{"id":1020253,"date":"2026-05-15T06:06:17","date_gmt":"2026-05-15T06:06:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1020253\/"},"modified":"2026-05-15T06:06:17","modified_gmt":"2026-05-15T06:06:17","slug":"wie-ikkimel-rap-und-rollenbilder-aufmischt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1020253\/","title":{"rendered":"Wie Ikkimel Rap und Rollenbilder aufmischt"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Herbert Gr\u00f6nemeyer nennt sie \u00abeine unglaubliche K\u00fcnstlerin\u00bb, ihre Fans nennen sie liebevoll \u00abMutter Ikkimel\u00bb, sie selbst bezeichnet sich als \u00aboffiziell die allergr\u00f6\u00dfte Fotze der Stadt\u00bb: Mit Texten \u00fcber Partys, Drogen und Sex hat Ikkimel in den vergangenen Jahren die Rapszene aufgemischt \u2013 wohl auch, weil die forschen Texte zur Abwechslung mal von einer Frau, nicht von einem Mann stammen.<\/p>\n<p>Sie kombiniert schnelle Technobeats mit Zeilen wie \u00abIch fick sie alle\u00bb, \u00abGibt&#8217;s den Pimmel auch in gro\u00df?\u00bb und \u00abSperrt die M\u00e4nner weg\u00bb. Das kommt an: Die K\u00fcnstlerin hat 2,2 Millionen monatliche H\u00f6rer auf Spotify, fast 400.000 Follower auf Instagram und \u00fcber 13 Millionen Likes auf TikTok. Bei einem spontan angek\u00fcndigten Konzert in Berlin-Kreuzberg am 1. Mai war der Andrang riesig.<\/p>\n<p>Am 15. Mai erscheint Ikkimels zweites Studioalbum \u00abPoppstars\u00bb \u2013 und kommt mindestens so provokant daher wie ihr Deb\u00fctalbum \u00abFotze\u00bb, das 2025 in die Top 10 der deutschen Albumcharts einstieg. Was Ikkimel so erfolgreich macht? Soziologin Heidi S\u00fc\u00df, die zu Rap und M\u00e4nnlichkeit forscht, meint: \u00abSicherlich nicht nur die Musik.\u00bb<\/p>\n<p>Wie man beleidigende Begriffe umdeutet<\/p>\n<p>Ikkimel steht f\u00fcr das Berlinerische \u00abIcke Mel\u00bb, also \u00abIch bin Mel\u00bb. Melina Gaby Strauss ist in Berlin-Tempelhof aufgewachsen, hat Abitur und einen Bachelor in Linguistik. Sie habe immer gerne Rap geh\u00f6rt, Party gemacht und \u00abschon als Kind nicht in diese m\u00e4nnerdominierte Welt reingepasst\u00bb, sagte die K\u00fcnstlerin in einem Interview der \u00abZeit\u00bb. Der Tod ihres Vaters, den sie bis zuletzt gepflegt hatte, sei der Punkt gewesen, \u00abwo ich dachte, man lebt nur einmal. Ich schei\u00df jetzt auf alles und mach einfach das, was mir Spa\u00df macht\u00bb, so Ikkimel auf Instagram.<\/p>\n<p>Darin liege auch das Erfolgsrezept: \u00abEs ist ihr zeitgeistiges Image, ein Lifestyle, den sie verk\u00f6rpert. Es geht um Eskapismus, Hedonismus\u00bb, so S\u00fc\u00df. Und vor allem um Empowerment, was schon immer der Kern des Hip-Hops gewesen sei: \u00absich die Kontrolle \u00fcber den eigenen K\u00f6rper, \u00fcber das eigene Image in der Gesellschaft, ob jetzt aufgrund von Rassismus- oder auch Sexismuserfahrungen, zur\u00fcckzuerobern\u00bb, erkl\u00e4rt S\u00fc\u00df.<\/p>\n<p>Kontrolle zur\u00fcckholen \u2013 das tut Ikkimel vor allem, in dem sie Begriffe wie \u00abFotze\u00bb reclaimt, um \u00abihnen die Verletzungsmacht zu nehmen\u00bb, so die Soziologin. Reclaimen bedeutet hier, einen beleidigenden Begriff umzudeuten und zur Selbstbeschreibung zu nutzen, um ihn gewisserma\u00dfen zu entwaffnen. Es sei ein gro\u00dfer Unterschied, ob man als \u00abFotze\u00bb bezeichnet w\u00fcrde oder \u00abdie Person als Subjekt agiert und diesen Begriff selbst w\u00e4hlt und aktiv f\u00fcr sich reklamiert\u00bb, sagt S\u00fc\u00df.<\/p>\n<p>Missy Elliott oder Lady Bitch Ray als Vorreiterinnen<\/p>\n<p>Dass gerade \u00e4ltere Generationen damit wenig anfangen k\u00f6nnten, verwundert die Soziologin nicht: \u00abDas ist schon auch ein popkulturelles Produkt, so mit diesen Feinheiten von Sprache und diesen Raum auszureizen, auszuloten, den Raum des Sagbaren sozusagen.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abSperrt die M\u00e4nner Weg\u00bb, rappt Ikkimel und tut das auch: Bei ihren Liveshows landen m\u00e4nnliche Fans in K\u00e4figen. Damit drehe sie den Spie\u00df um. Ganz nach dem Motto: \u00abJetzt sind wir an der Reihe, jetzt bin ich da und jetzt geh mal auf die Knie und leck mal und sei mal bitte still, weil jetzt rede ich\u00bb, so S\u00fc\u00df.<\/p>\n<p>Nicht umsonst werde diese neue feministische Str\u00f6mung auch als \u00abFotzenfeminismus\u00bb bezeichnet, meint die Rap-Forscherin. Eine eigene Sparte, aber kein neues Ph\u00e4nomen: Rapperinnen wie Missy Elliott in den USA oder Lady Bitch Ray in Deutschland h\u00e4tten dem Female Rap den Weg geebnet.