{"id":1023422,"date":"2026-05-16T12:27:15","date_gmt":"2026-05-16T12:27:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1023422\/"},"modified":"2026-05-16T12:27:15","modified_gmt":"2026-05-16T12:27:15","slug":"olympia-debatte-mutig-oder-aengstlich-hamburgs-zukunft-steht-zur-abstimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1023422\/","title":{"rendered":"Olympia-Debatte: \u201eMutig oder \u00e4ngstlich?\u201c \u2013 Hamburgs Zukunft steht zur Abstimmung"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die Abstimmung \u00fcber eine Olympia\u2011Bewerbung polarisiert die Stadtgesellschaft: Begeisterung trifft auf Misstrauen, Aufbruch auf Skepsis, und das oft entlang der Altersgrenzen. Was braucht es, damit sich in der Debatte alle geh\u00f6rt f\u00fchlen? Ein Gespr\u00e4ch mit Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt \u00fcber Mut als \u00dcberlebensstrategie.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> In dem Buch \u201eMisstrauensgemeinschaften\u201c konstatiert der Soziologe Aladin L. Mafaalani, dass Vertrauen f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt immer wichtiger, Misstrauen aber immer wahrscheinlicher wird. Warum eint das Gegen-etwas-sein mehr als das F\u00fcr-etwas-sein?<\/p>\n<p><b>Ulrich Reinhardt: <\/b>Man muss zuerst einmal unterscheiden. Misstrauen unterscheidet sich von Vertrauen in mehrfacher Hinsicht. Der zentrale Unterschied liegt unter anderem darin, dass Vertrauen sehr viel leichter in Misstrauen umschlagen kann als Misstrauen in Vertrauen. Denn die Entt\u00e4uschung einer Erwartung, also ein Vertrauensbruch, wird emotional viel st\u00e4rker wahrgenommen als die Best\u00e4tigung einer Erwartung. Und da Vertrauen verletzlich macht, sinkt nach einem Bruch die Bereitschaft, erneut das Risiko einer Verletzung einzugehen.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Soziale Medien k\u00f6nnen Ausl\u00f6ser dieses Misstrauens sein, sie wirken aber vor allem als Katalysator.<\/p>\n<p><b>Reinhardt:<\/b> Das stimmt. Wenn ich fr\u00fcher etwas angezweifelt habe, war ich allein mit meiner Meinung, habe keine Best\u00e4tigung bekommen und f\u00fchlte mich wahrscheinlich eher isoliert. Heute kann ich mir die tausendfache Best\u00e4tigung f\u00fcr meine Theorien \u00fcber Social Media holen. Plattformen f\u00f6rdern die Bildung von Echokammern, in denen Menschen vor allem mit best\u00e4tigenden Sichtweisen konfrontiert werden.\u00a0<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Viele B\u00fcrger f\u00fchlen sich durch den digitalen Fortschritt, der von KI noch einmal potenziert wird, \u00fcberholt, \u00fcberrannt, ja abgekoppelt. Die Weltpolitik befindet sich im Umbruch, es gibt eine Rezession, mehrere Kriege, dr\u00e4ngende Fragen zur Migration. Gleichzeitig trauen die Menschen der Politik nicht mehr zu, die Probleme zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p><b>Reinhardt:<\/b> Ja, das ist alles richtig. Wir leben in einer Zeit des Umbruchs und wir stehen in der Tat vor gro\u00dfen Herausforderungen, f\u00fcr die es nicht ohne Grund keine einfachen L\u00f6sungen gibt. Das ist so. Was jedoch oftmals vergessen wird: Wir leben in einem der sichersten und wohlhabendsten L\u00e4nder dieses Planeten. Unsere Bildung ist kostenlos, unsere Medienlandschaft divers, unsere Freiheit riesig, um unser Renten- und Krankensystem \u2013 auch wenn beides nicht perfekt ist \u2013 beneidet uns fast die ganze Welt. Und wir sind nach wie vor die drittst\u00e4rkste Volkswirtschaft der Welt. Das zeigen sowohl Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) als auch Daten des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) f\u00fcr 2024\/2025. Kurzum: Wir leben auf der Insel der Gl\u00fcckseligen. Trotzdem konzentrieren wir uns stark auf das, was nicht gut l\u00e4uft, statt mit Optimismus auf das aufzubauen, was funktioniert.