{"id":1012659,"date":"2026-05-12T05:32:16","date_gmt":"2026-05-12T05:32:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1012659\/"},"modified":"2026-05-12T05:32:16","modified_gmt":"2026-05-12T05:32:16","slug":"nuernberg-ich-hatte-keine-freunde-mediensucht-bei-jugendlichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1012659\/","title":{"rendered":"N\u00fcrnberg | \u00abIch hatte keine Freunde\u00bb &#8211; Mediensucht bei Jugendlichen"},"content":{"rendered":"<p>N\u00fcrnberg (dpa) &#8211; Jonas kann heute genau sagen, wieso er damals immer mehr in die digitale Welt abgeglitten ist. Das sei w\u00e4hrend der Corona-Pandemie gewesen, erz\u00e4hlt der 17-J\u00e4hrige. \u00abDie Leute hatten einfach Leerlauf &#8211; ich auch. Dann habe ich angefangen zu spielen.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Computerspiele wurden damals zu seinem Lebensinhalt, jeden Tag verbrachte er bis sp\u00e4t abends viele Stunden vor dem Bildschirm. Ein anderes Hobby hatte er nicht, soziale Kontakte au\u00dferhalb der Online-Welt ebenfalls nicht. \u00abIch hatte keine Freunde. Meine Freizeit hat am Computer stattgefunden.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Heute spricht Jonas offen \u00fcber seine exzessive Mediennutzung, doch die Erkenntnis kam nicht von allein. Diese brachte erst eine Therapie am Klinikum N\u00fcrnberg vor etwa eineinhalb Jahren. Seit April 2023 bietet dieses eine eigene Sprechstunde f\u00fcr junge Mediens\u00fcchtige an, denn wie Jonas geht es vielen jungen Leuten seit Corona.\u00a0<\/p>\n<p>Z\u00e4hneputzen und Duschen werden vernachl\u00e4ssigt<\/p>\n<p>Betroffen seien vorwiegend Jungen im Alter von 14 bis 15 Jahren, sagt der Psychologe Philipp Martzog. Suchtgef\u00e4hrdet seien vor allem Jugendliche mit ADHS, Depressionen, sozialen \u00c4ngsten oder die unter Mobbing oder schulischen Misserfolgen litten. An der Klinik f\u00fcr Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie haben er und die anderen Fachleute bisher etwa 80 junge Leute mit einem riskanten Mediennutzungsverhalten behandelt, den Gro\u00dfteil wie Jonas ambulant.\u00a0<\/p>\n<p>Von einem riskanten Mediennutzungsverhalten sprechen die Fachleute, wenn jemand die Kontrolle dar\u00fcber verliert, wie viel Zeit er am Smartphone, am Computer oder an der Spielkonsole verbringt, wenn die Medienzeit das Leben bestimmt und negative Folgen in Kauf genommen werden. \u00abEs werden Freunde vernachl\u00e4ssigt, die Schule und die K\u00f6rperhygiene. Man putzt sich seltener die Z\u00e4hne oder duscht weniger\u00bb, erl\u00e4utert Martzog.\u00a0<\/p>\n<p>Das Problem ist oft die Einsicht der Betroffenen &#8211; die Eltern kommen nicht mehr an ihre Kinder heran. Auch Jonas h\u00e4tte nie eine Therapie gemacht, wenn seine Mutter ihn nicht dazu gezwungen h\u00e4tte, wie er sagt. Und noch immer ist er nicht komplett \u00fcberzeugt, dass er diese wirklich gebraucht h\u00e4tte.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abIch habe das Computerspielen mehr wie ein Hobby betrieben, zwar wie ein extremes\u00bb, sagt er r\u00fcckblickend. Aber er kenne Leute, die seit eineinhalb Jahren nicht mehr zur Schule gegangen seien. So schlimm sei es bei ihm nicht gewesen, betont er. Dass er nicht viel f\u00fcr die Schule getan habe, das stimme aber schon. Jetzt, wo er in der 11. Klasse sei, gehe das nicht mehr.\u00a0<\/p>\n<p>Viele schw\u00e4nzen die Schule<\/p>\n<p>Dass es in der Regel die Eltern sind, die ihre Kinder zu einer Mediensuchttherapie bringen, best\u00e4tigt auch Chefarzt Erik Kolfenbach von der Klinik Sch\u00f6nsicht in Berchtesgaden, einer Rehaklinik f\u00fcr Kinder und Jugendliche. Diese bietet als Modellprojekt ein sechsw\u00f6chiges station\u00e4res Programm f\u00fcr 12- bis 17-J\u00e4hrige an, das die Klinik zusammen mit der Berliner Charit\u00e9 entwickelt hat und welches die Charit\u00e9 nach Ablauf evaluieren wird.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abEs kommen bislang eher Kinder aus der Mittel- und Oberschicht, wo die Eltern scheinbar eher f\u00fcr die Problematik sensibilisiert sind und auch die Bildung ihrer Kinder st\u00e4rker im Blick haben\u00bb, sagt Kolfenbach. Etwa 50 Jugendliche haben das Programm bereits durchlaufen &#8211; zwei Drittel davon fielen vor allem dadurch auf, dass sie die Schule schw\u00e4nzten, um digitale Spiele zu zocken, durch Social-Media-Kan\u00e4le zu scrollen oder Video-Streaming zu verfolgen.