{"id":1027484,"date":"2026-05-18T05:26:13","date_gmt":"2026-05-18T05:26:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1027484\/"},"modified":"2026-05-18T05:26:13","modified_gmt":"2026-05-18T05:26:13","slug":"mieten-in-der-region-stuttgart-das-zuhause-wird-immer-haeufiger-zur-armutsfalle-besonders-in-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1027484\/","title":{"rendered":"Mieten in der Region Stuttgart: Das Zuhause wird immer h\u00e4ufiger zur Armutsfalle \u2013 besonders in Stuttgart"},"content":{"rendered":"<p>Entscheidend ist nicht mehr allein der Verdienst, sondern wie viel nach Abzug der Miete noch \u00fcbrig ist. Ein Beispiel aus Ludwigsburg \u2013 und was gegen das zunehmende Problem getan wird.<\/p>\n<p> Ein kleines Zimmer, das war alles, was Farnaz Nourafkan, ihr Mann und ihr kleiner Sohn hatten, nachdem sie 2018 aus dem Iran nach Deutschland kamen. Drei Jahre lebten sie in diesem kleinen Zimmer einer Notunterkunft. Dann half die Ludwigsburger Wohnrauminitiative \u201eT\u00fcr\u00f6ffner\u201cder Familie. Mit ihrer Unterst\u00fctzung fand die Familie eine kleine Wohnung \u2013 und dies war tats\u00e4chlich der T\u00fcr\u00f6ffner zu einem neuen Leben. <\/p>\n<p>\u201eWir konnten uns erstmals wirklich auf das Wichtige konzentrieren, etwa Deutsch zu lernen\u201c, sagt die 41-j\u00e4hrige Nourafkan. Dadurch fand die Frau, die im Iran im Bereich IT, Software und Management t\u00e4tig gewesen ist, einen Job in Ludwigsburg und macht nun Retourenbuchungen. Ihr inzwischen f\u00fcnfj\u00e4hriger Sohn besucht einen Kindergarten.<\/p>\n<p>Armut beginnt immer h\u00e4ufiger beim Wohnen. Und das gilt l\u00e4ngst nicht mehr nur f\u00fcr Gefl\u00fcchtete oder die \u00c4rmsten der Armen. Es ist l\u00e4ngst kein Randgruppenproblem mehr: Die Wohnarmut r\u00fcckt zusehends in die Mitte der Gesellschaft \u2013 das Zuhause wird immer h\u00e4ufiger zur Armutsfalle. Denn entscheidend ist h\u00e4ufig nicht mehr, wie viel jemand verdient, sondern wie viel nach der Miete noch zum Leben \u00fcbrig bleibt. Das sagt Oberkirchenr\u00e4tin Sabine Jung, Vorstandsvorsitzende der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Diakonie\" title=\"Diakonie\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Diakonie<\/a> Baden.<\/p>\n<p>Viele m\u00fcssen mehr als ein Drittel des Einkommens f\u00fcrs Wohnen aufbringen <\/p>\n<p>Nach der klassischen Armutsmessung gelten Menschen mit gleichem Einkommen als gleichgestellt. Doch das greift Jungs Meinung nach zu kurz: \u201eViele Menschen m\u00fcssen inzwischen <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.statistik-zu-wohnkosten-zwei-altersgruppen-in-stuttgart-stecken-besonders-viel-von-ihrem-geld-in-miete.69f1da77-ba89-4b23-b9de-c5b75f6c8591.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">mehr als ein Drittel ihres Einkommens f\u00fcr das Wohnen <\/a>aufbringen.\u201c Damit, so sagt sie, lebe eine wachsende Gruppe in verdeckter Armut \u2013 in Wohnarmut. Die alte Faustregel gelte nicht mehr: Maximal ein Drittel des Einkommens f\u00fcr die Miete auszugeben, das sei oft reine Theorie. Zumal die Mieten schneller stiegen als das Einkommen. \u201eUnd gerade Menschen mit niedrigem Einkommen geben 40 Prozent oder noch mehr ihres Budgets f\u00fcrs Wohnen aus.\u201c Die Statistiken zeigen es deutlich: Je niedriger das Einkommen ist, desto h\u00f6her ist der relative Anteil f\u00fcr Wohnkosten. Besonders betroffen seien Haushalte mit Kindern, aber auch Alleinlebende, immer mehr junge Erwachsene \u2013 h\u00e4ufig in Ausbildung oder Studium \u2013 und \u00e4ltere Menschen ab 65.