{"id":1010794,"date":"2026-05-11T11:37:21","date_gmt":"2026-05-11T11:37:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1010794\/"},"modified":"2026-05-11T11:37:21","modified_gmt":"2026-05-11T11:37:21","slug":"kritik-sara-glojnaric-station-paradiso-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1010794\/","title":{"rendered":"Kritik: Sara Glojnari\u0107: Station Paradiso | Stuttgart"},"content":{"rendered":"<p class=\"article-info\">\n                    <strong>Foto: <\/strong>\u201eStation Paradiso\u201c von Sara Glojnari\u0107 an der Staatsoper Stuttgart in der Regie von Anika Rutkofsky. \u00a9 Matthias Baus<\/p>\n<p>                        <strong>Text:<\/strong><a href=\"https:\/\/www.die-deutsche-buehne.de\/autor\/richard-lorber\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Richard Lorber<\/a>,                         am 11. Mai 2026<\/p>\n<p><strong>Eine im Museum gefundene Audiokassette bildet den Ausgangspunkt f\u00fcr die Dokumentationsoper \u201eStation Paradiso\u201c von Sara Glojnari\u0107 an der <a href=\"https:\/\/www.die-deutsche-buehne.de\/theater\/staatsoper-stuttgart\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Staatsoper Stuttgart<\/a>. Die Urauff\u00fchrung in der Regie von Anika Rutkofsky spielt mit vibrierenden Klangtableaus, in denen die Lieder der Arbeitsmigrant:innen zum Thema werden.<\/strong><\/p>\n<p>Eine Bushaltestelle \u201eParadiso\u201c gibt es in Stuttgart nicht. Es ist ein Fantasiename. Gastarbeiter hatten sich in ihrer Heimat ausgemalt, dass Stuttgart das Paradies sein m\u00fcsse, beim Ankommen aber feststellen m\u00fcssen, dass die Sonne nicht scheint. \u201eIch wollte eigentlich sofort wieder zur\u00fcck\u201c, singt die \u201es\u00fcditalienische Mutter\u201c.<\/p>\n<p>Sehnsucht nach Daheim<\/p>\n<p>Bei \u201eStation Paradiso\u201c handelt es sich um eine Art Dokumentationstheater der Komponistin Sara Glojnari\u0107 und der Theaterautorin Tanja \u0160ljivar. Die Materialien stammen aus Interviews, die die Komponistin mit Kindern von Gastarbeitern und Gastarbeiterinnen gef\u00fchrt hat, darunter auch mit <a href=\"https:\/\/www.staatsoper-stuttgart.de\/haus\/menschen\/goran-juric\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Goran Juri\u0107<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.dianahaller.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Diana Haller<\/a>. Er singt die Hauptrolle des Busfahrers und sie die Yugo-Tochter. Das zentrale Fundst\u00fcck war aber eine im Stuttgarter Stadtpalais, einem stadtgeschichtlichen Museum, aufbewahrte Audiokassette, auf der eine neapolitanische Gro\u00dfmutter zu h\u00f6ren ist und im Hintergrund ein Familientreffen stattfindet.<\/p>\n<p>Das Thema der Oper ist, was die Lieder der Arbeitsmigranten erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Deswegen haben die Autorinnen ihr St\u00fcck sehr pr\u00e4zise als \u201eMixtape-Oper \u00fcber die Sehnsucht nach Zuhause\u201c bezeichnet. Goran Juri\u0107 verk\u00f6rpert den Busfahrer mit durchdringender Bassstimme wie ein Zeremonienmeister und Archivar zugleich. Er sammelt die Leute am Stuttgarter Hauptbahnhof ein, um sie \u00fcber die Europastra\u00dfe 5 auf einer fiktiven Reise in ihre Heimatl\u00e4nder zu bringen. Die Reisenden brauchen keine Fahrkarten, sondern bezahlen mit einem Lied. Und so erklingt ein Preview-Mix aus italienischen Schlagern von Pino Daniele bis Gianna Nannini.<\/p>\n<p>Individuelle Geschichten<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter singt Matthias Klink als t\u00fcrkischer Vater ein Lied des S\u00e4ngers Orhan Gencebay und spielt dazu auf der elektronisch verst\u00e4rkten Saz zirpende Arpeggien. Er imaginiert seine Tochter inklusive Schnurrbart als den t\u00fcrkischen Barden.<\/p>\n<p>In dem Bus befinden sich auch ein jugoslawischer Mann (<a href=\"https:\/\/www.andrew-bogard.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Andrew Bogard<\/a>) und seine Tochter. Er fantasiert von dem Haus, das er in der Heimat noch bauen will, was nicht fertig wird, weil \u201edie V\u00f6gel im Norden von der R\u00fcckkehr in den S\u00fcden tr\u00e4umen\u201c. Diana Haller als Tochter belehrt ihn in einer koloraturreichen Arie (auf dem Grundst\u00fcck liege nur \u201eein Haufen Zeug\u201c), untermalt von einem gitarrenbegleiteten Rocksound. Worauf sie sich in einen ekstatischen Tanz sch\u00fcttelt. Und dann gibt es noch einen j\u00fcngeren \u201eNeapolitaner\u201c, den <a href=\"https:\/\/www.josephtancredi.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Joseph Tancredi<\/a> mit seiner biegsamen Tenorstimme erz\u00e4hlen l\u00e4sst, wie er die Urne seines Vaters in die Heimat schmuggeln will.