{"id":1014045,"date":"2026-05-12T18:37:17","date_gmt":"2026-05-12T18:37:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1014045\/"},"modified":"2026-05-12T18:37:17","modified_gmt":"2026-05-12T18:37:17","slug":"regisseur-laszlo-nemes-zu-seinem-film-andor-hirsch-muss-man-sich-der-eigenen-gewalt-stellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1014045\/","title":{"rendered":"Regisseur L\u00e1szl\u00f3 Nemes zu seinem Film \u201eAndor Hirsch\u201c: \u201eMuss man sich der eigenen Gewalt stellen?\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">\n        Mit \u201eSon of Saul\u201c wurde L\u00e1szl\u00f3 Nemes 2015 zu einer der zentralen Stimmen des europ\u00e4ischen Autorenkinos. Sein Oscar-pr\u00e4miertes Deb\u00fct \u00fcber einen j\u00fcdischen H\u00e4ftling in Auschwitz verband radikale Subjektivit\u00e4t mit einer physischen, fast unertr\u00e4glich unmittelbaren Bildsprache. Auch der Nachfolger <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ungarischer-Kinofilm-Sunset\/!5600067\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eSunset\u201c kreiste um die Gewaltgeschichte Europas, verlegt ins Budapest der untergehenden K.-u.-k.-Monarchie<\/a>. Mit \u201eAndor Hirsch\u201c kehrt Nemes nun erneut nach Ungarn zur\u00fcck, diesmal jedoch so pers\u00f6nlich wie nie zuvor. Der Film erz\u00e4hlt von einem j\u00fcdischen Jungen im Budapest der sp\u00e4ten 1950er Jahre, dessen Vorstellung vom im Holocaust ermordeten Vater zerbricht, als pl\u00f6tzlich ein Fremder auftaucht und behauptet, sein wirklicher Vater zu sein. Aus dem Familiendrama wird eine vielschichtige Erz\u00e4hlung \u00fcber Erinnerung und Verdr\u00e4ngung. Ein Gespr\u00e4ch mit dem 49-J\u00e4hrigen \u00fcber transgenerationale Traumata, moralische Ambivalenz und die Frage, warum Kino vor allem eine menschliche Erfahrung ist.\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">\n        <strong>taz: Herr Nemes, wie Ihre fr\u00fcheren Filme spiegelt \u201eAndor Hirsch\u201c j\u00fcdische und ungarische Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, ist dabei aber deutlich pers\u00f6nlicher. Was bedeutet es, die eigene Familiengeschichte zu verarbeiten?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-3\" pos=\"3\"><strong>L\u00e1szl\u00f3 Nemes:<\/strong> Es ist die Kindheit meines Vaters, die ich als Ausgangsmaterial verwendet habe. Viele grundlegende Elemente sind tats\u00e4chlich so geschehen. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass diese Geschichte die verschiedenen Schichten des Traumas des 20. Jahrhunderts sehr pr\u00e4zise b\u00fcndelt. Ich bin damit aufgewachsen, sie ist auch ein Teil von mir. In gewisser Weise tr\u00e4gt der Film das Gewicht der europ\u00e4ischen Geschichte des 20. Jahrhunderts in sich. Und wir sind die Erben davon. Wir sind die lebende Generation, die damit umgehen muss. Und ich bin mir nicht sicher, ob wir auf einer menschlichen Ebene wirklich begreifen, welche Konsequenzen unsere eigene Geschichte hat \u2013 oder welches Potenzial zu Verdr\u00e4ngung, B\u00f6sem und Antihumanismus in uns steckt.<\/p>\n<p>Der Film<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">\u201eAndor Hirsch\u201c. Regie: L\u00e1szl\u00f3 Nemes. Mit Bojtorj\u00e1n Barabas, Andrea Waskovics u.a. Ungarn\/Vereinigtes K\u00f6nigreich\/Deutschland\/Frankreich 2025, 132 Min.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">\n        <strong>taz: Hat Ihr Vater \u00fcber diese Zeit gesprochen?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\"><strong>Nemes:<\/strong> Mein Vater hat dar\u00fcber gesprochen, aber es war vor allem meine Gro\u00dfmutter, die mir diese Welt wirklich vermittelt hat. Einige Elemente musste ich rekonstruieren, insbesondere die grausamsten Erfahrungen, die sie gemacht hat. Diese Ereignisse haben die Familie seitdem verfolgt, bis in meine eigene Kindheit hinein.