{"id":1010143,"date":"2026-05-11T05:23:15","date_gmt":"2026-05-11T05:23:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1010143\/"},"modified":"2026-05-11T05:23:15","modified_gmt":"2026-05-11T05:23:15","slug":"frank-tischner-was-willst-du-studieren-die-kleine-frage-mit-der-grossen-arroganz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1010143\/","title":{"rendered":"Frank Tischner: \u201eWas willst du studieren?\u201c \u2013 Die kleine Frage mit der gro\u00dfen Arroganz"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Frank Tischner\" alt=\"Frank Tischner\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/csm_2026-05-11-Montagsmeinung-Tischner-Teaser_eb251542bc.jpg\" width=\"300\" height=\"173\"\/><\/p>\n<p>Frank Tischner<\/p>\n<p>\u00a9 privat<\/p>\n<p>\u201eWas willst du eigentlich studieren?\u201c: Kaum eine Frage wird Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern der Oberstufe so routiniert gestellt wie diese. Sie ist freundlich gemeint, oft beil\u00e4ufig ausgesprochen \u2013 und doch sagt sie viel \u00fcber unsere Gesellschaft und unser Bildungsverst\u00e4ndnis aus. Selbst Eltern angehender Abiturientinnen und Abiturienten werden regelm\u00e4\u00dfig mit den Studienpl\u00e4nen ihres Nachwuchses konfrontiert, gern erg\u00e4nzt um Detailfragen zum Studienort oder zur gew\u00fcnschten Fachrichtung. Dass diese Gespr\u00e4che in diesem Fr\u00fchjahr etwas seltener stattfinden, hat lediglich numerische Gr\u00fcnde: Der Abiturjahrgang 2026 in Nordrhein-Westfalen f\u00e4llt infolge der R\u00fcckumstellung auf G9 ungew\u00f6hnlich klein aus. Am Grundmuster \u00e4ndert das jedoch nichts. F\u00fcr viele gilt das Studium nach dem Abitur weiterhin als der \u201enormale\u201c, ja, der einzig naheliegende Weg. Genau in dieser fehlenden Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr alle Alternativen liegt das Problem &#8211; und es ist ein vielschichtiges Problem.<\/p>\n<p>Denn diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist kein neutraler Befund, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Schieflage. Sie verr\u00e4t, welche Bildungs- und Berufswege wir hoch bewerten \u2013 und welche wir zwar rhetorisch w\u00fcrdigen, praktisch aber oft geringsch\u00e4tzen. Dabei geht es ausdr\u00fccklich nicht darum, das Studium infrage zu stellen, es geht nicht um ein \u201eentweder oder\u201c, sondern um ein gleichberechtigtes \u201esowohl als auch\u201c. Nat\u00fcrlich soll jede und jeder, der studieren m\u00f6chte, diesen Weg gehen k\u00f6nnen und d\u00fcrfen. Kritikw\u00fcrdig ist vielmehr der implizite Ausschluss aller Alternativen, der bereits in der scheinbar harmlosen Frage steckt: Was studierst du nach dem Abi? Als k\u00f6nne es jenseits der Hochschule keinen erf\u00fcllenden, anerkannten und finanziell tragf\u00e4higen Berufsweg geben, oft gepusht durch Eltern, die f\u00fcr ihr Kind nur \u201edas Beste\u201c wollen. Aber was ist \u201edas Beste\u201c? Ist es der x-beliebige B\u00fcrojob mit der Krawatte um den Hals, oder ist es nicht doch ein Job, der einen gl\u00fccklich macht und in dem man seinen Talenten und Neigungen nachgehen kann?<\/p>\n<p>Wie tief dieses Denkmuster verankert ist, zeigt sich in den Reaktionen des Umfelds. Wenn Eltern irritierte Nachfragen ernten, weil sich Sohn oder Tochter nach dem Abitur bewusst gegen ein Studium entschieden haben, dann l\u00e4uft etwas grundlegend schief. Dann ist die viel beschworene Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung vorbei, dann erleben wir die Folgen einer v\u00f6llig verfehlten Politik, die die akademische Bildung zum Beispiel bei den Bildungsorten immer noch ungerecht und in einer finanziellen Schieflage f\u00f6rdert. Daher ist die Bildungsgerechtigkeit noch immer eher ein politisches Schlagwort als gelebte Realit\u00e4t. In Sonntagsreden wird sie gern beschworen \u2013 im Alltag zeigt sich dagegen oft ein anderes Bild.