{"id":1020790,"date":"2026-05-15T11:20:14","date_gmt":"2026-05-15T11:20:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1020790\/"},"modified":"2026-05-15T11:20:14","modified_gmt":"2026-05-15T11:20:14","slug":"jeder-verarbeitet-krisen-anders-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1020790\/","title":{"rendered":"\u00bbJeder verarbeitet Krisen anders\u00ab \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Bei medizinischen Notf\u00e4llen k\u00fcmmert sich der Rettungsdienst um k\u00f6rperliche Verletzungen, f\u00fcr die psychische Erste Hilfe gibt es in Leipzig das Kriseninterventionsteam. Etwa 40 Ehrenamtliche sind rund um die Uhr in Bereitschaft, um zum Beispiel Angeh\u00f6rige bei pl\u00f6tzlichen Todesf\u00e4llen zu begleiten. Auch nach der Amokfahrt am 4. Mai war das Team vor Ort und unterst\u00fctzte Betroffene. Die Vorstandsvorsitzenden Heike Stellmacher und Tobias H\u00f6nig erz\u00e4hlen im Interview, wie sich er Einsatz von ihrer allt\u00e4glichen Arbeit unterschieden hat und was sie Menschen raten, die sich weiterhin von dem Ereignis betroffen f\u00fchlen.<\/p>\n<p><strong>Wie l\u00e4uft es normalerweise ab, wenn das Kriseninterventionsteam zu einem Einsatz kommt?<\/strong><\/p>\n<p>TOBIAS H\u00d6NIG:<strong> <\/strong>Wir werden durch Feuerwehr, Rettungsdienst oder Polizei alarmiert, wenn vor Ort deutlich wird, dass Menschen psychosoziale Unterst\u00fctzung brauchen. Die Anforderung l\u00e4uft \u00fcber die Integrierte Regionalleitstelle Leipzig. Oft kommen wir in Situationen dazu, in denen f\u00fcr Betroffene pl\u00f6tzlich nichts mehr normal ist \u2013 pl\u00f6tzliche Todesf\u00e4lle, schwere medizinische Notf\u00e4lle wie Reanimationen, Suizide oder Suizidversuche, Unf\u00e4lle und Gewalterfahrungen. Ein Einsatz dauert im Durchschnitt etwa drei Stunden \u2013 manchmal aber auch deutlich l\u00e4nger. Wir bleiben so lange, wie die Situation es erfordert.<\/p>\n<p><strong><br \/>Wie unterst\u00fctzen Sie Menschen dann konkret?<\/strong><\/p>\n<p>HEIKE STELLMACHER:<strong> <\/strong>Es gibt daf\u00fcr kein festes Schema. Jeder Mensch reagiert anders auf Krisen. Manche m\u00f6chten reden, manche erst mal schweigen. Andere brauchen Orientierung oder einfach jemanden, der ruhig bei ihnen bleibt. Uns ist wichtig, nichts aufzudr\u00e4ngen. Wir nehmen uns Zeit f\u00fcr die individuellen Bed\u00fcrfnisse der Menschen.<br \/>Wichtige S\u00e4ulen unserer Arbeit sind die Stabilisierung der ersten Reaktionen, die emotionale und organisatorische Strukturierung der Situation sowie das Aktivieren sozialer Ressourcen. Oft unterst\u00fctzen wir Menschen auch dabei, Angeh\u00f6rige einzubeziehen oder weitere Hilfsangebote zu vermitteln. In Situationen, in denen Menschen versterben, kann au\u00dferdem das Erm\u00f6glichen einer bewussten Abschiednahme ein sehr wichtiger Schritt sein.<br \/>Gerade in Ausnahmezust\u00e4nden hilft es vielen Betroffenen schon, nicht allein zu sein und jemanden an der Seite zu haben, der zuh\u00f6rt, Orientierung gibt und Sicherheit vermittelt.<\/p>\n<p><strong><br \/>Wie hat sich Ihr Einsatz nach der Amokfahrt am 4. Mai in der Leipziger Innenstadt von anderen Eins\u00e4tzen unterschieden?<\/strong><\/p>\n<p>H\u00d6NIG: Das war eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Einsatzlage \u2013 auch f\u00fcr uns. Wir waren beide vor Ort und haben den Einsatz der ehrenamtlichen Kr\u00e4fte unseres Vereins geleitet. Schon sehr schnell war klar, dass viele Menschen Unterst\u00fctzung brauchen w\u00fcrden und dass der Einsatz uns \u00fcber mehrere Tage begleiten wird: An dem Montag waren wir bis gegen Mitternacht im Einsatz \u2013 an der Akutbetreuungsstelle im Gewandhaus, am B\u00fcrgertelefon und in Einzelbetreuungen. Am Dienstag und Mittwoch ging es weiter, unter anderem am zentralen Gedenkort am Paulinum und beim Gedenkgottesdienst. <\/p>\n<p><strong><br \/>Zu wievielt waren Sie im Einsatz?<\/strong><\/p>\n<p>H\u00d6NIG: Insgesamt waren am Montag rund 30 ehrenamtliche Einsatzkr\u00e4fte beteiligt, am Dienstag etwa 25 und am Mittwoch 12. Sp\u00fcrbar war dabei nat\u00fcrlich auch die Verunsicherung vieler Menschen durch das Geschehen. Gleichzeitig stand aber ebenso deutlich im Vordergrund, wie sehr Menschen in dieser Situation zusammenstanden, aufeinander geachtet und sich gegenseitig unterst\u00fctzt haben. Dieses Miteinander und die gegenseitige F\u00fcrsorge waren an vielen Stellen deutlich wahrnehmbar.<\/p>\n<p><strong><br \/>Welche Themen hatten die Menschen, die nach der Amokfahrt Ihre Unterst\u00fctzung gesucht haben?