<\/p>\n<p><a class=\"slides icon maximize_opahov large pswp-slides pl-0\" href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/8433672\/1200\/AndorHirsch-L-szl-Nemes-Headshot.webp\" data-pswp-width=\"1200\" data-pswp-height=\"1200\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/AndorHirsch-L-szl-Nemes-Headshot.webp\" loading=\"lazy\" height=\"242\" type=\"image\/webp\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Im Interview:\u00a0L\u00e1szl\u00f3 Nemes\n<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">L\u00e1szl\u00f3 Nemes wurde 1977 in Budapest geboren. Er studierte unter anderem Filmregie in New York. Sein Deb\u00fctfilm \u201eSon of Saul\u201c z\u00e4hlt zu den am h\u00e4ufigsten ausgezeichneten Erstlingswerken der Filmgeschichte und gewann etwa den Oscar f\u00fcr den besten fremdsprachigen Film. Nemes\u2019 aktueller Film \u201eMoulin\u201c feiert dieser Tage in Cannes Premiere.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">\n        <strong>taz: Hatten Sie Zweifel, sie zum Thema eines Spielfilms zu machen?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\"><strong>Nemes:<\/strong> Man muss immer die richtige Distanz finden, wenn man mit solchem Material arbeitet. Diese Frage ist zentral und sie spiegelt sich auch im Film selbst wider. Gleichzeitig ist es eine grundlegende, fast archetypische Geschichte, die Parallelen zu \u201eHamlet\u201c hat: der Geist des Vaters, der usurpierende K\u00f6nig, der alleingelassene Sohn, der mit der Gewalt der Welt konfrontiert ist. Es geht um die Frage, ob man mit einer falschen Realit\u00e4t leben kann, um das Verh\u00e4ltnis zur eigenen Vorstellung von Wahrheit und T\u00e4uschung. Und auch darum, wie man mit den eigenen Schattenseiten umgeht. Kann man die Welt in Gut und B\u00f6se aufteilen, oder muss man sich der eigenen Gewalt stellen? Diese Fragen haben den Film begleitet.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">\n        <strong>taz: Wie lange haben Sie sich mit dem Projekt besch\u00e4ftigt?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\"><strong>Nemes:<\/strong> Etwa sieben Jahre. Es ist schwierig, sich einem solchen Stoff zu n\u00e4hern. Als ich acht Jahre alt war, wollte ich \u201eDer Herr der Ringe\u201c verfilmen. Das hat bekanntlich nicht geklappt. Ich bin schlie\u00dflich zu meiner Familiengeschichte zur\u00fcckgekehrt. Meine Gro\u00dfmutter konnte ihre Erlebnisse aus den 1920er- und 30er-Jahren sehr lebendig schildern und sp\u00e4ter ihre Erfahrungen im Holocaust. Ihr erstes gro\u00dfes Liebesverh\u00e4ltnis, das sie verloren hat, ihre Zeit im Versteck. Diese Emotionen waren f\u00fcr mich unmittelbar nachvollziehbar. Ich hatte das Gef\u00fchl, ihr etwas schuldig zu sein. Denn ihre Geschichte geht \u00fcber das Individuelle hinaus, sie betrifft unsere gesamte Zivilisation.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">\n        <strong>taz: Wie hat Sie dieses transgenerationale Trauma gepr\u00e4gt?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\"><strong>Nemes:<\/strong> Sehr stark. Ich musste Filme daraus machen. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ungarischer-Kinofilm-Son-of-Saul\/!5281846\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eSon of Saul\u201c<\/a> entstand auch aus solchen Erfahrungen. Meine Mutter hat mich nicht davor gesch\u00fctzt, ich wusste schon mit f\u00fcnf Jahren von den grausamen Details aus Auschwitz. Viele Menschen haben dar\u00fcber nicht gesprochen, nicht nur Juden, sondern alle, die den Krieg erlebt haben. Gewalt, erlittene wie ausge\u00fcbte, wurde verschwiegen. Das 20. Jahrhundert hat eine industrielle Form der Grausamkeit hervorgebracht, insbesondere gegen\u00fcber Zivilisten. Dieses Trauma ist noch immer in uns. Ich versuche mit meinen Filmen, den Zuschauer in diese Erfahrung hineinzuziehen. Sie nicht nur von au\u00dfen zu betrachten, sondern als etwas Pers\u00f6nliches zu erleben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">\n        <strong>taz: Hat die politische Situation Einfluss auf Ihre Arbeit?