<\/p>\n<p>\u00abF\u00fcr viele M\u00e4nner offensichtlich schwer verdaulich\u00bb<\/p>\n<p>Ikkimels hypersexualisierte Darstellung und ungefragte Offenheit irritiert und st\u00f6rt auch einige. Kurz vor ihrem Album-Release ver\u00f6ffentlichte die 28-J\u00e4hrige in einem Instagram-Post etliche Hassnachrichten m\u00e4nnlicher User, die ihr Gewalt androhten, ihr sogar den Tod w\u00fcnschten. Auch Kollegen sto\u00dfen sich an ihr: Rapper Fler \u2013 der in der Vergangenheit ebenfalls derbe, sexualisierte Lyrics geschrieben hat \u2013 beleidigte Ikkimel auf Instagram und bedrohte sie.<\/p>\n<p>Warum sie so viel Hass abbekommt? \u00abWeil sie eine Frau ist, die das Frausein oder das Weiblichsein und vor allem auch ihre Sexualit\u00e4t ja nicht nur ausstellt und zeigt, indem sie mal was Kurzes anhat, sondern die damit auch richtig proaktiv, selbstbewusst und auch in diesem klassischen Rap-Gestus der \u00dcberzeichnung rausgeht\u00bb, sagt S\u00fc\u00df. \u00abSo ein offener, lustvoller und provokativer Umgang mit Sexualit\u00e4t ist f\u00fcr viele M\u00e4nner offensichtlich schwer verdaulich.\u00bb<\/p>\n<p>Ikkimel werde \u00abals Bedrohung\u00bb wahrgenommen. Vielen M\u00e4nnern w\u00fcrden Strategien fehlen, um mit so viel weiblichem Empowerment umzugehen.<\/p>\n<p>Alice Schwarzer war erst kein Fan<\/p>\n<p>In feministischen Kreisen wiederum wird ihr mitunter vorgeworfen, den \u00abmale gaze\u00bb zu reproduzieren, der Frauen zum Objekt macht und auf ihre K\u00f6rper reduziert. Frauenrechtlerin Alice Schwarzer zeigte sich von Ikkimel erst \u00abersch\u00fcttert\u00bb, ein paar Wochen sp\u00e4ter dann aber \u00abbekehrt\u00bb. Sie schrieb in ihrer Emma-Kolumne: \u00abIhre St\u00e4rke ist nicht gespielt, sie scheint echt.\u00bb Das belege die Qualit\u00e4t ihrer Musik und Performance.<\/p>\n<p>Nur das Spiel mit dem Wort \u00abFotze\u00bb geht Schwarzer zufolge nicht auf &#8211; schlie\u00dflich lasse sich dieser \u00aberniedrigendste Begriff von M\u00e4nnern f\u00fcr Frauen auch in einem vorlauten Frauenmund nicht einfach umdrehen in Frauenpower\u00bb.<\/p>\n<p>In der Schlange vor ihrem Konzert sind sich Ikkimels Fans einig: \u00abSie gibt uns M\u00e4dels die Kraft, uns nicht mehr beleidigt zu f\u00fchlen, wenn ein Mann zu uns sagt, wir seien Bitches, nur weil wir sexuell offen sind\u00bb, sagte eine 24-J\u00e4hrige der \u00abZeit\u00bb.<\/p>\n<p>\u00abWenn zeitgleich zehn M\u00e4nner frauenfeindliche Texte ins Mikro sprechen, juckt das keinen. Bei mir wird strenger hingeguckt. Was einfach sexistisch ist\u00bb, sagte Ikkimel der \u00abZeit\u00bb. Es gehe ihr nicht darum, einfach draufzuhauen: \u00abIch mache Kunst, in der es um das Aufzeigen von gesellschaftlichen Problemen geht\u00bb, sagte Ikkimel dem Musikmagazin \u00abDiffus\u00bb.<\/p>\n<p>Ihr Ziel sei es, die \u00abGesellschaft zu beeinflussen und in die richtige Richtung zu treiben. Erreichen, dass Frauen und Minderheiten mehr anerkannt werden und es mehr Zusammenhalt gibt\u00bb. Dass der Wandel schon im Gange sei, zeige auch ihr Mainstream-Erfolg: Junge M\u00e4nner w\u00fcrden langsam anfangen, \u00abfeministisch zu denken und sich kritisch gegen\u00fcber anderen M\u00e4nnern zu positionieren\u00bb, erkl\u00e4rt S\u00fc\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Herbert Gr\u00f6nemeyer nennt sie \u00abeine unglaubliche K\u00fcnstlerin\u00bb, ihre Fans nennen sie liebevoll \u00abMutter Ikkimel\u00bb, sie selbst bezeichnet sich&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1020254,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1772],"tags":[29,214,30,1779,810,215],"class_list":{"0":"post-1020253","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-musik","8":"tag-deutschland","9":"tag-entertainment","10":"tag-germany","11":"tag-music","12":"tag-musik","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116577094088615478","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1020253","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1020253"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1020253\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1020254"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1020253"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1020253"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1020253"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}