{"id":1016904,"date":"2026-05-13T21:26:21","date_gmt":"2026-05-13T21:26:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1016904\/"},"modified":"2026-05-13T21:26:21","modified_gmt":"2026-05-13T21:26:21","slug":"kein-anschluss-unter-dieser-nummer-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1016904\/","title":{"rendered":"Kein Anschluss unter dieser Nummer \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Ein Ort, an dem Frauen bei h\u00e4uslicher Gewalt schnell und niederschwellig Hilfe bekommen: Das war die Idee der zentralen Sofortaufnahmeeinrichtung, die 2021 in Leipzig er\u00f6ffnet wurde \u2013 gemeinsam mit dem 4. Frauen- und Kinderschutzhaus, um noch mehr Schutzpl\u00e4tze bereitzuhalten. Im Gegensatz zu einem klassischen Frauenhaus fungiert die Sofortaufnahmestelle als Clearingstelle, rund um die Uhr soll sie mit mindestens einer Sozialarbeiterin besetzt sein und Schutzsuchenden mit einer Kapazit\u00e4t von sechs Familienpl\u00e4tzen schnell und unkompliziert helfen. Allerdings nur noch bis Juni dieses Jahres. Das Modellprojekt von Stadt Leipzig und Land Sachsen wird dann geschlossen \u2013 f\u00fcr viele im Hilfenetzwerk kommt diese Entscheidung \u00fcberraschend.<\/p>\n<p>Die Sofortaufnahmeeinrichtung dient der Akutversorgung, Frauen sollen nicht aufwendig herumtelefonieren m\u00fcssen, bevor sie einen Schutzplatz bekommen. Bleiben sollen die Frauen h\u00f6chstens vier Tage, bevor sie an langfristige Hilfseinrichtungen weitervermittelt werden. In dieser Zeit k\u00fcmmern sich Mitarbeitende um die Grundversorgung: Kleidung, medizinische Versorgung, eventuell muss ein anwaltlicher Beistand organisiert werden, um ein Kontaktverbot f\u00fcr den T\u00e4ter zu erwirken, oder ein Frauenhaus au\u00dferhalb von Sachsen gesucht werden, weil die Gefahrenlage so hoch ist. Au\u00dferdem finden in der Sofortaufnahme alle Frauen Schutz, auch wenn sie Haustiere mitbringen, konsumieren oder durch akute psychische Belastung erh\u00f6hten Betreuungsbedarf haben. Das sind oft Ausschlusskriterien in klassischen Frauenh\u00e4usern. Ebenfalls ein Alleinstellungsmerkmal: Schutzsuchende mussten keine Geb\u00fchren f\u00fcr ihren Aufenthalt zahlen, in Frauenh\u00e4usern sind das in Leipzig derzeit 10 Euro pro Person und pro Tag. \u00bbWir haben erst mal alle\u00a0Betroffenen\u00a0aufgenommen, ohne dass wir am Telefon schon sicher einsch\u00e4tzen konnten, ob diese Person ins Frauenhaus\u00a0weiterm\u00f6chte oder ein Frauenhaus \u00fcberhaupt die passende Anschlusshilfe ist\u00ab, erz\u00e4hlt eine ehemalige Mitarbeiterin. Sie m\u00f6chte im Text anonym bleiben und soll hier Tanja hei\u00dfen. Doch dass dieses Vorhaben nicht mit der Realit\u00e4t mithalten kann, zeigte sich schnell. Jedes Jahr mussten mehrere Hundert Schutzsuchende abgelehnt werden, 87 Frauen und 54 Kinder waren es allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres. <\/p>\n<p>Von dem urspr\u00fcnglich angestrebten Betreuungsschl\u00fcssel mussten die Mitarbeitenden ebenfalls bald abweichen \u2013 zu knapp sei der Personalschl\u00fcssel gewesen. Ein Tr\u00e4gerwechsel zum Deutschen Roten Kreuz sollte 2025 Entlastung auf der Verwaltungsebene bringen. Doch die Belastung sei weiterhin extrem hoch gewesen: F\u00fcr die Sofortaufnahmeeinrichtung sind 7,2 sogenannte Vollzeit\u00e4quivalente vorgesehen, in den f\u00fcnf Jahren seit Start des Modellprojekts h\u00e4tten insgesamt 19 Personen wieder gek\u00fcndigt. \u00bbOft waren wir allein im Dienst\u00ab, erz\u00e4hlt Tanja. \u00bbWir mussten dann\u00a0Gespr\u00e4che f\u00fchren, teilweise in akuten Krisen mit \u00dcbersetzung\u00a0\u00fcber das Telefon,\u00a0nebenher hat\u00a0ein weiteres\u00a0Telefon geklingelt,\u00a0es kam eine Anfrage, eine weitere Krise, ein medizinischer Notfall\u00a0und die n\u00e4chste Person musste betreut werden.\u00ab Trotzdem ist sie von dem Projekt \u00fcberzeugt: \u00bbEs ist eine super sinnvolle Idee, eine solche Clearingstelle zu haben,\u00a0wenn sie gut ausgestaltet ist.\u00a0Wir konnten\u00a0schneller grundlegende Dinge kl\u00e4ren und die Frau an einen passenden Ort weitervermitteln, an dem dann langfristig eine Verbesserung eintreten konnte,\u00a0die Leipziger Frauenh\u00e4user damit entlasten und schnellere Hilfen und sicherere L\u00f6sungen f\u00fcr Betroffene finden.\u00ab\u00a0All diese Aufgaben der Sofortaufnahme werden\u00a0nun wieder\u00a0auf die\u00a0Frauenh\u00e4user\u00a0zur\u00fcckfallen, so wie es vorher auch war.