{"id":1019539,"date":"2026-05-14T22:52:24","date_gmt":"2026-05-14T22:52:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1019539\/"},"modified":"2026-05-14T22:52:24","modified_gmt":"2026-05-14T22:52:24","slug":"kritik-zu-parallel-tales-wenn-fiktion-die-realitaet-vergiftet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1019539\/","title":{"rendered":"Kritik zu Parallel Tales: Wenn Fiktion die Realit\u00e4t vergiftet"},"content":{"rendered":"<p class=\"bo-p\">Im sechsten Teil seines sich lose an den Zehn Geboten orientierenden Fernsehfilmzyklus \u201eDekalog\u201c interessiert sich der polnische Meisterregisseur <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/9231.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Krzysztof Kie\u015blowski<\/a> weniger f\u00fcr die moralische Regel hinter \u201eDu sollst nicht ehebrechen\u201c. Die mit 87 Minuten gut eine halbe Stunde l\u00e4ngere Kinofassung tr\u00e4gt dann auch nicht umsonst den positiven Titel \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/5022.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ein kurzer Film \u00fcber die Liebe<\/a>\u201c. Fast 40 Jahre sp\u00e4ter hat sich jetzt <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/104291.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Asghar Farhadi<\/a> von Kie\u015blowskis Werk inspirieren lassen. In <b>\u201eParallel Tales\u201c<\/b> erz\u00e4hlt auch er auf gewisse Weise von Liebe, vor allem aber von obsessiver Beobachtung sowie Einsamkeit und Sehnsucht. Passend zum Titel baut er das kompakte Geschehen der Vorlage mit mehreren parallelen Handlungsstr\u00e4ngen allerdings merklich aus.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Satte 140 Minuten dauert so das nach \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/204198.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Le Pass\u00e9 \u2013 Das Vergangene<\/a>\u201c zweite franz\u00f6sischsprachige Werk des iranischen Regisseurs, dessen fr\u00fchere Filme \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/189616.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nader und Simin \u2013 Eine Trennung<\/a>\u201c sowie \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/245360.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">The Salesman<\/a>\u201c jeweils mit dem Oscar f\u00fcr den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurden. Mit dieser Laufzeit und einem eher z\u00e4hen Beginn schleicht sich bei Farhadi die eine oder andere L\u00e4nge ein. Dennoch gelingt auch ihm und seiner prominenten Besetzung eine faszinierende Auseinandersetzung \u00fcber Beziehungen, die immer wieder die Spannung eines Thrillers aufbaut, ohne das Geschehen jemals v\u00f6llig eskalieren zu lassen. Dabei befeuern sich Fiktion und Realit\u00e4t gegenseitig \u2013 und sogar das Sechste Gebot bekommt bei einem der Twists seinen Platz.<\/p>\n<p>                                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"article-figure-img\" schriftstellerin=\"\" sylvie=\"\" huppert=\"\" nimmt=\"\" den=\"\" obdachlosen=\"\" ex-str=\"\" adam=\"\" bessa=\"\" unter=\"\" ihre=\"\" fittiche.=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/f9269d04af86d2236e89f40bcb1a4e92.jpg\" width=\"640\" height=\"320\" alt=\"Schriftstellerin Sylvie (Isabelle Huppert) nimmt den obdachlosen Ex-Str\u00e4fling Adam (Adam Bessa) unter ihre Fittiche.\"\/><\/p>\n<p>                                    StudioCanal<\/p>\n<p>                    Schriftstellerin Sylvie (Isabelle Huppert) nimmt den obdachlosen Ex-Str\u00e4fling Adam (Adam Bessa) unter ihre Fittiche.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">W\u00e4hrend bei Kie\u015blowski ein junger Waisenjunge seine deutlich \u00e4ltere Nachbarin im Haus gegen\u00fcber beobachtet, ist es bei Farhadi die Schriftstellerin Sylvie (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/947.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Isabelle Huppert<\/a>), die immer wieder mit einem Teleskop in die Wohnung gegen\u00fcber sp\u00e4ht, in der sie einst selbst aufgewachsen ist. Dort arbeitet heute Nita (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/97635.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Virginie Efira<\/a>) als Ger\u00e4uschemacherin und vertont mit ihrem Kollegen Theo (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/228780.