwei Jahrzehnten l\u00f6sen konnte und der ihm besonders gut in Erinnerung geblieben ist. Ein Gespr\u00e4chsprotokoll.\n            <\/p>\n<p>            Zwei Leichen, aber kein T\u00e4ter: Die F\u00e4lle Andrea Fechner und Doris Mundt<\/p>\n<p class=\"\">\n                    Ich war ein junger Verkehrspolizist in Braunschweig, als an einem fr\u00fchen Abend im Januar 1981 die Meldung rausging: Raub\u00fcberfall mit einer Schwerstverletzten. Sofort r\u00fcckten zahlreiche Streifenwagen aus. Der Tatort war die Boutique \u201eMode-Eck\u201c am Neustadtring. Dort fanden Kollegen die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Andrea Fechner. Sie war 22 Jahre alt, genau wie ich. Jemand hatte mit einem Holzkn\u00fcppel brutal auf sie eingedroschen. Es muss ein erschreckender Anblick gewesen sein: \u00fcberall Blut. In der Kasse fehlten 400 Mark an Tageseinnahmen.\n            <\/p>\n<p class=\"\">\n                    Ich wurde in die Umgebung geschickt, um nach verd\u00e4chtigen Personen zu suchen. Es gab aber keine T\u00e4terbeschreibung, keine Hinweise, nichts. Schlie\u00dflich brach die Einsatzzentrale die Fahndung ab. Andrea Fechner wurde ins Krankenhaus gebracht und starb dort drei Tage sp\u00e4ter an ihren schweren Kopfverletzungen. Besonders tragisch war, dass sie erst kurz zuvor geheiratet und sich mit dem eigenen Modeladen einen Traum erf\u00fcllt hatte. Doch die Ermittlungen verliefen im Sande. Der Fall geriet in Vergessenheit.\n            <\/p>\n<p class=\"\">Lesen Sie auch: <a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/panorama\/artikel\/straftaeter-im-portraet-wenn-die-resozialisierung-scheitert-50479867\" class=\"link underline-blue\" title=\"\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">Portr\u00e4t eines Straft\u00e4ters \u2013 \u201eOhne den Knast w\u00fcrde ich nicht mehr leben\u201c<\/a><\/p>\n<p class=\"\">\n                    Ende der 90er-Jahre fing ich an, mich systematisch mit ungekl\u00e4rten T\u00f6tungsdelikten in Braunschweig zu befassen. Ich war gerade von der Schutzpolizei zur Mordkommission gewechselt. Seit 1969 gab es 18 <a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/panorama\/artikel\/cold-cases-wieso-es-immer-noch-ungeklaerte-mordfaelle-gibt-20064622\" class=\"link underline-blue\" title=\"\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">Cold Cases<\/a>. Die Kriminaltechnik hatte wahnsinnige Fortschritte gemacht. Vor allem die DNA-Analyse gab mir Hoffnung. Zu meinem Erschrecken stellte ich aber fest, dass in nur neun F\u00e4llen \u00fcberhaupt noch verwertbare Spuren vorhanden waren.\n            <\/p>\n<p class=\"\">\n                    Im Fall Andrea Fechner hatten wir Gl\u00fcck: In der Akte befanden sich noch Beweismittel. Schmuck, Stiefel, ein blutbespritztes Teppichst\u00fcck. Laut Obduktionsbericht gab es im Inneren des Genitalbereichs Verletzungen, was darauf hindeutete, dass das Opfer auch vergewaltigt worden war. Wir richteten eine Sonderkommission ein. Ein Ermittlungsleiter, eine Analystin und ich bildeten das Kernteam. Unterst\u00fctzt wurden wir von zehn Kr\u00e4ften der Bereitschaftspolizei. Gemeinsam arbeiteten wir uns durch die Spurenakten aller Personen, die damals im Fokus der Kripo gestanden hatten. Im Fall Andrea Fechner waren es rund hundert m\u00f6gliche Verd\u00e4chtige. Die meisten lebten noch. Allein ihre Aufenthaltsorte zu ermitteln, war m\u00fchsame Kleinarbeit.\n            <\/p>\n<p>            Wie eine Verwechslung die Ermittlungen vorantrieb<\/p>\n<p class=\"\">\n                    Wir sp\u00fcrten diese Personen auf und nahmen Speichelproben. Die Proben gingen zusammen mit den Beweisst\u00fccken zum DNA-Abgleich an das LKA. Das Ergebnis war ern\u00fcchternd: kein Treffer, keine fremde DNA auf den Asservaten. Wir standen weiterhin ohne konkrete Spur da. Die neuen Recherchen, die bereits Jahre gedauert hatten, kamen kaum voran. Bis ich im Fr\u00fchjahr 2005 einen Anruf aus Hannover erhielt.\n            <\/p>\n<p class=\"\">\n                    Am anderen Ende der Leitung war eine Sachbearbeiterin des Landeskriminalamts. \u201eHerr Kunkel, wir haben einen Treffer\u201c, sagte sie. Ich war wie vor den Kopf gesto\u00dfen. Der Name des mutma\u00dflichen T\u00e4ters lautete Manfred A., der zu diesem Zeitpunkt in der Sicherungsverwahrung der ehemaligen JVA Celle sa\u00df. Ein Schwerverbrecher vor dem Herrn. 