{"id":1008829,"date":"2026-05-10T15:46:26","date_gmt":"2026-05-10T15:46:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1008829\/"},"modified":"2026-05-10T15:46:26","modified_gmt":"2026-05-10T15:46:26","slug":"sonja-heiss-ueber-berlin-im-jahr-2001","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1008829\/","title":{"rendered":"Sonja Heiss \u00fcber Berlin im Jahr 2001"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Im Jahr 2001, also vor genau f\u00fcnfundzwanzig Jahren, kam ich nach Berlin. Damals war ich f\u00fcnfundzwanzig Jahre alt. Als angehende K\u00fcnstlerin zu dieser Zeit in Berlin zu sein, war vielleicht das Beste, was man erleben konnte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Ich unterhielt mich neulich mit Freunden dar\u00fcber, dass wir die m\u00f6glicherweise phantastischste Zeit in einer gro\u00dfen europ\u00e4ischen Stadt erlebt haben, die es je gab. Und dahin w\u00fcrde ich gerne noch einmal zur\u00fcck, ja. Unbedingt. Ob ich gerne noch einmal f\u00fcnfundzwanzig w\u00e4re, das wei\u00df ich nicht. Aber unter Zuhilfenahme einer Zeitmaschine w\u00e4re ich dabei.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Wir waren so frei, man brauchte fast kein Geld zum Leben, \u00fcberall gab es Kunst, K\u00fcnstler, Clubs und Musik. Nichts war fertig, alles offen. Legal und illegal, spontan und billig. Wir feierten endlose Partys, und w\u00e4hrend wir in unseren spottbilligen Wohnungen die alte Raufasertapete zentimeterweise von den W\u00e4nden kratzten, dachten wir uns wilde Filme aus.<\/p>\n<p>Kein Plan f\u00fcr die Zukunft<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Ich komme aus M\u00fcnchen und tauchte in Berlin in ein anderes Universum ein. Ich hatte keinen Plan f\u00fcr meine Zukunft, kein Szenario, wie mein Leben einmal sein sollte, und keine Ahnung, wohin ich mich bewegte. Erst einmal bewegte ich mich einfach woandershin. Ich hatte keine Angst. Und nat\u00fcrlich war da noch dieses Gef\u00fchl, das man in dem Alter ohnehin hat, n\u00e4mlich dass einem die Welt geh\u00f6rt. Was sonst?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Sonja Heiss heute\" height=\"1280\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/sonja-heiss-heute.webp\" width=\"853\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Sonja Heiss heuteJens Koch<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Dar\u00fcber hinaus waren wir nat\u00fcrlich der Meinung, unsterblich zu sein. Ein durchaus angenehmes Gef\u00fchl. 2001 war auch mein zweiter Film, \u201eKarma Cowboy\u201c, fertig. Mit einer Kommilitonin und einem Kameramann waren wir drei Monate durch die USA gereist und hatten einen dokumentarisch-fiktiven Film gedreht, in dem wir nach einem Mann suchten, den es in Wirklichkeit nie gab. Ein poetischer Road\u00adtrip durch die amerikanische Unterschicht, \u00fcber endlose W\u00fcstenstra\u00dfen, durch Trailerparks und schimmelnde Condos, Crack-Motels und kleine Paradiese, in denen wundervolle Freaks mit wenig Geld ein wildes Leben lebten.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Als wir uns auf die Reise begaben, wussten wir nicht, ob unsere Idee \u00fcberhaupt funktionieren w\u00fcrde, und besonders sicher war es auch nicht in Downtown Detroit, den Suburbs von New Orleans oder den billigsten Motels am Rande von Las Vegas oder Memphis. Am Ende aber wurde ein sehr besonderer Film daraus. Bis zu diesem Zeitpunkt waren meine Filme also eher intuitive Experimente, in Berlin fand ich dann meine fiktive erz\u00e4hlerische Stimme. Erst ab Mitte zwanzig traute ich mich, wirklich zu schreiben.