{"id":1024350,"date":"2026-05-16T21:43:16","date_gmt":"2026-05-16T21:43:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1024350\/"},"modified":"2026-05-16T21:43:16","modified_gmt":"2026-05-16T21:43:16","slug":"kolumne-lost-and-found-flieder-im-ukraine-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1024350\/","title":{"rendered":"Kolumne Lost and Found: Flieder im Ukraine-Krieg"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Jede Stadt hat eine magische Zeit. Kiew hat sie zwischen dem Tschernobyl-Tag am 26. April und dem Befreiungstag am 8. Mai. In dieser Zeit f\u00e4ngt alles zu bl\u00fchen an, Zehntausende str\u00f6men in Parks, fotografieren, posieren, riechen an den B\u00e4umen und B\u00fcschen. Dann kommt der 9. Mai, mit dem niemand richtig wei\u00df, was man tun soll: Meine ganze Kindheit und noch viel l\u00e4nger wurde er als \u201eTag des Sieges\u201c zelebriert.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Nun wird das Gedenken von Russland mit beinahe satanistischen Z\u00fcgen zur Bef\u00fcrwortung des Krieges benutzt. Damit wird nicht nur unsere Trauer und Andacht missbraucht, sondern auch alle Opfer und Toten jenes Krieges. Diese sch\u00f6ne, schmerzhafte Zeitstrecke wird in ihrer Polarit\u00e4t im f\u00fcnften Kriegsfr\u00fchling noch versch\u00e4rfter wahrgenommen. Die Stadt versinkt in Bl\u00fcten von Flieder und Kastanien, der Krieg ist endlos, und die Natur scheint das Einzige zu sein, was \u00fcberhaupt noch siegen kann.<\/p>\n<p>Ein \u201eRequiem\u201c f\u00fcr die Opfer<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Ende April war noch zu merken, wie m\u00fcde die Menschen sind \u2013 nach diesem harten Winter mit Extremtemperaturen und zerbombter Energieversorgung. Ich wei\u00df nicht, woher die Menschen hier ihre Kraft nehmen. Es ist fast zum Ritual geworden, \u00fcber die Ukrainer zu staunen, \u00fcber ihre Tapferkeit, Ausdauer, Courage. \u201eUnbeugsamkeit\u201c ist ein Begriff, dem man \u00fcberall begegnet: So hei\u00dfen die Zentren f\u00fcr Prothetik und Punkte, an denen man Ger\u00e4te aufladen und sich w\u00e4rmen kann. Ich wei\u00df auch nicht, ob den Menschen noch weitere Pr\u00fcfungen zumutbar sind, sowohl in den St\u00e4dten als auch an der Front. Aber wo ist eine faire L\u00f6sung?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Am 26. April wurde das \u201eRequiem\u201c von Mozart in Kiew im Opernhaus gespielt, um der Opfer von Tschernobyl am 40. Jahrestag zu gedenken, ich schaute auf die Menschen im Saal und auf der B\u00fchne, auf ihre ernsten Gesichter. Ich dachte an ihre mir unbekannten Schicksale und konnte nicht sagen, ob sie gut spielten, so \u00fcberw\u00e4ltigend war dieses Zusammensein, als h\u00e4tten die Musiker alle Opfer und sich selbst geehrt. F\u00fcr wen schl\u00e4gt die Stunde? <\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Ich habe mich gefreut, Freunde zu sehen. Einer ist Dichter, er evakuiert nun Verwundete von der Frontlinie. Er war f\u00fcr einen Tag beurlaubt. Wir sa\u00dfen in einem modischen Caf\u00e9, und er, normalerweise sehr gesellig, sprach nur knapp. Als ich ihn zum Bahnhof begleitete, sah ich seine Dienstwaffe. Die Tr\u00e4nen w\u00fcrgten mich. Sp\u00e4ter sah ich meinen Studienfreund, einen Historiker. Nun ist er Soldat, nicht an der Front, sondern in einem Logistikteam in Kiew. Er versteht, dass er es leicht hat, und erz\u00e4hlt mir von einem gefallenen Freund. Dann treffe ich eine Freundin, die von Zwangsmobilisierung redet, von den F\u00e4llen, die ich nicht nachzuerz\u00e4hlen wage, die fast niemand nachzuerz\u00e4hlen wagt. Die Kluft zwischen den Menschen an der Front und denen, die keine Waffen in die Hand nehmen m\u00f6chten, w\u00e4chst mit jedem Tag. Ich wollte noch eine Freundin treffen, bei der alle an der Front sind: ihr Mann, ihr Bruder und ihr Vater. Sie ist aber nach Venedig gefahren, wie viele K\u00fcnstler, die ich kenne. Die Diskrepanz ist kaum zu fassen.