{"id":1027287,"date":"2026-05-18T03:27:15","date_gmt":"2026-05-18T03:27:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1027287\/"},"modified":"2026-05-18T03:27:15","modified_gmt":"2026-05-18T03:27:15","slug":"toedliche-praezision-wie-ukrainische-start-ups-den-drohnenkrieg-veraendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1027287\/","title":{"rendered":"T\u00f6dliche Pr\u00e4zision: Wie ukrainische Start-ups den Drohnenkrieg ver\u00e4ndern"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\nEin milder Fr\u00fchlingsnachmittag auf einem Feld irgendwo bei Lwiw \u2013 der genaue Standort ist geheim. Einige junge M\u00e4nner entladen Kisten aus einem wei\u00dfen Minibus, Kurzstreckendrohnen und Zubeh\u00f6r: kleinere und gr\u00f6\u00dfere Quadrokopter, daneben flugzeug\u00e4hnliche Modelle, die an Modellflieger erinnern. Das Gel\u00e4nde dient als Testort f\u00fcr die Start-ups des &#8222;Iron Clusters&#8220;, einer Non-Profit-Organisation, die die Interessen der Lwiwer Drohnenunternehmen b\u00fcndelt. Die Branche boomt, so wie die ukrainische R\u00fcstungsindustrie insgesamt. Denn es geht um nicht weniger als das \u00dcberleben des Landes.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nRoman Delimarskyj, Leiter der Abteilung f\u00fcr Anpassung beim Softwareunternehmens NORDA Dynamics, das sich auf autonome Drohnensteuerung spezialisiert hat, stellt ein Stativ ins Gras. Darauf montiert er einen portablen Bildschirm mit Antenne, welche die Videosignale der Drohnenkameras empf\u00e4ngt. Man kann auf dem Bildschirm nachverfolgen, was die Drohne und was deren Pilot sieht.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung0\" class=\"jumpLabel\">Billigdrohnen machen Front zur Todeszone<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nKleine unbemannte Flugger\u00e4te, so die offizielle Bezeichnung f\u00fcr Drohnen, dominieren inzwischen die Front, auf ukrainischer wie auf russischer Seite. Sie greifen auch Ziele an, die zehn oder zwanzig Kilometer hinter der vordersten Frontlinie liegen, mit zunehmenden Reichweiten. Die Drohnen haben die Front durchl\u00e4ssig gemacht und in eine Todeszone verwandelt, in der man sich kaum noch bewegen kann, ohne in ihr Visier zu geraten.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie urspr\u00fcnglich aus dem Hobbybereich stammenden Quadrokopter, wie sie ab den Zehnerjahren Modellflug-Enthusiasten oder Filmteams nutzten, werden im Krieg in der Ukraine massenhaft zu Waffen umger\u00fcstet: Sie steuern als Kamikaze-Drohnen ihre Ziele an oder werfen Sprengs\u00e4tze aus der Luft ab.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nNORDA Dynamics hat Softwarel\u00f6sungen entwickelt, die es den Drohnen erm\u00f6glichen, Ziele automatisch zu erkennen und den Anflug auf sie zu stabilisieren. So k\u00f6nnen Drohnenpiloten der ukrainischen Armee die Ziele pr\u00e4ziser ansteuern, trotz widriger Wetterverh\u00e4ltnisse und Signalst\u00f6rungen durch die russische Seite. Die Software wird auf etwa faustgro\u00dfe Module aufgespielt, die mit unterschiedlichen Drohnentypen kompatibel sind.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAuf dem Feld bei Lwiw wird die Software getestet: Der Drohnenpilot markiert einen quadratischen Bereich, in dem sich der wei\u00dfe Van des Teams befindet. Liannyi verfolgt den Vorgang auf dem Bildschirm aufmerksam mit und erkl\u00e4rt dem MDR, was geschieht: &#8222;Der Pilot fliegt \u00fcber seinem Interessengebiet, aktiviert die Erkennung, und in diesem Gebiet versucht das System selbst\u00e4ndig, Fahrzeuge zu finden, auf die es trainiert wurde.&#8220;\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung1\" class=\"jumpLabel\">Ukrainische Drohnenindustrie w\u00e4chst rasant<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDen CEO von NORDA Dynamics, Nasar Bigun, konnte der MDR zwei Tage zuvor in einem Caf\u00e9 in Lwiw sprechen. Die westukrainische Metropole, unweit der polnischen Grenze, gilt als vergleichsweise sicherer Standort f\u00fcr R\u00fcstungsunternehmen. Verteidigung ist nicht nur milit\u00e4risch \u00fcberlebenswichtig f\u00fcr das Land, sondern auch wirtschaftlich relevant.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nNORDA Dynamics ist eines von aktuell rund 500 Drohnenunternehmen in der Ukraine \u2013 vor dem russischen \u00dcberfall im Februar 2022 waren es sieben. Die zunehmend von unbemannten Systemen bestimmte R\u00fcstungsproduktion ist mittlerweile mit der Landwirtschaft, dem traditionellen Wirtschaftszweig der Ukraine, gleichauf \u2013 Stand Juli 2025 trug der Verteidigungssektor laut dem Kyiv School of Economics Institute sieben Prozent zum ukrainischen Bruttoinlandsprodukt bei.