{"id":1020256,"date":"2026-05-15T06:08:17","date_gmt":"2026-05-15T06:08:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1020256\/"},"modified":"2026-05-15T06:08:17","modified_gmt":"2026-05-15T06:08:17","slug":"immunsystem-im-gehirn-studie-aus-magdeburg-staerkt-die-idee-der-praezisionspsychiatrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1020256\/","title":{"rendered":"Immunsystem im Gehirn: Studie aus Magdeburg st\u00e4rkt die Idee der Pr\u00e4zisionspsychiatrie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Magdeburger \u00dcbersichtsarbeit deutet darauf hin: Biologische Unterschiede bei psychischen Erkrankungen k\u00f6nnten k\u00fcnftig wichtiger sein als reine Diagnosen.<\/strong><\/p>\n<p>Depression, bipolare St\u00f6rung und Schizophrenie gelten als drei getrennte Erkrankungen. Biologisch \u00fcberschneiden sie sich jedoch: Entz\u00fcndungsprozesse und eine ver\u00e4nderte Kommunikation zwischen Immunsystem und Gehirn k\u00f6nnten bei allen drei Erkrankungsbildern eine Rolle spielen \u2013 und zwar auf eine Weise, die nicht allein durch die klassische Diagnose, sondern besser durch biologische Untergruppen und konkrete Symptome beschrieben werden kann. Zu diesem Schluss kommt eine neue systematische \u00dcbersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Molecular Psychiatry der Arbeitsgruppe Experimentelle\/Translationale Psychiatrie der Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie Magdeburg (Leitung Prof. Thomas Nickl-Jockschat).<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt der Arbeit stehen zwei biologische Systeme: Mikroglia und der Kynurenin-Stoffwechselweg. Mikroglia sind die Immunzellen des Gehirns \u2013 eine Art Wartungs- und Wachdienst im Nervengewebe. Der Kynurenin-Weg ist ein Stoffwechselweg, \u00fcber den die Aminos\u00e4ure Tryptophan abgebaut wird. Dabei entstehen Substanzen, die Entz\u00fcndungen und die Signal\u00fcbertragung zwischen Nervenzellen beeinflussen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Drei Blickwinkel auf dasselbe Problem<\/strong><\/p>\n<p>Eine Besonderheit der Arbeit ist, dass die Forschenden nicht nur eine Untersuchungsmethode auswerteten, sondern drei sehr unterschiedliche Perspektiven zusammenf\u00fchrten:<\/p>\n<p>\u00b7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<strong>TSPO-PET-Bildgebung:<\/strong>\u00a0Ein Verfahren, das Hinweise auf Immunaktivit\u00e4t im lebenden Gehirn liefert.<\/p>\n<p>\u00b7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<strong>Gehirn-R\u00fcckenmarks-Fl\u00fcssigkeit (Liquor):<\/strong>\u00a0Hier wurden Stoffwechselprodukte des Kynurenin-Wegs gemessen.<\/p>\n<p>\u00b7\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<strong>Postmortale Hirngewebeanalysen:<\/strong>\u00a0Untersuchungen an Hirngewebe nach dem Tod, bei denen Mikroglia und zugeh\u00f6rige Enzyme direkt unter dem Mikroskop betrachtet werden konnten.<\/p>\n<p>\u201eDie St\u00e4rke dieser Arbeit liegt darin, dass wir verschiedene Ebenen zusammenf\u00fchren. Dadurch entsteht ein differenzierteres Bild davon, welche Rolle Mikroglia und immunologische Stoffwechselwege bei schweren psychischen Erkrankungen spielen k\u00f6nnten\u201c, erkl\u00e4rt Arbeitsgruppenleiter Prof. Johann Steiner.<\/p>\n<p><strong>Unterschiedliche Muster je nach Erkrankung<\/strong><\/p>\n<p>Die Ergebnisse zeichnen kein einfaches Bild. Mikroglia sind nicht schlicht bei allen psychischen Erkrankungen gleicherma\u00dfen aktiviert. Die Befunde unterscheiden sich je nach Erkrankung, Hirnregion und Untersuchungsmethode. Bei Major Depression zeigte die Bildgebung das konsistenteste Signal: erh\u00f6hte Immunaktivit\u00e4t in Hirnregionen, die f\u00fcr Stimmung, Stressverarbeitung und Emotionsregulation wichtig sind.