{"id":1015181,"date":"2026-05-13T05:23:15","date_gmt":"2026-05-13T05:23:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1015181\/"},"modified":"2026-05-13T05:23:15","modified_gmt":"2026-05-13T05:23:15","slug":"1972-ein-grausamerer-und-wahnwitzigerer-kontrast-war-nicht-denkbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1015181\/","title":{"rendered":"1972: Ein \u201egrausamerer und wahnwitzigerer Kontrast\u201c war nicht denkbar"},"content":{"rendered":"<p>Alles besser machen wollte M\u00fcnchen bei den Olympischen Spielen 1972. Das gelang\u00a0\u2013 bis am 5. September Terroristen die israelische Mannschaft \u00fcberfielen. Zw\u00f6lf unschuldige Menschen starben. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die Morgend\u00e4mmerung hatte gerade erst begonnen \u2013 bis zum Sonnenaufgang in M\u00fcnchen dauerte es am 5. September 1972 noch etwas mehr als eine Stunde. Der Dienstag versprach, sch\u00f6n zu werden.  Als kurz vor halb f\u00fcnf Uhr einige Beamte des Olympia-Postamtes auf dem Weg zur Fr\u00fchschicht waren, fielen ihnen junge M\u00e4nner in Sportkleidung auf, die \u00fcber den Zaun zum Olympischen Dorf kletterten. Die Postbeamten dachten, es handele sich um Sportler, die nach einer langen Nacht zur\u00fcck zu ihren Quartieren strebten und nicht an einem der kontrollierten Eing\u00e4nge auffallen wollten.<\/p>\n<p>Ein Irrtum. Wenige Minuten sp\u00e4ter betraten die jungen M\u00e4nner das Treppenhaus zum Haus <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article240197415\/Terrorismus-Was-in-den-Akten-zum-Olympia-Anschlag-1972-steht.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article240197415\/Terrorismus-Was-in-den-Akten-zum-Olympia-Anschlag-1972-steht.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Connollystra\u00dfe 31<\/a>, in dem drei Viertel der Olympia-Delegation Israels wohnten. Die Trainingsanz\u00fcge, in denen sie zuvor \u00fcber den Zaun geklettert waren, hatten sie gegen mitgebrachte Stra\u00dfenkleidung ausgetauscht; au\u00dferdem hatte jeder ein Sturmgewehr vom Typ <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article203226600\/100-Jahre-Kalaschnikow-Eine-Viertelmillion-Tote-pro-Jahr.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article203226600\/100-Jahre-Kalaschnikow-Eine-Viertelmillion-Tote-pro-Jahr.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kalaschnikow<\/a> in der Hand.<\/p>\n<p>Bald nach 4.45 Uhr fielen Sch\u00fcsse. Damit endeten schlagartig die \u201eheiteren Spiele\u201c von M\u00fcnchen. Der Versuch, Deutschland 36 Jahre nach <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/kopf-des-tages\/article232889461\/Jesse-Owens-Der-Schwarze-der-Hitler-die-Show-stahl.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/kopf-des-tages\/article232889461\/Jesse-Owens-Der-Schwarze-der-Hitler-die-Show-stahl.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hitlers Propagandaversion Olympischer Sommerspiele in Berlin<\/a> als offenes, modernes Land zu pr\u00e4sentieren, scheiterte am dumpfen Hass pal\u00e4stinensischer Terroristen. Am Ende der folgenden 21 Stunden langen Geiselnahme waren elf israelische Olympia-Teilnehmer tot sowie ein deutscher Polizist; die ebenfalls get\u00f6teten f\u00fcnf Angreifer z\u00e4hlten nicht.