1978 das erste Mal straff\u00e4llig geworden. Danach immer wieder kleine L\u00e4den \u00fcberfallen, wo Frauen allein arbeiteten. Dabei hatte er sich auch an ihnen vergangen. Er kam dann nach Wolfenb\u00fcttel ins Gef\u00e4ngnis, <a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/politik\/artikel\/so-viele-gefaengnis-insassen-wurden-2025-vorzeitig-entlassen-50139599\" class=\"link underline-blue\" title=\"\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">durfte tags\u00fcber jedoch raus<\/a>.\n            <\/p>\n<p>\n                                Kunkel in seinem Haus bei Braunschweig.<br \/>\n                            Foto: Leon Grupe<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/holger-kunkel.jpg\" title=\"Kunkel in seinem Haus bei Braunschweig.\" alt=\"Kunkel in seinem Haus bei Braunschweig.\" class=\"lightbox__single-image__content__image-wrapper__img\" loading=\"lazy\" width=\"375\" height=\"281\"\/>Icon MaximizeIcon Lightbox Maximize<\/p>\n<p>SchliessenX ZeichenKleines Zeichen welches ein X symbolisiert<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"lightbox--enabled__container__image-wrapper__img\" src=\"\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p class=\"\">\n                    Er fuhr morgens nach Braunschweig zur Arbeit, auch 1981, und abends zur\u00fcck in den Knast. Auf dem Weg kam er an Andrea Fechners Laden vorbei. Deshalb war er bereits damals ins Visier der Kripo geraten, es existierte eine Spurenakte zu ihm. War er unser Mann?\n            <\/p>\n<p class=\"\">\n                    Seine DNA war an einer Zigarettenkippe gefunden worden. Doch bei Andrea Fechner gab es keine Zigarette als Beweismittel. Die LKA-Mitarbeiterin hatte tats\u00e4chlich die F\u00e4lle verwechselt. Sie sprach eigentlich von Doris Mundt, die am Valentinstag 1981 bei Goslar get\u00f6tet worden war. Wieder ein junges Opfer. Der T\u00e4ter hatte sie mitgenommen, sexuell gen\u00f6tigt und schlie\u00dflich ihren Kopf mehrfach auf den gefrorenen Boden geschlagen \u2013 daran starb sie.\n            <\/p>\n<p>            Eine Schauspieleinlage brachte den T\u00e4ter zum Reden<\/p>\n<p class=\"\">\n                    Auch die Kollegen in Goslar arbeiteten inzwischen an ungekl\u00e4rten Mordf\u00e4llen und hatten die Asservate zur DNA-Auswertung ans LKA geschickt. Im Fall Doris Mundt gab es gleich mehrere \u00dcbereinstimmungen: Die DNA von Manfred A. fand sich sowohl an ihrem BH als auch an ihrer G\u00fcrtelschnalle. Es sah schlecht aus f\u00fcr ihn, ganz schlecht. Wir durchsuchten seine Zelle, fanden aber keine weiteren Beweise.\n            <\/p>\n<p class=\"\">\n                    Allerdings wussten wir, dass Manfred A. im <a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/panorama\/artikel\/raus-aus-dem-knast-und-gleich-wieder-kriminell-wieso-ist-das-so-50479803\" class=\"link underline-blue\" title=\"\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">offenen Vollzug<\/a> Anfang der 80er-Jahre die Wochenenden bei seinen Eltern in Vienenburg verbringen durfte. Dass ihm der Audi 80 vom Vater zur Verf\u00fcgung stand und dass er damit zur Disco nach Goslar fuhr. Die entscheidende Frage war nun: Wie kriegen wir eine Aussage? Die Kollegen aus Goslar hatten eine Idee, vor der ich heute noch den Hut ziehe.\n            <\/p>\n<p class=\"\">Auch interessant: <a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/niedersachsen\/artikel\/wenn-die-justiz-kurzen-prozess-macht-ein-tag-im-schnellgericht-50243625\" class=\"link underline-blue\" title=\"\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">Wo Menschen im 30-Minuten-Takt verurteilt werden \u2013 Ein Tag im Schnellgericht<\/a><\/p>\n<p class=\"\">\n                    Wir besorgten einen Audi, wie der seines Vaters. Gleiches Modell, gleiche Lackierung, sogar die Kennzeichen waren identisch. Sogenannte Dubletten. Den Wagen stellten wir vor dem fr\u00fcheren Elternhaus ab. Dann holten wir Manfred A. aus dem Gef\u00e4ngnis und fuhren mit ihm dorthin. Als er den Audi sah, wurde er sichtlich nerv\u00f6s. Schwei\u00dfperlen auf der Stirn. In dem Auto sa\u00df ein Kollege, der losfuhr, und wir hinterher. Vor einer Bushaltestelle am Ortsausgang hielten wir an. Und dort stand eine Frau: Vokuhila, brauner Cordanzug. Sie sah aus wie Doris Mundt in der Nacht ihres Todes.