{"id":1017124,"date":"2026-05-13T23:32:18","date_gmt":"2026-05-13T23:32:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1017124\/"},"modified":"2026-05-13T23:32:18","modified_gmt":"2026-05-13T23:32:18","slug":"wer-wir-wirklich-sind-3-die-leihgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1017124\/","title":{"rendered":"Wer wir wirklich sind (3): Die Leihgabe"},"content":{"rendered":"<p>  <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/wer-wir-wirklich-sind-3-die-leihgabe\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wer wir wirklich sind (3): Die Leihgabe<\/a><\/p>\n<p><strong>Am vergangenen Wochenende rollte ein Regionalzug in den Augsburger Hauptbahnhof ein und brachte mehr als einen Reisenden. Er brachte eine Geschichte mit, die sich nicht einfach absch\u00fctteln l\u00e4sst.<\/strong><\/p>\n<p>Von Sait \u0130\u00e7boyun<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"575\" class=\"alignleft size-full wp-image-105142\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1778665606445-1.jpg\"\/><\/p>\n<p>Ein Mann im Rentenalter stieg aus, ersch\u00f6pft, aber entschlossen. Zehn Stunden hatte er im Zug gesessen, das Deutschlandticket in der Tasche, quer durch die Republik, um in Augsburg an eine Leere anzudocken. Er kam, um einen gemeinsamen Freund zu ehren, der vor zwei Jahren hier gestorben war. Lungenkrebs. Ein Wort, das fast banal klingt neben den zw\u00f6lf Jahren Folter in den Kerkern \u2013 und doch war es deren direkte Folge. In den Kerkern von Diyarbak\u0131r.<\/p>\n<p>Diyarbak\u0131r, im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei. F\u00fcr viele nur ein ferner Punkt auf der Landkarte, f\u00fcr Kurden ein Name mit Gewicht, schwer wie altes Eisen. Die Stadt am Tigris, die wir Amed nennen, steht f\u00fcr Stolz und Verlust zugleich. Nach dem Milit\u00e4rputsch von 1980 wurde das dortige Gef\u00e4ngnis zu einem der dunkelsten Orte der t\u00fcrkischen Geschichte. Was hinter seinen Mauern geschah, blieb nicht dort. Es formte Biografien, zerbrach K\u00f6rper und entz\u00fcndete einen Widerstand, der bis heute nicht verstummt ist.<\/p>\n<p>Nicht alles, was ich dar\u00fcber wei\u00df, haben mir die beiden M\u00e4nner mit Worten anvertraut. Vieles habe ich in Berichten, B\u00fcchern und Dokumentationen gefunden. Elektroschocks. Die \u201eFilistin ask\u0131s\u0131\u201c, das Pal\u00e4stinenser-Aufh\u00e4ngen, bei dem Menschen stundenlang an den Armen oder an einem Fu\u00df aufgeh\u00e4ngt wurden, bis die Schultern auskugelten. Jauche aus der Gef\u00e4ngniskanalisation, in der man sie baden lie\u00df oder die man sie trinken zwang. Falaka, das Schlagen auf die nackten Fu\u00dfsohlen, bis man tagelang nicht mehr gehen konnte. Der Hund des Folterers Esat Oktay Y\u0131ld\u0131ran, abgerichtet, nackte Gefangene an den Genitalien zu bei\u00dfen. Und am Ende die Dem\u00fctigung, die den Willen brechen sollte: Kot essen m\u00fcssen, w\u00e4hrend die W\u00e4rter lachten und die Nationalhymne sangen.<\/p>\n<p>Wer so etwas zusammen \u00fcberlebt \u2013 nackt im Eiswasser, gehetzt, gequ\u00e4lt, gebrochen \u2013 tr\u00e4gt eine Loyalit\u00e4t in sich, die weder Distanz noch Tod aufl\u00f6sen kann.<\/p>\n<p>Die wahrhaftigste Geschichte erz\u00e4hlte mir aber nicht unser Gast, sondern der Verstorbene selbst, ohne ein einziges Wort zu verlieren. Es war einer jener Sp\u00e4tnachmittage am Lech, an denen die Sonne das Wasser in Gold taucht. Wir sa\u00dfen auf den rauen Steinen unter der Br\u00fccke, tranken Bier, und ich sagte ihm, ich wolle seine Geschichte aufschreiben. \u201eSpinn nicht rum\u201c, schimpfte er. Dann zog er schweigend das Oberteil aus.<\/p>\n<p>Die Narben sprachen, bevor seine Lippen es konnten.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlte von den hei\u00dfen Eiern, die man ihnen unter die Achseln presste, w\u00e4hrend sie die Nationalhymne singen mussten \u2013 ein bizarres Konzert aus Schmerz und Spott. Dann sagte er, er erz\u00e4hle mir das, weil er mich wie einen Sohn sehe. Dieser Satz legte sich schwer auf mein Herz. Ich habe ihn nie vergessen. Und die Narben, die dieser Moment auf meiner Seele hinterlassen hat, ebenso wenig.<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren, bei seinem ersten Besuch nach dem Tod unseres Freundes, blieb sein Blick an meiner Bibliothek h\u00e4ngen. Er entdeckte ein zweib\u00e4ndiges Werk eines kurdischen H\u00e4ftlings. \u201eDas war mein Zellengenosse\u201c, sagte er leise. Und dann f\u00fcgte er hinzu, ich solle auch darin vorkommen. Er lieh es sich aus. Diesmal fragte ich beil\u00e4ufig danach. Er gestand, nur hineingeschaut zu haben. Die Seiten seien ihm zu nah gekommen.