{"id":1011672,"date":"2026-05-11T20:11:40","date_gmt":"2026-05-11T20:11:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1011672\/"},"modified":"2026-05-11T20:11:40","modified_gmt":"2026-05-11T20:11:40","slug":"sara-glojnarics-mixtape-oper-station-paradiso-in-stuttgart-uraufgefuehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1011672\/","title":{"rendered":"Sara Glojnarics Mixtape-Oper \u201eStation Paradiso\u201c in Stuttgart uraufgef\u00fchrt"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Sie wurden als G\u00e4ste eingeladen an die Flie\u00dfb\u00e4nder Deutschlands: Gastarbeiter aus Italien, T\u00fcrkei oder dem einstigen Jugoslawien. Entsprechende Abkommen mit der Bundesrepublik Deutschland machten das m\u00f6glich. Unternehmen wie Daimler und Bosch empfingen sie in ihren Werkshallen in Stuttgart.  Wobei der freundliche Begriff des Gastes bereits die Erwartung implizierte, dass nach getaner Arbeit bittesch\u00f6n die R\u00fcckreise anzutreten sei. Dass Menschen dazu neigen, Wurzeln zu schlagen, war in diesem Konzept nicht vorgesehen. Doch nat\u00fcrlich kam es so. Gastarbeiter blieben l\u00e4nger, Familien zogen nach, Gastarbeiterkinder wurden geboren. Es entstanden Biografien, die sich zwischen den beiden Welten bewegen, zwischen Herkunftsland und Gastgeberland, zwischen der erinnerten, ersehnten, verkl\u00e4rten oder abgelegten Heimat auf der einen und der neuen Heimat auf der anderen Seite, die man liebte oder ablehnte, mit der es sich jedenfalls  irgendwie zu arrangieren galt.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Das ist der Ausgangspunkt f\u00fcr die Oper \u201eStation Paradiso\u201c der kroatischen Komponistin Sara Glojnaric (35)  und der serbischen Librettistin Tanja Sljivar (37), die nun an der Stuttgarter Oper uraufgef\u00fchrt wurde. Glojnaric, die selbst etliche Jahre in Stuttgart lebte, studierte und arbeitete, f\u00fchrte Interviews mit Menschen aus der ersten, zweiten und dritten Generation der Gastarbeiter-Diaspora. Dabei bat sie sie, Musik mitzubringen, die ihnen am Herzen lag. Es kam eine Art musikalisches Archiv zusammen, alte Kassetten mit erinnerungstr\u00e4chtigen Aufnahmen, sei es nun das Lied einer neapolitanischen Gro\u00dfmutter auf einem Familienfest, moderner Yugo- oder Italo-Pop oder t\u00fcrkisch-deutscher Crossover. Was Menschen halt so aufbewahren, weil sie sich damit identifizieren und weil Kl\u00e4nge Erinnerungen und Emotionen konservieren, die in der Fremde wertvoll werden. Auf diesen Aufnahmen nun basiert Glojnarics Partitur f\u00fcr \u201eStation Paradiso\u201c &#8211; sie selbst spricht von einer \u201eMixtape-Oper\u201c. Und dieser Mix muss vielf\u00e4ltig gewesen sein.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    M\u00fcsste eigentlich. Denn \u00fcber die Aneignung des Materials durch die Komponistin geht die Vielfalt \u00fcber weite Strecken verloren. Glojnaric, vielleicht um der Gefahr von Sentimentalit\u00e4t und Kitsch vorzubeugen, die hier gewiss lauert, hat die Ausgangssongs verfremdet, fragmentiert und in einem Zuspielband in den Hintergrund gelegt. Dar\u00fcber liegt eine weitere Schicht &#8211;  ihre eigene Musik mit Synthesizer, Keyboards und Orchester (Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Peter Rundel).  Es ist, als w\u00fcrde sie mit dieser Technik auf Distanz gehen zu dem nostalgischen Potenzial ihres Ausgangsmaterials. Die \u00dcberschreibungen lassen eine Oberfl\u00e4che hervortreten, die mal in minimal-music-\u00e4hnlichen Wiederholungsmustern vorantreibende Rhythmen erzeugen, sich mal zu ruhigeren, fl\u00e4chigen Soundscapes aufspannen.  Das ist alles in allem zu gleichf\u00f6rmig, zu laut und auf Dauer zu erm\u00fcdend, um die dahinter liegende Feinarbeit angemessen zu w\u00fcrdigen.\n  <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/04.jpg\" alt=\"Die Braut (Josefin Feiler) tr\u00e4umt von einer Hochzeit in einem idealisierten Jugoslawien.