<\/p>\n<p>Bei Schizophrenie war das Bild uneinheitlicher. Die Bildgebungsbefunde schwankten stark \u2013 manche Studien zeigten keine Ver\u00e4nderungen, andere sogar eine Abnahme des Signals. Deutlicher hingegen waren die Befunde aus Liquor und Hirngewebe: Sie deuten darauf hin, dass der Kynurenin-Stoffwechsel bei Schizophrenie in eine bestimmte Richtung verschoben ist, die die Signal\u00fcbertragung zwischen Nervenzellen beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnte. Das passt zu einer langj\u00e4hrigen Hypothese, wonach genau diese St\u00f6rung zu psychotischen Symptomen und kognitiven Einschr\u00e4nkungen beitragen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Bei der bipolaren St\u00f6rung war die Datenlage am d\u00fcnnsten. Einzelne Befunde deuten auf Ver\u00e4nderungen in bestimmten Untergruppen hin \u2013 etwa bei Patientinnen und Patienten mit psychotischen Symptomen oder Suizidalit\u00e4t. F\u00fcr gesicherte Schlussfolgerungen fehlen jedoch noch ausreichend viele Studien.<\/p>\n<p><strong>Biologische Untergruppen statt starrer Diagnosegrenzen<\/strong><\/p>\n<p>Die zentrale Erkenntnis der Arbeit: Mikroglia- und Kynurenin-Ver\u00e4nderungen lassen sich wahrscheinlich nicht allein durch die klassische Diagnose erkl\u00e4ren, sondern besser durch biologische Untergruppen und konkrete Symptome.<\/p>\n<p>Die Forschenden sehen darin einen m\u00f6glichen Ansatz f\u00fcr eine k\u00fcnftig st\u00e4rker personalisierte Psychiatrie. \u201eUnsere Ergebnisse sprechen daf\u00fcr, psychiatrische Erkrankungen k\u00fcnftig st\u00e4rker dimensional und biologisch zu betrachten. Es k\u00f6nnte entscheidend sein, ob eine Patientin oder ein Patient ausgepr\u00e4gte Entz\u00fcndungsaktivit\u00e4t, psychotische Symptome, kognitive Einschr\u00e4nkungen, Suizidalit\u00e4t oder eine bestimmte Krankheitsphase zeigt \u2013 und nicht nur, welche Diagnose im Entlassbrief steht\u201c, so Prof. Steiner. \u201eEs war besonders aufschlussreich, dass sich die Befunde aus Bildgebung, Liquoranalysen und Hirngewebeuntersuchungen erst in der Zusammenschau zu einem stimmigen Gesamtbild f\u00fcgen. Einzelne Methoden allein h\u00e4tten dieses differenzierte Muster nicht sichtbar gemacht\u201c, erg\u00e4nzt Erstautorin Madeleine Nussbaumer.<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass klassische Diagnosen \u00fcberfl\u00fcssig werden. Sie bleiben f\u00fcr die klinische Versorgung unverzichtbar. F\u00fcr die Erforschung biologischer Ursachen k\u00f6nnten sie aber zu unscharf sein: Zwei Menschen mit derselben Diagnose k\u00f6nnen sehr unterschiedliche immunologische Profile aufweisen \u2013 und umgekehrt k\u00f6nnen Menschen mit verschiedenen Diagnosen \u00e4hnliche biologische Ver\u00e4nderungen teilen.<\/p>\n<p><strong>Was das f\u00fcr Betroffene bedeutet<\/strong><\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr Patientinnen und Patienten bedeutet das nicht, dass unmittelbar ein neuer Test oder eine neue Standardtherapie verf\u00fcgbar ist\u201c, sagt Prof. Steiner. \u201eAber es zeigt, wohin sich das Feld bewegt: weg von reiner Versuch-und-Irrtum-Behandlung, hin zu einer pr\u00e4ziseren Psychiatrie, die biologische Mechanismen st\u00e4rker ber\u00fccksichtigt.\u201c<\/p>\n<p>Bis dahin sei jedoch weitere Forschung notwendig. Viele bisherige Studien basieren auf kleinen Teilnehmergruppen. Zudem fehlen Langzeituntersuchungen, die Krankheitsverl\u00e4ufe \u00fcber mehrere Jahre verfolgen.<\/p>\n<p><strong>Ankn\u00fcpfung an fr\u00fchere Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Die Publikation baut auf einem Expert Review der Magdeburger Arbeitsgruppe auf, in dem Schizophrenie als \u201egliale\u201c Erkrankung beschrieben wurde: eine Erkrankung, bei der nicht nur Nervenzellen, sondern auch St\u00fctzzellen des Gehirns eine wesentliche Rolle spielen. Die neue Arbeit erweitert diesen Blick nun auf Mikroglia und den Kynurenin-Stoffwechselweg \u2013 und zwar f\u00fcr alle drei Erkrankungen gemeinsam.<\/p>\n<p>\u201eGliazellen sind nicht blo\u00df das St\u00fctzgewebe des Gehirns. Sie regulieren Immunreaktionen, Synapsen und die Stabilit\u00e4t neuronaler Netzwerke \u2013 genau jene Funktionen, die f\u00fcr Entstehung und Verlauf einer Untergruppe psychischer Erkrankungen bedeutsam sein k\u00f6nnten\u201c, erkl\u00e4rt Prof. Steiner.