<\/p>\n<p>Ein Besuch auf dem Friedhof<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Ich war bei mir zu Hause auf dem Balkon, als wieder Luftalarm kam. Die M\u00e4nnerstimme bat darum, sofort in Schutzr\u00e4ume zu gehen. Ich schaute vom siebten Stock in die Ferne \u00fcber den Bezirk mit circa hunderttausend Einwohnern. Ich hatte Angst. Viele Fenster leuchteten, keine Extrabewegung war zu sehen, ich wollte rauchen, dachte aber daran, dass vor Kurzem ein Haus gegen\u00fcber getroffen wurde. Ich sah die Sterne an und versuchte, dort die Gefahr zu entziffern. Im Zimmer nebenan schlief meine Freundin mit ihrem kleinen Kind. Sollte ich sie wecken? Aber sie stand schon im Flur und beruhigte mich: Die Ballistik fliegt doch nicht ganz auf uns, und die Drohnen sind bereits abgeschossen. Die Matratze steht immer im Flur, falls es doch auf uns fliegt, geht sie hinter die zweite Wand und schl\u00e4ft hier weiter. Eine eiserne Regel, ein Minimum, was man tun kann, um sich zu sch\u00fctzen. Meine Cousine \u00fcbernachtet oft in der U-Bahn, aber nicht zur eigenen Sicherheit, sondern wegen der zwei nerv\u00f6sen Dackel, die sich an Luftalarme nicht gew\u00f6hnen m\u00f6chten. Sonst kenne ich kaum Menschen, die in Schutzr\u00e4ume gehen. <\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Mein Vater liegt auf einem Friedhof am Rande der Stadt, jedes Jahr, wenn ich ihn am 8. Mai besuche, gehe ich eine zentrale Allee entlang, die ungest\u00fcm w\u00e4chst: da sind die neuen Kriegsgr\u00e4ber. Mehrere Minuten habe in die Gesichter auf den Fotos geschaut. Zwischen den Gr\u00e4bern flimmerten M\u00fctter, manchmal junge Frauen mit kleinen Kindern, die Fahnen, die an jedem Grab stehen, flatterten im Wind. Ich war wegen meines Vaters da, aber die Trauer um ihn passt kaum mehr in mich hinein, angesichts dieser neuen Gr\u00e4ber. <\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e6712ff7=\"\" data-v-308ce35d=\"\">Danach fuhr ich zum Botanischen Garten, der f\u00fcr seinen Flieder aus der ganzen Welt bekannt ist. Die ersten B\u00fcsche kamen aus Deutschland, als Beute. Ich sa\u00df zwischen Dutzenden Menschen umrahmt von Fliedern, ein blaue Klosterkuppel mit goldenen Sternen ragte daraus. Unten kreuzte die erste gro\u00dfe Ganzschwei\u00dfbr\u00fccke der Welt den majest\u00e4tischen Dnipro, und sogar die h\u00e4ssliche Wand der neuen Bauten auf der linken Seite st\u00f6rte die Wonne nicht. Irgendwann merkte ich, dass um mich fast nur Frauen waren. Ich filmte eine heimlich: Sie stand im wei\u00dfen Gewand, den R\u00fccken zu mir, das schwarze Haar sorgf\u00e4ltig gelegt, und spielte mit Fliederbl\u00fcmchen. Als ich sp\u00e4ter mein Video anschaute, h\u00f6rte ich ein Gespr\u00e4ch, das ich zuf\u00e4llig aufnahm. Eine \u00e4ltere Frau sagte: \u201eEr meldete sich sofort an und ist sehr bald gefallen.\u201c Ich h\u00f6rte diese fremde Stimme und schaute wieder auf die einsame Braut am Flieder zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Jede Stadt hat eine magische Zeit. Kiew hat sie zwischen dem Tschernobyl-Tag am 26. 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