\" title=\"Die Braut (Josefin Feiler) tr\u00e4umt von einer Hochzeit in einem idealisierten Jugoslawien.\" loading=\"lazy\" class=\"h-full w-full object-cover\"\/><\/p>\n<p>      Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>    Die Braut (Josefin Feiler) tr\u00e4umt von einer Hochzeit in einem idealisierten Jugoslawien.<br \/>\n    Foto: Matthias Baus<\/p>\n<p>        Schlie\u00dfen <\/p>\n<p>      Icon Schlie\u00dfen<\/p>\n<p>        Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>        Icon verkleinern<\/p>\n<p>      Icon Pfeil bewegen<\/p>\n<p>    Die Braut (Josefin Feiler) tr\u00e4umt von einer Hochzeit in einem idealisierten Jugoslawien.<br \/>\n    Foto: Matthias Baus<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem Libretto. Auf einer Busreise von Stuttgart nach S\u00fcd- und S\u00fcdosteuropa treffen verschiedenste Menschen aufeinander, die nur eines miteinander verbindet: ihr migrantischer Hintergrund, der sie nun diese Reise in ihr Herkunftsland antreten l\u00e4sst. Die lose Handlung reiht die Geschichten der einzelnen Personen aneinander: Die \u201eYugo-Braut\u201c (Josefin Feiler), die sich eine Hochzeit in einem verkl\u00e4rten Jugoslawien ertr\u00e4umt; der Neapolitaner (Joseph Tancredi), der die Asche seines Vaters zu den Mandolinen zur\u00fcckbringen will, die er so liebte; der demente t\u00fcrkische Vater (Matthias Klink), der seine Tochter (Fanie Antonelou) nur noch erkennt, wenn sie sich als ihren vom Vater bevorzugten Bruder verkleidet; die s\u00fcditalienische Mutter (Stine Marie Fischer), die sich von ihrer emanzipierten Tochter (Martina Mikelic)  Vorw\u00fcrfe machen lassen muss oder der Yugo-Vater (Andrew Bogard) und die rebellische Yugo-Tochter (Diana Haller). Sie alle bringen ihre Musik und ihre Geschichte mit in den Bus, der von dem Fahrer (Goran Juric), einer Charon-artigen Figur, von einer Welt in die andere gelenkt wird.\n  <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/03.jpg\" alt=\"Der Busfahrer (Goran Juric) steuert den Bus von einer Welt in die andere.\" title=\"Der Busfahrer (Goran Juric) steuert den Bus von einer Welt in die andere.\" loading=\"lazy\" class=\"h-full w-full object-cover\"\/><\/p>\n<p>      Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>    Der Busfahrer (Goran Juric) steuert den Bus von einer Welt in die andere.<br \/>\n    Foto: Matthias Baus<\/p>\n<p>        Schlie\u00dfen <\/p>\n<p>      Icon Schlie\u00dfen<\/p>\n<p>        Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>        Icon verkleinern<\/p>\n<p>      Icon Pfeil bewegen<\/p>\n<p>    Der Busfahrer (Goran Juric) steuert den Bus von einer Welt in die andere.<br \/>\n    Foto: Matthias Baus<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Im Programmheft sind all diese Figuren mit ihren Eigenheiten und Geschichten genau umrissen, ergibt sich in der Summe ein bewegendes Panoptikum migrantischer Kultur. Im Libretto und damit auch auf der B\u00fchne wird das allerdings nur bedingt sichtbar. Zumal auch die meist gedehnten Gesangslinien wenig zur Charakterisierung der Figuren beitragen.\n  <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/07.jpg\" alt=\"Die Tanten Mari(j)a konservieren Erinnerungen und Emotionen.\" title=\"Die Tanten Mari(j)a konservieren Erinnerungen und Emotionen.\" loading=\"lazy\" class=\"h-full w-full object-cover\"\/><\/p>\n<p>      Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>    Die Tanten Mari(j)a konservieren Erinnerungen und Emotionen.<br \/>\n    Foto: Matthias Baus<\/p>\n<p>        Schlie\u00dfen <\/p>\n<p>      Icon Schlie\u00dfen<\/p>\n<p>        Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>        Icon verkleinern<\/p>\n<p>      Icon Pfeil bewegen<\/p>\n<p>    Die Tanten Mari(j)a konservieren Erinnerungen und Emotionen.<br \/>\n    Foto: Matthias Baus<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Und dann gibt es noch die Tante Maria, vielmehr die Tanten Mari(j)a, mehr l\u00e4nder\u00fcbergreifendes Ph\u00e4nomen als konkrete Figur, die die W\u00e4rme der Heimat verk\u00f6rpert mit all ihren Ger\u00fcchen und Kl\u00e4ngen.  