<\/p>\n<p>Inseln im Soundtrack<\/p>\n<p>Solche Lieder, die in den Gesangslinien tats\u00e4chlich sehr opernhaft komponiert sind und auch so vorgetragen werden, wirken wie Inseln im dem Soundtrack von Sara Glojnari\u0107, der aus dr\u00e4ngenden und vibrierenden Klangtableaus besteht, die aus tonalen minimalistischen Figurationen konstruiert sind. Die Dynamik wird in einer Art Fade-In und Fade-Out Technik gesteuert. Man glaubt in diesen Vibrationen die Motorger\u00e4usche des Busses zu vernehmen und in den leicht aggressiven Klangballungen einen aufbegehrenden Impetus. Oft kann man gar nicht wahrnehmen, was von dem von Peter Rundel geleiteten Opernorchester stammt und was von den in den Raum projizierten Elektroniksounds.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-163695\" class=\"wp-image-163695 size-large\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/65742_stutt_paradiso0011_c_matthias-baus-1024x674.jpg\" alt=\"Auff&#xFC;hrungsfoto von &#x201E;Station Paradiso&#x201C; von Sara Glojnari&#x107; an der Staatsoper Stuttgart. Im Dunkeln steht ein Mann hinter einem Haufen von elektronischen Ger&#xE4;ten. Im Hintergrund eine Leinwand mit einer Halle.\" width=\"1024\" height=\"674\"  \/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-163695\" class=\"wp-caption-text\">\u201eStation Paradiso\u201c von Sara Glojnari\u0107 an der Staatsoper Stuttgart mit Goran Juri\u0107 als Busfahrer. Foto: Matthias Baus<\/p>\n<p>Die kroatische Komponistin <a href=\"https:\/\/www.saraglojnaric.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Sara Glojnari\u0107<\/a>, die unter anderem auch an der Stuttgarter Musikhochschule studiert hat, ist ein Shootingstar der Neue-Musik-Szene und hat Auftr\u00e4ge von den renommierten Festivals wie Witten, Ultraschall Berlin oder Wien modern. Wie sie hier die Errungenschaften des Minimalismus eines Philip Glass oder Steve Reich mit den Mitteln der Popmusik weiterdenkt, ist originell und virtuos.<\/p>\n<p>Man hat aber auch den Eindruck, dass ihre Klangsprache an vielen Stellen quer zum melancholisch-nostalgischen Grundzug des Librettos steht: was die Gastarbeiter bewegt, ihre Heimatbetrachtungen und die in ihren Liedern aufbewahrten Lebenserinnerungen. Die Musik tendiert mehr in Richtung eines rebellischen Antriebs, wie ihn die \u201es\u00fcditalienische Tochter\u201c verk\u00f6rpert, die fragt: \u201eWer war es, der die Autobahn baute, auf der wir fahren\u201c.<\/p>\n<p>Gesammelte Erinnerungsst\u00fccke<\/p>\n<p>Am Ende entscheidet sich die Komponistin und die Librettistin f\u00fcr eine sich aus der Nostalgie speisenden Hoffnung. Denn da singen alle Passagiere ohne das pulsierende Orchester: \u201eDiese Stadt strahlt Versprechen aus\u201c, und in der Regieanweisung hei\u00dft es: \u201ePl\u00f6tzlich sind am Stuttgarter Bahnhof tats\u00e4chlich Mandolinen zu h\u00f6ren\u201c.<\/p>\n<p>Die Regisseurin <a href=\"https:\/\/www.anikarutkofsky.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Anika Rutkofsky<\/a> und die B\u00fchnenbildnerin <a href=\"https:\/\/www.staatsoper-stuttgart.de\/haus\/menschen\/christina-schmidt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Christina Schmitt<\/a> haben hier einen festlich gedeckten Tisch hingestellt mit Speisen aus der Heimat. Vorher spielt das Geschehen in einer l\u00e4ngs aufgeschnittenen Bus-Attrappe, die vom B\u00fchnenpersonal in Fabrikarbeiterkluft (Kost\u00fcme: <a href=\"https:\/\/www.adrianstapf.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Adrian Stapf<\/a>) bewegt wird. Alles in allem bleibt von \u201eStation Paradiso\u201c der irritierende Eindruck eines Theaterspektakels, bei dem man sich fragt, was die gesammelten Erinnerungsst\u00fccke von ganz normalem Heimweh unterscheidet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Foto: \u201eStation Paradiso\u201c von Sara Glojnari\u0107 an der Staatsoper Stuttgart in der Regie von Anika Rutkofsky. \u00a9 Matthias&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1010795,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1830],"tags":[1634,3364,29,30,1441],"class_list":{"0":"post-1010794","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-stuttgart","8":"tag-baden-wuerttemberg","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-stuttgart"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116555747412362466","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1010794","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1010794"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1010794\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1010795"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1010794"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1010794"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1010794"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}