{"id":1023362,"date":"2026-05-16T11:54:21","date_gmt":"2026-05-16T11:54:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1023362\/"},"modified":"2026-05-16T11:54:21","modified_gmt":"2026-05-16T11:54:21","slug":"warum-die-erzaehlung-vom-schwachen-europa-falsch-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1023362\/","title":{"rendered":"Warum die Erz\u00e4hlung vom schwachen Europa falsch ist"},"content":{"rendered":"<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Seit Donald Trumps Angriff auf den Iran Ende Februar blickt die Welt gebannt auf ein geografisches Nadel\u00f6hr im Persischen Golf.\u00a0An ihrer engsten Stelle ist die Stra\u00dfe von Hormus nicht mal 40 Kilometer breit. Doch fast ein Viertel der globalen Energieversorgung wird von Tankern \u00fcber diesen Engpass abgewickelt. Der Iran und die USA blockieren die Passage, um in den Verhandlungen um einen Friedens-Deal Druck auf den Gegner auszu\u00fcben.<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Die Folgen sind steigende Preise und schwere wirtschaftliche Sch\u00e4den, vor allem f\u00fcr Europa. Es scheint, als w\u00fcrde die Weltwirtschaft in Hormus in den W\u00fcrgegriff genommen. Im Englischen werden sensible Schl\u00fcsselstellen wie die Meerenge daher \u201eChokepoints\u201c genannt \u2013 W\u00fcrgepunkte.<\/p>\n<p><img class=\"ThumborPicture_image__404Vg\" alt=\"Chokepoints f\u00fcr den Welthandel\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/nki5x-chokepoints-fur-den-welthandel-3.png\" width=\"480\" height=\"345\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\"\/><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1778932455_481_nki5x-chokepoints-fur-den-welthandel-3.png\" alt=\"Chokepoints f\u00fcr den Welthandel\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Edward Fishman, ein ehemaliger Top-Diplomat des US-Au\u00dfenministeriums mit dem Spezialgebiet Europa, Russland und Nahost w\u00e4hrend der Pr\u00e4sidentschaft Barack Obamas, forscht heute bei der Washingtoner Denkfabrik Council on Foreign Relations \u00fcber die Bedeutung dieser wunden Punkte in einem global vernetzten Wirtschaftssystem. Fishman glaubt, dass in Zukunft diese Chokepoints noch wichtiger werden und noch h\u00e4ufiger als strategische Druckmittel eingesetzt werden \u2013 von kleinen Nationen genauso wie von Gro\u00dfm\u00e4chten. In einer Welt, in der vor allem St\u00e4rke z\u00e4hlt, sind diese Schl\u00fcsselstellen die Muskeln.<\/p>\n<p>\u201eEin altes System zerf\u00e4llt und ein neues wird aufgebaut\u201c<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Fishman erkennt einen fundamentalen Wandel des globalen Wirtschaftssystems: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs bildeten freie M\u00e4rkte und freie Menschen in den Staaten des Westens \u2013 und nach dem Fall der Mauer auch im Osten \u2013 das Fundament f\u00fcr Wohlstand und Sicherheit. Enge Handelsbeziehungen, Kooperation und Institutionen wie die Welthandelsorganisation oder die Weltbank kennzeichneten ab den 90er-Jahren eine \u00c4ra der Globalisierung. Doch diese alte Ordnung zerf\u00e4llt nun, meint Fishman. Es drohe eine\u00a0chaotische Fragmentierung, in der jede Nation ihre eigenen Ziele verfolge.<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">\u201eEin altes System zerf\u00e4llt, ein neues wird aufgebaut, aber niemand wei\u00df, wie es am Ende aussehen k\u00f6nnte\u201c, sagt Fishman. Die Lage erinnert den Fachmann an die 1930er-Jahre. Auch damals ging es um eine Politik des St\u00e4rkeren, um Z\u00f6lle und Kapitalverkehrskontrollen: \u201eOhne eine Vision f\u00fcr eine neue globale Wirtschaftsordnung werden wir etwas \u00c4hnliches erleben, mit denselben Risiken einer Wirtschaftskrise und eines globalen Krieges\u201c, so Fishman.\u00a0<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Wie k\u00f6nnen sich also Deutschland und Europa auf eine Zukunft vorbereiten, in der \u00f6konomische St\u00e4rke \u00fcber Sicherheit und auch die Sicherung von Wohlstand entscheidet? Hat auch Europa Waffen, mit dem es sich in einem darwinistisch gepr\u00e4gten Wettbewerb behaupten kann?<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Schl\u00fcsselstellen und \u201eChokepoints\u201c ergeben sich nicht nur aus der Geografie wie in der Golfregion. Die USA nutzen seit Jahren die Macht des US-Dollars als globale Leitw\u00e4hrung f\u00fcr ihre Interessen \u2013 etwa um feindliche Regime mit Sanktionen zu belegen.