<\/p>\n<p>Das pl\u00f6tzliche Ende des Modellprojekts begr\u00fcndet das zust\u00e4ndige s\u00e4chsische Sozialministerium mit dem neuen bundesweiten Gewalthilfegesetz. Es wurde im Februar 2025 beschlossen und wird in Sachsen zum 1. Januar 2027 in Kraft treten. Damit h\u00e4tten sich die rechtlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr den Schutz vor geschlechterspezifischer Gewalt ge\u00e4ndert und die Aufgaben der Sofortaufnahme seien damit hinf\u00e4llig. Das Ministerium verweist auf Artikel 4 des Gesetzes. Dort ist festgeschrieben, dass eine neue Stelle geschaffen wird, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn die erste Einrichtung, die Schutzsuchende kontaktieren, keinen Platz bieten kann. Langfristig soll das eine bundesweit zust\u00e4ndige Stelle sein, die auch bundesweit Frauenhauspl\u00e4tze vermitteln kann \u2013 bis zu deren Fertigstellung will Sachsen ein \u00dcberbr\u00fcckungsangebot in freier Tr\u00e4gerschaft bereitstellen. Wer das sein wird, wie das Angebot genau aussehen soll und wie die Stelle erreichbar sein wird, ist noch nicht bekannt. Statt also die bestehenden Strukturen der Sofortaufnahmeeinrichtung in Leipzig zu nutzen, werden diese ein halbes Jahr vor Einf\u00fchrung des Gesetzes abgewickelt. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend der sechs Monate bis Jahresende sollen Schutzeinrichtungen, die \u00fcber die F\u00f6rderrichtlinie Chancengleichheit Geld bekommen, mehr finanzielle Mittel erhalten. So sollen sie eine 24\/7-Rufbereitschaft gew\u00e4hrleisten, um Frauen rund um die Uhr einen Schutzplatz bieten zu k\u00f6nnen. Aber es bleibt: ein erh\u00f6hter Aufwand f\u00fcr Frauenh\u00e4user und eine h\u00f6here Belastung f\u00fcr Mitarbeitende durch zus\u00e4tzliche Aufgaben. Warum das Modellprojekt jedoch schon im Juni statt wie geplant zum Jahresende ausl\u00e4uft, bleibt unklar. Die Stadt Leipzig teilte auf Anfrage mit, dass sie Anfang des Jahres vom Sozialministerium informiert wurde, dass ab 2026 weniger Gelder f\u00fcr den Gewaltschutz bereitstehen. In der Folge m\u00fcsse das Modellprojekt Sofortaufnahmeeinrichtung bereits zum 30. Juni schlie\u00dfen. Das Projekt wurde vom Land Sachsen zu zwei Dritteln, von der Stadt Leipzig zu einem Drittel finanziert. Insgesamt wurde es seit 2021 mit gut 5,5 Millionen Euro gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p> F\u00fcr viele Mitarbeitende bedeutet die Schlie\u00dfung bis Mitte des Jahres Unklarheit, f\u00fcr manche eine fr\u00fchere Arbeitslosigkeit, f\u00fcr Leipzigs Frauenh\u00e4user eine h\u00f6here Belastung durch mehr Anfragen. Frauen mit speziellen Bedarfen wie psychischen Erkrankungen, Haustieren oder Personen, die konsumieren, sollen bis auf Weiteres in den bestehenden Frauenh\u00e4usern untergebracht werden, solange die Sicherheit und die Ruhe der anderen Schutzsuchenden nicht beeintr\u00e4chtigt werden \u2013 so zumindest der Plan von Stadt und Land. Die R\u00e4umlichkeiten der Sofortaufnahmeeinrichtung werden mit dem 4. Frauen- und Kinderschutz zusammengelegt, der bereits im selben Geb\u00e4ude untergebracht ist. Die sechs Familienpl\u00e4tze aus der Sofortaufnahmeeinrichtung bleiben Leipzig also vorerst erhalten.    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Ort, an dem Frauen bei h\u00e4uslicher Gewalt schnell und niederschwellig Hilfe bekommen: Das war die Idee der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1016905,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[15088,3364,29,3236,34013,34014,30,1000,155003,170649,71,58463,859,3255,1921],"class_list":{"0":"post-1016904","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-bevoelkerungsschutz","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-frauen","12":"tag-frauenhaus","13":"tag-frauenhaeuser","14":"tag-germany","15":"tag-gewalt","16":"tag-gewalterfahrung","17":"tag-gewaltschutz","18":"tag-leipzig","19":"tag-partnerschaftsgewalt","20":"tag-sachsen","21":"tag-sexualisierte-gewalt","22":"tag-vergewaltigung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116569387096505907","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1016904","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1016904"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1016904\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1016905"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1016904"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1016904"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1016904"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}