{"id":101840,"date":"2025-05-11T10:02:07","date_gmt":"2025-05-11T10:02:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/101840\/"},"modified":"2025-05-11T10:02:07","modified_gmt":"2025-05-11T10:02:07","slug":"underdogs-auf-augenhoehe-die-ausstellung-a-closer-look","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/101840\/","title":{"rendered":"Underdogs auf Augenh\u00f6he: Die Ausstellung &#8222;A Closer Look&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Wie ein Fashion-Foto wirkt dieses Halbportr\u00e4t einer jungen blonden Frau aus Florida: knalliges Outfit, Zigarette im Mund \u2013 kommt man n\u00e4her, entdeckt man ihre Narben, die abgekauten N\u00e4gel: &#8222;Eine drogenabh\u00e4ngige, sehr nette Frau. Ich hab ihr gesagt, sie soll damit aufh\u00f6ren, weil sie sich sonst umbringt. Als ich sechs Monate sp\u00e4ter nochmal kam, war sie leider tot. Sie sagte: Ich h\u00f6re mit den Drogen auf, wenn ich soweit bin. Aber sie hat wohl damit aufgeh\u00f6rt, bevor sie soweit war&#8220;, erz\u00e4hlt der Fotograf Bruce Gilden. Zuf\u00e4llig haben sich ihre Wege gekreuzt. <\/p>\n<p>Der ber\u00fchmte Magnum-Fotograf Bruce Gilden: wache Augen, dominante Brille. Das Haar schon etwas sch\u00fctter. Geboren 1946 in Brooklyn, der Vater: Altreifenh\u00e4ndler und Gangster. Die Mutter: Alkoholikerin. Er selbst? Eine Art Robin Hood mit der Kamera \u2013 und der Mission, Menschen, ihre W\u00fcrde zur\u00fcckzugeben. Ihr Leben einzufangen, jede Pore davon. Die ganze Geschichte zu zeigen, die immer auch ein bisschen seine eigene ist: &#8222;Ich war immer ein Ausrei\u00dfer, ein Querkopf. Mit f\u00fcnf wollte ich Boxer werden, einen Affen haben, Schlagzeug spielen und war fasziniert von ber\u00fchmten Wrestlern. Also das steckt in meiner Seele, meiner DNA. Ich hab das nicht gelernt oder mir angeeignet \u2013 ich hab mich den Underdogs schon immer nahe gef\u00fchlt.&#8220;<\/p>\n<p>Au\u00dfenseiter im monumentalen Format<\/p>\n<p>Das Drogenopfer im Halbportr\u00e4t ist eine von vielen Underdogs der Ausstellung &#8222;A Closer Look&#8220; im M\u00fcnchner Kunstfoyer. Es geht aber auch noch n\u00e4her: Die Serie &#8222;Faces&#8220; zeigt Gangster, Prostituierte, Au\u00dfenseiter im monumentalen Format von knapp zwei Metern H\u00f6he. Es sind Close-ups von enormer Pr\u00e4senz und Power, deren Gesichter einen anstarren, in ihrer Direktheit verst\u00f6ren: verfaulte Z\u00e4hne, H\u00e4matome, Falten, Frauenb\u00e4rte: das ungeschminkte Leben, am Rande der Gesellschaft, hautnah. <\/p>\n<p>Eine prek\u00e4re Gegenwelt zur glatten \u00c4sthetik unserer Social-Media-Kan\u00e4le, zu Gesellschaftskreisen, die Bruce Gilden f\u00fcr seine Arbeit nicht interessieren: &#8222;In England hab ich mal einen Mann mit total verbranntem Gesicht gefragt, ob ich ihn fotografieren darf. Und er sagte: Ja! Dass jemand so aussieht, hei\u00dft ja nicht, dass man nicht mit ihm reden kann. Der muss sich so durchs Leben schlagen.&#8220; Die schlimmsten Kotzbrocken, so Gilden, seien &#8222;diese Ber\u00fchmtheiten, die du nicht fotografieren darfst, wenn sie einen Pickel haben&#8220;.<\/p>\n<p>Gildens Kamera ist keine Waffe<\/p>\n<p>Bruce Gilden sucht vorsichtig das Gespr\u00e4ch mit den Menschen. Seine Kamera ist keine Waffe. Die Fotos machen die Portr\u00e4tierten stolz \u2013 und nat\u00fcrlich sind sie auch gro\u00dfe Kunst. Die Ausstellung zeigt, wie der Autodidakt Bruce Gilden sich in bald sechzig Jahren vom szenischen Motivj\u00e4ger zum Portr\u00e4tisten entwickelte, angelehnt an gro\u00dfe Vorbilder wie Henri Cartier-Bresson oder den Film Noir.<\/p>\n<p>Im ersten Raum sind 50 Schwarz-Wei\u00df-Fotos zu sehen, auf denen Bruce Gilden den Strand von Coney Island, die Stra\u00dfen von New York, Paris, Haiti und Japan zur B\u00fchne macht, viele von ihnen ikonische Werke der Fotografie. Im zweiten Raum dann \u00fcber zwanzig \u00fcbergro\u00dfe Farbfotografien seiner neueren Portr\u00e4t-Serie &#8222;Faces&#8220;. Digitale Drucke. <\/p>\n<p>Eine Umkehrung der Verh\u00e4ltnisse<\/p>\n<p>Ein Perspektivwechsel, der auch mit dem Alter kam: &#8222;Ich bin 78 \u2013 und das bedeutet: Ich kann mich nicht mehr so b\u00fccken wie fr\u00fcher, ich habe nicht mehr diese Kraft \u2013 warum soll ich wiederholen, was ich schon gemacht habe? Du musst dich nach vorn bewegen, aber den meisten fehlt der Mut, sich zu ver\u00e4ndern. Vor diesen Bildern habe ich nie in Farbe fotografiert.&#8220;<\/p>\n<p>Die monumentalen, hyperrealistischen Farb-Portr\u00e4ts h\u00e4ngen nicht auf Augenh\u00f6he. Der Betrachter muss zu ihnen aufschauen. Eine Umkehrung der Verh\u00e4ltnisse. Ein Wechselspiel zwischen Benachteiligten und Privilegierten, Niedrigem und Erhabenem: &#8222;Heute ein K\u00f6nig, morgen ein Bettler. Ich identifiziere mich mit diesen Menschen. Aber ich habe kein Mitleid. Es sind alles Menschen \u2013 und sie existieren.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie ein Fashion-Foto wirkt dieses Halbportr\u00e4t einer jungen blonden Frau aus Florida: knalliges Outfit, Zigarette im Mund \u2013&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":101841,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1827],"tags":[772,40441,29,1885,30,40440,40442,1268],"class_list":{"0":"post-101840","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenchen","8":"tag-bayern","9":"tag-bruce-gilden","10":"tag-deutschland","11":"tag-fotografie","12":"tag-germany","13":"tag-kunstfoyer","14":"tag-kunstfoyer-der-versicherungskammer-bayern","15":"tag-muenchen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114488629272188847","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101840","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=101840"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101840\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/101841"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=101840"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=101840"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=101840"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}