{"id":1026908,"date":"2026-05-17T23:31:20","date_gmt":"2026-05-17T23:31:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1026908\/"},"modified":"2026-05-17T23:31:20","modified_gmt":"2026-05-17T23:31:20","slug":"am-scheideweg-musik-in-dresden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1026908\/","title":{"rendered":"Am Scheideweg &#8211; Musik in Dresden"},"content":{"rendered":"<p><img width=\"2560\" height=\"1449\" data-tgpli-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/musikfestspieleeroeffnung766-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-19638\" data-tgpli-  data-tgpli-inited=\"\" data-tgpli-image-inited=\"\" id=\"tgpli-6a0a4fc607a09\"\/>Das Er\u00f6ffnungskonzert der Dresdner Musikfestspiele mit Jan Vogler und der Dresdner Philharmonie unter dem Dirigat von Tabita Berglund (und mit der Moderation von Olaf Schubert) am 15. Mai im Kulturpalast (Foto: Oliver Killig)<\/p>\n<p>Die 49. Dresdner Musikfestspiele sind er\u00f6ffnet. Zu DDR-Zeiten waren sie ein Fenster in die westliche Musikwelt, hatten vielleicht auch eine Art kulturelle Ventilfunktion. Zwischen dem offiziellen Beschluss des Zentralkomitees, das Festival ins Leben zu rufen, und der ersten Ausgabe mit Herbert von Karajan lagen die Ausb\u00fcrgerung Wolf Biermanns Ende 1976 und Manfred Krugs Ausreise Mitte 1977\u2026<\/p>\n<p>Nach der Wende \u00e4nderte sich die Ausrichtung nat\u00fcrlich, aber unpolitisch waren die Festspiele nie. Ich denke zum Beispiel an die sp\u00e4ten Einladungen an Klaus Tennstedt, der die Dresdner Philharmonie nach der Wende im Rahmen der Musikfestspiele dirigieren sollte. Ehemals Chef der Landesb\u00fchnen, hatte Tennstedt 1966 bis 1971 auch sechzehn Konzertabende beim Dresdner Orchester dirigiert, bevor er von einem Schweden-Gastspiel nicht mehr in die DDR zur\u00fcckkehrte. Sein Konzert 1994 mit dem st\u00e4dtischen Orchester sollte eine sp\u00e4te Wiedergutmachung werden, allein: die Gesundheit machte Tennstedt zu schaffen, er sagte ab, und auch die beharrlichen Wiedereinladungen f\u00fcr die Folgejahre der Musikfestspiele scheiterten.<\/p>\n<p>Auch das aktuelle Motto der Festspiele, \u201eLeichtigkeit des Seins\u201c, ist laut Jan Vogler ein Kommentar auf die momentane politische Weltlage. Mit der Sehnsucht nach dieser verlorengegangenen Leichtigkeit erkl\u00e4rt der Intendant die gro\u00dfe Kartennachfrage; wiederum haben die Musikfestspiele damit sozusagen eine Ventilfunktion erhalten. Und man erlaubt sich programmatisch auch politische Kommentare; man denke etwa an das Konzert mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.musikfestspiele.com\/de\/programm\/veranstaltungen\/detail\/lets-all-stand-together\/683\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">\u00bbLet\u2019s all stand together\u00ab<\/a> oder das Abschlusskonzert, das die derzeitigen Zust\u00e4nde in der <a href=\"https:\/\/www.musik-in-dresden.de\/2026\/05\/12\/dresdner-musikfestspiele-2026\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">New World<\/a> subtil vorf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das musikalische Programm des Er\u00f6ffnungskonzerts war da nicht ganz so eindeutig zu lesen. Webers Ouvert\u00fcre zu \u00bbOberon\u00ab geht sicher noch als Gru\u00df aus der Dresdner K\u00fcche durch; aber das leicht sperrige, musikalisch ausfasernde Cellokonzert von Henri Dutilleux lie\u00dfe sich nur mit M\u00fche auf das Festspielmotto beziehen. Die Philharmonie, die das Werk unter Marek Janowski vor 25 Jahren einmal mit dem Solisten Alban Gerhardt musiziert hat, schien sich unter dem recht mechanischen Dirigat von Tabita Berglund nicht v\u00f6llig wohlzuf\u00fchlen und tastete sich mehr durch die Musik, als dass sie sie gestaltete. Und auch Jan Vogler wirkte nach einem lyrischen, herrlich weltentr\u00fcckten Beginn nicht immer v\u00f6llig zuhause in diesem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=CUqlcaXxH3E\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">enigmatischen<\/a>, f\u00fcr Rostropowitsch geschriebenen Werk.