{"id":1022856,"date":"2026-05-16T07:02:13","date_gmt":"2026-05-16T07:02:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1022856\/"},"modified":"2026-05-16T07:02:13","modified_gmt":"2026-05-16T07:02:13","slug":"ein-staat-ohne-ende-notizen-aus-dem-dritten-kriegsjahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1022856\/","title":{"rendered":"Ein Staat ohne Ende: Notizen aus dem dritten Kriegsjahr"},"content":{"rendered":"<p>Putin spricht von einem Ende des Krieges. Russland baut f\u00fcr seine Fortsetzung. Malte Lauterbach \u00fcber drei Daten, an denen sichtbar wird, warum der Krieg nicht endet, sondern einfrieren wird.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"780\" height=\"436\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Gemini_Generated_Image_fo4czyfo4czyfo4c-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-103087\"  \/><\/p>\n<p>Moskau, 9. Mai 2026, 11:14 Ortszeit. \u00dcber den Roten Platz marschieren 1.500 Soldaten in Reih und Glied. Vor dem Krieg waren es regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber 11.000. Dort, wo sonst die Iskander-Tr\u00e4gerfahrzeuge rollten, wo die Topol-M-ICBMs auf ihren in den achtziger Jahren in Minsk gebauten MZKT-Sattelschleppern vorbeigeschwankt waren, stehen zwei Gro\u00dfbildschirme an der Ostseite des Platzes. <\/p>\n<p>Auf ihnen l\u00e4uft Archivmaterial: \u00e4ltere Aufnahmen russischer Waffensysteme im Einsatz, in Endlosschleife, die Reihenfolge offenbar nach Bildwirkung sortiert, nicht nach Chronologie. Wir sehen Aufnahmen, aufgezeichnet von russischen Aufkl\u00e4rungsdrohnen in der Ukraine, Computer-generierte Bilder russischer U-Boote, russischer Marschflugk\u00f6rper. Die Panzer fehlen. Die Iskander fehlen. Zum ersten Mal seit Beginn der Parade-Tradition marschiert ein nordkoreanisches Kontingent mit, in Tribut an die Soldaten, die Pj\u00f6ngjang seit Herbst 2024 nach Kursk und in die russischen Grenzregionen entsandt hat. Das Defilee dauert 47 Minuten. In der traditionellen Aufstellung h\u00e4tte es zwischen 90 und 110 Minuten gedauert.\u00a0<\/p>\n<p>Putin steht auf der Trib\u00fcne, neben ihm Generalstabschef Gerassimow, Verteidigungsminister Beloussow und der nordkoreanische Verbindungsoffizier. Seine Rede dauert acht Minuten. Er ehrt die russischen Truppen in der Ukraine, nennt ihren Einsatz eine \u201egerechte Sache\u201c gegen \u201eeine aggressive Kraft, bewaffnet und unterst\u00fctzt vom gesamten NATO-Block\u201c. Sein Schlusssatz: \u201eSieg war und wird immer unser sein.\u201c Die Soldaten verlassen den Platz. Die Gro\u00dfbildschirme werden abgeschaltet. Zwei Stunden sp\u00e4ter, im Kreml, vor einer Gruppe ausl\u00e4ndischer Korrespondenten, sagt Putin auf eine Frage nach den Friedensaussichten: \u201eIch denke, die Sache neigt sich dem Ende zu.\u201c Zwischen den beiden S\u00e4tzen lagen zwei Stunden und etwa zwei Kilometer. Beide standen\u00a0 in derselben Tagespresse vom 10. Mai.<\/p>\n<p>Beide S\u00e4tze sind als politische Kommunikation zu lesen, und beide adressieren unterschiedliche Publika. Die Sieges-Rhetorik ist nach innen gerichtet, an die russische \u00d6ffentlichkeit, an die M\u00fctter der Gefallenen, an die Kriegsversehrten, die als eigenes Regiment an der Parade teilnahmen, an die R\u00fcstungsfabriken in Tula und Nischni Tagil, an die Nationalgarde-Einheiten in den besetzten Gebieten. Die Friedens-Andeutung ist nach au\u00dfen gerichtet, an Washington, an Br\u00fcssel, an die Inszenierung einer dreit\u00e4gigen Waffenruhe, die Donald Trump am Vortag \u00fcber Truth Social verk\u00fcndet hatte.