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\"><strong>Nemes:<\/strong> Der Film ist w\u00e4hrend Orb\u00e1ns Regime entstanden, doch interessanterweise gab es keinerlei Eingriffe in Ungarn, weder beim Schreiben noch sp\u00e4ter. Ich hatte v\u00f6llige Freiheit. Das steht im Kontrast zu meinen Erfahrungen mit amerikanischen Studios, wo jedes Detail von Produzenten kommentiert wird. Ich habe zuvor eine Weile versucht, einen englischsprachigen Film zu machen. Das war ein Albtraum. Es ging nur um Angst. Ich kann keine Filme auf der Basis von Angst machen. Ironischerweise hatte man sogar im Sozialismus manchmal mehr Freiheiten als in solchen Systemen.<\/p>\n<p class=\"typo-teaser-text mgt-xsmall\">\nWir w\u00fcrden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden,<br \/>\nob Sie dieses Element auch sehen wollen:\n<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bildschirmfoto-2026-05-11-20-16-30.webp\" loading=\"lazy\" height=\"373\" type=\"image\/webp\"\/><\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">\n        <strong>taz: Wie haben Sie den visuellen Stil entwickelt? Er wirkt sehr haptisch, beinahe greifbar.<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"15\"><strong>Nemes:<\/strong> Wir haben analog auf 35 mm gedreht. Meine Inspiration kommt oft aus der Malerei und aus der Fotografie, etwa von Saul Leiter oder Ernst Haas. Sie erzeugen eine sehr menschliche Perspektive. Es ist ein fragmentierter Blick auf die Welt, nicht vollst\u00e4ndig. Und das Gegenteil der Illusion, die digitale Medien erzeugen, dass alles jederzeit verf\u00fcgbar und vollst\u00e4ndig erfassbar sei. Mich interessiert das reale menschliche Dasein. Zugleich wollten wir eine dokumentarische H\u00e4rte mit etwas Magischem verbinden, weil es die Geschichte aus der Perspektive eines Kindes ist. Die Repression der Erwachsenenwelt sollte neben Momenten von Zartheit existieren. Auch im Entwicklungsprozess des Materials haben wir versucht, starke Kontraste zu schaffen: echte Schwarzt\u00f6ne, echtes Wei\u00df, zugleich aber Farben, die hervorstechen. Es ist ein fotochemischer Prozess mit einer gewissen poetischen \u00dcberh\u00f6hung. Im Schnitt habe ich versucht, eine Wahrnehmung entstehen zu lassen, die weniger geschlossen, weniger eindeutig ist.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"16\">\n        <strong>taz: Ihr Film ist auch ein Produkt seiner Zeit, entstanden inmitten eines rechten und antisemitischen Aufschwungs.<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"17\"><strong>Nemes:<\/strong> Ich hoffe immer auf mehr Empathie. Wir leben in einer Welt, in der ich eine klare Trennung sehe: zwischen Humanismus und Antihumanismus. Besonders in digitalen R\u00e4umen sehe ich eine starke Tendenz zu Moralismus, zu schnellen Urteilen, zu einer Aufteilung in Gut und B\u00f6se. Das erinnert mich fast an eine puritanische Weltsicht. Die entscheidende Frage ist f\u00fcr mich: Was f\u00fcr ein Mensch bist du? Welche F\u00e4higkeit hast du, wirklich menschlich zu handeln? Und hier kommt das Kino ins Spiel. Wenn ich als Regisseur genug Raum lasse, wenn ich den Zuschauer nicht bevormunde, dann kann er Teil des Films werden. Dann entsteht eine gemeinsame Erfahrung, etwas Zwischenmenschliches. Ich glaube nicht, dass Filme die Welt durch gro\u00dfe politische Aussagen ver\u00e4ndern. Aber sie k\u00f6nnen uns zwingen, uns selbst zu begegnen. Und vielleicht beginnt Ver\u00e4nderung genau dort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit \u201eSon of Saul\u201c wurde L\u00e1szl\u00f3 Nemes 2015 zu einer der zentralen Stimmen des europ\u00e4ischen Autorenkinos. 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