<\/p>\n<p>Dabei m\u00fcsste die Frage eine andere sein: Was passt zu mir? Die Entscheidung f\u00fcr einen Beruf sollte sich an Interessen, Begabungen und pers\u00f6nlichen Zielen orientieren und nicht an fehlgeleiteten gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Zumal die beruflichen Perspektiven au\u00dferhalb des akademischen Bereichs heute so gut sind wie selten zuvor. Besonders deutlich wird das bei uns im Handwerk. K\u00fcnstliche Intelligenz (KI) und Robotik werden auf absehbare Zeit weder das handwerkliche K\u00f6nnen noch die Erfahrung gut ausgebildeter Gesellinnen, Gesellen und Meister ersetzen k\u00f6nnen. KI wird das Handwerk unterst\u00fctzen, aber nie ersetzen.<\/p>\n<p>Mehr noch: Das Handwerk bietet nicht nur sichere Arbeitspl\u00e4tze, sondern auch attraktive unternehmerische Perspektiven. Immer h\u00e4ufiger werden Betriebe au\u00dferhalb der Familie \u00fcbergeben. Unternehmensgr\u00fcndungen oder -\u00fcbernahmen er\u00f6ffnen echte Karrierechancen \u2013 ebenso wie verantwortungsvolle Positionen als angestellter Meister oder Geselle. Dass der Meistertitel im Europ\u00e4ischen Qualifikationsrahmen als \u201eBachelor Professional\u201c einem akademischen Abschluss gleichgestellt ist, wird dabei noch immer untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Warum also nicht selbstbewusst antworten: \u201eIch mache eine Ausbildung. Denn jemand, der studiert hat, der kennt es, jemand, der gelernt hat, der kann es?\u201c Nicht als Provokation, sondern als Ausdruck einer bewussten Entscheidung, und an der Stelle nat\u00fcrlich mit einem Augenzwinkern versehen. Vorausgesetzt, dieser Weg entspricht den eigenen Vorstellungen und Lebenszielen. Ebenso w\u00fcnschenswert w\u00e4re eine einfache, ehrliche Reaktion aus dem Umfeld: \u201eEcht? Das finde ich toll.\u201c Ganz unabh\u00e4ngig davon, ob der zuk\u00fcnftige Auszubildende die mittlere Reife, das Abitur oder einen Hauptschulabschluss mitbringt.<\/p>\n<p>Vielleicht beginnt echte Gleichwertigkeit genau hier \u2013 nicht in Leitbildern und Reden, sondern in den Fragen, die wir stellen, und in den Antworten, die wir bereit sind, wertzusch\u00e4tzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Frank Tischner \u00a9 privat \u201eWas willst du eigentlich studieren?\u201c: Kaum eine Frage wird Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern der Oberstufe&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1010144,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1843],"tags":[3886,23794,3364,29,217523,30,199162,23793,8970,1209,217524],"class_list":{"0":"post-1010143","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenster","8":"tag-ausbildung","9":"tag-bistum-muenster","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-frank-tischner","13":"tag-germany","14":"tag-meinungsformat","15":"tag-montagsmeinung","16":"tag-muenster","17":"tag-nordrhein-westfalen","18":"tag-was-willst-du-studieren"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116554275963409790","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1010143","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1010143"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1010143\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1010144"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1010143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1010143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1010143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}