<\/p>\n<p>Was das Hauptwerk des Abends, die \u00bbBilder einer Ausstellung\u00ab, in dem Er\u00f6ffnungskonzert der Festspiele zu suchen hatten, bleibt r\u00e4tselhaft. Nach dem Dutilleux-Konzert wirkte es altbacken-anachronistisch. Interessant ist es allemal, in die Dresdner Auff\u00fchrungsgeschichte dieses Mussorgski-Werks zu schauen. Das Orchester musizierte den Programmmusik-Klassiker in seiner Geschichte (wenn ich keine Auff\u00fchrungen \u00fcbersehen habe) nach 1930 \u2013 damals in der Orchesterfassung von Leo Funtek \u2013 seltener als vermutet, n\u00e4mlich in nur dreizehn verschiedenen Konzertprogrammen. Einmal Ende der f\u00fcnfziger Jahre (unter Romanus Hubertus), 1968 und 1974 unter Kurt Masur, 1976 und 1978 unter Herbert Kegel, Ende der Achtziger unter Ude Nissen, einem Bongartz-Sch\u00fcler, und Olaf Henzold; in den Neunzigern unter Plasson, Gerd Herklotz und Juri Temirkanow und in den fr\u00fchen Zweitausendern unter G\u00fcnter Herbig und Mario Venzago. Auff\u00fchrungen unter Rafael Fr\u00fchbeck de Burgos  f\u00fchrten die \u201eBilder\u201c dem Dresdner Publikum 2007, also vor nunmehr fast zwanzig Jahren, das letzte Mal vor Ohren. Zwar spielt das Werk nach wie vor eine Rolle im Musikunterricht und auch in der Hochschulausbildung (wovon nicht zuletzt Auff\u00fchrungen Dresdner Jugendorchester und des Hochschulorchesters zeugen), aber im Konzertbetrieb scheint es sacht aus der Mode gekommen zu sein \u2013 obwohl ein hellsichtiger Mussorgski doch, wie es der Moderator des Abends Olaf Schubert, der selbsternannte \u201eKarajan der Lommatzscher Stra\u00dfe\u201c formulierte, mit dem Ochsenkarren-Satz die Verkehrswende weg vom Verbrenner einhundertf\u00fcnfzig Jahre vorweggenommen hat!<\/p>\n<p>Wieder ernst: das Gru\u00dfwort der Kulturb\u00fcrgermeisterin Annekatrin Klepsch, das ein Bekenntnis der Landeshauptstadt zu seinem Klangk\u00f6rper enthielt, sparte nicht die aktuellen Finanzprobleme der <a href=\"https:\/\/www.dnn.de\/lokales\/dresden\/verheerende-steuerschaetzung-fuer-dresden-verschaerft-haushaltskrise-APZH6FEZTJBXDFQLXSK6GHUZPI.html?outputType=valid_amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">akut klammen Stadt<\/a> aus. Wenn das also kein leeres Lippenbekenntnis bleiben soll, muss die Stadt das gro\u00dfe 50. Jubil\u00e4um der Dresdner Musikfestspiele rechtzeitig, verl\u00e4sslich (!) und substantiell mit F\u00f6rdergeldern untersetzen. Andernfalls droht das Festival im dann schon zwanzigsten Jahr der Voglerschen Intendanz an Bedeutung einzub\u00fc\u00dfen. Die Konzerte im n\u00e4chsten Jahr <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/sachsen\/dresden\/dresden-radebeul\/dixie-versammlung-protest-jazz-musik-politik-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">schlicht als politische Versammlungen anzumelden und damit der Stadt die Finanzierung zwangsaufzub\u00fcrden<\/a>, scheint mir kein tragf\u00e4higes Modell f\u00fcr die Zukunft zu sein.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/www.martinmorgenstern.de\" class=\"post-author-avatar\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>Martin Morgenstern \/ \u00dcber den Autor<\/p>\n<p>Dr. Martin Morgenstern, seit 2007 Chefredakteur von \u00bbMusik in Dresden\u00ab, lehrte an den Universit\u00e4ten, Fach- und Musikhochschulen von Dresden, Halle\/Saale-Wittenberg, Leipzig, Bremen, Eichst\u00e4tt und Stuttgart und arbeitet freiberuflich als Kulturjournalist. Den bisherigen H\u00f6hepunkt seiner Konzertkarriere bildete ein Duett mit Bobby McFerrin in der Tonhalle Z\u00fcrich. (Autorenfoto: anna.s.)<\/p>\n<p>\t\t\t\t<a href=\"https:\/\/www.musik-in-dresden.de\/author\/martin\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mehr Beitr\u00e4ge von Martin Morgenstern<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Er\u00f6ffnungskonzert der Dresdner Musikfestspiele mit Jan Vogler und der Dresdner Philharmonie unter dem Dirigat von Tabita Berglund&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1026909,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1835],"tags":[65756,3364,29,2386,181015,30,93477,859],"class_list":["post-1026908","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-dresden","tag-annekatrin-klepsch","tag-de","tag-deutschland","tag-dresden","tag-dresdner-musikfestspiele","tag-germany","tag-jan-vogler","tag-sachsen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116592529034046080","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1026908","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1026908"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1026908\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1026909"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1026908"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1026908"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1026908"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}