<\/p>\n<p>\u201eMord in Olympia. Zu einem Fest, das sich das Gewand ,heiterer Spiele\u2018 umh\u00e4ngte, l\u00e4sst sich kein grausamerer und wahnwitzigerer Kontrast denken\u201c, kommentierte Fritz Wirth, eigentlich der WELT-Korrespondent in London. Weil er schon seit Melbourne 1956 alle <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.bundesarchiv.de\/themen-entdecken\/online-entdecken\/geschichtsgalerien\/xx-olympische-spiele-1972-in-muenchen\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.bundesarchiv.de\/themen-entdecken\/online-entdecken\/geschichtsgalerien\/xx-olympische-spiele-1972-in-muenchen\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Olympischen Sommerspiele<\/a> f\u00fcr seine Redaktion begleitet hatte, war er auch in M\u00fcnchen dabei. Seinem Leitartikel war die Ersch\u00fctterung anzumerken: \u201eNeben der Trauer um die Get\u00f6teten steht die Trauer einer Nation, die entschlossen war, sich in M\u00fcnchen als eine ver\u00e4nderte Nation vorzustellen.\u201c<\/p>\n<p>Entschlossen war die Bundesrepublik gewesen, jedoch weder hinreichend vorbereitet noch in der Lage, die einmal eingetretene Lage auch nur ansatzweise zu kontrollieren. Und das gleich in vierfacher Hinsicht. <\/p>\n<p>Erstens hatten die Organisatoren zwar m\u00f6gliche Gefahren durch Terroristen bedacht, sich jedoch aus unerfindlichen Gr\u00fcnden vollst\u00e4ndig auf m\u00f6gliche Angriffe gegen prominente G\u00e4ste konzentriert. Das war fahrl\u00e4ssig, denn erst im Mai 1972 hatte eine Anschlagsserie der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/raf\/article236393607\/RAF-Terror-Andreas-Baader-erklaerte-den-Volkskrieg.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/raf\/article236393607\/RAF-Terror-Andreas-Baader-erklaerte-den-Volkskrieg.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Baader-Meinhof-Bande<\/a> gezeigt, dass Terroristen gegen beliebige Ziele zuschlugen, sofern es in ihren pseudopolitischen Wahn zu passen schien.<\/p>\n<p>Zweitens verh\u00e4ngten die Sicherheitschefs der Spiele zwar eine Nachrichtensperre, setzten sie jedoch nicht durch. Im Gegenteil berichteten tausende Journalisten v\u00f6llig ungehindert alles M\u00f6gliche (und vor allem viele Spekulationen) in die Welt hinaus.<\/p>\n<p>Drittens lehnten die deutschen Beh\u00f6rden, vermutlich irgendein Beamter in einer h\u00f6heren Funktion beim Bundesinnen- oder beim Verteidigungsministerium, das Angebot aus Israel ab, eigene Kr\u00e4fte f\u00fcr eine m\u00f6gliche gewaltsame Befreiung zu schicken. Anders ist die Auskunft, die der Chef der israelischen Spezialkr\u00e4fte von seinem Vorgesetzten bekam, nicht zu deuten. Der hatte n\u00e4mlich in Bonn angerufen und eine Absage bekommen, weil so ein Einsatz gegen das Grundgesetz versto\u00dfen w\u00fcrde. Auf so etwas konnte in einer derartigen Lage nur ein v\u00f6llig weltfremder deutscher Jurist kommen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich war der Informationsfluss der verschiedenen beteiligten Stellen katastrophal schlecht. So wussten der Krisen- und der Polizeieinsatzstab zwar, dass es sich um acht T\u00e4ter handelte. Doch diese Information wurde nicht an das Befreiungskommando weitergegeben. Deshalb lagen nur f\u00fcnf zudem v\u00f6llig unzureichend ausgebildete Scharfsch\u00fctzen in Bereitschaft, die Terroristen auszuschalten. Es h\u00e4tten jedoch mindestens 16 sein m\u00fcssen. Die Bundeswehr h\u00e4tte problemlos gen\u00fcgend Personal gehabt \u2013 doch Bayern wollte nicht, dass Soldaten zum Einsatz kamen.