<\/p>\n<p>Es ist nicht das erste Mal, dass Putin in derselben Woche Sieg verk\u00fcndet und Verhandlungen andeutet. Sechsunddrei\u00dfig Stunden vor Putins Rede schlugen drei Shahed-Drohnen in einen Kindergarten in der Oblast Sumy ein, zw\u00f6lf Kilometer hinter der ukrainischen Frontlinie. Es war ein Mittwoch; und Russland hatte eine Feuerpause verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>Szenenwechsel. Abu Dhabi, St. Regis Saadiyat Resort, 02.02.2026. Im zweiten Stock, im Spa-Trakt des Hauses, verhandelten amerikanische, russische und ukrainische Delegierte \u00fcber das Ende des Krieges. Es war, hie\u00df es im Hotel, nicht das erste Mal, dass dort verhandelt worden war. Es war auch nicht das erste Mal, dass dort \u00fcber einen Krieg verhandelt worden war.<\/p>\n<p>Auf der amerikanischen Seite: Steve Witkoff, der Sondergesandte des Pr\u00e4sidenten, ein New Yorker Immobilieninvestor ohne diplomatische Vorgeschichte , Jared Kushner, der Schwiegersohn des Pr\u00e4sidenten und sein Top-Berater Brian Lanza, der noch im Dezember 2025 als Berater f\u00fcr die russische Firma Lukoil diente.<\/p>\n<p>Auf der russischen Seite: Kirill Dmitrijew, Direktor des Russischen Direktinvestitionsfonds und seit Januar 2025 Putins bevorzugter Verhandler f\u00fcr westliche Kan\u00e4le, flankiert von Juri Uschakow, dem au\u00dfenpolitischen Berater des Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Auf der ukrainischen Seite: Rustem Umjerow, Sekret\u00e4r des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, mit einer kleineren Delegation als die amerikanische.<\/p>\n<p>Die Verhandlungen dauerten drei Tage. Die Russen und die Ukrainer verhandelten nicht direkt. Witkoff trug Vorschl\u00e4ge zwischen den R\u00e4umen hin und her. Eine Pressekonferenz fand nicht statt. Witkoff ver\u00f6ffentlichte am Abend des dritten Tages eine Nachricht \u00fcber den Kurznachrichtendienst X, in der er erkl\u00e4rte, eine Friedensregelung sei \u201enur noch eine letzte Frage\u201c entfernt. Welche, sagte er nicht.<\/p>\n<p>Auf dem Tisch lag eine Revision des Witkoff-Plans vom November 2025, der urspr\u00fcnglich achtundzwanzig Punkte umfasst hatte und nach den Genfer Gegenvorschl\u00e4gen der Europ\u00e4er auf neunzehn reduziert worden war (BSN berichtete). Was \u00fcbrig geblieben war: die de-facto-Anerkennung russischer Kontrolle \u00fcber die Krim und die \u00f6stlichen Teile der Oblaste Donezk und Luhansk, eine Truppenobergrenze f\u00fcr die ukrainischen Streitkr\u00e4fte von 600.000 Soldaten, ein zehnj\u00e4hriges Moratorium f\u00fcr eine ukrainische NATO-Mitgliedschaft, ein \u201ekonsultativer Sicherheitsmechanismus\u201c anstelle der urspr\u00fcnglich diskutierten Artikel-5-\u00e4hnlichen Garantie, und eine schrittweise Aufhebung westlicher Sanktionen, gekoppelt an russische Compliance. Was nicht auf dem Tisch lag: die Frage der Wiedergutmachung, die Frage des Verbleibs der 391 Milliarden Euro russischer Zentralbankreserven, die Frage der nach Russland deportierten ukrainischen Kinder.<\/p>\n<p>Ein Mitglied des ukrainischen Verhandlungsteams beschrieb mir gegen\u00fcber die Gespr\u00e4che so: \u201eSie sprechen nicht mehr \u00fcber die Krim. Krim ist erledigt. Sie sprechen \u00fcber Pokrowsk und \u00fcber die Frage, wer am 1. Januar 2027 Strom nach Saporischschja liefert.