<\/p>\n<p>Da musste ich an meinen Vater denken: \u201eKitaplar\u0131n\u0131 herkese verme, geri gelmiyorlar\u201c \u2013 gib deine B\u00fccher nicht jedem, sie kommen nicht zur\u00fcck. Er hatte recht. \u00dcber die Jahre habe ich ein ganzes Billy-Regal voller B\u00fccher verloren. Jedes einzelne war mit Bedacht gew\u00e4hlt, und jedes schmerzt auf seine eigene Weise, wenn es fehlt. Doch in diesem Moment wirkte dieser Gedanke klein. Fast l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>Vor mir sa\u00df ein Mann, der sein Leben nicht in Jahren, sondern in Bruchst\u00fccken z\u00e4hlen konnte.<\/p>\n<p>Mit siebzehn sah er seine Eltern zum letzten Mal, als er 1976 aufs Gymnasium ging, um Physiklehrer zu werden. Er ist T\u00fcrke, und gerade deshalb konnte er nicht wegsehen, als Kurden in Schule und Gesellschaft unterdr\u00fcckt wurden. Diese Empathie kostete ihn alles. Aus dem Lehrerzimmer wurde der Kerker. Aus einem m\u00f6glichen Leben im Klassenzimmer wurden zw\u00f6lf Jahre Haft, weitere Jahre Verfolgung und noch einmal zw\u00f6lf Jahre im Untergrund. Fast drei Jahrzehnte, in denen ein normales Leben m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich strich das Buch innerlich von meiner Liste. Was ist ein Buch gegen ein Leben, das seit Jahrzehnten aus den Fugen ist?<\/p>\n<p>Bei seinem letzten Besuch waren wir zu dritt mit einem t\u00fcrkischen Publizisten im Bert-Brecht-Haus. Sp\u00e4ter bat mich der Publizist aus der T\u00fcrkei inst\u00e4ndig, die Fotos zu l\u00f6schen. Die Angst vor Repression sitzt tief, auch nach all den Jahren. Ich dachte an die deutschen Schriftsteller, die einst Verfolgte aufnahmen, und daran, dass Schutz heute manchmal im Unsichtbarmachen besteht. Diesmal verzichtete ich bewusst auf die Kamera.<\/p>\n<p>Doch am Sonntag im Schrebergarten in Haunstetten, am Mittelbach, geschah etwas Unerwartetes. Er wandte sich an den Gastgeber und sagte: \u201eMach doch bitte ein Bild von uns. Es soll eine Erinnerung bleiben.\u201c Dann f\u00fcgte er leise hinzu: \u201eWer wei\u00df, wann ich noch einmal die Kraft habe, zehn Stunden mit der Bahn zu fahren.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Satz wog schwerer als Stunden des Erz\u00e4hlens.<\/p>\n<p>Heute lebt er zur\u00fcckgezogen, fern der politischen Ideale, die einst sein Leben bestimmten. Er ist eine wandelnde Bibliothek t\u00fcrkischer und kurdischer Trag\u00f6dien, ein Archiv der Entt\u00e4uschungen, die sich in keinem Landstrich ganz bes\u00e4nftigen lassen. Es ist eine stille Ehre, zu den wenigen zu geh\u00f6ren, denen er sich \u00f6ffnet. Er sagte, er f\u00fchle sich wohl hier. Es sei eine ruhige Stadt. Und er komme gerne wieder. Nicht weil wir nach Erfolg oder Status fragen, sondern weil wir nach dem Menschen fragen.<\/p>\n<p>Die lange Bahnfahrt mag anstrengend sein. F\u00fcr jemanden, der Jahre in einer Zelle verbracht hat, ist die Freiheit, durch ein Land zu reisen, um einen Toten zu ehren, das kostbarste Gut. Er ging. Er fuhr zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich sah ihm nach und verstand: Manche B\u00fccher gibt man nicht zur\u00fcck, weil der Leser die Geschichte l\u00e4ngst am eigenen Leib tr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>YouTube<\/strong>:<\/p>\n<p><strong>Mehr<\/strong>:<\/p>\n<p>    Artikel vom<br \/>\n    <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/?m=20260514\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n      14.05.2026    <\/a><br \/>\n    | Autor: Bruno Stubenrauch<br \/>Rubrik: <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/rubrik\/erinnerungsarbeit\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Erinnerungsarbeit<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/rubrik\/gastbeitrag\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gastbeitrag<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.daz-augsburg.de\/rubrik\/gesellschaft\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gesellschaft<\/a>  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer wir wirklich sind (3): Die Leihgabe Am vergangenen Wochenende rollte ein Regionalzug in den Augsburger Hauptbahnhof ein&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1017125,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1846],"tags":[680,772,3364,29,548,663,3934,30,13,14,15,12],"class_list":{"0":"post-1017124","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-augsburg","8":"tag-augsburg","9":"tag-bayern","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-eu","13":"tag-europa","14":"tag-europe","15":"tag-germany","16":"tag-headlines","17":"tag-nachrichten","18":"tag-news","19":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116569882365996327","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1017124","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1017124"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1017124\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1017125"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1017124"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1017124"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1017124"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}