\u00a0<\/p>\n<p><img class=\"ThumborPicture_image__404Vg\" alt=\"Dominanz des Dollars bei internationalen Zahlungen\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/acqfh-dominanz-des-dollars-bei-internationalen-zahlungen.png\" width=\"480\" height=\"323\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\"\/><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1778932457_157_acqfh-dominanz-des-dollars-bei-internationalen-zahlungen.png\" alt=\"Dominanz des Dollars bei internationalen Zahlungen\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Hinzu kommen die hochentwickelten Nvidia-Halbleiter, die 85 Prozent des Marktes f\u00fcr KI-Chips beherrschen. Amerikas Rivale China hingegen verarbeitet rund 90 Prozent der weltweiten Seltenen Erden und kontrolliert W\u00fcrgepunkte bei der Arzneimittelherstellung und Batterietechnologien.<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Durch die Dominanz in diesen Branchen verf\u00fcgen die USA und China \u00fcber gewaltige Druckmittel, die sie in ihrem Machtkampf wirkungsvoll einsetzen. Als China im vergangenen Jahr Amerikas Zugang zu kritischen Mineralien beschr\u00e4nkte, senkte Trump die Tarife.<\/p>\n<p><img class=\"ThumborPicture_image__404Vg\" alt=\"Anzahl gef\u00f6rderter kritischer Mineralien\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/ljcoc-anzahl-geforderter-kritischer-mineralien-1.png\" width=\"480\" height=\"275\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\"\/><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1778932459_201_ljcoc-anzahl-geforderter-kritischer-mineralien-1.png\" alt=\"Anzahl gef\u00f6rderter kritischer Mineralien\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Jedes Land wolle Zugang zum gigantischen US-Markt und den Amerikanern Waren oder Dienstleistungen verkaufen, sagt Donald Trump. Doch eine dominante Marktstellung allein ist noch kein wirkungsvoller Chokepoint. Das musste der US-Pr\u00e4sident erkennen, als er am \u201eLiberation Day\u201c im vergangenen April andere Nationen mit Strafz\u00f6llen \u00fcberzog. Zwar sind die USA tats\u00e4chlich Import-Weltmeister. Global betrachtet gehen aber nur etwa 13 Prozent aller Importe in das Land. Selbst wer keinen Zugang zum US-Markt hat, kann immer noch rund 90 Prozent der Weltwirtschaft beliefern.<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Das erkl\u00e4rt, so Experte Fishman, warum Trumps Z\u00f6lle als Druckmittel oft nicht den gew\u00fcnschten Effekt erzielt haben. Zwar reduzierten die Tarife im vergangenen Jahr die Exporte Brasiliens und Chinas in die USA deutlich. Aber beide L\u00e4nder konnten die Verluste erfolgreich auf dem Weltmarkt ausgleichen. Sie erzielten sogar neue Rekorde beim Gesamtexport.<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Der Irankrieg verdeutlicht Europas Verletzlichkeit und den wunden Punkt bei der Energieversorgung. Laut EU-Kommission werden 40 Prozent an Kerosin und Diesel durch die Meerenge von Hormus transportiert. Selbst nach der Entkopplung der Gaslieferungen aus Russland nach der Vollinvasion der Ukraine bezieht Europa mehr als die H\u00e4lfte seines Energiekonsums von au\u00dferhalb des Kontinents. Diese Schwachstelle dient oft als Beispiel f\u00fcr Europas angebliche Macht- und Hilflosigkeit.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eDiese Erz\u00e4hlung ist falsch und f\u00fchrt in die Irre.\u201c<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Fishman, der im State Department f\u00fcr Amerikas Strategie f\u00fcr Eurasien zust\u00e4ndig war, sagt: \u201eDiese Erz\u00e4hlung ist falsch und f\u00fchrt in die Irre.\u201c Auch Europa habe Kontrolle \u00fcber Schl\u00fcsselstellen und vor allem Deutschland sollte mehr Energie und Forschung investieren, um diese Hebel zu identifizieren und sie notfalls als Waffe einsetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Europa sei dann stark, wenn es geschlossen auftritt. Nachdem Trump eine Annexion Gr\u00f6nlands androhte, brachte Europa als Gegenreaktion den Einsatz seiner wirtschaftspolitischen \u201eBazooka\u201c ins Spiel \u2013 dem Antizwangsinstrument, das amerikanische Unternehmen mit hohen Beschr\u00e4nkungen belegen w\u00fcrde. Der Aktienmarkt wurde nerv\u00f6s und Trump vollzog den TACO (Trump always chicken out \u2013 Trump kneift immer). Dass US-Techkonzerne ein Viertel ihres Umsatzes in Europa erwirtschaften, sei eine amerikanische Schwachstelle, die Europa instrumentalisieren k\u00f6nne, so Fishman.