<\/strong><\/p>\n<p>STELLMACHER: Viele Menschen standen unter Schock. Manche waren direkt vor Ort, andere hatten in der Innenstadt Angeh\u00f6rige oder Freunde und wussten zun\u00e4chst nicht, ob diese in Sicherheit sind. Einige hat auch sehr besch\u00e4ftigt, wie nah sie der Situation selbst gewesen sind und dass sie ebenso h\u00e4tten unmittelbar betroffen sein k\u00f6nnen. Ein gro\u00dfes Thema war das ver\u00e4nderte Sicherheitsgef\u00fchl. Viele haben beschrieben, dass sich ein vertrauter Ort pl\u00f6tzlich anders anf\u00fchlt. Gleichzeitig haben viele Menschen aber auch erlebt, wie viel Zusammenhalt in solchen Momenten entsteht. Es gab sehr viele Situationen, in denen Menschen aufeinander geachtet und sich gegenseitig unterst\u00fctzt haben oder einfach f\u00fcreinander da waren. Dieses Miteinander kann in solchen Ausnahmesituationen eine wichtige Kraftquelle sein.<\/p>\n<p><strong><br \/>Das Kriseninterventionsteam arbeitet komplett ehrenamtlich. Wie stemmt man da einen so au\u00dfergew\u00f6hnlichen Einsatz?<\/strong><\/p>\n<p>H\u00d6NIG: Vor allem durch ein starkes Team. Beeindruckend war zu sehen, wie viele unserer ehrenamtlichen Einsatzkr\u00e4fte sofort bereit waren zu helfen, Dienste \u00fcbernommen haben und f\u00fcreinander da waren. Gerade bei einem mehrt\u00e4gigen Einsatz ist es enorm wichtig, sich gegenseitig zu unterst\u00fctzen und sich aufeinander verlassen zu k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt auch der R\u00fcckhalt im privaten Umfeld. In solchen Lagen merkt man sehr deutlich, wie wichtig Zusammenhalt ist \u2013 nicht nur bei den Einsatzkr\u00e4ften, sondern auch in der Stadtgesellschaft insgesamt.<\/p>\n<p><strong><br \/>Wie sieht die Nachsorge f\u00fcr Sie als Einsatzkr\u00e4fte aus?<\/strong><\/p>\n<p>STELLMACHER: Nat\u00fcrlich gibt es Nachbesprechungen und Supervision. Aber das Wichtigste ist tats\u00e4chlich das Team selbst. Dass man miteinander spricht, ehrlich sagen kann, wenn einen etwas belastet, und wei\u00df, dass jemand zuh\u00f6rt. Jeder hat au\u00dferdem seine eigenen Wege, wieder Kraft zu sch\u00f6pfen. F\u00fcr manche ist das Sport, f\u00fcr andere Musik oder Gespr\u00e4che mit Kolleginnen und Kollegen. Wichtig ist, belastende Eindr\u00fccke nicht mit sich allein auszumachen.<\/p>\n<p><strong><br \/>Gibt es etwas, das Sie Menschen raten k\u00f6nnen, die sich weiterhin von der Tat betroffen f\u00fchlen?<\/strong><\/p>\n<p>H\u00d6NIG: Zun\u00e4chst einmal: Viele Reaktionen auf so ein Ereignis sind vollkommen normal. Dass Menschen unruhig sind, schlecht schlafen, bestimmte Orte meiden oder gedanklich immer wieder zu dem Geschehen zur\u00fcckkehren, kann nach solchen Erlebnissen auftreten. Wichtig ist, sich damit nicht unter Druck zu setzen. Jeder verarbeitet Krisen anders und im eigenen Tempo.<\/p>\n<p>STELLMACHER: Und niemand muss damit allein bleiben. Es kann helfen, mit vertrauten Menschen zu sprechen oder Unterst\u00fctzung anzunehmen. Manchmal tut es auch gut, bewusst kleine Schritte zur\u00fcck in den Alltag zu gehen. Entscheidend ist, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und sich die Zeit zu geben, die man braucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bei medizinischen Notf\u00e4llen k\u00fcmmert sich der Rettungsdienst um k\u00f6rperliche Verletzungen, f\u00fcr die psychische Erste Hilfe gibt es in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1020791,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[15252,3364,29,5393,48814,30,2917,12546,47466,71,4338,47465,9120,182628,859,3259,1250],"class_list":{"0":"post-1020790","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-beratung","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-ehrenamt","12":"tag-ehrenamtlich","13":"tag-germany","14":"tag-hilfe","15":"tag-krisen","16":"tag-krisenintervention","17":"tag-leipzig","18":"tag-notfall","19":"tag-notfallseelsorge","20":"tag-psyche","21":"tag-psychisch","22":"tag-sachsen","23":"tag-tod","24":"tag-unterstuetzung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116578328710343269","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1020790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1020790"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1020790\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1020791"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1020790"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1020790"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1020790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}