<\/p>\n<p>Hinzu kam unmittelbar nach dem Desaster eine v\u00f6llig falsche Unterrichtung der \u00d6ffentlichkeit und dann umfassende Bem\u00fchungen, Schuld zu verschleiern und Konsequenzen zu vermeiden. Weder die beiden verantwortlichen Polizeichefs noch die zust\u00e4ndigen Innenminister von Bayern und Bund traten zur\u00fcck \u2013 wobei beide Politiker dazu bereit gewesen w\u00e4ren, jedoch aus wahltaktischen \u00dcberlegungen zum Weitermachen gedr\u00e4ngt wurden.<\/p>\n<p>Damit nicht genug: Schon am 20. September 1972 legte die Bundesregierung eine \u201eDokumentation \u00fcber die Vorf\u00e4lle in M\u00fcnchen\u201c vor \u2013 zu einer Zeit, als die Sonderkommission des Landeskriminalamtes Bayerns die Ermittlungen gerade erst aufgenommen hatte, nur wenige Zeugenaussagen vorlagen und nicht einmal der zusammenfassende Bericht der Spurensicherung. Trotzdem formulierte die \u201eDokumentation\u201c schon ein klares \u201eErgebnis\u201c: Die \u201ePr\u00fcfung\u201c habe ergeben, dass \u201edas nach Lage der Dinge M\u00f6gliche getan, angemessen gehandelt und richtig entschieden worden ist\u201c. <\/p>\n<p>Das war grotesk. Trotzdem sprach der zust\u00e4ndige Ausschuss des Bundestages \u201eallen Verantwortlichen sein Vertrauen aus\u201c und dankte ihnen \u201ef\u00fcr ihren besonnenen Einsatz\u201c. Erst mehr als drei Monate sp\u00e4ter lag der Ermittlungsbericht der Sonderkommission vor, exakt am 28. Dezember 1972. Doch angesichts des nicht formalen, aber pauschalen Freispruchs durch Regierung und Parlament spielten die gr\u00fcndlichen \u00dcberlegungen der M\u00fcnchner Ermittler kaum mehr eine Rolle. So wurden auch die Ermittlungsverfahren gegen die beiden Polizeichefs eingestellt, die ihre Karrieren fortsetzten.<\/p>\n<p>Die Angeh\u00f6rigen der Ermordeten bekamen zwar finanzielle Entsch\u00e4digungen angeboten, doch waren die Bedingungen formuliert wie ein Schlussstrich. Die Angeh\u00f6rigen wollten vor allem ein Bekenntnis der deutschen Beh\u00f6rden zur Mitverantwortung, und genau das wollten die Beamten vermeiden, <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/919700\/0a8435bca5d5167fbb6d9091ae8db690\/WD-1-028-22-pdf.pdf\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/919700\/0a8435bca5d5167fbb6d9091ae8db690\/WD-1-028-22-pdf.pdf&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">um nicht zu enormem Schadensersatz verklagt werden zu k\u00f6nnen<\/a>. Eine Blockade, die erst ein halbes Jahrhundert nach dem Terroranschlag von M\u00fcnchen ansatzweise aufgel\u00f6st werden konnte.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/sven-felix-kellerhoff\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/sven-felix-kellerhoff\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><b>Sven Felix Kellerhoff<\/b><\/a><b> ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten z\u00e4hlt Terrorismus in jeder Form. 2022 ver\u00f6ffentlichte er zum 5. September 1972 das Buch \u201e<\/b><a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.herder.de\/wissen\/shop\/p8\/86582-anschlag-auf-olympia-gebundene-ausgabe\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.herder.de\/wissen\/shop\/p8\/86582-anschlag-auf-olympia-gebundene-ausgabe\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\"><b>Anschlag auf Olympia. Was 1972 in M\u00fcnchen wirklich geschah<\/b><\/a><b>\u201c. <\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Alles besser machen wollte M\u00fcnchen bei den Olympischen Spielen 1972. Das gelang\u00a0\u2013 bis am 5. 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