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Die Gespr\u00e4che endeten am Abend des 5. Februar 2026 ohne Ergebnis. Eine vierte Runde war f\u00fcr den M\u00e4rz in Abu Dhabi angesetzt; sie wurde wegen der US-israelischen Operationen gegen Iran verschoben und nie nachgeholt. Zwischen dem letzten Tag in Saadiyat und Putins Auftritt auf dem Roten Platz lagen neunzig Tage. In diesen neunzig Tagen wurde nicht viel verhandelt. Es wurde gek\u00e4mpft.\u00a0<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" width=\"780\" height=\"426\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Gemini_Generated_Image_66xswh66xswh66xs.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-103088\"  \/><\/p>\n<p>Am 4. M\u00e4rz 2026, drei Wochen nach dem Ende der Gespr\u00e4che in Saadiyat, unterschrieb Wladimir Putin ein Dekret. Es legte die Sollst\u00e4rke der russischen Streitkr\u00e4fte auf 2.391.770 fest, davon 1.502.604 Soldaten. Es war die dritte Aufstockung seit Beginn des Krieges. Sieben Komma drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts flie\u00dfen in Verteidigung und innere Sicherheit. Die R\u00fcstungsindustrie produziert mit einer Intensit\u00e4t, die nur ein einziges Endprodukt kennt. Das ist die Struktur eines Staates im Totalen Krieg, aufgesetzt auf eine Wirtschaft, die seit anderthalb Jahren bei einem Prozent stagniert.<\/p>\n<p>Sollst\u00e4rke 1.502.604 Soldaten. Monatliche Rekrutierung von 30.000 bis 40.000 Mann. Die Schere zwischen Anspruch und Realit\u00e4t \u00f6ffnete sich im Januar 2026. NATO-Generalsekret\u00e4r Mark Rutte bezifferte Anzahl derdie russischen monatlichen Toten in einer \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rung auf bis zu 25.000 Mann und nannte diese Gr\u00f6\u00dfenordnung \u201eunsustainable\u201e. Verwundete, Vermisste, Gefangene nicht eingerechnet.<\/p>\n<p>Die naheliegende Antwort w\u00e4re eine zweite Teilmobilmachung, im Kreml seit September 2022 eigentlich tabuisiert. Damals trieb die erste Welle Hunderttausende junger M\u00e4nner \u00fcber die Grenzen nach Georgien, Kasachstan und Armenien. Die innenpolitischen Kosten der Bilder pr\u00e4gten die Entscheidung, stattdessen Soldaten zu erkaufen. Regionale Antrittspr\u00e4mien f\u00fcr Vertragssoldaten liegen 2026 bei 1,3 bis 2 Millionen Rubel; in einigen f\u00f6deralen Republiken, wie Burjatien, Tuwa, Dagestan, \u00fcberschreiten sie das durchschnittliche Jahresgehalt um ein Vielfaches. Sie sind nicht mehr nur der Anreiz f\u00fcr den Krieg. Heute sind die Wirtschaftsgrundlage der Heimatregionen, aus denen die M\u00e4nner kommen. Russland kann diese Pr\u00e4mien nur schwer senken, ohne die Rekrutierung zu verlieren, und es kann sie nicht beibehalten, ohne den Haushalt zu sprengen. Beides ist m\u00f6glich, weil eines die Voraussetzung des anderen geworden ist.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr die M\u00e4nner gilt, gilt f\u00fcr die Maschinen, die sie versorgen. Die russische R\u00fcstungsindustrie ist seit 2023 die einzige Branche, die ungebremst w\u00e4chst. Die Bank von Finnland beziffert das Wachstum der kriegsrelevanten Manufaktur 2025 auf zwanzig Prozent, das aller \u00fcbrigen Manufakturbranchen zusammen auf 0,4 Prozent. Was diese Industrie produziert, hat keinen zivilen Markt mehr. Uralwagonsawod, der gr\u00f6\u00dfte Panzerhersteller der Welt, baut keine Eisenbahnwaggons in nennenswerter St\u00fcckzahl mehr. Kurganmaschsawod, 2017 \u00fcbrigens noch beinahe bankrott, einst Lieferant von Bussen und Bergbauausr\u00fcstung, produziert ausschlie\u00dflich Sch\u00fctzenpanzer. Die Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan, einst Empf\u00e4ngerin europ\u00e4ischer Direktinvestitionen und die Vorzeigeregion deutscher Fabrikanten, montiert nur noch iranische Shahed-Drohnen. Solange der Krieg l\u00e4uft, l\u00e4uft ihre Auftragslage. Solange ihre Auftragslage l\u00e4uft, l\u00e4uft der Krieg.