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pierre Niney<\/a>) und ihrem Boss Nico (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/16217.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Vincent Cassel<\/a>) Naturdokumentationen. Unter dem ausgedachten Namen \u201eAnna\u201c macht Sylvie Nita zur Protagonistin ihres neuen Werks und imaginiert sich ein fatales Liebesdreieck mit ihren beiden Kollegen, das sich in der Wohnung gegen\u00fcber abspielt.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Doch auch der Waise tritt bald auf: Erst vor kurzem aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen, ist Adam (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/797919.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Adam Bessa<\/a>) obdachlos \u2013 bis ihn Sylvies Nichte (<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/506290.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">India Hair<\/a>) anheuert. Er soll ihre langsam vergesslich werdende Tante im Haushalt unterst\u00fctzen, wo unter der Sp\u00fcle schon die M\u00e4use nisten. Schon in zwei Wochen soll Sylvie aus der gro\u00dfen Wohnung ausziehen, Adam soll deshalb auch beim dringend n\u00f6tigen Ausr\u00fcmpeln mithelfen. Doch der ehemalige Kleinkriminelle ist bald nicht nur gefesselt von Sylvies Skript, sondern teilt auch deren Faszination f\u00fcr die Frau auf der anderen Stra\u00dfenseite. Als er mit Nita Kontakt aufnimmt, setzt er eine fatale Kette von Ereignissen in Gang &#8230;<\/p>\n<p>Geschichten haben ganz reale Folgen<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Die titelgebenden parallelen Geschichten sind zun\u00e4chst das Leben von Sylvie und das fiktive Treiben in der Wohnung gegen\u00fcber. Als Geschichte-im-Film sehen wir, was sich dort in der Vorstellung der Autorin f\u00fcr ein Drama abspielt, weil Nita\/Anna mit ihrem Kollegen verheiratet ist, aber eine Aff\u00e4re mit ihrem Boss anf\u00e4ngt. Es dauert eine Weile, bis wir diese dann doch recht wenig inspirierte, in ents\u00e4ttigten Farben und fester Kamera bebilderte Vorarbeit und die Fiktion hinter uns lassen. Erst als Adam Nita nicht nur anspricht, sondern ihr sogar das halbfertige Manuskript zu lesen gibt, kommt \u201eParallel Tales\u201c so richtig in Gang.<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Hier fangen Fiktion und Realit\u00e4t n\u00e4mlich an, sich zu beeinflussen \u2013 ein Motiv, das Farhadi im Film selbst vielseitig aufgreift. So ist Nitas Beruf als Ger\u00e4uschemacherin sicher nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt. Dabei geht es weniger um das Sounddesign von \u201eParallel Tales\u201c selbst, sondern darum, wie uns der Film direkt bewusst macht, dass am Ende alles nur Fiktion ist. Da vertonen Nita und ihr Team zum Beispiel mehrfach Naturszenen. Doch die Ger\u00e4usche der Tiere, die das Publikum der Dokumentationen als Realit\u00e4t pr\u00e4sentiert bekommt, entstehen mit simplen Mitteln in dem kleinen Appartement. Schon hier besteht die vermeintliche Realit\u00e4t aus Fiktion, was direkt dazu \u00fcberleitet, wie die ausgedachten Aff\u00e4ren im Romanentwurf das wahre Leben kontaminieren.<\/p>\n<p>                                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"article-figure-img\" die=\"\" begegnung=\"\" von=\"\" adam=\"\" und=\"\" nita=\"\" efira=\"\" setzt=\"\" eigentliche=\"\" handlung=\"\" in=\"\" gang=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/f0b9408b0df7979a01582d62108b173c.jpg\" width=\"640\" height=\"320\" alt=\"Die Begegnung von Adam und Nita (Virginie Efira) setzt die eigentliche Handlung in Gang!\"\/><\/p>\n<p>                                    StudioCanal<\/p>\n<p>                    Die Begegnung von Adam und Nita (Virginie Efira) setzt die eigentliche Handlung in Gang!