<\/p>\n<p><strong>Nachwuchsforschung aus Magdeburg<\/strong><\/p>\n<p>Erstautorin Madeleine Nussbaumer schreibt ihre Doktorarbeit in der Arbeitsgruppe von Prof. Steiner. Sie wurde im Dezember 2025 als beste Absolventin ihres Jahrgangs an der Medizinischen Fakult\u00e4t Magdeburg ausgezeichnet. Die Ver\u00f6ffentlichung in Molecular Psychiatry unterstreicht die starke Einbindung des wissenschaftlichen Nachwuchses in international sichtbare Forschung am Standort Magdeburg.<\/p>\n<p>Die Arbeit wurde unterst\u00fctzt durch das Deutsche Zentrum f\u00fcr Psychische Gesundheit (DZPG, BMBF-F\u00f6rderkennzeichen 01EE2305A, Standort Halle-Jena-Magdeburg) sowie ein Promotionsstipendium der Medizinischen Fakult\u00e4t der Otto-von-Guericke-Universit\u00e4t Magdeburg.<\/p>\n<p><strong>Originalpublikation:<\/strong><\/p>\n<p>Nussbaumer, M., Guest, P.C., Schiltz, K. et al.\u00a0Multimodal microglial and kynurenine pathway alterations across the affective-psychosis spectrum: a systematic review of patterns, heterogeneity, and dimensional implications. Mol Psychiatry (2026). DOI:\u00a0<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1038\/s41380-026-03614-3\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">https:\/\/doi.org\/10.1038\/s41380-026-03614-3<\/a><\/p>\n<p>Bernstein, H.-G., Nussbaumer, M., Vasilevska, V., Dobrowolny, H., Nickl-Jockschat, T., Guest, P.C., Steiner, J. Glial cell deficits are a key feature of schizophrenia: implications for neuronal circuit maintenance and histological differentiation from classical neurodegeneration.\u00a0Mol Psychiatry 30, 1102\u20131116 (2025). DOI:\u00a0<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1038\/s41380-024-02861-6\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">https:\/\/doi.org\/10.1038\/s41380-024-02861-6<\/a><\/p>\n<p><strong>Wissenschaftlicher Kontakt:<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Dr. med. habil. Johann Steiner, Stellvertretender Direktor der Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie Magdeburg,<\/p>\n<p>Telefon: +49-391-67-15019, Mail:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.magdeburg-klickt.de\/immunsystem-im-gehirn-studie-aus-magdeburg-staerkt-die-idee-der-praezisionspsychiatrie\/mailto:johann.steiner@med.ovgu.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">johann.steiner@med.ovgu.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Abbildung 1:<\/strong> Vielf\u00e4ltige Funktionen von Mikroglia \u2013 den Immunzellen des Gehirns (entnommen aus Nussbaumer et al., Mol Psychiatry 2026, nach Amor et al. 2022; Lizenz: CC BY 4.0). Mikroglia \u00fcbernehmen weit mehr als reine Abwehraufgaben: Sie pr\u00e4sentieren Antigene (1), sch\u00fctten Zytokine und Chemokine aus (2), beseitigen Zelltr\u00fcmmer und Krankheitserreger durch Phagozytose (3) und erhalten \u00fcber Selbsterneuerung und programmierten Zelltod ihr eigenes Gleichgewicht (4). Dar\u00fcber hinaus modulieren sie die Reiz\u00fcbertragung zwischen Nervenzellen \u2013 unter anderem \u00fcber Botenstoffe und Stoffwechselprodukte des Kynurenin-Wegs (5), beschneiden \u00fcberz\u00e4hlige Synapsen zur Verfeinerung neuronaler Schaltkreise (6), unterst\u00fctzen die Myelinisierung der Nervenfasern (7) und regulieren die Durchl\u00e4ssigkeit der Blut-Hirn-Schranke (8).<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"480\" height=\"513\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Microglial-Functions-0715-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-292869\"  \/>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Magdeburger \u00dcbersichtsarbeit deutet darauf hin: Biologische Unterschiede bei psychischen Erkrankungen k\u00f6nnten k\u00fcnftig wichtiger sein als reine Diagnosen. 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