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Welche Frage stellt sich also?<\/p>\n<p><b>Reinhardt:<\/b> Es gibt dieses Bild mit der Schlange und dem Hasen. Die Frage ist: Was wollen wir: Wollen wir das Kaninchen sein, das aus Angst vor der Schlange erstarrt? Oder reagieren wir anders, lassen Herausforderungen auf uns zukommen und sehen sie als M\u00f6glichkeit, Ver\u00e4nderungen einzuleiten? Wenn wir die Historie betrachten, hat sich die Welt immer ver\u00e4ndert. Es gab immer Herausforderungen und wir haben uns immer weiterentwickelt. Dass wir jetzt auf einmal die Vergangenheit so verkl\u00e4ren, als etwas, das man zur\u00fccksehnt, ist ungew\u00f6hnlich. Zudem zeigen uns jahrzehntelange Forschungsergebnisse eindeutig, was Angst mit uns macht: Unser IQ sinkt statistisch signifikant. Wir werden also d\u00fcmmer, weil wir auf das unmittelbare \u00dcberleben zur\u00fcckgeworfen werden und nicht mehr langfristig planen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Die Hamburger stimmen noch bis Ende Mai \u00fcber eine m\u00f6gliche Olympia-Bewerbung ab. In diesem fr\u00fchen Stadium geht es weniger um eine klare Kosten-Nutzen-Abgleichung, daf\u00fcr ist es noch zu fr\u00fch. Worum geht es dann?<\/p>\n<p><b>Reinhardt: <\/b>Es ist ein Test f\u00fcr Hamburg, und es geht um die Frage: Was trauen wir uns zu? Trauen wir uns zu, Spiele zu veranstalten? Wie selbstbewusst gehen wir da heran oder \u00fcberlassen wir diese Chance vielleicht lieber anderen? Letztendlich geht es also um die Frage, wie wir auf die 2030er-Jahre schauen: \u00e4ngstlich und verwaltend oder mutig und gestaltend.\u00a0<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Bei Veranstaltungen und in Umfragen zeigt sich: Die \u00c4lteren sind meist dagegen, die Mehrzahl der J\u00fcngeren eher daf\u00fcr. Warum?<\/p>\n<p><b>Reinhardt:<\/b> Die \u00c4lteren wollen f\u00fcr die Zukunft eher Ruhe, Sicherheit, Best\u00e4ndigkeit, keine gro\u00dfen Experimente. Die J\u00fcngeren sagen, unsere Infrastruktur wird modernisiert, es entstehen neue Jobs, wir erhalten internationale Sichtbarkeit und die ganze Region entwickelt sich weiter. Das ist eine Chance, die ich miterleben will. Pers\u00f6nlich w\u00fcnsche ich mir an dieser Stelle mehr Vertrauen in die j\u00fcngeren Generationen. Historisch gesehen waren sie es stets, die Weiterentwicklungen vorangetrieben haben. Insofern geben wir doch jetzt bitte unseren Kindern und Enkeln die Chance, ihre eigene Zukunft zu gestalten.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Es gibt aber auch Bedenken, die nachvollziehbar sind. Was m\u00fcsste ein Konzept leisten, damit alle die Olympiade als ihr Projekt ansehen?<\/p>\n<p><b>Reinhardt: <\/b>Ein \u00fcberzeugendes Konzept muss von Anfang an beide Perspektiven mitdenken: Sicherheit und Verl\u00e4sslichkeit, aber auch Chancen und Gestaltungsr\u00e4ume. Gleichzeitig m\u00fcssen wir weg vom Perfektionsanspruch. Ich darf regelm\u00e4\u00dfig auch an einer amerikanischen Universit\u00e4t unterrichten. Wenn man es dort mit etwas Neuem zu tun hat, hei\u00dft es: \u201eWir probieren es aus, und wenn es nicht funktioniert, evaluieren wir die Gr\u00fcnde, lernen aus den Fehlern, verbessern uns und versuchen es erneut.\u201c Bei uns gilt dagegen viel zu oft: \u201eDu hast es einmal verbockt, und deswegen gebe ich dir nicht nochmal die Chance, weil wir wissen ja, was dabei herauskommt.\u201c Was uns l\u00e4hmt, ist, dass wir viel zu vorsichtig sind. Wir sollten mehr Trial-and-Error wagen und den Mut haben, Dinge auszuprobieren.\u00a0<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Fehlt Ihnen etwas bei der Kampagne der Stadt?