\n            <\/p>\n<p class=\"\">\n                    Die Gesichtsfarbe von Manfred A. werde ich nie vergessen. Die war nicht wei\u00df oder rot, die war gr\u00fcn. Wir brachten ihn auf die Dienststelle nach Goslar zur Vernehmung. Mit viel Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen ist es uns nach drei Tagen gelungen, ihn zu einem vollumf\u00e4nglichen Gest\u00e4ndnis zu bringen.\n            <\/p>\n<p>            Nicht jeden Cold Case konnte Holger Kunkel l\u00f6sen<\/p>\n<p class=\"\">\n                    Und dann haben wir gesagt: \u201eKomm, wir machen noch eine Fahrt.\u201c Wir fuhren mit ihm zum Tatort von Andrea Fechner. Auch dort ging es ihm schlecht. Er muss geahnt haben, dass wir ihn auch f\u00fcr diese Tat drankriegen wollten. Doch in diesem Fall war die Beweislage wegen fehlender DNA-Spuren zu d\u00fcnn.\n            <\/p>\n<p>\n                                Ein Leben als Kommissar: Kunkel geht noch einmal die Akte eines alten Falls durch.<br \/>\n                            Foto: Leon Grupe<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1778408423_321_holger-kunkel.jpg\" title=\"Ein Leben als Kommissar: Kunkel geht noch einmal die Akte eines alten Falls durch.\" alt=\"Ein Leben als Kommissar: Kunkel geht noch einmal die Akte eines alten Falls durch.\" class=\"lightbox__single-image__content__image-wrapper__img\" loading=\"lazy\" width=\"375\" height=\"281\"\/>Icon MaximizeIcon Lightbox Maximize<\/p>\n<p>SchliessenX ZeichenKleines Zeichen welches ein X symbolisiert<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"lightbox--enabled__container__image-wrapper__img\" src=\"\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p class=\"\">\n                    Also suchte ich den einzigen Menschen auf, der ihn im Gef\u00e4ngnis noch besuchte: seine Mutter. Sie war ohnehin am Ende, ihr Sohn sa\u00df seit Jahrzehnten hinter Gittern. Als ich ihr von dem Mord an Andrea Fechner erz\u00e4hlte, traf sie das schwer. Sie kam dann mit auf die Dienststelle. Und in einem Besprechungsraum hat sie ihrem Sohn die Leviten gelesen, aber so richtig. \u201eWenn du jetzt hier nicht reinen Tisch machst, dann komme ich dich nie wieder besuchen\u201c, schrie sie, \u201edann bist du f\u00fcr mich gestorben.\u201c\n            <\/p>\n<p class=\"\">Mehr zum Thema: <a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/politik\/artikel\/kriminalitaet-was-passiert-wenn-der-knast-voll-ist-50538488\" class=\"link underline-blue\" title=\"\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">Immer mehr H\u00e4ftlinge \u2013 Was tun, wenn der Knast voll ist?<\/a><\/p>\n<p class=\"\">\n                    Sie hat ihn sogar geohrfeigt, offenbar das erste Mal in seinem Leben. Und dann ist er eingeknickt. Unter Tr\u00e4nen gestand er auch die T\u00f6tung von Andrea Fechner. Zum Motiv lie\u00df er sich nicht ein, er faselte nur etwas von Streit und einer Eskalation. Ein klares Mordmerkmal lie\u00df sich daraus nicht ableiten.\n            <\/p>\n<p class=\"\">\n                    Ich wei\u00df nicht, ob Manfred A. noch lebt. Zuletzt sa\u00df er in der JVA Sehnde. <a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/panorama\/artikel\/wie-lang-ist-lebenslang-moerder-hoegel-sitzt-mindestens-28-jahre-50331679\" class=\"link underline-blue\" title=\"\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">Wahrscheinlich wird er bis zu seinem Tod im Gef\u00e4ngnis bleiben<\/a>. F\u00fcr mich war es nat\u00fcrlich eine gro\u00dfe Erleichterung, ihn nach all den Jahren doch noch \u00fcberf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Immer wenn ich seine Akte in der Hand hielt, hatte ich das Gef\u00fchl: Er ist der T\u00e4ter. Dass ich nicht alle Cold Cases l\u00f6sen konnte, l\u00e4sst mich aber bis heute nicht los. Drei Frauenmorde aus dem Jahr 1969 sind weiterhin unges\u00fchnt.\n            <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"46 Jahre und 304 Tage \u2013 Holger Kunkel verbrachte sein ganzes Berufsleben bei der Polizei in Braunschweig. 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