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Es lag wahrscheinlich am Alter. Nicht mehr ganz jung zu sein, etwas erlebt, gef\u00fchlt und gesehen zu haben, von dem man erz\u00e4hlen wollte, das man auch wirklich begreifen konnte, aber doch noch jugendlich mutig genug zu sein, es \u00fcberhaupt zu wagen. Es lag aber auch am Gef\u00fchl der Freiheit in dieser Stadt. Das alles mag\u00a0vielleicht eine etwas idealisierte Erinnerung sein, aber so erinnere ich mich. Und zwar gerne.<\/p>\n<p>Als Frau 25 sein? Herausfordernd.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Ich m\u00f6chte aber ungern nach \u201eFr\u00fcher war alles besser\u201c klingen. Ich bin mir sicher, dass man auch jetzt noch all das finden kann, wenn man es wirklich will. Aber mir fiele es wesentlich schwerer, heute noch so idealistisch und frei zu sein. Ich denke, wir tragen alle gerade schwer an der Lage der Welt und sorgen uns um die Zukunft. Das macht schon melancholisch, auch wenn die Melancholie f\u00fcrs Schreiben sehr hilfreich sein kann. F\u00fcrs literarische Schreiben insbesondere, wie ich finde. Manchmal habe ich sogar Angst davor, zu gl\u00fccklich zu sein, in der Annahme, ich w\u00e4re dann nicht mehr in der Lage, ein gutes Buch zu schreiben. Ein Gl\u00fcck ist das Gl\u00fcck aber ein schwer zu erreichender Dauerzustand.<\/p>\n<p>      <img decoding=\"async\" class=\"Sonntagszeitung\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1778349915_960_fas_latest.jpg\"\/><\/p>\n<p>Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/zeitung.faz.net\/\" class=\"Button\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">&#13;<br \/>\n          &#13;<br \/>\n         <\/a><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Als Frau nun noch einmal f\u00fcnfundzwanzig zu sein, im Jahr 2026, empf\u00e4nde ich auch als herausfordernder. Als ich f\u00fcnfundzwanzig war, sah es so aus, als w\u00fcrde alles besser. Die Welt feministischer, demokratischer, friedlicher, gerechter. Deutschland schien sehr wenig rassistisch, Deutschlandflaggen geh\u00f6rten zum Fu\u00dfball, es gab noch keine AfD. Und irgendwie war mir der Feminismus fast egal. Mein Leben als Frau erschien mir damals nicht wirklich als ein benachteiligtes, in dem Alter verstand ich es wahrscheinlich nicht. Zudem lief ja auch alles in die richtige Richtung.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Heute sehe ich, wie wenige Frauen Kinoregie machen. Immer noch. Ich sehe, dass Frauen beim Film bei Weitem nicht gleich bezahlt werden, wie auch in fast allen anderen Berufen. Dass es als Frau in so vieler Hinsicht wesentlich schwerer ist. Ich denke auch, dass wir uns in einer Phase der R\u00fcckentwicklung befinden. Das Patriarchat atmet gerade wieder entspannt durch: Uff, noch mal gut gegangen. Die M\u00e4nner, die sich f\u00fcr kurze Zeit bedroht sahen, k\u00f6nnen jetzt endlich wieder sie selbst sein.