{"id":1018656,"date":"2026-05-14T14:18:17","date_gmt":"2026-05-14T14:18:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1018656\/"},"modified":"2026-05-14T14:18:17","modified_gmt":"2026-05-14T14:18:17","slug":"aids-erinnerungskultur-in-berlin-gedenken-ist-politisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1018656\/","title":{"rendered":"Aids-Erinnerungskultur in Berlin: Gedenken ist politisch"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">\u201eSie sind wie die Fliegen gestorben. Wir hatten nie wirklich die Zeit, traurig oder w\u00fctend zu sein\u201c, erinnert sich Bernard Butler. Der geb\u00fcrtige New Yorker h\u00e4lt kurz inne, als er im Caf\u00e9 Ulrichs auf seine Zeit als Teil der LGBT-Community w\u00e4hrend der Aids-Epidemie in den 1980er Jahren zu sprechen kommt. \u00dcber ihm flimmert rotes Licht aus der meterlangen Deckeninstallation einer <a href=\"https:\/\/aids-stiftung.de\/die-stiftung\/rote-schleife\/\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Aids-Schleife.<\/a><\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Butler, Initiator und Manager des \u201eAIDS Candlelight Memorial\u201c in Deutschland, erlebte bereits die fr\u00fche Aids-Krise in den USA. \u201eIch habe als 14-J\u00e4hriger 1983 zum ersten Mal gesehen, was die H\u00f6lle ist.\u201c Sein Cousin, f\u00fcr ihn ein Vaterersatz, hatte sich geoutet und war selbst an Aids erkrankt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Butler flog ins n\u00f6rdliche Kalifornien, um ihn zu unterst\u00fctzen, fand sich in provisorischen Lazaretten wieder, in denen Sterbende auf einfachen Pritschen lagen. \u201eEs gab kaum Hilfe von au\u00dfen, die Leute mussten sich gegenseitig unterst\u00fctzen\u201c, sagt Bernard Butler.<\/p>\n<p>      Trauer macht jeder f\u00fcr sich allein<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Bevor sein Cousin 1988 starb, h\u00e4tten die beiden gemeinsam die Grammy Awards im Fernsehen geschaut. \u201eMichael Jackson hat <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9Q78j0R0818\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">&#8218;Man in the Mirror<\/a>&#8218; gesungen: \u201aIf you want to make the world a better place, take a look at yourself and make a change.\u2018 Da hat er mich angesehen und gesagt: Das ist dein Lied, das ist deine Aufgabe.\u201c Diesen Auftrag l\u00f6st Butler auch im Jahr 2026 noch ein. Am 17. Mai organisiert er bereits das 15. \u201eAIDS Candlelight Memorial\u201c in Berlin.<\/p>\n<p><a class=\"slides icon maximize_opahov large pswp-slides pl-0\" href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/8432210\/1200\/IMG-5200.webp\" data-pswp-width=\"1200\" data-pswp-height=\"799\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/IMG-5200.webp\" alt=\"Das &quot;Caf\u00e9 Ulrichs&quot; ist zu sehen, im Hintergrund steht ein Klavier und h\u00e4ngen selbstgemalte Bilder an den W\u00e4nden. An der wei\u00dfen Plattendecke sind gro\u00dfe Lichtpanele in Boxform angebracht, die eine rote AIDS-Schleife bilden.\" title=\"Das &quot;Caf\u00e9 Ulrichs&quot; ist zu sehen, im Hintergrund steht ein Klavier und h\u00e4ngen selbstgemalte Bilder an den W\u00e4nden. An der wei\u00dfen Plattendecke sind gro\u00dfe Lichtpanele in Boxform angebracht, die eine rote AIDS-Schleife bilden.\" height=\"443\" type=\"image\/webp\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Die Decke des \u201eCaf\u00e9 Ulrichs\u201c tr\u00e4gt eine rote Aids-Schleife<\/p>\n<p>Foto:<br \/>\nPauline Cruse<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">\u201eTrauer macht jeder f\u00fcr sich allein, Gedenken ist politisch\u201c, wirft Frank L\u00f6bbert ein. Der HIV-Aktivist und Jurist engagiert sich auch als Mitarbeiter der <a href=\"https:\/\/www.berlin-aidshilfe.de\/angebote\/begegnung\/\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">\u201eFreunde im Krankenhaus\u201c<\/a> am St. Joseph Krankenhaus. \u201eAm Tag vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember haben wir eigentlich immer einen Trauerzug auf dem Ku&#8217;damm gemacht.\u201c Die kalte Jahreszeit sei aber f\u00fcr ohnehin Erkrankte ung\u00fcnstig gewesen. Auf Butlers Idee hin h\u00e4tten sie das erste Candlelight Memorial deshalb im sp\u00e4ten Fr\u00fchling geplant.