In Stuttgart werden sie im Trio als singende (Carole Wilson), live kochende (Loretta Petti) und schauspielernde Tante (Statisterie der Staatsoper) in einer Art nostalgischem Kaufladen auf die B\u00fchne geschoben, wo man ihnen beim Kochen und Einmachen zuschauen kann &#8211; schlie\u00dflich sind es sie, die Gef\u00fchle und Erinnerungen konservieren.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    \u00dcberhaupt ist es die Inszenierung von Anika Rutkovsky, die mitsamt der Videos (Manuela Hartel) auf der B\u00fchne von Christina Schmitt  den Abend zu einem abwechslungsreichen Ganzen formt, den Figuren Gestalt gibt, gelegentlich sogar auf spielerische Weise dokumentarische Hintergrundinformationen  \u00fcber das Gastarbeiterabkommen einstreut oder karikaturhafte Politiker-Figuren auftanzen l\u00e4sst.\n  <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/08.jpg\" alt=\"Der t\u00fcrkische Vater (Matthias Klink) singt zur E-Gitarre, w\u00e4hrend sich seine Tochter (Fanie Antonelou) f\u00fcr ihn in den Bruder verwandelt.\" title=\"Der t\u00fcrkische Vater (Matthias Klink) singt zur E-Gitarre, w\u00e4hrend sich seine Tochter (Fanie Antonelou) f\u00fcr ihn in den Bruder verwandelt.\" loading=\"lazy\" class=\"h-full w-full object-cover\"\/><\/p>\n<p>      Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>    Der t\u00fcrkische Vater (Matthias Klink) singt zur E-Gitarre, w\u00e4hrend sich seine Tochter (Fanie Antonelou) f\u00fcr ihn in den Bruder verwandelt.<br \/>\n    Foto: Matthias Baus<\/p>\n<p>        Schlie\u00dfen <\/p>\n<p>      Icon Schlie\u00dfen<\/p>\n<p>        Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>        Icon verkleinern<\/p>\n<p>      Icon Pfeil bewegen<\/p>\n<p>    Der t\u00fcrkische Vater (Matthias Klink) singt zur E-Gitarre, w\u00e4hrend sich seine Tochter (Fanie Antonelou) f\u00fcr ihn in den Bruder verwandelt.<br \/>\n    Foto: Matthias Baus<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Eine ber\u00fchrende Szene bleibt dabei besonders in Erinnerung, zumal sie sich auch musikalisch abhebt: wenn n\u00e4mlich das Orchester schweigt und der t\u00fcrkische Vater zur E-Gitarre greift, um ein trauriges Lied anzustimmen. Dazu sieht man im Video, wie sich die Tochter einen Schnurrbart aufklebt und die Haare zur\u00fccksteckt, um dem Bruder \u00e4hnlich zu werden, den der Vater offenbar mehr liebte als sie. Der singt unterdessen: \u201eJetzt hast du eine andere Liebe gefunden\u201c. Und so genau wei\u00df man nicht, wer das auf wen bezieht, nur dass es hier um einen unwiederbringlichen Verlust geht. Das trifft ins Herz, ganz ohne sentimentalen Kitsch. Davon h\u00e4tte man sich an diesem Abend mehr gew\u00fcnscht.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Weitere Auff\u00fchrungen: 14., 17., 24. Mai; 1., 6., 11. und 21. Juni. Tickets und Infos: www.staatsoper-stuttgart.de\n  <\/p>\n<p>    Sara Glojnaric<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Sara Glojnaric wurde 1991 in Zagreb geboren und studierte Komposition sowohl in Zagreb als auch in Stuttgart. In ihrer k\u00fcnstlerischen Praxis besch\u00e4ftigt sie sich mit Popkultur, ihrer \u00c4sthetik und ihren soziopolitischen Folgen. Glojnari\u0107 schrieb unter anderem Kompositionen f\u00fcr das\u00a0Ensemble Musikfabrik, das\u00a0M\u00fcnchener Kammerorchester und die\u00a0Neuen Vocalsolisten Stuttgart. Bei den Donaueschinger Musiktagen 2024 erhielt sie f\u00fcr ihr Werk \u201eDing, dong, Darling!\u201c den Orchesterpreis des SWR Symphonieorchesters. (esd)\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sie wurden als G\u00e4ste eingeladen an die Flie\u00dfb\u00e4nder Deutschlands: Gastarbeiter aus Italien, T\u00fcrkei oder dem einstigen Jugoslawien. 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