<\/p>\n<p>Das arrogante junge Ich<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Zur\u00fcck zur 25. Ich erinnere mich, wie selbstbewusst wir alle waren. Eine Eigenschaft, die ich auch heute bei Menschen in dem Alter beobachte. Ich glaube, man braucht sie genau dann, auch wenn ich in der R\u00fcckschau mein manchmal fast arrogantes Ich bel\u00e4chle. So lag es jedenfalls auf der Hand, was sonst, dass ich, dass wir den deutschen Film und die deutsche Literatur w\u00fcrden ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Die scharfe Trennung zwischen \u201eKunst\u201c und \u201eUnterhaltung\u201c beseitigen, nach dem Vorbild der American Indies erfolgreich werden mit Filmen, die klug sind, aber auch humorvoll, ironisch, zutiefst menschlich, unterhaltsam, aber mit Intellekt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Die Trennlinie ist nicht wirklich verschwunden, wenn auch ein ganz klein wenig verblasst. Das hat viel damit zu tun, wie man hierzulande das Publikum, die Leserinnen und Leser betrachtet, denke ich. Denn ich bin davon \u00fcberzeugt, dass diese Art von Filmen und Literatur gerade extrem viel Potential hat.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Nicht mehr f\u00fcnfundzwanzig zu sein empfinde ich manchmal auch als sehr angenehm. Wenn ich beispielsweise den Worten vertraue, die ich in mein Laptop tippe, anstatt sie wieder und wieder infrage zu stellen. Wie damals, als ich f\u00fcnfundzwanzig war und noch lernen musste, meine literarische Stimme zu m\u00f6gen. Jetzt aber lese ich die Zeilen, die mich oft selbst \u00fcberraschen, weil ich nicht wei\u00df, aus welchen Tiefen meines Unterbewusstseins und meiner Erinnerung sie dorthin gelangt sind, und auch nicht, warum ich diesen Sprachstil habe, woher der \u00fcberhaupt kommt, aber sie bereiten mir Freude.<\/p>\n<p>Nicht alles wahr, aber wahrhaftig<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Dagegen jedoch kann ich mir nicht mehr erlauben, Filme wie damals \u201eHotel Very Welcome\u201c oder \u201eKarma Cowboy\u201c zu drehen. Fast ohne Geld, ohne das Ziel, damit je Geld zu verdienen, k\u00fcnstlerisch v\u00f6llig frei. Das war nicht nur sch\u00f6n zu machen, man sieht den Filmen diesen Geist auch an. Sich weiterzuentwickeln, Neues zu entdecken, ein gr\u00f6\u00dferes Publikum zu erreichen aber hat nicht weniger Reiz, wenn man nicht mehr f\u00fcnfundzwanzig ist.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Und immer noch kann ich an meinem Schreibtisch sitzen und mir Geschichten ausdenken, und dass ich diese dann auch filmisch zum Leben erwecken oder irgendwann in einer Buchhandlung entdecken kann, das ist ein gro\u00dfes, phantastisches Geschenk. Wenn ich den Anfang dieses Textes noch einmal lese, f\u00e4llt mir der Titel meines letzten Filmes, der Adaption von Joachim Meyerhoffs Roman \u201eWann wird es endlich wieder so, wie es nie war\u201c ein.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Meine Erinnerungen an diese phantastische Zeit vor f\u00fcnfundzwanzig Jahren sind wahrscheinlich oder ziemlich sicher nur zu einem Teil wahr. Wahrhaftig sind sie dennoch. Es stellt sich zuletzt also die Frage: W\u00e4re ich wirklich gerne noch einmal f\u00fcnfundzwanzig \u2013 oder ist es nicht viel besser, mich daran zu erinnern?<\/p>\n<p>Sonja Heiss ist Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihre Filme \u201eHotel Very Welcome\u201c, \u201eHedi Schneider steckt fest\u201c und \u201eWann wird es endlich wieder so, wie es nie war\u201c wurden auf der Berlinale uraufgef\u00fchrt und vielfach ausgezeichnet. Ihr neuer Kinofilm \u201eRaging Moms: Am Ende der Geduld\u201c befindet sich in der Postproduktion. 2027 erscheint ihr n\u00e4chster Roman mit dem Titel \u201eDie Selbstenthauptung der Elysia Marginata\u201c (KiWi).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Jahr 2001, also vor genau f\u00fcnfundzwanzig Jahren, kam ich nach Berlin. 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