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>            Fr\u00fcher mussten Hilfeeinrichtungen f\u00fcr Aids-Betroffene oft Schutzr\u00e4ume mit geschlossenen T\u00fcren sein. Man wollte nicht gesehen werden<\/p>\n<p class=\"typo-fotocredit pt-xsmall\">\n<p>            Anette Lahn, psychologische Beraterin<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"7\">Ein zentraler Ort der Berliner Erinnerungskultur ist das \u201eUlrichs\u201c in der Karl-Heinrich-Ulrichs-Stra\u00dfe, benannt nach dem <a href=\"https:\/\/taz.de\/Sexualforscher-wird-200-Jahre-alt\/!6109430\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">gleichnamigen Vork\u00e4mpfer der Lesben- und Schwulenbewegung aus dem 19. Jahrhundert<\/a>. \u201eFr\u00fcher mussten Hilfeeinrichtungen f\u00fcr Aids-Betroffene oft Schutzr\u00e4ume mit geschlossenen T\u00fcren sein. Man wollte nicht gesehen werden, Institutionen wurden mit faulen Eiern beworfen\u201c, erz\u00e4hlt Anette Lahn, Ehrenamtsmanagerin und psychologische Beraterin im Ulrichs-Geb\u00e4ude, in dem auch die Berliner Aids-Hilfe sitzt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Man wolle Pr\u00e4senz zeigen, sich nicht mehr verstecken, so Lahn. Das Caf\u00e9 sei ein Ankerpunkt f\u00fcr Menschen, die h\u00e4ufig am Rand der Gesellschaft stehen. \u201eWir sind manchmal die besten Gastgeber f\u00fcr Trauerfeiern\u201c, sagt sie mit einem L\u00e4cheln. \u201eWenn jemand stirbt, gibt es hier ein Trauerbuch, eine Kerze steht auf dem Klavier\u201c, erz\u00e4hlt L\u00f6bbert.<\/p>\n<p>      Das Erbe der ersten Generation<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"10\">Mit dem Altern der ersten HIV-Generation drohe der Verlust von Erfahrungswissen aus der Epidemiezeit, warnt L\u00f6bbert. \u201eViele Aktivisten der ersten Stunde sind schon seit Jahrzehnten wegen der Krankheit, gegen die sie gek\u00e4mpft haben, tot.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">Es gehe um Sichtbarkeit f\u00fcr diese K\u00e4mpfe. Lange habe Aids als \u201ereine Schwulenseuche\u201c gegolten, so Butler. Doch die Erinnerungskultur lasse die betroffenen Frauen, Drogengebrauchenden, Sexarbeiterinnen und migrantischen Communitys oft aus. Die j\u00fcngere Generation vergesse den \u201aStruggle\u2018, den es gebraucht habe, um mit der Aids-Forschung so weit gekommen zu sein.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">Seit dem <a href=\"https:\/\/www.aidshilfe.de\/de\/40-jahre-aids\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">ersten Bericht \u00fcber das Virus 1981<\/a> hat die Medizin enorme Fortschritte gemacht. Dank moderner Medikamente kann HIV heute als \u201eU=U\u201c (Undetectable = Untransmittable) unter die Nachweisgrenze sinken und ist dann nicht mehr \u00fcbertragbar. Der selbst erkrankte L\u00f6bbert betont, dass die heutige medizinische Sorglosigkeit ein zweischneidiges Schwert sei. Dank der <a href=\"https:\/\/taz.de\/Vier-Erfolge-gegen-HIV\/!6051874\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Therapieergebnisse und der Prophylaxe \u201ePrEP\u201c<\/a> sei die Angst vor t\u00f6dlichen Folgen einerseits verschwunden.<\/p>\n<p>      Das Stigma dauert an<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Vorurteile gegen HIV gebe es selbst im vergleichsweise aufgekl\u00e4rten Berlin andererseits immer noch, berichtet L\u00f6bbert. \u201eIn den Dating-Apps ist die Diskriminierung teilweise knallhart. Da wird gesagt: Es gibt so viele h\u00fcbsche Prinzen, die negativ sind, warum sollte ich einen positiven nehmen?\u201c So w\u00fcrden HIV-positive Menschen selbst mit erfolgreicher Therapie als \u201eVirenschleudern\u201c bezeichnet, obwohl sie niemanden mehr anstecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"15\">Butler erg\u00e4nzt, dass HIV besonders bei Menschen mit Migrationshintergrund oft noch als etwas Schmutziges oder \u201eStrafe Gottes\u201c wahrgenommen werde. Viele trauten sich erst zum Test, wenn die Erkrankung bereits weit fortgeschritten sei. Die Berliner Aids-Hilfe reagiert darauf mit aufkl\u00e4render Arbeit in Gefl\u00fcchtetenunterk\u00fcnften und Justizvollzugsanstalten.<\/p>\n<p>      Gedenken trotz K\u00fcrzungen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"17\">Die Sorge der Aktivisten gilt jedoch nicht nur dem Virus, sondern auch der politischen Lage. \u201eJede Generation muss neu an die Geschichte von HIV herangef\u00fchrt werden\u201c, fordert L\u00f6bbert. Voller Unbehagen blickt er auf die Haushaltsplanungen des Senats. Es drohen massive K\u00fcrzungen im sozialen Bereich, die auch die Berliner Aids-Hilfe treffen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"18\">Das \u201eAIDS Candlelight Memorial\u201c am 17. Mai soll deshalb mehr sein als eine nostalgische R\u00fcckschau. So werden etwa die Namen von Verstorbenen verlesen, um sie und ihr geteiltes Schicksal sichtbar zu machen. \u201eIch hoffe, dass die Besucher des Memorials danach sagen: Wow, ich hatte ja gar keine Ahnung!\u201c, w\u00fcnscht sich Butler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eSie sind wie die Fliegen gestorben. 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