<\/p>\n<p>In Baden\u2011W\u00fcrttemberg fehlen mindestens <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.wohnungsmangel-im-land-studie-200-000-sozialwohnungen-fehlen.d6571abe-0c1d-40c0-ab8f-6c74bd972467.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">200\u2009000 Sozialwohnungen<\/a>. Rund 10 000 Menschen sind wohnungslos. Fast ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche. Die Zahl steigt kontinuierlich \u2013 das zeigt die j\u00e4hrliche Stichtagserhebung der Liga der freien Wohlfahrtspflege in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Baden-W%C3%BCrttemberg\" title=\"Baden-W\u00fcrttemberg\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Baden-W\u00fcrttemberg<\/a>. Besonders betroffen: Menschen in Stuttgart, Freiburg, Mannheim, Konstanz oder Ulm. Aber l\u00e4ngst sind auch Menschen in vielen Landkreisen unter Druck \u2013 etwa im Rhein-Neckar-Kreis, im Bodenseekreis oder im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald.<\/p>\n<p>Dort macht sich Jung zufolge ein strukturelles Alarmsignal bemerkbar: \u201eDie Zahl der Menschen in prek\u00e4rer Notversorgung \u00fcbersteigt das Angebot stabiler sozialer Wohnformen.\u201c Prek\u00e4re Notversorgung bedeutet: eine ungewisse Unterkunft in Containern, im Erfrierungsschutz oder andere notd\u00fcrftige Schlafpl\u00e4tze \u2013 teilweise ohne jede Perspektive.<\/p>\n<p>Hinzu komme eine ungesehene Seite der Wohnungsnot: verdeckte <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.soziale-not-in-stuttgart-immer-mehr-menschen-ohne-wohnung-in-der-landeshauptstadt.2ebd22eb-78be-4435-8c88-0c2e6608eb54.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Wohnungslosigkeit<\/a>. \u201eDiese Menschen \u2013 auch ganze Familien \u2013 schlafen vor\u00fcbergehend bei Bekannten, leben in \u00fcberbelegten Wohnungen, ohne eigenen Wohnraum, und bleiben aus Angst vor Stigmatisierung bewusst unsichtbar.\u201c Die Betroffenen tauchten dadurch nicht in Statistiken auf und erhielten kaum Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>\u201eAll unsere Hilfen arbeiten inzwischen am Limit \u2013 und sie sind projektfinanziert\u201c, sagt Jung. Allein in St\u00e4dten wie Mannheim oder Freiburg wurden vergangenes Jahr \u00fcber 9000 Menschen in niedrigschwelligen Angeboten erreicht \u2013 ein Zuwachs von rund f\u00fcnf Prozent. Gleichzeitig werden pr\u00e4ventive Strukturen geschw\u00e4cht: In einigen Kommunen wurden Fachstellen zur Wohnungssicherung gestrichen \u2013 etwa die Fachstelle im Landkreis Karlsruhe. \u201eDie Folge: Notunterk\u00fcnfte und ordnungsrechtliche Unterbringungen werden zu Dauerl\u00f6sungen. Das Hilfesystem stagniert, statt Perspektiven zu er\u00f6ffnen.\u201c<\/p>\n<p>Was erwarten die kirchlichen Wohlfahrtsverb\u00e4nde also von der Politik? \u201eWenn Wohnen ein Grundrecht ist, darf Wohnraum kein reines Spekulationsobjekt sein\u201c, sagt Jung. Die Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum k\u00f6nne nicht allein dem freien Markt \u00fcberlassen werden. \u201eWir brauchen eine Wohnungspolitik, die Armut verhindert und Menschen sch\u00fctzt \u2013 nicht erst, wenn sie schon wohnungslos sind. Deshalb braucht es starke Pr\u00e4vention statt versp\u00e4teter Krisenintervention, verl\u00e4sslich finanzierte soziale Hilfen und dauerhaft bezahlbaren Wohnraum.