\u00a0<\/p>\n<p><img class=\"ThumborPicture_image__404Vg\" alt=\"Der niederl\u00e4ndische ASML-Konzern ist der gr\u00f6\u00dfte Anbieter von Lithographiesystemen.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/qdfGlcIGYO3o0-HIt4VqZXXH7Vw8JC4oXrQ74CuCniA.JPG\" width=\"480\" height=\"270\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\"\/><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1778932461_423_qdfGlcIGYO3o0-HIt4VqZXXH7Vw8JC4oXrQ74CuCniA.JPG\" alt=\"Der niederl\u00e4ndische ASML-Konzern ist der gr\u00f6\u00dfte Anbieter von Lithographiesystemen.\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Wer mit der Handels-Bazooka feuert, verletzt den Feind, aber auch sich selbst. Marktbeschr\u00e4nkungen schmerzen auch die eigene Wirtschaft. Und dass gro\u00dfe Konsumentenm\u00e4rkte als Druckmittel nur bedingt taugen, musste schon Trump erfahren. Effektive Chokepoints ergeben sich vielmehr aus echten Monopolstellungen, so Fishman.<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">\u201eEuropa hat durchaus Kontrolle \u00fcber Schl\u00fcsselstellen in der Weltwirtschaft\u201c, sagt der Experte. Und verweist auf das Unternehmen ASML aus den Niederlanden. Ohne dessen EUV-Lithografiesysteme geht bei der Herstellung von High-End-Chips, wie sie in KI-Servern massenhaft verbaut sind, nicht viel. Das gilt auch f\u00fcr die optischen Systeme der deutschen Firma ZEISS, die eng mit ASML zusammenarbeitet. Auch andere deutsche Firmen und Mittelst\u00e4ndler dominieren in Nischenbranchen, woraus sich Engp\u00e4sse ergeben.<\/p>\n<p>Handelszone f\u00fcr kritische Mineralien k\u00f6nnte Westen zusammenbringen<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">In Handelskriegen sind W\u00fcrgepunkte nur dann von Vorteil, wenn sie strategisch eingesetzt werden, so Fishman. Sonst verliert der Hebel langfristig seine Wirkung. Schwachstellen werden beseitigt oder zumindest ihre Empfindlichkeit reduziert. Das versuchen etwa die USA, indem sie eine Kooperation mit anderen Staaten \u00fcber den Zugang und die Verarbeitung von Seltenen Erden schaffen wollen, um Chinas Monopol zu brechen. Auf Einladung von US-Vizepr\u00e4sident JD Vance nahm auch Deutschland an dem Gipfel teil.<\/p>\n<p class=\"sc-17d8dcc2-0 kkRKtT\">Die von Trump vorgeschlagene Handelszone f\u00fcr kritische Mineralien und Seltene Erden k\u00f6nnte die kriselnde Allianz des Westens wieder zusammenbringen, so Fishman. Durch die Initiative w\u00fcrden die EU, Japan und andere US-Verb\u00fcndete Mindestpreise festlegen, die Finanzierung von Abbau und Verarbeitung koordinieren und sich zu stabilen Konditionen gegenseitig mit Mineralien beliefern. America First h\u00f6rt also dort auf, wo Amerikas Verletzlichkeit beginnt. Auch in der zuk\u00fcnftigen Wirtschaftsordnung k\u00f6nnten starke Partnerschaften wichtig bleiben, glaubt Fishman. Zumal man sich mit vereinten Kr\u00e4ften eher aus einem W\u00fcrgegriff befreit als allein.<\/p>\n<p><a class=\"Article_homeBtn__kEoMA Button_secondary__PNkAv Button_base__GoPte Tokens_buttonLabel__UEWx8\" href=\"https:\/\/www.focusplus.de\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zur Startseite<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit Donald Trumps Angriff auf den Iran Ende Februar blickt die Welt gebannt auf ein geografisches Nadel\u00f6hr im&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1023363,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,548,663,158,3934,3935,13,14,15,16,12],"class_list":{"0":"post-1023362","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europaeische-union","13":"tag-europe","14":"tag-european-union","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-politik","19":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1023362","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1023362"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1023362\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1023363"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1023362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1023362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1023362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}