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nBigun berichtet, er habe bereits 2023 mit Freunden eine ehrenamtliche Drohnenproduktion aufgebaut, die bis heute fortbesteht und monatlich etwa 200 bis 300 kleine FPV-Drohnen herstellt. Dabei handelt es sich um Quadrokopter, bei denen der Pilot eine Brille tr\u00e4gt und die Perspektive der Drohne einnimmt \u2013 die Abk\u00fcrzung FPV steht f\u00fcr &#8222;First Person View&#8220;, also Ich-Perspektive. Laut dem ukrainischen Verteidigungsministerium soll die ukrainische Armee im vergangenen Jahr insgesamt fast drei Millionen solcher Drohnen erhalten haben, die meisten davon aus heimischer Produktion.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung2\" class=\"jumpLabel\">Frontsoldaten geben Verbesserungsvorschl\u00e4ge<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Wir fingen an dar\u00fcber nachzudenken, wie wir die Leistung verbessern k\u00f6nnen, wie wir die Effizienz der Drohnen steigern k\u00f6nnen&#8220;, erkl\u00e4rt Bigun. Denn unter realen Frontbedingungen mit elektronischer Kriegsf\u00fchrung kann ein Gro\u00dfteil der Drohnen ihr Ziel nicht erreichen. NORDA Dynamics arbeitet eng mit rund 20 Kampfeinheiten zusammen, von denen t\u00e4glich R\u00fcckmeldungen zur Software eingehen \u2013 dazu was gut funktioniert und was nicht. Mit diesen Informationen k\u00f6nnen die Ingenieure des Unternehmens direkt an den Algorithmen feilen. Die k\u00fcrzeste Feedback-Schleife habe nicht einmal eine halbe Stunde betragen, sagt der studierte Physiker stolz. Entsprechend rasant entwickeln sich die Produkte weiter und passen sich den neuen Begebenheiten an der Front an.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDoch warum sind ausgerechnet Kurzstreckendrohnen im derzeitigen Krieg so relevant geworden? Bigun erkl\u00e4rt das mit Kosteneffizienz: &#8222;Tausend St\u00fcck des billigen, minderwertigen Schrotts, der f\u00fcr sich genommen nicht besonders effektiv ist, k\u00f6nnen problemlos etwas im Wert von 100 Millionen Dollar schlagen.&#8220; Mit &#8222;Schrott&#8220; meint er die Drohnen, die je nach Typ bereits f\u00fcr einige hundert Dollar erh\u00e4ltlich sind \u2013 und dennoch in der Lage sind, deutlich teurere Waffensysteme wie Panzer zu zerst\u00f6ren. &#8222;Stell dir vor, im Zweiten Weltkrieg k\u00e4mpft eine Seite mit Flugzeugen und Panzern und die andere mit B\u00f6gen und Schwertern.&#8220; Was zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte funktioniert habe, tue es sp\u00e4ter nicht mehr \u2013 Flexibilit\u00e4t sei entscheidend, sonst w\u00fcrden selbst millionenschwere Systeme nutzlos.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung3\" class=\"jumpLabel\">Junge Ingenieure hinter der Drohnenrevolution<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nViele junge Ingenieure treiben diese Drohnenrevolution voran. Der MDR trifft auch Jurij Lomikowskyj, den 24-j\u00e4hrigen Co-Gr\u00fcnder des &#8222;Iron Clusters&#8220;, das als Plattform f\u00fcr Start-ups wie NORDA Dynamics dient und den Austausch mit der Stadtverwaltung von Lwiw sowie der internationalen Defense-Tech-Branche f\u00f6rdert.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Derzeit haben wir 112 Unternehmen, und die Zahl w\u00e4chst w\u00f6chentlich, in der gesamten Ukraine&#8220;, erkl\u00e4rt Lomikowskyj. Inzwischen beschr\u00e4nkt sich das Netzwerk nicht mehr auf Lwiw, sondern umfasst auch Firmen aus anderen Regionen. Entscheidend sei das Zusammenspiel von Software und Hardware: &#8222;Der Schl\u00fcssel liegt also nicht nur darin, eine Drohne zu bauen, sondern eine intelligente Drohne zu haben.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nPl\u00f6tzlich ert\u00f6nt eine Sirene \u2013 Luftalarm. Russische Langstreckendrohnen, Varianten des iranischen Typs &#8222;Shahed&#8220; befinden sich im Anflug. In Lwiw geh\u00f6ren solche Angriffe zum Alltag, auch wenn sie seltener sind als in weiter \u00f6stlich gelegenen Regionen.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung4\" class=\"jumpLabel\">Luftabwehr: Abfangdrohnen statt teurer Raketen<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nAngesichts dieser permanenten Bedrohung bei gleichzeitiger unzuverl\u00e4ssiger Lieferung von Abwehrsystemen aus dem Westen war die Ukraine in den vergangenen Jahren gezwungen, eigene L\u00f6sungen f\u00fcr die Luftabwehr zu entwickeln. Zunehmend setzt sie dabei auf kleine, raketenf\u00f6rmige Abfangdrohnen, an denen immer mehr L\u00e4nder Interesse zeigen. Der R\u00fcstungsindustrie au\u00dferhalb der Ukraine wirft Lomikowskyj vor, \u00fcber Jahre hinweg zwar hochentwickelte Technologien geschaffen, dabei jedoch Kosteneffizienz, Flexibilit\u00e4t und Geschwindigkeit vernachl\u00e4ssigt zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein milder Fr\u00fchlingsnachmittag auf einem Feld irgendwo bei Lwiw \u2013 der genaue Standort ist geheim. 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