\u201c<\/p>\n<p> Der Verlust der Wohnung setzt eine Abw\u00e4rtsspirale in Gang <\/p>\n<p>Di\u00f6zesan-Caritasdirektorin Dr. Annette Holuscha-Uhlenbrock, Vorst\u00e4ndin des Caritasverbandes Rottenburg-Stuttgart e.V., f\u00fchrt die L\u00f6sungswege genauer aus: Zum einen m\u00fcsse verhindert werden, dass Menschen ihre Wohnung verlieren. Denn der Verlust der Wohnung setze eine Abw\u00e4rtsspirale in Gang. \u201eWir als <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Caritas\" title=\"Caritas\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Caritas<\/a> und Diakonie arbeiten Hand in Hand mit Kommunen, damit betroffene Menschen in ihrer Wohnung bleiben k\u00f6nnen, etwa wenn sich Mietschulden angeh\u00e4uft haben.\u201c Es sei wichtig, dass solche Angebote in den aktuellen Zeiten nicht aufgrund von Sparzw\u00e4ngen weggek\u00fcrzt werden. Doch es gebe Gegenbeispiele. In Karlsruhe und Schorndorf etwa wurden die \u201eFachstellen f\u00fcr Wohnungssicherung\u201c der Landkreise geschlossen.<\/p>\n<p>Ein zweiter L\u00f6sungsweg sei mehr <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.wohnungsbau-wieso-ein-anstieg-der-sozialwohnungen-auch-anderen-mietern-hilft.8b2f1ab3-8613-42d2-bfda-a7ee9168fca9.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">sozialer Wohnungsbau<\/a>. Bei Sozialwohnungen sei zwar ein Wachstum zu verzeichnen. \u201eDas Land hat zuletzt den Neubau von 3367 Sozialwohnungen bewilligt. Ein Fortschritt \u2013 aber das ist immer noch zu wenig\u201c, sagt Holuscha-Uhlenbrock. Der Bestand stagniere bei rund 55 000 Wohnungen. Gebraucht w\u00fcrden aber rund 200 000. Auch w\u00fcrde insgesamt zu wenig gebaut. \u201eSeit 2021 hat sich der Wohnungsbau mehr als halbiert.\u201c<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/media.media.c5653605-a426-4e6f-8bf0-6f0b5382036f.original1024.media.jpeg\"\/>     Leerstand ist ein Teil des Problems.    Foto: dpa    <\/p>\n<p>Der L\u00f6sungsweg drei sei, <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.wohnungsnot-trotz-leerstand-leer-stehende-wohnungen-greift-die-stadt-genug-durch.9da687b3-c188-4b54-ac4d-53649bda6999.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Leerstand<\/a> zu nutzen. \u201eDieser Leerstand ist sozial und \u00f6kologisch nicht mehr vertretbar. Daher setzen wir auf die Mobilisierung des \u201aunsichtbaren Wohnraums\u2018 \u2013 auf Wohnungen, die leerstehen.\u201c Die Forderungen: Leerstand systematisch landesweit erfassen, Anreize f\u00fcr die Vermietung von Leerstand schaffen, etwa durch die Wiedervermietungspr\u00e4mie, Zweckentfremdung konsequent begrenzen, etwa durch eine Genehmigungspflicht f\u00fcr die Umnutzung von Wohnraum.<\/p>\n<p>Ein positives Beispiel, wie etwa das Diakonische Werk mit einer Kommune erfolgreich zusammenarbeitet, ist das Projekt \u201eUnterbringung vor Obdachlosigkeit\u201c (UvO). Urspr\u00fcnglich als Modellprojekt durch den Europ\u00e4ischen Sozialfonds (ESF) gef\u00f6rdert, wird es inzwischen von der Stadt Baden-Baden finanziert. UvO verfolgt das Ziel, Obdachlosigkeit schnellstm\u00f6glich zu beenden. Neben der zeitlich befristeten Unterbringung in st\u00e4dtischem \u00dcbergangswohnraum erhalten die Betroffenen eine intensive sozialp\u00e4dagogische Begleitung. \u201eVor allem versuchen wir, die Leute zeitnah wieder in die eigenen vier W\u00e4nde zu bringen\u201c, sagt Sven Reutner, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Diakonischen Werks Baden-Baden und Rastatt und betraut mit dem Projekt \u201eUnterbringung vor Obdachlosigkeit\u201c. Seit 2023 hatte UvO \u00fcber 600 Beratungskontakte und erfolgreiche Wohnraumvermittlungen zu verzeichnen. Auch das ist ein T\u00fcr\u00f6ffner.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Entscheidend ist nicht mehr allein der Verdienst, sondern wie viel nach Abzug der Miete noch \u00fcbrig ist. 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