{"id":1016800,"date":"2026-05-13T20:26:56","date_gmt":"2026-05-13T20:26:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1016800\/"},"modified":"2026-05-13T20:26:56","modified_gmt":"2026-05-13T20:26:56","slug":"impressionismus-als-renoir-noch-nicht-unter-kitschverdacht-stand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1016800\/","title":{"rendered":"Impressionismus: Als Renoir noch nicht unter Kitschverdacht stand"},"content":{"rendered":"<p>Die Omnipr\u00e4senz seiner Motive auf Tassen, Postern und Schirmen hat den Ruf von Pierre-Auguste Renoir beinahe ruiniert. In Paris l\u00e4sst sich nun entdecken, warum die besten Bilder des Malers zu den k\u00fchnsten seiner Zeit geh\u00f6ren.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Er h\u00e4ngt zwar in (fast) jedem Museum und seine Bilder werden auf Postern, Tassen und Taschen reproduziert. Trotzdem ist der Ruf von Pierre-Auguste Renoir (1841\u20131919) nicht der beste. Er war, nach z\u00e4hen Anl\u00e4ufen, nachhaltig ber\u00fchmt und wurde mit 78 Jahren vergleichsweise alt. Und er wiederholte sich in seinem \u2013 am Alterssitz in Cagnes-sur-Mer bei Nizza wie am Flie\u00dfband fabrizierten \u2013 Sp\u00e4twerk mit schweinchenrosa Nackedeis und s\u00fc\u00dflich l\u00e4chelnden Kindern, \u00f6den Blumenstr\u00e4u\u00dfen und flachen Obsttellern nicht eben zu seinem Vorteil.  <\/p>\n<p>Erstmals seit der Pariser Retrospektive von 1985 widmet das Mus\u00e9e d\u2019Orsay dem fr\u00fchen Renoir eine gro\u00dfe Schau: ein Gem\u00e4lde-Parcours von 60 Exponaten, bestens best\u00fcckt mit Leihgaben aus der Londoner National Gallery und dem Museum of Fine Arts in Boston, und parallel eine aus der New Yorker Morgan Library \u00fcbernommene Ausstellung mit rund 100 Arbeiten auf Papier und erg\u00e4nzenden Gem\u00e4lden. <\/p>\n<p>Die vom Orsay-Chefkurator Paul Perrin pr\u00e4sentierte Zusammenstellung mit dem Titel <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.musee-orsay.fr\/en\/program\/whats-on\/exhibitions\/renoir-and-love\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.musee-orsay.fr\/en\/program\/whats-on\/exhibitions\/renoir-and-love&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eRenoir und die Liebe. Eine gl\u00fcckliche Moderne\u201c<\/a> zielt zun\u00e4chst wieder auf die Masse. Es soll aber auch der fr\u00fche, radikalere, sozial engagierte Renoir an der Spitze der impressionistischen Bewegung gezeigt werden, der \u00fcber den Schaffenszeitraum von 1865 bis 1885, eben noch nicht der sp\u00e4te Genusslieferant auf Bestellung war. <\/p>\n<p>Pierre-Auguste Renoir entstammte dem Arbeitermilieu und lernte Malerei von fr\u00fcher Jugend an als praktisches Handwerk, um erst Porzellane, dann Markisen, Wappen und F\u00e4cher zu dekorieren. Er studierte noch akademisch, war beeinflusst vom eher d\u00fcsteren <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/gustave-courbet\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/gustave-courbet\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gustave Courbet<\/a>, befreundete sich mit <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article69f1bdc0052adba8a89e3c4b\/etretat-normandie-mehr-kunst-als-kueste-monet-im-staedel.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article69f1bdc0052adba8a89e3c4b\/etretat-normandie-mehr-kunst-als-kueste-monet-im-staedel.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Claude Monet<\/a> und Alfred Sisley, die er, wie auch andere Freunde, so oft abbildete wie keiner seiner Kollegen. <\/p>\n<p>Renoir war ein sozialer Mensch, der eben auch malte, was er sah und was ihn umgab, ob es die Geliebte Lise Tr\u00e9hot war (er heiratete erst 1890 Aline Charigot, mit der er drei Kinder hatte, darunter den sp\u00e4teren Filmregisseur Jean Renoir), die ihn als Portr\u00e4tist sch\u00e4tzende bessere Gesellschaft oder die baulichen Ver\u00e4nderungen im von Baron Haussmann radikal umgestalteten Paris.  <\/p>\n<p>Im Fokus der hier abgehandelten Dekaden vollzog sich zudem Renoirs Reife als Impressionist, der sich schlie\u00dflich von deren Tupfen- und Strichtechnik einem glatteren, harmonisierenden Klassizismus zuwandte. Besonders kostbar ist diese Ausstellung zudem, weil sie aus aller Welt sieben gro\u00dfformatige Hauptwerke Renoirs versammelt, sie auch architektonisch durch halbrunde R\u00fcckenb\u00e4nke mit didaktischen Erg\u00e4nzungen vor jedem dieser Meisterwerke heraushebt. <\/p>\n<p>Das Mus\u00e9e d\u2019Orsay steuert das vor genau 150 Jahren entstandene, nach der Restaurierung in leuchtenden Blaut\u00f6nen lichtflirrende Gem\u00e4lde \u201eBall im Moulin de la Galette\u201c bei. Aus Stockholm kommen \u201eDie Taverne von Mutter Anthony\u201c und \u201eLa Grenouill\u00e8re\u201c, aus Los Angeles \u201eDer Spaziergang\u201c, aus Washington das souver\u00e4n komponierte \u201eFr\u00fchst\u00fcck der Ruderer\u201c, das er selbst als Aktualisierung von Veroneses \u201eHochzeit zu Kana\u201c verstand, aus Boston \u201eTanzen in Bougival\u201c und aus London \u201eDie Regenschirme\u201c. <\/p>\n<p>Allein in diesen zu Recht weltber\u00fchmten Bildern manifestiert sich die unantastbare Gr\u00f6\u00dfe Renoirs, der extrem bunte, lebhafte Pinselstrich, der sich schnell vereinheitlicht und aus der Ferne ruhiger wirkt, wenn die Farben zusammenflie\u00dfen. Doch das lebendige Raffinement bleibt trotzdem erhalten. So wie auch in seinen wenigen Selbstportr\u00e4ts: Drei stehen am Beginn der Ausstellung, deren durchaus kritische, analytische Haltung diese malerischen Selbstbefragungen konturiert und auszeichnet. <\/p>\n<p>Gesunde Selbstliebe f\u00fcgt sich in der Schau zur Liebe ganz allgemein als Gef\u00fchl wie als Haltung \u2013 zum Leben, zu den Frauen, zu Paaren, den Freunden, Kindern, sozialen Vergn\u00fcgungen des gemeinen Volkes\u00a0\u2013, die vor allem die gro\u00dfen Panoramen als Historienbilder der Moderne unnachahmlich wie originell festhalten. Bei diesen Wochenendvergn\u00fcgungen an der Seine im Pariser Speckg\u00fcrtel oder auf den Montmartre-Tanzb\u00f6den wurde sich unterhalten, genetworkt, am\u00fcsiert und geflirtet. Das zeigt die bunte, hier akribisch aufgez\u00e4hlte Mischung aus K\u00fcnstlern, Adeligen und B\u00fcrgerlichen, bisweilen k\u00e4uflicher Boh\u00e8me. Soziale Unterschiede heben sich im scheinbar spontanen Farbrausch eines Sommertags schwerelos auf. <\/p>\n<p>Doch wenn bewusst der Begriff der \u201eF\u00eates galantes\u201c aus der Rokoko-Epoche eines Watteau beschworen wird, um auch hundert Jahre sp\u00e4ter noch bei Renoir Sein und Schein verliebter Paare zu beschreiben, dann schwingt auch ein gewisser Eskapismus mit, den dieser Maler der \u201eGl\u00fcckseligkeit\u201c beschw\u00f6rt, um nur die guten Seiten der Gro\u00dfstadt wie des Landlebens zu zeigen. Absinth-Wracks, vom Workflow des Industrialismus ausgemergelte Arbeiterleiber, offensichtliche Prostituierte, Arbeitslose, Randgruppen kommen in diesen sich selbst gen\u00fcgenden Bildern konsequent nicht vor. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Sammler damals auch schon lieber h\u00e4rtere, ungeschminkte Werke von Degas, Toulouse-Lautrec oder Manet als Zeichen der eigenen radikal schicken Fortschrittlichkeit kauften, finanzierten sie den Lebensunterhalt des dezent schmeichelnden Portr\u00e4tisten Renoir, wie eine F\u00fclle von Bildern zeigt. Was aber nicht hei\u00dft, dass er hier sein K\u00f6nnen zur\u00fcckstellt.  <\/p>\n<p>Wie sehr er gerade als Menschenmaler ausprobierte, einkreiste, ja sogar experimentierte, das zeigen die Folgen der delikat-kostbaren, oft wirklich nur hingeworfenen, von Bonnard wie Picasso bewunderten Renoir-Zeichnungen, die er selbst nur selten an die \u00d6ffentlichkeit lie\u00df und von denen man viel zu wenige kennt. In diesem, oftmals erst nach 1880 entstandenen Werkkorpus, gern in R\u00f6teltechnik wie bei seinen Vorg\u00e4ngern Greuze oder Boucher, regiert nicht der weiche Kolorist, sondern der genaue Setzer von Linien. Als eigenst\u00e4ndiges Ausdrucksmittel wird hier weniger improvisiert als bewusst das Verh\u00e4ltnis von Figur, Raum und Bewegung gekl\u00e4rt. <\/p>\n<p>Gro\u00dfe Kunst, die heiter wirkt, die emphatisch das Leben feiert, es aber auch \u00fcbergenau chronistisch abbildet: In diesem Widerspruch aus W\u00e4rme, Wachheit und Wahrheit bl\u00fchen die besten Renoir-Bilder als B\u00fchnen ihrer Zeit auf. <\/p>\n<p>\u201eRenoir und die Liebe\u201c, bis 19. Juli; \u201eRenoir-Zeichnungen\u201c, bis 5. Juli 2026, Mus\u00e9e d\u2019Orsay, Paris<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Omnipr\u00e4senz seiner Motive auf Tassen, Postern und Schirmen hat den Ruf von Pierre-Auguste Renoir beinahe ruiniert. 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