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abDie Jugendlichen haben oft heftige Auseinandersetzungen im Elternhaus\u00bb, sagt der Facharzt f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Trotz der vielen Nachteile, die der unkontrollierte Medienkonsum mit sich bringe, schafften sie es nicht allein, damit aufzuh\u00f6ren. Das gro\u00dfe Problem bei Mediensucht sei, dass im Gegensatz etwa zu einer Alkoholsucht nach einer Therapie eine totale Abstinenz nicht m\u00f6glich sei. \u00abUnsere Gesellschaft ist durchdigitalisiert. Das beinhaltet noch mehr die Gefahr eines R\u00fcckfalls.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Reha sollen die jungen Leute unter anderem lernen, ihre Emotionen zu regulieren, ihre Konfliktf\u00e4higkeit und die Selbstkontrolle zu verbessern, aber vor allem auch, wie sie die neu gewonnene Freizeit mit anderen Aktivit\u00e4ten f\u00fcllen k\u00f6nnen. Deshalb stehen viel Sport, Kunsttherapie und T\u00f6pfern auf dem Programm.<\/p>\n<p>Fitnessstudio statt Zocken<\/p>\n<p>Die Therapie von Jonas ging \u00fcber drei Monate, sie bestand aus Einzelgespr\u00e4chen und sp\u00e4ter einer w\u00f6chentlichen Gruppentherapie. \u00abGemeinsam haben wir uns ein Ziel gesucht, das jeder am Ende der Therapie erreichen m\u00f6chte\u00bb, erl\u00e4utert er. Bei ihm sei es gewesen: regelm\u00e4\u00dfig ins Fitnessstudio zu gehen.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abIch habe es pers\u00f6nlich geschafft, weniger Zeit vor dem Monitor zu verbringen, langsam und schleppend. Aber dann doch am Ende, indem mein Tag sich einfach St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck mit Verantwortung gef\u00fcllt hat\u00bb, sagt Jonas.\u00a0<\/p>\n<p>Dabei geholfen habe ihm auch, dass er jetzt einfach weniger Zeit f\u00fcrs Computerspielen habe. Er m\u00fcsse mehr f\u00fcr die Schule tun, habe einen Mini-Job und eine Freundin. Er zocke zwar immer noch. \u00abMal ein, zwei Spiele, aber keine acht Stunden am St\u00fcck mehr.\u00bb<\/p>\n<p>Von einer Altersbeschr\u00e4nkung f\u00fcr Social Media, wie sie gerade in der deutschen Politik diskutiert wird und wie sie Australien bereits eingef\u00fchrt hat, h\u00e4lt Jonas trotz seiner eigenen Erfahrungen nichts. \u00abWer das umgehen m\u00f6chte, wird einen technischen Weg finden\u00bb, meint er. \u00abAber politisch sieht das nat\u00fcrlich gut aus. Man setzt einen Haken unter das Thema.\u00bb<\/p>\n<p>Die Experten Martzog und Kolfenbach sehen dagegen eindeutig eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. \u00abIch bin f\u00fcr einen besseren Jugendschutz\u00bb, sagt Martzog. \u00abKinder und Jugendliche sind hinsichtlich ihrer Gehirnentwicklung noch nicht in der Lage, ihren Medienkonsum g\u00e4nzlich selbst zu regulieren.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Aber auch die Eltern seien gefragt, erg\u00e4nzt Kolfenbach. Diese m\u00fcssten mit ihren Kindern \u00fcber die Mediennutzung im Gespr\u00e4ch bleiben, dieser Grenzen setzen und selbst Vorbild sein. \u00abDie Kinder orientieren sich auch an M\u00fcttern und V\u00e4tern, die beim Fr\u00fchst\u00fcckstisch ins Handy gucken.\u00bb<\/p>\n<p>Jonas meint dagegen: \u00abIch denke, dass sich das Problem bei vielen auch mit dem Alter l\u00f6st.\u00bb So wie bei ihm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"N\u00fcrnberg (dpa) &#8211; Jonas kann heute genau sagen, wieso er damals immer mehr in die digitale Welt abgeglitten&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1012660,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1837],"tags":[772,3364,29,30,1724,141,198,1722,1114,3783],"class_list":{"0":"post-1012659","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-nuernberg","8":"tag-bayern","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-gesellschaft","13":"tag-gesundheit","14":"tag-internet","15":"tag-jugendliche","16":"tag-kinder","17":"tag-nuernberg"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116559973656269863","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1012659","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1012659"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1012659\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1012660"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1012659"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1012659"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1012659"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}