{"id":1025521,"date":"2026-05-17T10:02:27","date_gmt":"2026-05-17T10:02:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1025521\/"},"modified":"2026-05-17T10:02:27","modified_gmt":"2026-05-17T10:02:27","slug":"orlando-komische-oper-berlin-ewelina-marciniak-spult-mit-olga-neuwirths-oper-nach-virginia-woolf-vor-zu-den-komplexen-der-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1025521\/","title":{"rendered":"Orlando \u2013 Komische Oper Berlin \u2013 Ewelina Marciniak spult mit Olga Neuwirths Oper nach Virginia Woolf vor zu den Komplexen der Gegenwart"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_titel\">Bin\u00e4r ins Offene<\/p>\n<p>17. Mai 2026.\u00a0Gl\u00e4nzend mit allem, was der Betrieb aufzufahren hat: Sieben Jahre nach der Urauff\u00fchrung kommt Olga Neuwirths riesig besetzte &#8222;Orlando&#8220;-Oper erstmals an ein Opernhaus nach Deutschland. Regisseurin Ewelina Marciniak geht die Sache unerschrocken an \u2013 und ringt auf ihre Weise mit den Problemstellen des Werks.<\/p>\n<p class=\"text_autor\">Von Albrecht Selge<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" title=\"&quot;Orlando&quot; von Olga Neuwirth und in der Regie von Ewelina Marciniak an der Komischen Oper Berlin \u00a9 Jan Winszus\" src=\"\/images\/stories\/artikelbilder\/2026\/Berlin\/KomischeOper\/Orlando_2_CJan_Windszus.jpg#joomlaImage:\/\/local-images\/stories\/artikelbilder\/2026\/Berlin\/KomischeOper\/Orlando_2_CJan_Windszus.jpg?width=1024&amp;height=682\" alt=\"\" itemprop=\"image\" class=\"img-fluid caption\"\/><\/p>\n<p class=\"img_caption\">&#8222;Orlando&#8220; von Olga Neuwirth und in der Regie von Ewelina Marciniak an der Komischen Oper Berlin \u00a9 Jan Winszus<\/p>\n<p>17. Mai 2026. Es war 2019, als die Staatsoper Wien \u2013 wohlgemerkt im einhundertf\u00fcnfzigsten Jahr ihres Bestehens! \u2013 erstmals das abendf\u00fcllende Werk einer Komponistin in ihre hehren Hallen einlie\u00df. Dass sich in den folgenden Jahren andere Opernh\u00e4user anscheinend nicht darum rissen, Olga Neuwirths Oper &#8222;Orlando&#8220; nachzuspielen, verwundert auf den ersten Blick, weil sich doch kaum ein zeitgem\u00e4\u00dferer Stoff denken l\u00e4sst. Virginia Woolfs 1928 erschienene fiktionale &#8222;Biographie&#8220; \u00fcber einen jungen Adligen, der sich irgendwann im Lauf der Jahrhunderte in eine Frau verwandelt, ist schlie\u00dflich die Mutter beziehungsweise das Elter aller genderfluiden Erz\u00e4hlungen der literarischen Moderne.\u00a0<\/p>\n<p>Die Zur\u00fcckhaltung des Opernbetriebs mag nicht nur an organisatorischen Corona-Verwerfungen liegen, sondern auch an dem immensen Aufwand, den das Werk verlangt. Und eben auch an einigen inneren Problemen des St\u00fcckes. Sie erweisen sich n\u00e4mlich auch bei der deutschen Erstauff\u00fchrung an der Komischen Oper Berlin, die musikalisch vielleicht nicht ganz so brillant, aber gesamterlebnism\u00e4\u00dfig doch ein gewitzterer und, wenn der Komparativ erlaubt ist, queererer Ort ist als das Wiener Haus. Ein recht sympathischer Abend wird es dennoch, aber von der erschlagenden Art, nicht immer im gewinntr\u00e4chtigen Sinn.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Auf die Vorspultaste gedr\u00fcckt<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich von Katie Mitchells Inszenierung des Woolf-&#8222;Orlando&#8220; an der Berliner Schaub\u00fchne, zuf\u00e4llig ebenso im Jahr 2019 wie die Neuwirth-Opernurauff\u00fchrung, brachte die Nachtkritikerin Anne Peter das Dilemma vieler Romanadaptionen f\u00fcr die B\u00fchne auf den sch\u00f6nen Begriff <a href=\"https:\/\/nachtkritik.de\/nachtkritiken\/deutschland\/berlin-brandenburg\/berlin\/schaubuehne-berlin\/orlando-schaubuehne-berlin-katie-mitchell-macht-aus-virginia-woolfs-schillerndem-geschlechterswitching-roman-eine-knallchargige-kostuemschlach\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">der erz\u00e4hlerischen &#8222;Vorspultaste&#8220;<\/a>. Auch Neuwirth und ihre Mitlibrettistin Catherine Filloux spulen erheblich. Und zwar nicht nur durch die Vorlage, sondern auch dar\u00fcber hinaus: Die zweite H\u00e4lfte des dreist\u00fcndigen Abends spinnt Woolfs Erz\u00e4hlfaden \u00fcber den Roman hinaus bis in die Gegenwart.