<\/p>\n<p><b>Reinhardt: <\/b>Zahlen sind gut f\u00fcr den Verstand, wenn ich aber Stimmen f\u00fcr etwas sammeln m\u00f6chte, muss ich die Herzen erreichen, Emotionen wecken. Ich muss deutlich machen, was hat der oder die einzelne konkret davon? Was bedeutet das f\u00fcr meinen Stadtteil, die Turnhalle meiner Kinder, meinen S-Bahn-Anschluss? Diese Ver\u00e4nderungen muss ich konkret f\u00fcr die Menschen herunterbrechen. Da k\u00f6nnte Hamburg noch mehr machen. Wobei ich schon finde, dass die Stadt richtig an die Sache herangeht.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> H\u00e4tten Sie einen Tipp f\u00fcr den Senat?<\/p>\n<p><b>Reinhardt:<\/b> Was mir noch etwas fehlt, ist die Ansprache an die n\u00e4chste Generation. Meine Kinder, 16 und 20 Jahre alt, d\u00fcrfen beide mit abstimmen. Sie kennen meine Meinung, aber k\u00f6nnen sie sich eine eigene bilden? Diese Generation m\u00fcsste viel mehr abgeholt werden, \u00fcber Social-Media-Kampagnen, die von Gleichaltrigen gesteuert werden. Und ich glaube, es w\u00fcrde helfen, wenn die Politik von vornherein klarmachen w\u00fcrde: Wir werden auf diesem Weg wahrscheinlich feststellen, dass noch nicht alles richtig l\u00e4uft, wir werden nachjustieren, anpassen, vielleicht auch mal einen Schritt zur\u00fcckgehen m\u00fcssen.\u00a0<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wir Deutschen denken gerne immer alle Eventualit\u00e4ten mit und ber\u00fccksichtigen alle m\u00f6glichen Risiken.\u00a0<\/p>\n<p><b>Reinhardt:<\/b> Das ist ehrlich gesagt nicht clever, weil wir ja nicht wissen, was bis 2040, bis 2044 noch alles geschehen wird. Worauf wir aber immer bauen k\u00f6nnen, ist Flexibilit\u00e4t. Die F\u00e4higkeit, sich neuen Situationen schnell anzupassen und entsprechend zu reagieren. Ich denke, dass diese F\u00e4higkeit den hohen Stellenwert der Sicherheit abl\u00f6sen sollte, einfach, weil es die Sicherheiten, auf die wir einst gebaut haben, so nicht mehr gibt. Dann kann man solche Spiele erfolgreich durchf\u00fchren.<\/p>\n<p>Professor Ulrich Reinhardt, Jahrgang 1970, ist Zukunftswissenschaftler und wissenschaftlicher Leiter der \u201eStiftung f\u00fcr Zukunftsfragen \u2013 eine Initiative von British American Tobacco\u201c, die seit 1979 an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, \u00d6ffentlichkeit und Politik forscht. Er h\u00e4lt eine Professur f\u00fcr Empirische Zukunftsforschung an der Fachhochschule Westk\u00fcste in Heide und lehrt als Dozent auf Zeit an der University of North Carolina Wilmington in den USA. Von ihm erschienen ist das Buch \u201eGerman Mut statt German Angst. 44 Ideen f\u00fcr eine bessere Zukunft\u201c mit Beitr\u00e4gen von Katherina Reiche, Frank Thelen und \u00adChristina Lindner.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Abstimmung \u00fcber eine Olympia\u2011Bewerbung polarisiert die Stadtgesellschaft: Begeisterung trifft auf Misstrauen, Aufbruch auf Skepsis, und das oft&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1023423,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1826],"tags":[29,8921,30,692,656,13025,209112,45],"class_list":["post-1023422","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-hamburg","tag-deutschland","tag-eusterhus-eva","tag-germany","tag-hamburg","tag-olympia","tag-olympische-spiele","tag-referenden-ks","tag-texttospeech"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116584254564416731","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1023422","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1023422"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1023422\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1023423"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1023422"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1023422"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1023422"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}