<\/p>\n<p>Der Kreml hat mit der Frage Erfahrung, was geschieht, wenn ein Staat M\u00e4nner aus einem Krieg entl\u00e4sst, f\u00fcr den er nicht mehr ger\u00fcstet ist. Putin selbst war 1989 Oberstleutnant des KGB in Dresden, als die ersten afghanzy heimkamen \u2014 rund 620.000 Veteranen aus einem Krieg, der die Sowjetunion mehr als 13.000 Mann gekostet hatte. Sie kehrten in einen Staat zur\u00fcck, der sich anderthalb Jahre sp\u00e4ter aufl\u00f6ste. Aus ihren Verb\u00e4nden rekrutierte sich, in den neunziger Jahren, ein wesentlicher Teil dessen, was im Westen als russische Mafia bekannt wurde. in St. Petersburg, wo Putin unter Anatoli Sobtschak ab 1991 als Vize-B\u00fcrgermeister arbeitete, \u00fcbernahmen diese Strukturen exekutive Rollen. 1996 und 2009 endeten die beiden Tschetschenienkriege \u2014 der zweite unter Putins eigener Pr\u00e4sidentschaft \u2014 ohne Demobilisierung im engeren Sinne. Der Veteranenk\u00f6rper wurde in die Kadyrowzy \u00fcberf\u00fchrt, eine bewaffnete Struktur, die heute \u00fcber mehr schwere Waffen verf\u00fcgt als die meisten NATO-Mitgliedstaaten Osteuropas. 2023, in seinem dritten Jahrzehnt an der Macht, kehrte Wagner aus Bachmut zur\u00fcck. Zwei Monate sp\u00e4ter marschierte Prigoschin auf Rostow. Zwei Monate danach explodierte sein Flugzeug. Drei Demobilisierungen. Eine endete im Zerfall des Staates, eine in der Privatisierung der Gewalt, eine im Aufstand. Keine ist die Vorlage f\u00fcr die vierte, die ansteht.<\/p>\n<p>Putin: dreiundsiebzig. Patruschew Senior: vierundsiebzig. Bortnikow: vierundsiebzig. Naryschkin: einundsiebzig. Schoigu: einundsiebzig. Die innere Generation, die den Krieg autorisiert hat, ist alt geworden, w\u00e4hrend sie ihn f\u00fchrte. Die Nachfolgegeneration steht bereit: Dmitri Patruschew Junior als stellvertretender Premierminister, Aleksej Dyumin im Staatsrat, Sergej Kirijenko als Kurator der besetzten Gebiete. Sie erben den Krieg. Was sie nicht erben, ist die Autorit\u00e4t, ihn zu beenden. Wie demobilisiert man einen Staat, der sich f\u00fcr einen Krieg restrukturiert hat? Eine Antwort darauf gibt es nicht. Es gibt nicht einmal ein Verfahren, mit dem sie sich beschaffen lie\u00dfe.<\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p>Am 5. Februar 2026 verhandelten in einem Spa-Trakt in Abu Dhabi drei Delegationen \u00fcber das Ende eines Krieges. Am 7. Mai schlugen drei Drohnen in einen Kindergarten zw\u00f6lf Kilometer hinter der Frontlinie ein. Am 9. Mai sprach Wladimir Putin auf dem Roten Platz von einem Ende, das er nicht hat.<\/p>\n<p>Putins Satz war die Inszenierung eines Endes, das unwahrscheinlich erscheint, weil ein Ende f\u00fcr den Staat, der diesen Krieg f\u00fchrt, teurer w\u00e4re als seine Fortsetzung. Die Frage ist nicht, ob in Saadiyat ein Frieden verhandelt wird. Die Frage ist, ob es noch einen Staat gibt, der ihn unterschreiben kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Putin spricht von einem Ende des Krieges. Russland baut f\u00fcr seine Fortsetzung. 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