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Orlando_3_CJan_Windszus.jpg\" alt=\"OrlandoOlga NeuwirthEine fiktive musikalische Biografie [2019]  Libretto von Catherine Filloux und Olga Neuwirth  nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf Musikalische Leitung: Johannes KalitzkeInszenierung: Ewelina MarciniakB\u00fchnenbild: Mirek KaczmarekKost\u00fcme: Julia KornackaChoreografie: Agnieszka KrystDramaturgie: Sophie JiraCh\u00f6re: David CaveliusKinderchorleitung: Dagmar Barbara FiebachLicht: Olaf FreeseVideo: Natan BerkowiczTonmeister \/ Klangregie: Julien Al\u00e9onardSounddesign: Markus Noisternig Foto: Jan Windszus Photography\" width=\"801\" height=\"533\" style=\"margin: initial; float: none; width: 100%;\"\/>H\u00fcgeliges Gr\u00fcn mit Boxsack: Ensemble im B\u00fchnenbild von Mirek Kaczmarek \u00a9 Jan Windszus<\/p>\n<p>Durchaus zum Wohl des Werkes spult ein wenig nun auch der Dirigent Johannes Kalitzke, ohnehin einer der kompetentesten Fachleute f\u00fcr Gegenwartsmusik, die es so gibt: An der Komischen Oper wird das St\u00fcck sp\u00fcrbar schneller gespielt als unter Matthias Pintscher in Wien. Das macht die Erz\u00e4hlsause noch atemloser, dennoch bekommt der H\u00f6rer mehr Luft \u2013 ein musikalisches Interpretationsparadox! Auch die Entr\u00fcmpelung der B\u00fchne gegen\u00fcber dem \u00fcberausgestatteten und zugleich statischen Wiener Entwurf lockert den dramatischen W\u00fcrgegriff entschieden auf.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Sicher im bodenlosen Raum<\/p>\n<p>Lediglich ein wenig h\u00fcgeliges Gr\u00fcn und dezente flexible Objekte setzt das B\u00fchnenbild von Mirek Kaczmarek ein, nur zur\u00fcckhaltend kommen die durchdachten Videoelemente von Natan Berkowicz ins Spiel. In erster Linie aber l\u00e4sst die Regisseurin Ewelina Marciniak der Choreografie von Agnieszka Kryst viel Raum, und noch mehr den beiden vorz\u00fcglichen Hauptdarstellerinnen des Abends: Alma Sad\u00e9 als Erz\u00e4hlerin, die von Julia Kornacka deutlich als Virginia-Woolf-Lookalike kost\u00fcmiert ist, und Ema Nikolovska in der Titelrolle des beziehungsweise der Orlando. Ihre Tessitur ist enorm, beginnend mit einem m\u00e4nnlich tiefliegenden &#8222;I am alone&#8220;, um im Lauf der Oper nicht nur h\u00f6her und &#8222;weiblicher&#8220; zu steigen, sondern auch in intensive Deklamation und artistisches Flackern auszuschlagen. Dabei ist Nikolovska kein(e) \u00e4therische(r) Orlando wie Tilda Swinton in Sally Potters bekannter Romanverfilmung von 1992, sondern eine bodenst\u00e4ndige, manchmal fast burschikose B\u00fchnenerscheinung, breitbeinig singend, quasi grundtonsicher im bodenlos grundtonfreien Raum.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Narrativer Hopserlauf<\/p>\n<p>Denn Neuwirths lustvoll eklektizistische Partitur ist grundlegend out of tune, die zweiten Orchestergeigen und eine E-Gitarre gegen\u00fcber dem Rest um ein Viertelt\u00f6nchen herabgestimmt. Abrupt die stilistischen Schnitte, schichtenreich die musikalische Collage: von Michelangelo Rossis Madrigal &#8222;O miseria d\u2019amante&#8220; und einem Bach-Violinkonzert \u00fcber Strawinskys &#8222;Sacre&#8220; bis zu harten Clustern, auch ein Anklang an die <a href=\"https:\/\/www.br-klassik.de\/aktuell\/news-kritik\/olga-neuwirth-danke-fuer-diesen-guten-morgen-orlando-wien-staatsoper-100.