<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Wenn Nita sich pl\u00f6tzlich mit der Offenbarung konfrontiert sieht, dass sie die ganze Zeit beobachtet wurde, geht es gar nicht so sehr um den voyeuristischen Akt. Viel interessanter ist die Frage: Wie ist es, wenn sich jemand vom Fenster gegen\u00fcber ein viel spannenderes Leben f\u00fcr dich ausmalt, als du es selbst f\u00fchrst? Es ist eine Frage, die sich bald auch die M\u00e4nner an ihrer Seite stellen. Warum bekam jemand beim Beobachten den Eindruck, es gebe hier eine Liebeskonstellation, die sich von der Realit\u00e4t unterscheidet? Sind hier vielleicht Signale vorhanden, die mit einem neutralen Blick erkannt werden, man aber selbst immer \u00fcbersehen hat? Gekonnt zieht Farhadi die Spannungsschraube an, ohne auf die Pauke zu hauen. <\/p>\n<p class=\"bo-p\">Es sind Kleinigkeiten, die verschwiegen werden, und Missverst\u00e4ndnisse, die zu Eifers\u00fcchteleien und schlie\u00dflich zu einem \u00dcbergriff f\u00fchren. \u201eParallel Tales\u201c wird nie zum waschechten Thriller. Daf\u00fcr inszeniert Farhadi seine Szenen zu n\u00fcchtern. Die gr\u00f6\u00dftenteils in den beiden Wohnungen oder in der N\u00e4he gelegenen Caf\u00e9s und der U-Bahn spielenden Momente sind gr\u00f6\u00dftenteils unaufgeregt gefilmt, was der Spannung aber nicht schadet. Denn Farhadi schafft es, sein Publikum \u2013 das wie Sylvie ja auch das Leben dieser Figuren beobachtet \u2013 zu involvieren. Man bleibt nicht neutral au\u00dfen vor, man urteilt mit.<\/p>\n<p>Selbst eine unmoralische Figur fesselt<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Nat\u00fcrlich handelt Adam, der sich selbst als Autor ausgibt und in Nitas Leben dr\u00e4ngt, immer wieder unmoralisch. Doch gleichzeitig kann man diesen einsamen jungen Mann von der Stra\u00dfe verstehen, der endlich einen Ausweg aus seinem Leben zu erkennen glaubt. K\u00f6nnte er vielleicht mit Schreiben Geld verdienen? Braucht er daf\u00fcr aber zwingend Nita und ihr von Sylvie ausgedachtes Leben als Inspiration? Doch was ist ein erster Schritt als Schriftsteller wert, wenn er auf einer L\u00fcge und einem Skript basiert, das er gar nicht geschrieben hat?<\/p>\n<p class=\"bo-p\">Die starke zweite H\u00e4lfte macht \u201eParallel Tales\u201c sehenswert \u2013 und das, obwohl hier die gro\u00dfe Isabelle Huppert (\u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/231874.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Elle<\/a>\u201c) \u00fcber weite Strecken in den Hintergrund r\u00fcckt und erst im gelungenen Finale wieder starke Momente bekommt. Aus dem starken Cast, in dem mit <a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/personen\/191.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Catherine Deneuve<\/a> (\u201eBelle de Jour \u2013 Sch\u00f6ne des Tages\u201c) eine weitere Ikone des franz\u00f6sischen Kinos f\u00fcr einen kurzen Gastauftritt vorbeischaut, sticht vor allem eine heraus: Virginie Efira (\u201e<a href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/255795.html\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Benedetta<\/a>\u201c) begeistert als selbstbewusste Frau, die von Farhadi trotz des allseitig voyeuristischen Blicks auf ihre Figur nie in eine Opferrolle gedr\u00e4ngt wird.<\/p>\n<p class=\"bo-p\"><b>Fazit: Trotz L\u00e4ngen in der stolzen Laufzeit und einem etwas schwerf\u00e4lligen Beginn besticht Asghar Farhadis \u201eParallel Tales\u201c als gut beobachtendes, komplex verschachteltes und immer wieder spannendes Drama mit einem gl\u00e4nzend aufgelegten Cast, aus dem vor allem Virginie Efira (mit einer Wahnsinnsszene in einem kleinen Caf\u00e9) herausragt.<\/b><\/p>\n<p class=\"bo-p\">Wir haben \u201eParallel Tales\u201c beim Filmfestival von Cannes gesehen, wo der Film seine Weltpremiere im offiziellen Wettbewerb gefeiert hat. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im sechsten Teil seines sich lose an den Zehn Geboten orientierenden Fernsehfilmzyklus \u201eDekalog\u201c interessiert sich der polnische Meisterregisseur&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1019540,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[1778,29,214,30,95,1777,215],"class_list":{"0":"post-1019539","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-cinema","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kino","13":"tag-movie","14":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116575388793968201","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1019539","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1019539"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1019539\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1019540"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1019539"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1019539"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1019539"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}