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">gerichtlich untersagte Nutzung des Danke-Kirchenliedes<\/a> bleibt erkennbar, spoken word und Koloraturen, dazu eine leicht phlegmatische Rockband, wabernde Elektronik, fanfariger Raumklang. Das alles wird von S\u00e4ngern und Riesenorchester mit Bravour absolviert. Und die Zuh\u00f6rendenschaft h\u00e4lt&#8217;s jeden einzelnen Moment wach, um auf die lange Dauer m\u00f6glicherweise doch zu erm\u00fcden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Orlando_4_CJan_Windszus.jpg\" alt=\"OrlandoOlga NeuwirthEine fiktive musikalische Biografie [2019]  Libretto von Catherine Filloux und Olga Neuwirth  nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf Musikalische Leitung: Johannes KalitzkeInszenierung: Ewelina MarciniakB\u00fchnenbild: Mirek KaczmarekKost\u00fcme: Julia KornackaChoreografie: Agnieszka KrystDramaturgie: Sophie JiraCh\u00f6re: David CaveliusKinderchorleitung: Dagmar Barbara FiebachLicht: Olaf FreeseVideo: Natan BerkowiczTonmeister \/ Klangregie: Julien Al\u00e9onardSounddesign: Markus Noisternig Foto: Jan Windszus Photography\" width=\"800\" height=\"533\" style=\"margin: initial; float: none; width: 100%;\"\/>Vor der Folie von Krieg und Katastrophen: Zweiter Teil von &#8222;Orlando&#8220; \u00a9 Jan Windszus<\/p>\n<p>Was eben auch f\u00fcr den erz\u00e4hlerischen Entwurf gilt. Der erste Teil mit seiner rasanten Woolf-Spulung kann einen regelrecht erschlagen, w\u00e4hrend der zweite Teil im narrativen Hopserlauf vom Zweiten Weltkrieg \u00fcber Vietnam und Frauenbewegung bis zum gegenw\u00e4rtigen Rechtspopulismus (vulgo neuen Faschismus) zum Unterkomplexen neigt. Man nickt da beif\u00e4llig und droht einzunicken. Denn gerade diese hohe Zustimmungsf\u00e4higkeit ist das Theaterproblem des zweiten Teils. &#8222;Oh, why is reality so multiple and complex?&#8220;, sang Nikolovska als Orlando im ersten Teil, doch eben diesen Anspruch unterl\u00e4uft der bekenntnishafte zweite Teil. F\u00fcr ein Setting, in dem so viel von Nonbinarit\u00e4t gesprochen wird, ist sein Weltbild ern\u00fcchternd bin\u00e4r; ja, er folgt geradezu dem Ruf derjenigen, die hier doch eigentlich die b\u00f6se Reaktion darstellen: &#8222;Simplify!&#8220;<\/p>\n<p class=\"text_besetzung\"><strong>Orlando<\/strong><br \/>Eine fiktive musikalische Biografie<br \/>Libretto von Catherine Filloux und Olga Neuwirth nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf<br \/>Musik von Olga Neuwirth<br \/>Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke, Inszenierung: Ewelina Marciniak, B\u00fchnenbild: Mirek Kaczmarek, Kost\u00fcme: Julia Kornacka, Choreografie: Agnieszka Kryst, Dramaturgie: Sophie Jira, Ch\u00f6re: David Cavelius, Kinderchorleitung: Dagmar Barbara Fiebach, Licht: Olaf Freese, Video: Natan Berkowicz, Tonmeister \/ Klangregie: Julien Al\u00e9onard, Sounddesign: Markus Noisternig.<br \/>Mit: Ema Nikolovska,\u00a0Alma Sad\u00e9, Eric Jurenas, Karolina Gumos,\u00a0Ulrike Helzel,\u00a0Anna Nekhames,\u00a0G\u00fcnter Papendell, Andrew Harris,\u00a0Andrew Dickinson, Kevin(a) Taylor, Benedikt Siewert (T\u00f6lzer Knabenchor),\u00a0Iv\u00adan Tur\u00ad\u0161i\u0107, Tom Erik Lee,\u00a0Ste\u00adpha\u00adnos Tsira\u00adkoglou,\u00a0Clau\u00addia Gre\u00adco,\u00a0Mar\u00adti\u00adna Bor\u00adroni,\u00a0Mi\u00adcha\u00adel Fer\u00adnan\u00addez,\u00a0Rafa\u0142 Matusiak,\u00a0Miko\u0142aj Karczewski,\u00a0Pau\u00adli\u00adna Plu\u00adcin\u00adski,\u00a0Anna Szopa, Ger\u00e4uschemacher*innen:\u00a0Ana Paola Machicado Torres \/ Anna Gelyuk \/ Judith Isabella Schiller \/ Weronika Sierenberg \/ Tzu-Yin Lin\/Dobromira Kur, T\u00e4nzer*innen: Sofia Pintzou \/ Daniel Daniela Ojeda Yrureta \/ Kai Chun Chuang, Chor und Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Kinderchor der Komischen Oper Berlin, Komparserie,\u00a0Orchester der Komischen Oper Berlin.<br \/>Premiere am 16. Mai 2026<br \/>Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.komische-oper-berlin.de\/spielplan\/a-z\/orlando\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.komische-oper-berlin.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bin\u00e4r ins Offene 17. 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